Drittes Drittel des Lebens

Erst wollte ich als Titel „Zweite Hälfte des Lebens“ nehmen. Aber das wäre zu wenig. Ich denke nicht, dass ich nochmals gleich viel vor mir habe. Das schreibe ich ohne Wehmut oder sonstiger negativer Gefühle. Drittes Drittel trifft es besser, auch viertes Viertel wäre durchaus ok. Darum geht es aber nicht. Es geht darum:

Was erwarte ich vom Rest meines Lebens? Was ist mir wichtig?

Über diese Fragen habe ich mir viele Gedanken gemacht in letzter Zeit. Aus diesen Gedanken resultierten wohl auch die Gedanken zum Thema Minimalismus. Es geht darum, aus dem Leben zu fegen, was schlicht keinen Platz hat, um mehr Platz für das zu haben, was wichtig ist.

Was ist mir wichtig im Leben? Die Frage ist nie absolut zu beantworten, sondern immer nur individuell. Für mich – das habe ich rausgefunden – gibt es einen zentralen Wert: Mein Zuhause. Ich brauche ein Zuhause, in dem ich mich wohl fühle, in dem ich mich sicher fühle, in dem ich mich so bewegen kann, wie es für mich stimmt. Ich bin meistens zu Hause. Man kann das auch Stubenhocker nennen. Es ist aber mehr: Ich bin Nesthocker. Ich bau mir mein Nest und setz mich rein. Und ich fühle mich nur wohl, wenn das Nest so ist, wie es mir gefällt, und wenn ich das Gefühl habe, keiner kann mich daraus vertreiben. (Rational kann man sagen, aus jedem Nest kann man vertrieben werden. Darum geht es nicht. Das Gefühl muss da sein, ich bin da ganz emotional…)

Und wenn ich in dem Nest sitze, muss genug zu essen und zu trinken da sein. Ich lebe (leider) nicht gerne von Brot und Wasser, (guter) Wein und Käse mit Brot (beide auch gut) müssten schon sein. Urlaub brauch ich keinen, ich meine, mein Nest ist ja schon wunderbar, wo sollte es schöner sein?

Das klingt nach relativ wenig. Wenn ich aber anschaue, was es alles braucht, um nur die beiden zu sichern, wird mir ab und an doch Angst und Bang. Krankenkassen, Versicherungen, Strom und Wasser, Verbindungen fürs Telefon, den Computer und den Fernseher. Steuern, weil wir überhaupt noch leben und Selbstbehalte, damit wir keinen ausnutzen. Wenn wir nicht nur daheim sitzen wollen, braucht es noch Mittel für eigene oder öffentliche Fortbewegungsmittel. Und die Zähne. Wenn wir was essen wollen, müssen die taugen.

Hab ich was vergessen? Ach ja, nackt können wir nicht gehen, die Haare… sollten nicht ganz an Vogelnester erinnern… Damit hätten wir es wohl. Und ich denke noch immer: Ich bin nicht wirklich anspruchsvoll. Aber ab und an macht mir die Rechnung Angst.

9 Comments

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    • Ich danke dir – ich überlege mir auch immer, ob das Nest DAS Nest ist. Der Gedanke, auszuiehen, ist nicht leicht, aber einiges fehlt dann doch…

