Klaus hob mit einem Greifarm leere Bierbüchsen vom Boden. Das machte er jeden Morgen, schliesslich sollte die Stadt wieder sauber aussehen. Er dachte nicht darüber nach, wer die Büchsen einfach auf den Boden geworfen hatte. Er hörte oft Menschen sich beklagen, dass die Menschheit heute rücksichtslos sei, einfach alles wegwerfe. Keinen Anstand gäbe es mehr, sagten die Leute dann. Es waren meist ältere Leute. Sie sagten es nie zu ihm. Mit ihm redeten sie nicht. Sie sagten es neben ihm zueinander, so dass er es hörte. Er reagierte nie. Das würden sie nicht wollen. Vermutlich ging es ihnen gar nicht um den Abfall. Auch nicht um ihn. Sie mussten ja was sagen. Klaus selber redete nicht viel.

Klaus hatte nicht immer Büchsen aufgehoben. Es gab eine Zeit, da lebte Klaus auf der Strasse. Die Wege, die dahin geführt hatten, ging er in einem anderen Leben, darüber sprach er nicht. Er dachte auch nicht drüber nach. Das war vorbei, das gehörte nicht mehr zu seinem Leben. An das Leben auf der Strasse konnte er sich aber noch gut erinnern. Hart war es. Und kalt. Und das einzige, was half, war Alkohol. Viel Alkohol. Er wärmte. Und er liess vergessen. Und beides war dringend nötig. Heute hatte Klaus wieder eine Wohnung.

Die Stadt hatte ihm die Aufgabe mit dem Müll übertragen und so konnte er übers Sozialamt eine Wohnung bekommen. Dafür war er sehr dankbar. Er war stolz, diese Aufgabe machen zu können. Er nahm sie ernst. Es gab nur zwei Tage seit dem Beginn, an denen er seinen Dienst nicht antreten konnte. Einer war nach seinem Geburtstag gewesen, ein anderer, als es ihm mal nicht gut ging. An beiden hatte er tags zuvor zuviel getrunken. Er konnte nicht aufstehen. Früher war das die Regel gewesen, heute war es die Ausnahme. Und er war stolz, waren es nur zwei Ausnahmen, denn er wollte nicht dahin zurück, wo er herkam.

Klaus wusste, dass er in den Augen all derer, die ihn Büchsen auflesen sahen, einer war, der es im Leben zu nichts gebracht hatte. Darum sprachen sie nicht mit ihm, sondern neben ihm. Er wusste auch, dass es die Welt halt so funktionierte. Die einen schafften es, die anderen nicht. Er hatte es nicht ganz geschafft. Aber er hatte es zumindest geschafft, es nicht gar nicht geschafft zu haben. Er trank noch immer. Die Büchse Bier zum Frühstück musste sein. Auch in den Pausen gönnte er sich eine. Abends das Feierabendbier – wer könnte es ihm verübeln, nachdem er den ganzen Tag den Dreck anderer Leute weggeputzt hatte. Ab und an auch Dreck, den ihm die Leute unachtsam quasi vor die Füsse kippten. Zigarettenstummel aus manikürten Händen – einfach weggeworfen. „Da ist ja einer, der kümmert sich“, dachten sie wohl.

Und Klaus kümmerte sich. Und er war stolz, denn: Von ihm lag nie eine Bierbüchse oder ein Zigarettenstummel rum. Er hinterliess alles immer sauber. Das war schliesslich seine Aufgabe und die nahm er ernst.

Es war einer dieser heissen, schwülen Tage, an denen du, kaum aus der Dusche gestiegen reif für die nächste wärst. Die Luft hing drückend und schwer über mir, das Atmen fiel schwer, ich stand an der Bushaltestelle. Ich fühlte, wie sich Schweisstropfen auf meiner Stirn lösten und langsam ihren Weg nach unten fanden. Heute hatten sie es leichter als früher, sie fanden extra für sie angelegte, gefurchte Bahnen vor.

Neben mir stand eine Frau, Marke Zürichberg mit entsprechender LV-Tasche, Foulard um den Hals, ondulierten Goldlocken, die sie mit feinmanikürten Fingern immer mal wieder hinter die goldknopfbesetzten Ohren strich. Aus ihrem roten Mund kam ein Schwall von Worten. Auf den ersten Blick hätte man denken können, sie spräche mit sich selber, denn sie war keinem zugewandt und es stand auch keiner da, welcher zu ihr zu passen schien – aber dem war nicht so. Schräg hinter ihr stand in bekannt lässiger Haltung ein Jüngling: die Mütze ins Gesicht gezogen, die weissen Drähte der Kopfhöher schlängelten sich darunter hervor und zu den Hosensäcken runter, in denen auch die Hände steckten. Der Rücken war leicht gebogen, so als ducke er sich noch zusätzlich vor den auf ihn einprallenden Worten, denen er sich so gut wie möglich zu entziehen suchte.

„Deine Noten waren dieses Jahr enttäuschend. Das, nachdem wir dir doch die teure Anlage bezahlt haben, in der Hoffnung, dir eine Freude zu machen. Ich finde – dein Vater findet das auch -, du könntest dir mehr Mühe geben. Du musst nicht denken, dass dir alles zufliegt, man muss auch was tun. Zudem vergiss nicht, dass wir morgen Besuch haben. Zieh dann bitte etwas Ordentliches an, nicht wie heute diese unsägliche Mütze und diese kaputten Hosen. Ich werde das ja nie verstehen, wie man mit solchen Hosen rumlaufen kann. Zu meiner Zeit war man froh, wenn man es nicht musste. Eine Schande wäre das gewesen, ausgelacht hätten sie uns.“

Ich bewunderte die Frau ein wenig für ihre Energie bei dieser Hitze. Die meine reichte knapp dazu, immer mal wieder eine sich verirrende Schweisstropfe daran zu hindern, mir in die Augen zu tropfen. Ansonsten bevorzugte ich die Tote-Fliegen-Taktik: Nicht bewegen, nicht reden, nichts tun – schon denken wäre eine unglaubliche Überanstrengung gewesen.

