Findungen und anderes

Es gibt Tage, da verliere ich mich förmlich aus den Augen. Ich höre und schaue nach aussen, schnappe alles auf, versuche, darauf zu reagieren, finde, es klingt alles gut, halte es hoch, lobe es, stelle es über mich. Ich will danach handeln, denn ich denke, dass der, der es sagt, es wissen muss. Sicher besser wissen muss als ich es tue. 

Und irgendwann stehe ich da in all dem Erfüllenwollen und merke, es passt nicht. Merke, da stimmt etwas nicht. Sei es, dass der eine sich widerspricht, sei es, dass ich mehrere Wissende finde, die alle etwas anderes sagen und ich mich mitten drin sehe. Ich blicke wohl verwirrt und die Frage kommt: Was willst denn du? Was interessiert dich? 

Und da stehe ich dann und weiss es nicht. Vor lauter Hören, was andere gut finden und wollen, blieb das eigene Wollen irgendwo stehen und wurde ignoriert. Ich mass ihm weniger Wert zu als dem Wollen anderer, sah in deren Wollen mehr Sinn und Grund und Zweck, in meinem blosses Wunschdenken und Sinnlosigkeit. Mass den Wert, den ich ihnen statt mir zuteilte auch dem von ihnen Gewollten zu und wertete meines ab, erklärte es für nichtig.

Ich fange an zu suchen. Frage mich, wer ich bin und frage mich, wie ich so weit kommen konnte. Ich frage mich nach meinem Wollen und durchforste alles, was dahin führen könnte. Stosse überall auf Leere, jede Schublade, die ich öffne, jedes Buch – alles angefüllt mit Bedeutungslosigkeit, die ich einmal hineinlegte. Sie lacht mir förmlich entgegen und ich könnte weinen bei dem Anblick. Und ich tue es sogar. 

Ich verfluche mich, dass ich so doof war, verfluche meinen Hang zur Selbstzerstörung, schimpfe auf alles und jeden, suche Hilfe und stosse Anteilnahme zurück. Weise alle ab und fühle mich alleine. Und bin dann dankbar, wenn doch was kommt. Und langsam setzt sich alles wieder und ich sehe meine Fehler. 

Vielleicht wollten mich andere zu etwas überreden, das ich nicht war. Vielleicht wollten sie mir Dinge aufzwängen, die ich nicht wollte. Vielleicht wurde ich getäuscht, wurde ich manipuliert. Vielleicht auch allein gelassen. Vielleicht kleideten sie wenig in glänzende Hüllen, die überstrahlten, was ich so profan selber gedacht hatte. Aber ich liess es zu. Ich selber mass mir diesen geringen Wert zu und empfand alle als über mir stehend. Ich selber dachte, anderen etwas beweisen zu müssen und versuchte, mich zu verbiegen, bis ich nicht mehr ich war, sondern nur noch ein auf Erfüllung anderer Ansprüche getrimmtes Wesen. Ich selber verlor mich aus den Augen, indem ich andere im Blick hielt. 

Das hatte sicher Gründe, nichts ist ohne Grund. Und sicher habe ich es nicht bewusst und absichtlich gemacht, das wäre mehr als doof und selbst wenn ich ab und an sage und auch denke, dass ich es bin, so glaube ich doch, es nicht vollkommen zu sein, sondern nur ab und an ein wenig verblendet und zu unsicher in Bezug auf mich selber.

Während andere Wasser predigen und Wein trinken, rate ich allen immer, ihrem Herzen zu folgen, zu sich zu stehen, zu sehen, wie wunderbar sie sind und daran zu glauben, dass das reicht, es nicht mehr braucht. Und ich glaube das und die Ratschläge kommen aus ganzem Herzen, weil ich es so meine. In Bezug auf die anderen. In Bezug auf mich selber hapert es dann bei der Umsetzung. 

Und da ich das nun erkannt habe, gehe ich in mich, versuche, meine Ungeduld zu zügeln, lasse setzen, was war und warte, bis sich mein Ich wieder in Ruhe und klar zeigt. Einige Ahnungen habe ich, die werde ich vertiefen, anderes ist noch schwammiger. Irgendwann lichtet sich der Nebel und die Sonne des Frühlings wird wieder leuchten, in der Neues erblüht – Meines. Und das werde ich packen und nicht mehr loslassen. Loslassen muss ich nur die Verklärung anderer, die ich auf Sockel hebe und mein Licht unter selben stelle. 

4 Comments

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  1. Das Gefühl gibt’s auch als Musik: einer der für mich wichtigsten Songs der für mich wichtigsten Bands aus Ost-Zeiten*: Karussell „Wie ein Fischlein unterm Eis“

    … und natürlich gibt’s da noch mehr, was irgendwie zu Deinem Blog passt:

    Entweder oder = http://www.youtube.com/watch?v=PE2TOdQN1Kg&list=AL94UKMTqg-9Awbg2XMDP6wIv7nAnCIANd

    Das einzige Leben = http://www.youtube.com/watch?v=G0Gqdl9hj0U&list=AL94UKMTqg-9Awbg2XMDP6wIv7nAnCIANd

    Ein Leben lang = http://www.youtube.com/watch?v=ePfk0udl92A&list=AL94UKMTqg-9Awbg2XMDP6wIv7nAnCIANd

    Ehrlich will ich bleiben = http://www.youtube.com/watch?v=7WA8UtcX8GQ

    Doch wenn die Hähne krähn = http://www.youtube.com/watch?v=HvUN_zgGoX4

    Nämlich bin ich glücklich = http://www.youtube.com/watch?v=PE2TOdQN1Kg&list=AL94UKMTqg-9Awbg2XMDP6wIv7nAnCIANd

    … komisch … die Titel ergeben fast schon wieder eine eigene „Geschichte“ … 😉

    *PS: Ich glaube, man versteht die Songs auch ohne „DDR-Hintergrund“ … wenn vielleicht auch nicht alle Details.

    Liken

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