Tugenden, die ich nicht habe

Es gibt so Tugenden, bei deren Verteilung wurde ich grossräumig umfahren. Die wohl offensichtlichste ist Geduld. Kenn ich nicht, hab ich nicht. Ich arbeite zwar dran, denke ab und an sogar, es ist ein bisschen besser geworden mit der Ungeduld, allerdings auch nur bei Dingen, die mir nun nicht sooo wichtig sind. Dinge, die ich will, will ich sofort und ganz. Alles Halbe und Aufgeschobene mag ich nicht. Es macht mich wütend. Sogar sehr wütend. Ungemein wütend. So wütend, dass ich die Wut am liebsten rausbrüllen würde, mir Luft verschaffen, schimpfen, wettern, fluchen.

Womit wir bei der zweiten Tugend wären, die ich nicht besitze: Gelassenheit. Ich habe viel drüber gelesen, viel daran rumstudiert. Mich auf den Yoga- und Buddhismusweg begeben, viele klugen Sprüche gehört und für wahr befunden, dabei fast so andächtig genickt wie ein ach so Intellektueller vor einem völlig unverständlich aber hoch dotierten Kunstwerk. Auch mal innerlich Om gesungen, vermutlich teilweise so verzweifelt wie der Münchner im Himmel sein Halleluja schmetterte:

Geduld ist also eine Tugend. Ich sage: Wenn ich etwas will und mir sicher bin, dass ich es will, dann gibt es KEINEN Grund, es aufzuschieben. Und wenn ich es doch aufschiebe, dann bin ich mir nicht sicher. Keine Frage, nichts klappt einfach so von heute auf morgen. Manchmal brauchen Dinge Zeit. Die soll man ihnen geben, weil alles andere erzwungen wäre und uns sich Dinge nicht über Gebühr erzwingen lassen. Aber: Sie passieren auch nicht einfach so. Man muss was tun dafür. Und wenn man nix tut, dann ist es nix wert, denn wenn man was will, dann muss man gefälligst in die Gänge kommen und nicht Geduldsproben spinnen.

So! Genau so sehe ich das. Mit „mal sehen“ und „mal warten“ und dann „nochmals sehen“ habe ich es nicht so. Das ist nicht mein Naturell, das entspricht mir nicht. Wenn wer warten und sehen und nochmals sehen will, dann soll er das tun. Und sich einen Geduldsorden verdienen. Aber dann sollte er nicht sagen, dass er was haben will. Dann will er höchstens mal sehen, was denn so käme, wenn es denn käme und täte sich gütlich an dem, was grad wäre, ohne was tun zu müssen weil was zu tun ja hiesse, sich zu entscheiden, was er zwar meint, getan zu haben, aber nur so weit, wie es eben nichts Veränderndes mit sich brächte, sondern alles beim Alten bliebe. Ich persönlich lasse es dann lieber. Da ich Konjunktiv nicht mag (was als Deutschlehrerin eine gewagte Aussage ist, ich aber wohl bewiesen habe, dass ich ihn durchaus beherrsche), weiss man das wohl auch schon.

Ich beneide ja alle geduldigen Gelassenheitstierchen. Sie haben mir sicher was voraus, da sie nicht viel Energie in Toben, Grummeln, Wüten, Schimpfen, Fluchen verlieren, sondern einfach da sitzen, selig lächeln, das Leben toll finden – vor allem, wenn es genau so läuft, wie sie es wollen. Ich bin nicht so weit und werde es nie sein. Und so wüte ich weiter, schimpfe, fluche (nicht ganz ladylike, aber: who cares) – und werde mit demselben Gesicht wieder zufrieden. Irgendwann. Und überlege nochmals, ob es nicht doch was für sich hätte mit der Geduld. Und der Gelassenheit. Bis zum nächsten Mal.

8 Comments

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  1. Dieser Text hat mich etwas erschreckt!
    Zwar bin ich auch ungeduldig und büsse des öfteren für meine Voreiligkeit. So habe ich z.b. sehr müde, direkt nach dem Nachhausekommen um 20:00, meine Fensterrahmen auf der Sommerseite gestrichen, denn ich kam die Tage zuvor einfach nicht dazu – und das brannte mir unter den Fingernägeln. Ich hatte zuvor nämlich nicht bemerkt gehabt, wie angegriffen das Holz schon war.
    Bei dieser Rapid-Aktion sties ich allerdings den Lasureimer um! Wie schön!!