„Kannst du dich noch an Goldmanns erinnern? Die sind ja nun weggezogen nach dem Skandal mit ihrer Tochter. Dass dir nie in den Sinn kommt, so etwas Dummes zu tun. Was in euch jungen Menschen heute vorgeht, ist mir ein Rätsel. Ihr habt alles, es geht euch gut, dann sowas. Aber die lief auch immer in diesen kaputten Hosen durch die Gegend. Das konnte ja nicht gut gehen. Ich dachte das immer, wenn ich sie sah. Arme Frau Goldmann, die hatte ja nichts anderes als ihre Tochter, keine Hobbies, keine gemeinnützigen Projekte.

Ich löste mich ein wenig aus meiner Erstarrung, um zu sehen, ob der Bus nicht endlich käme. Diese ganzen Worte hatten mich müde gemacht. Ich schaute den Jungen genauer an und blickte plötzlich in tiefe braune Augen. Ihm ging es gleich. Wir wussten in dem Moment, dass wir uns verstanden.

©Sandra Matteotti

Die fröhlich karierte Mütze halb ins Gesicht gezogen, schaute er aus kleinen Augen durch kreisrunde Gläser in die Welt. Seine Mundwinkel waren nach unten gezogen, sie wollten gar nicht so richtig zur Mütze passen – als hätte er zur Stimmung das falsche Outfit gewählt.

Der letzte Bus war ihm vor der Nase abgefahren, was ihn aber nicht sehr zu beunruhigen schien. Er sass ruhig auf der Bank, von der Sonne beschienen, die Arme über die Rücklehne gebreitete: Er nahm den Raum ein, aber füllte ihn irgendwie doch nicht aus.

Ab und an wechselte er die Verkreuzung seiner Beine. Das war die einzige Bewegung, die an ihm zu sehen war. Die Sonne wirkte wie ein Scheinwerfer, sie rückte ihn ins rechte Licht. Ob das sein Auftritt war? Die Darstellung des Wartenden? Worauf wartete er?

Die Frage schien eine offensichtliche Antwort zu haben: Auf den nächsten Bus. Wobei, war das so klar? Vielleicht gab es eine ganz andere Antwort, die auch seine Ruhe ob des verpassten Busses erklären würde? Eine, die mir lieber wäre?

Ich würde mir lieber eine andere Geschichte vorstellen, nämlich: Er wartet gar nicht auf den Bus, sondern auf die Liebe, die mit dem Bus kommen sollte. Ich stellte mir vor, dass die heruntergezogenen Mundwinkel nicht Verdruss ausdrückten, sondern Konzentration, weil er sich immer wieder innerlich die Worte vorsagte, die er ihr gleich entgegen rufen wollte. Ich stellte mir vor, wie der nächste Bus käme, sie ausstiege, seine Miene sich aufklärte und sich in ein strahlendes Lächeln verwandelte. Ich stellte mir vor, wie er aufsprang, auf sie zuging, die Mütze plötzlich zum Gesicht passte. Ich stellte mir vor, wie er ihr all die Worte sagte, die er gerade noch so konzentriert geübt hatte.

Dann sah ich von weitem den Bus kommen. Noch bevor sich in mir weitere Vorstellungen breit machen konnten, stand er auf. Die Türen öffneten sich, keiner kam raus. Er stieg ein – ich hinter ihm. Wir setzten uns auf die gleiche Höhe in zwei unterschiedliche Abteile. Bei einem versteckten Blick zu ihm sah ich, dass sich in seinem Gesicht nichts geändert hatte. Noch immer war nur die Mütze fröhlich. Nur in mir weckte noch die Vorstellung des Strahlens nach.

Sie sitzen an der Bushaltestelle. Sie sind jung, tragen mit einer Selbstverständlichkeit Modelabels an allen Gliedern und sind bunt geschminkt. Genauso bunt sehen sie wohl auch die Welt. Sie trinken Energy Drinks und rauchen. Sie fühlen sich gross. Sie sind sich sicher. Ihrer selbst und der Welt, wie sie sie sehen.

Sie lachen laut und strahlen sich an. Sie erzählen sich das Leben und alles, was darin passiert. Sie erzählen von Freunden, von Umarmungen, von Verabredungen. Sie erzählen vom Spass, den sie hatten, und von den Freunden, die daran beteiligt waren. Namen fallen, Blicke werden gewechselt. Sie lachen und trinken und rauchen und reden. Und sie sitzen da, so unglaublich jung und mit allen Möglichkeiten offen vor sich. Darum sind diese kein Thema.

Die eine hat Geburtstag. Ihr Freund wolle mit ihr schoppen gehen, erzählt sie. Die andere schaut sie mit grossen Augen an. Dann lacht sie laut. Es klingt nicht mehr so sicher wie das Lachen vorher, nur noch laut.

„Voll geil“, sagt sie, in der Stimme schwingt ein Unterton. „Der geht mit dir shoppen? Er arbeitet, oder?“

„Ja, aber er hat am Freitag immer frei.“

„Voll geil.“ Der Unterton klingt lauter als das Gesagte.

Eine kurze Zeit herrscht Schweigen, dann lachen beide wieder. Sie drücken ihre Zigaretten aus, trinken den letzten Schluck aus ihrer Büchse und steigen in den Bus. In der Luft hängen noch die vielen Möglichkeiten und ein letzter Hauch von Rauch, der zum Himmel steigt. Dann ist auch der weg.

Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick, einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.