      Gibt es je perfekt? Welche Abstriche sind machbar? Es ist nicht ganz einfach 😉

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  1. Na, ich will doch mal ganz stark hoffen, dass erst die zweite Hälfte Deines Lebens angefangen hat! Mit wem soll ich denn sonst im Alter vor dem Haus hinterm Ostsee-Deich sitzen, indem jeder von uns sein eigenes Nest hat, und gemeinsam gemütlich am Strand entlang spazieren bei Wind und Wetter? 😉 Und ausserdem bist Du ja nicht nur sportlich und lebst gesund, sondern hast auch „gute Gene“: Deine Vorfahren sind doch alle ziemlich alt geworden, oder? Also die schaffst Du doch locker! 😉
    Und ja, Du hast recht: Auch wenn man meint, mit sehr wenig auskommen zu können, ist das doch – gemessen an dem, was der grösste Teil der Menschheit so zur Verfügung hat – ziemlich viel. Aber ich denke, es kann trotzdem nicht schaden, wenigstens zu versuchen, nicht allzu viele Ressourcen zu verschwenden, wie es der „normale“ Lebensstil in unseren „Breiten“ sonst so mit sich bringt. Dafür muss man ja gar nicht verzichten und sich kasteien oder sonstwie das Leben schwer machen, sondern eben einfach etwas bewusster leben: Was brauche ich, was nicht? Worauf kann ich locker verzichten? Wo lohnt sich der Verzicht, auch wenn er einen (kleinen) Einschnitt oder weniger Bequemlichkeit bedeutet? Usw. usf.
    Aber Häuschen an der Ostsee ist nicht verhandelbar! 😉
    Wobei: Wenn das mit dem Klima so weiter geht, liegt ja Zürich bis dahin vielleicht am Meer: Aber dann wird’s auf der „Insel“ Europa auch wieder zu eng … na, enger wird es sowieso. Wir gehen aufregenden Zeiten entgegen, und das ist gar nicht positiv gemeint. :-/

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    • Stimmt – wenn wir mal so weit sind, unseren Ostsee-Traum zu leben, dann soll der Lebensabend auch ewig dauern. (Wenigstens so lange es noch Kopfhörer für iPhones gibt, du redest so viel, ich mag es lieber still – aber das kriegen wir hin 😉 )

      Wenn Bern bald am Meer liegt, auch da. Wo auch immer. Wir müssen nur mal noch dahin kommen 😉

      Gefällt 2 Personen

  2. Eher ist mein Heim meine Burg und nur dort fühle ich mich wirklich geborgen. Früher bin ich dauernd in der Welt unterwegs gewesen, aber heute sehe ich es wie du oder July Garland in dem Film „Der Zauberer von Oz“, – Es ist nirgends besser als Daheim – und was den Luxus angeht, so ist es eher die Zeit, als anfassbare Dinge. Gesundheit wäre mir wichtig und du bist gerade bei der Hälfte deines Lebens und die Messe ich nicht in Jahren, sondern in den Dingen, die wir noch schaffen können. Das ist schon eine Menge. Finde ich.

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  3. Ich bin sooo oft umgezogen, aber ich habe mir immer ein Nest gebaut. Als meine Mutter in ihr letztes Zuhause zog, ohne dass wir dies wussten, und ich sie besuchte, schaute ich mich um und sagte, wow, du hast es dir so schön gemacht! Schlicht war es und schön und ganz sie. Nun bin ich im Frühling wieder umgezogen und sage heute: hier möchte ich nicht mehr weg, schlicht und schön und ganz ich…
    Manchmal wird mir auch ein bisschen bang, aber dann höre ich mich sagen: bis hierher ist noch immer alles gut gegangen – möge es so bleiben! Und auch für dich…

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    • Danke für deine Zeilen, die so persönlich und so schön sind. Ich bin in meinem Leben auch sehr oft umgezogen. Und ab und an, das gebe ich zu, fehlt mir das auch – ich war noch nie so lange an einem Ort wie nun an diesem. Und das hat mehrere Seiten. Wie auch das Umziehen immer mehrere hat. Man hat nie an einem Ort alles.

      Liebe Grüsse zu dir

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  4. Ja, Nestbau ist erforderlich zum Wohlfühlen. Bei mir im Schnitt alle 3,75 Jahre neu. Und nie mit dem Gefühl, dass es jetzt für länger wäre. Und wenn ein Menschenleben maximal 120 Jahre dauert, bin ich definitiv jetzt in dessen zweiter Hälfte. Das dritte Drittel und das vierte Viertel sind doch Bestandteile dieser zweiten Hälfte! Genauso wie das 99. Hundertstel auch.

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