    Geduld ist unbedingt eine Tugend. Hätte mein lebenserfahrener Vater nicht über ein Jahr gewartet…
    Ich bin selbst ungeduldig, habe aber auch profitiert von geduldigen Menschen und diese letztlich damit auch, meine ich.
    Gelassenheit stellt sich nicht ein, wenn man einen genügend großen „Schmerzkörper“ hat, so meine nette Kurzformel.

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    • Mein Schmerzkörper ist wohl riesig… aber ich weiss, dass du recht hast und es ist nicht so, dass ich überall ungeduldig bin. Ich habe durchaus gelernt, Dingen auch ihren Lauf zu lassen. Nur ab und an gehen die Pferde mit mir durch und dann will ich Dinge haben, weil ich kaum ertrage, sie nicht zu haben. Oder möchte sie können und empfinde den Weg dahin als unendlich lang und weit.

      Es ist wohl – wie bei allem – ein Abwägen, welches Tempo angemessen ist, wo Geduld gefordert, wo Ungeduld auch was Gutes haben kann. Keines ist in meinen Augen per se und absolut gut oder falsch.

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      • „weil ich kaum ertrage, sie nicht zu haben.“
        Der Psychoanalytiker, das nur nebenbei, würde jetzt bohren, was für Versagungen Du in der Kindheit erleben musstest. Selbst wenn man diese dann „erfahren“ hat, wird das wohl kaum was an der Ungeduld ändern.
        Ich hatte mal eine sehr gute Freundin (ohne daß sie meine Freundin war), die mir ein Bild eines ihrer ehemaligen Partner zeigte und meinte: Mit ihm wäre es gegangen, hätte ich das damals nur gesehen.

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  2. off topic: „Der Psychoanalytiker…“ … ooooh God! Warum nicht den Astrologen fragen, an welchen Sternkombinationen es liegt? Oder den Schamanen, was er aus dem Haufen Hühnerknochen vor sich liest? – „Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.“ (Karl Kraus) – Sie beruht auf gefälschten Fallgeschichten (bei Freud), unzulässigen Verallgemeinerungen, hanebüchenen Geschichtskonstrukten, sehr eigenwilligen und zweideutig-eindeutigen Deutungsmustern sowohl der Geschichte als auch der Träume und „Seelenzustände“ usw. usf. … und konnte noch nie ihre Grundlagen oder ihre „erfolgreiche“ Anwendung wissenschaftlich belegen. – Dann doch lieber die gute alte Psychologie, die zwar auch keine Wissenschaft ist, aber auf einer Menge Erfahrungswissen aus der Menschheitsgeschichte beruht … mit dem kleinen Makel, dass jeder diese Erfahrungen und Aussagen anderer auf seine Weise deuten kann. Man muss nur mal Pascal und Nietzsche lesen: 2, die sich in der Neuzeit sicher mehr (und rücksichtsloser) mit der (nicht nur eigenen) Psyche beschäftigt haben, als die allermeisten – und zu sehr unterschiedlichen Auffassungen gekommen sind. 😉

    Vor diesem Hintergrund finde ich, ist es kein Makel oder Problem, ungeduldiger und weniger gelassen zu sein als andere: das liegt offensichtlich im Spektrum möglicher menschlicher Charaktere, bringt die Würze ins Leben (wäre ja schrecklich, wenn alle gleich gleichmütig wären oder so) und stösst eben gelegentlich mit den Auffassungen und Einstellungen anderer zusammen. Das mag dann zwar unschön sein, aber es gibt auch mit Sicherheit noch viel unangenehmere Charaktere, deren Ausleben anderen definitiv auch mehr schadet. Und das wäre für mich immer noch das wichtigste Kriterium: Macht man die Welt (für die anderen) durch sein Dasein schlechter oder besser?

