Mit Facebooktests zur Selbsterkenntnis

Es gibt ja diese netten Facebook-Tests. Ich mag die, mache sie immer wieder. Einige denken dann jedes Mal, sie müssten mich drauf hinweisen, dass die nichts taugen, dass da nie was rauskommt. Ich verkneife mir jeweils, sie eines Besseren zu belehren. Andere finden, ich hätte zu viel Zeit, dass ich die mache. Auch hier verkneife ich mir den Hinweis auf Zeitmanagement und dass es nicht ganz richtig sein könne, wenn man sich nicht mal einen Spass erlauben kann.

Dank Facebook habe ich nun also herausgefunden, welches Tier ich wäre, wer ich im letzten Leben war, welches meine Farbe ist und in welchem Märchen ich lebe. Ich kenne meinen Song, weiss den Film, aus dem ich entstamme und auch, wer mich in meiner Biographie spielen würde.

Nachdem mir nun Facebook über viele Fragen immer wieder zeigte, wer ich bin, kam mir heute – so quasi aus dem Nichts (das natürlich nie nichts, sondern ganz viel ist) – das Resultat in den Sinn, für welches ich noch auf den Test warte: Was ist deine herausragendste Eigenschaft? Resultat: Gutgläubigkeit.

Der Text dazu:

Du glaubst immer an das Gute im Mensch. Wenn dir jemand etwas erzählt, gehst du davon aus, dass er die Wahrheit spricht. Du vertraust den Menschen, bis du auf die Nase fällst, und bist auch dann bereit, eine zweite Chance zu geben – wenn nötig auch eine dritte und vierte. Solltest du mal zögern, reicht ein treuherziger Blick und ein „Ich mach es nie wieder“, dich weichzukochen.

Ich würde mich total wiedererkennen. Vermutlich würde ich den Test nicht online stellen, denn stolz bin ich nicht drauf. Ab und an schelte ich mich gar dumm, naiv, weltfremd. Und doch schaffe ich es nicht, davon auszugehen, dass Menschen von Grund auf schlecht sind. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie davon haben, andere zu belügen, zu betrügen, schlecht zu behandeln oder nur schon in Kauf zu nehmen, dass sie leiden. Und ich möchte das auch nicht.

Aus dem Grund habe ich mich vielleicht ein bisschen zurückgezogen. Ich möchte mein Bild des Menschen als gutem Menschen nicht ändern. Aber ich möchte verschiedene Erfahrungen nicht mehr machen. Eine Gratwanderung zwischen Selbstschutz und Mauerbau. Die Durchlässigkeit soll bleiben, aber es muss nicht jeder rein. Ich bin der Torwart, der entscheidet, wer gut tut und rein darf, wer mir nicht gut tut und besser draussen bleibt.

Ich lebe das Leben – weil ich es muss

Und dann sitze ich hier
und frag’ mich wozu.
Ich frage mich,
wer mich vermisste,
was ich so wirklich
bewirke
und wo ich nur
ansteh’.

Ich male mir aus,
wie mein Leben denn wäre,
sein könnte,
wenn ich nicht,
wie ich es tue,
hier sässe.
Und ich sitze weiter,
weil ich es muss.

Und ich sitze hier,
und ich sehe,
was ginge.
Ich sehe die Orte,
die ich nie kannte,
die Träume,
die ich nie lebte.
Und ich wünschte mich –
hin.

Ich sitze hier,
und bin gefangen
in fremden Ansprüchen,
in Pflichten und Zwängen.
Vor allem aber
in eigenen Ängsten:
Was wäre wenn?

Und ich male mir aus,
wie es denn wäre,
liess’ ich zurück,
was hier so ist.
Ich ginge einfach
in die Welt hinaus.
Ich eroberte sie,
wie ICH es wollte.
Weil ich es
könnte.

Und ich fühle mich glücklich,
ich sehe die Farben,
die im eigenen Dunkel
schon längst gestorben.
Ich sehe das Leben –
bin selber tot.
Ich möchte nur leben
und weiss nicht mehr
wie.

Und so sitze ich hier,
und denke ans Leben.
Ich erhoffe mir,
dass es im Leben
mal möglich wird.
Ich zähle die Stunden,
ich sammle die Kraft,
ich gehe weiter,
weil ich es
muss.

