Lieber Papa
Bei Lichte betrachtet waren es ja nicht nur wir drei. Da waren noch mehr. Andere. Zum Beispiel meine Grosseltern. Ich kannte sie kaum. Deine Eltern etwas besser, die von Mama praktisch nicht. Und zum ganzen Rest der Familie bestand keine Verbindung. Zumindest nicht für mich.
Erinnerst du dich? Als ich noch klein war, besuchten wir Grosi und Grossvati jeden Sonntag. Deine Schwester, meine Gotte, wohnte auch bei ihnen. Immer um 16 Uhr zogen wir los. Es waren nur zwei Strassen. Wir gingen zu Fuss. Während ich das schreibe, fällt mir auf, dass wir nie spontan gingen. Wir trafen sie auch nie zufällig. So nah waren sie. Und doch so fern.
Mamas Mutter und deren Mann besuchten wir sehr unregelmässig. Selten. Ich fühlte mich da nie wohl. Alles war so fremd. Das Haus. Die Menschen. Ihr trankt Kaffee. Ich sass in einem Ohrensessel. Klein. Still. Unbeteiligt. Da und doch nicht dabei. Irgendwie fand ich alles merkwürdig. Da war nichts Lebendiges. Kein Lachen. Nichts Liebes. Die Grossmutter und ihr Mann waren wie hölzerne Masken. Erinnerst du dich an die Holzmasken mit den schwarzen Haaren und den zerfurchten Gesichtern, die ich euch aus einem Schullager im Lötschental mitbrachte? So wirkten die Grosseltern auf mich, als ich noch klein war. Das konnte ich damals noch nicht so deuten, da ich die Masken erst viel später kennenlernen sollte. Habe ich sie euch drum gebracht? Wohl nicht. Sie waren im Wallis einfach sehr präsent. Und eindrücklich. Die habt ihr nicht mehr, oder? Ich frage mich gerade, wieso mir diese Masken plötzlich so wichtig sind. Vielleicht, weil ich mich für den Vergleich schäme.
Der Mann meiner Grossmutter, mein Grossvater, war nicht Mutters richtiger Vater, sondern ihr Stiefvater. Ihr Vater war gestorben, als sie noch ein Kind war. Das erfuhr ich erst viel später. Vielleicht habe ich etwas gefühlt. Ich glaube es. Später erfuhr ich, dass Mama als Kind unter diesem Mann gelitten hat. Aber über solche Dinge spracht ihr nie. Die fielen unter den Tisch.
Einmal waren wir bei diesen Grosseltern zum Essen eingeladen. Ich glaube, es war Grossmutters Geburtstag. Ich erinnere mich an keine andere Einladung da, obwohl die Grossmutter lange lebte. Merkwürdig. Auf alle Fälle waren alle da, auch meine Onkel und Cousinen. Ich kannte keinen. Wir waren alle in Festkleidung, ich trug eines der „schönen Kleider“, die ich nur bei speziellen Anlässen tragen durfte. So war sicher, dass sie nicht zerrissen waren von meinen Ausflügen über Zäune und auf Bäume.
Das kleine Haus meiner Grossmutter lag ganz oben am Hügel. Unter dem Haus kamen viele weitere Einfamilienhäuser. In unserer Familie war sie die Einzige, die ein Haus hatte, alle anderen wohnten in Wohnungen. Sie war auch die Einzige, die immer jammerte, dass sie kein Geld hätte. Das betonte sie vor allem dann, wenn mein Geburtstag oder Weihnachten anstanden. Sie drückte mir dann verstohlen eine kleine Note in die Hand und sagte, dass es für Geburtstag und Weihnachten zusammen sei. Ich musste mich artig bedanken. Das gehörte sich so. Dem Grossvater durfte ich nicht danken, da er nichts wissen durfte.
„Psst, sag deinem Grossvater nichts davon.“
Sagte sie. Das war mir nicht recht. Ich glaube, ich hätte lieber nichts bekommen.