    Also: Nur „Geduld mit der Ungeduld“ und etwas mehr „Gelassenheit“ im Umgang und in der Akzeptanz der eigenen, selbst so erfundenen oder von anderen „diagnostizierten“ „Mängel“ … aber wer sich Geduld und Gelassenheit aufzwingt, um anderen einen Gefallen zu tun, schadet sich selbst damit wohl mehr: Jeder muss mit den Eigenheiten der anderen um sich herum leben – und wenn man die nicht kennt und einschätzen kann, weil sie versteckt werden, gibt es irgendwann böse Überraschungen, Konflikte, Krach – und zwar mehr Krach, als wenn man an gegebener Stelle mal weniger gelassen reagiert, weil es dem eigenen Naturell entspricht. Es hat keinen Zweck, anderen den Menschen vorzuspielen, der man gern wäre oder von dem man denkt, dass andere einen gern so hätten („Verhalten Sie sich so und so – und die Frauen werden Ihnen zu Füssen liegen!“ ;-)), denn das hält man auf Dauer nicht durch. (Und wenn jetzt jemand meint, genau das meine die „Püschoanalüse“doch mit der Verdrängung und so: Klar, die kann ja auch mal einen Treffer landen: „Blindes Huhn trinkt auch mal ’nen Korn“, wie der Volksmund sagt ;-))

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  3. …bringt die Würze ins Leben?!
    Manch einer würde gerne auf seine persönliche Würze verzichten, vor allem, wenn sie gleichbleibend das Leben zudeckt, sozusagen das persönliche Märchen ausmacht..
    Ich habe im Übrigen nicht die Pschoanalyse als solche befürwortet, sondern nur ihren möglichen Erklärungsversuch angeführt.
    Die Menschen leiden! Und deswegen gibt es so etwas wie Psychologie. Man versucht zu helfen. Einfach alles so bei sich zu lassen, ist natürlich auch rechtens.

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    • Ich denke, es gibt verschiedene Wege, jeder muss den seinen finden. Was dem einen hilft, kann für den anderen falsch sein. Wenn der eigene Leidensdruck steigt, ist es in meinen Augen aber wichtig, nach einem Weg zu suchen, der das Leiden vermindert.

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  4. Tiefenpsychologie besteht nicht nur aus Freud’scher Psychoanalyse, aber das spricht sich wahrscheinlich erst im nächsten Jahrhundert herum. Freud hat an der Oberfläche gekratzt, Jung ist da z.B. viel tiefer gegangen. Und es gibt viel andere Wege.
    Tatsache ist, wir haben alle so unsere Muster, mit denen wir das Leben „bewältigen“, oder zu bewältigen verhindern. Daran zu arbeiten (mit oder ohne professionelle Unterstützung, eine Beziehung kann durchaus auch eine Art Therapie sein, so man sich dessen bewusst ist) kann ganz vernünftig sein.
    Wissenschaft kann das nicht sein, wenn man unter Wissenschaft Naturwissenschaft versteht, also Physik und Chemie und die halbe Biologie. Und wenn man dann noch die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts darunter versteht. Denn die Physik des 20. Jahrhunderts geht über die gewohnte Logik und damit auch über ihre eigenen Kriterien weit hinaus. Die übliche Forderung nach Wissenschaftlichkeit ist ziemlich sinnlos, wenn man nicht dazusagt, welche man meint. Außerdem gibt es sowas wie eine wissenschaftliche Forderung nach Methodenadäquatheit, d.h. jedes Gebiet erfordert auch eine eigene Methode, und es wäre ziemlich kindisch, z.B. von der Psychologie zu verlangen, mit den Methoden der Physik zu arbeiten. Genau das wäre nämlich unwissenschaftlich.
    Die Quantentheorie sprengt jedenfalls auch den Rahmen der europäischen Logik. Dazu gehört z.B. der Satz von ausgeschlossenen Dritten (Von zwei Gegensätzen kann nur einer wahr sein, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht). Jetzt gilt: Von zwei Gegensätzen (Materieteilchen – Welle) können beide richtig sein. Es gibt also doch eine dritte Möglichkeit.
    Was auch mit dem Problem von Geduld und Gelassenheit zu tun hat. Geduld hat nur dann Sinn, wenn man sich auch Ungeduld erlaubt, sonst könnte es ja auch nur Lethargie sein. Und Gelassenheit bedeutet, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind, aber nicht unbedingt auch, dass sie so bleiben müssen.

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