Kalte Welt

Die Welt ist kalt,
die Welt lässt dich
erfrieren.
Bist du am Boden,
liegst du lang.
Achtlos gehen sie
an dir vorüber.
Kaum ein Blick
– und wenn:
Verächtlich.
Liegst du im Graben,
tritt man dich
– mit Füssen.
Man tritt auch gerne
nochmals nach
und gräbt dir dann
die Grube.
Keiner will Verlierer,
keiner will den Fall.
Augen zu,
Kopf in den Sand,
sonst spürte man
– das will man nicht:
Das könnte auch –
oh Gott bewahre –
ich sein.
Schnell verdrängt.

Handschlag muss sein

Kürzlich kursierte die Geschichte eines Mannes, der einer Frau den Handschlag verweigerte, in den Medien. Der Aufschrei war gross, man nutzte die Geschichte, um gegen Glaubensrichtungen zu schimpfen und berief sich auf Sitte und Anstand. Nur so grundsätzlich:

Nicht jeder Mensch mag Berührungen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nun haben wir in unseren Breitengraden die Konvention, dass ein Handschlag eine adäquate Begrüssung ist, die man dem Anstand schuldet. Es gab eine Bewegung, da mussten es drei Küsschen sein. Damit noch schlimmer für Berührungsablehnende.

Nehmen wir an, wir treffen einen Menschen, der uns freundlich anlächelt und uns grüsst. Ohne Handschlag. War er unfreundlich? Unhöflich? Wäre ein grummlig blickender Mensch ohne Worte aber mit Handschlag besser? Nehmen wir noch den Gruss dazu, lassen den grimmigen Blick, würde er die Konvention erfüllen. Besser? Wieso legen wir so viel Wert auf Äusserlichkeiten, die innere Haltung dabei ist aber weniger wichtig, wenn die Form eingehalten wird? Wäre es andersrum nicht sinnvoller?

Wer nun Gründe für den ausbleibenden Handschlag fordert, einige per se ausschliesst, andere anerkennt: Wohin nimmt er das Recht zu richten? Eine Krankheit ist gut, Glaube nicht?

Moral – universell oder individuell?

Beim menschlichen Zusammenleben gibt es Regeln. Viele davon sind in Form von Gesetzen aufgeschrieben und damit verbindlich, einige existieren als moralische Grundsätze, die darlegen, wie man sich verhalten soll im Verband, damit es allen gut geht. Doch worauf gründen diese Grundsätze? Sind sie in uns Menschen angelegt als Kern unseres Seins? Die buddhistische Psychologie geht davon aus. Sie sagt zwar, dass dieser Kern verschüttet sein kann und wir keinen Zugang dazu haben, aber: Jeder kann sich diesen Zugang verschaffen, wenn er es will. In der westlichen Philosophie ist vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg der Glaube an eine absoolute und universell gültige Moral abhanden gekommen. Hannah Arendt erklärt den Verlust damit, dass vor dem Dritten Reich moralische Grundsätze herrschten, die während desselben in ihr Gegenteil verkehrt wurden, um danach wieder zurückzudrehen. Was Menschen in der einen Zeit gut und richtig fanden, stiessen sie in der anderen mit Füssen.

Wie entscheiden wir, was wir gut und richtig finden? Welche Instanz gibt den Ausschlag? Es ist wohl das Gewissen, das uns vor der Handlung abwägen lässt, was zu tun ist, danach richtet, was wir getan haben. Doch worauf gründet dieses Gewissen? Entsteht es durch Konventionen in der Zeit, in der wir leben, oder ist es eben wirklich Teil von unserem Wesen, als geistige, allgemein und immer gültige Grundlage? Und was passiert, wenn wir gegen unser Gewissen entscheiden?

Ein Beispiel:

Ein Mann plant eine Überraschung für seine Frau und lügt sie deswegen an, obwohl er weiss, dass sie Lügen hasst und es ihm übel nähme – egal, ob es für sie gemeint ist oder nicht. Sein Gewissen meldet sich und weiss: Das wird sie nicht toll finden, wenn sie es rausfindet. Es bestehen aber gute Chancen, dass es nicht rauskommt.

Soll sie sich nicht so haben, war ja nur gut gemeint? Sollte er ehrlich bleiben und notfalls etwas anderes machen, wenn es so nicht klappt, weil er respektiert, was sie sich wünscht und nicht dagegen handelt? Ist das Beispiel so banal, dass es eh keinen kümmert?

Ein Mann hat sich an der Börse verspekuliert und damit viel Geld verloren. Zwar brauchen die beiden das Geld nicht dringend, aber es war als Notgroschen gedacht und damit unantastbar. Seiner Frau lag viel an diesem Polster – zur Absicherung. Da die Frau sich nie um die Finanzgeschäfte kümmert, traut er sich nicht, ihr was zu sagen, zumal sie es nie rausfinden würde – käme kein solcher Notfall.