Bei dem Geburtstagsfest war mir langweilig. Mein Grossvater merkte das und nahm mich mit in seine Werkstatt. Da hatte es ein Trottinett. Noch nie war ich mit sowas gefahren. Er reichte es mir und ich wollte es probieren. Ich stand oben am Hang. Die Strasse ging steil runter und dann wieder steil rauf. Die ersten Male fuhr ich zögerlich bergab. Es war mehr ein ständiges Bremsen als ein Fahren. Danach lief ich auf der anderen Seite wieder hoch, das Trottinett stossend. Da kam mir die Idee: Ich wollte könnte, das Trottinett stossend, hinunterrennen, unten aufs Trottinett springen, den Schwung mitnehmen und so hochsausen. Das klang nach einem guten Plan. Ich rannte los, schob das Trottinett mit, sprang unten auf – leider nur fast, denn ich verfehlte das Trottinett. Ich schlug der Länge nach hin, das Trottinett knallte auf den Boden.
Was für ein Schock. Hoffentlich hatte ich es nicht kaputt gemacht. Ich stellte mir vor, wie du schimpfen würdest, wenn ich das Trottinett nicht mehr heil zurückbrachte. Du würdest sagen, dass die Cousinen brav waren, nur ich mache Mist. Nur ich sei mal wieder dumm, nur ich hätte mal wieder Unsinn im Kopf, nur ich blamiere dich. Danach wäre Schweigen. Wohl für lange.
Ich hatte Glück. Das Trottinett war heil. Der nächste Schreck: Das Kleid. Ich blickte an mir herunter. Ausser ein paar Dreckflecken war auch das in Ordnung. Dann fiel mein Blick aufs Knie. Es war komplett blutig geschlagen, viele kleine Kieselsteine steckten drin. Ein Schreck durchfuhr mich. Was würdest du sagen? Dass es schmerzte, realisierte ich nur am Rande, zu sehr war ich mit meinen Sorgen beschäftigt.
Langsam lief ich zum Haus zurück, stellte das Trottinett vor die Garage, ging in die Pergola und setzte mich an den Tisch. Keiner nahm Notiz von mir. Ich war froh. Plötzlich fragte mich meine Grossmutter, wie es gewesen sei. „Hast du Spass gehabt?“, fragte sie. Ich nickte stumm. Sie liess nicht nach. Sie fragte nach: „Ist alles in Ordnung?“ Ich nickte. Wohl mit ein paar Tränen in den Augen. Das Knie brannte. Es tat weh. Ich sagte nichts. Alle blickten her (stelle ich mir heute vor, ich weiss es nicht mehr). Du hast eine Augenbraue hochgezogen. Wohl, weil ich schon wieder auffiel. Das weiss ich noch. Was ich nicht weiss, ist, wie es rauskam. Das mit meinem Knie. Irgendwann wussten sie es. Meine Grossmutter nahm mich mit in die Küche. Ich sollte auf den Küchenschemel sitzen und sie wollte das Knie verarzten. Ich hatte Angst davor. Die Wunde war gross. Das könne man nicht so lassen. Sagte sie. Sie lief zum Medizinschrank und kam mit einer braunen Flasche wieder zurück. Ich wollte weg, doch sie meinte, sie müsse die Steine aus der Wunde ziehen. Das entzünde sich sonst. Sie war mir so fremd und sie war so nah vor mir. Und mein Knie war wund. Und schmerzte. Und ich fühlte mich so allein.
Als sie alle Steine entfernt hatte, nahm sie die braune Flasche. Jod sei das. Das kannte ich nicht. Es brannte. Und da kamen die Tränen. Sie hat mich getröstet. Sie machte mir ein Pflaster auf das Knie. Eigentlich war sie sehr lieb da. Ich ging zum Tisch zurück.
Du hast mich nicht angeschaut. Du hast kein Wort zu mir gesagt. Du redetest mit den anderen weiter. Ich konnte das nicht einordnen. Es verunsicherte mich. Ich weiss nicht mehr, ob danach noch was kam. Erinnerst du dich noch an diesen Tag?
(«Alles aus Liebe», XX)
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Oh wie sehr traurig – aber sehr schön formuliert. Mich bewegt dass tief, tief.
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