Immer noch eine Bagatelle? Ein Vertrauensbruch? Sein Gewissen sagt ihm, er hat Mist gebaut, nur: Zu ändern ist das nun nicht mehr.

In einer Ehe ist der Wurm drin. Es ist alles eingespielt, man hat sich arrangiert, aber wirklich glücklich ist man nicht mehr. Trotzdem kommt eine Trennung aus vielen Gründen nicht in Frage. Da Mann und Frau sehr unabhängige Lebensabläufe haben, merkt die Frau nicht, dass sich der Mann ab und an mit einer anderen Frau trifft. Das tut ihm gut, das macht ihn glücklich, so dass er auch mit seiner Ehe wieder besser klar kommt, da er gelassener ist. Seine Frau würde das nie gutheissen, auch wenn sie die Beruhigung im Alltag schätzt.

Akzeptabel, weil es so eigentlich allen besser geht? Ist unbedingte Ehrlichkeit höher zu schätzen als ein bisschen Zufriedenheit im Leben?

Im Buddhismus wäre die Antwort klar: Die Unwahrheit ist ein Gift, das die eigene Psyche angreift. Wirkliches Glück ist damit nicht möglich, nicht mal dauernde Zufriedenheit. Das Gewissen, so ist man sich sicher, wird einen innerlich zerfressen. Unterdrückt man es, findet es Wege, an anderen Orten für Unruhe zu sorgen und so Leid über einen zu bringen. Da man hier das Glück sowieso im Innen sucht, nie im äusseren Erlangen von Objekten der Begierde (welcher Art auch immer), wäre das Glück durch die Lüge sowieso ein eher vorübergehendes und auch illusionäres als wirklich tief empfunden.

Doch: Wie sehen wir das im Westen? Wahrheit eine Tugend, ein Prinzip, das man hochalten soll? Schulden wir das der Moral? Woher rührt diese? Sind es die Konventionen unserer (christlichen) Ethik, die uns dazu auffordern, oder aber doch etwas tief in uns, das uns aushöhlen würde, ignorierten wir es?

 

 

 

 

Bewusstes Handeln – Utopie?

Und dann sind da noch die, welche dir privat schreiben auf Facebook. Die dir ja nicht sagen wollen, was du tun sollst, aber es doch ganz anders tun würden. Und das müssen sie dir nun schreiben, ohne damit zu sagen, dass sie richtig und du falsch liegst. Es brennt ihnen wohl nur auf der Seele. Und muss raus. Nur kann man ja nicht alles einfach so sagen, wie es grad brennt. Drum schiesst man voraus, dass man eigentlich nichts zu sagen hat und es einen auch nichts angeht, man aber doch mal schreiben will, weil man sich so dachte, es müsste doch mal gesagt sein.

Damit alles auch ja nicht in den falschen Hals kommt, schiebt man noch ein „Versteh mich nun bitte nicht falsch“ vor. Sollte alles also so ankommen, wie man es vielleicht sogar zwar dachte, aber nicht wollte, dass es Reaktionen mit sich bringt, hat man schon mal vorgesorgt. Man kann einfach nur noch sagen: „Das hast du gaaaaaanz falsch verstanden. Das war so niiiiiiiiie gemeint.“

Die Frage, die sich mir stellt, ist: Wenn man schon denkt, etwas könnte falsch verstanden werden, wieso formuliert man es nicht so lange um, bis es unmissverständlich ist? Wer bestimmt, was falsch verstanden und was richtig ist? Ein kluger Geist sagte mal:

Eine Aussage gehört zur Hälfte dem, der sie ausspricht, und zur Hälfte dem, der sie hört.

Dessen sollte man sich im Klaren sein, wenn man etwas sagt. Damit sind falsch oder richtig obsolet, es bleibt individuell. Wenn man also etwas sagt, muss man sich im Klaren sein, dass der andere etwas daraus macht beim Hören. Das Resultat ist vielleicht nicht gewollt, aber damit nicht falsch.

Die nächste Frage, die sich mir stellt, ist: Wieso denken ganz viele Menschen, sie wüssten besser, wie die Welt dreht, als andere das tun? Und wenn jemand denkt, dass ihn die Welt des anderen nichts angeht, wieso sagt er dann was? Und wenn er was sagen will, wieso schiebt er den ganzen Vorbau davor? Wäre die Welt nicht wunderbar, würden sich die Menschen zuerst überlegen, was sie sagen oder tun wollen, sich dann der Konsequenzen bewusst werden, um dann zu handeln (wobei auch Nicht-Handeln ein Handeln ist)?