Rezension: David Foenkinos – Charlotte

Das ganze Leben in einem Kunstwerk

Charlotte lernt früh, dass der Tod ein teil des Lebens ist.
Sie greift nach den Tränen ihrer Mutter.
Die um ihre Schwester trauert wie am ersten Tag.
Manche Wunden heilen nie.

Charlotte Salomon ist die Tochter eines Arztes und dessen Frau Franziska. Diese steht in einer langen Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, leidet darunter, wird selber lebensmüde. Trotz aller Bemühungen stürzt sie sich irgendwann in den Tod, lässt Charlotte als Kind zurück. Allerdings wird diese die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter erst spät erfahren, so glaubt sie, ihre Mutter wohne als Engel im Himmel und schreibe ihr bald einen Brief. Mit Paula kriegt Charlotte eine Stiefmutter, die sie verehrt. Sie braucht sie auch, da sie sonst ausgeschlossen ist – und es immer mehr wird durch die Machtübernahme der Nazis. Charlotte ist Jüdin.

Charlotte strahlt so eine Kraft aus, sie hat etwas Berührendes.
Ist das der Zauber der Schweigsamen?
Oder die traurige Macht der Ausgeschlossenen?
[…] Wenn einen ein ganzes Land zurückweist.
Was soll man da von einem einzelnen Menschen erwarten?

Nachdem sie trotz ihrer Religion zur Kunstschule zugelassen wird, erhält sie einen gewonnen Preis genau deswegen nicht und wird kurz darauf ganz ausgeschlossen. Trotzdem malt und zeichnet sie weiter.

Darf sie sich eingestehen, dass sie sich fühlt wie eine Künstlerin?
Künstlerin.
Immer wieder sagt sie dieses Wort vor sich hin.
Ohne zu wissen, was es genau bedeutet.
Egal.
Wörter müssen nicht immer einem Ziel zustreben.

Die Lebensumstände spitzen sich zu, Charlotte muss fliehen und geht nach Frankreich zu ihren Grosseltern. Ihre Grossmutter bringt sich bald darauf um, der Grossvater verbittert und verfällt dem Wahnsinn. Dieser Krankheit ist es wohl auch zu verdanken, dass sie nach ihrer Internierung im Lager Gurs, in welchem auch Hannah Arendt ist, freikommt. Ein beschwerlicher Weg zurück nach Südfrankreich folgt. Charlotte ist selber dem Wahnsinn nah – und alleine. Sie hat nur zwei Menschen, die an sie glauben, einer davon ist der Arzt des Ortes. Er rät ihr auch, zu malen. Er glaubt an ihr Talent, gar an ihr Genie.

Sie muss leben und malen.
Malen, um nicht verrückt zu werden.
[…] Muss man die Grenzen des Erträglichen überschreiten?
Um die Kunst als einzig mögliche Lebensform anzusehen?

Charlotte hat mit ihrem Leben abgeschlossen.
[…] Ein seltener Ausgangspunkt für ein künstlerisches Werk.

Es entsteht ein Werk aus Bildern und Text, ihr Leben. Sie übergibt es ihrem Arzt mit den Worten

C’est tout ma vie

David Foenkinos erzählt die Biographie der Malerin Charlotte Salome auf seine ganz persönliche Weise. Er erzählt, wie er ihr auf die Spur kam, wie sie auf ihn wirkte, wie er ihren Lebensstationen folgte. Er wollte diese Geschichte schreiben, aber es fiel ihm nicht leicht. David Foenkinos beschreibt seine Schwierigkeiten dieser ihm so wichtigen Geschichte selber.

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang.
[…] Ich sass immer da und wollte ein Buch schreiben.
Aber wie?
[…] Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich spürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Entstanden ist ein Buch in einer kurzen, prägnanten Sprache. Sie ist frei von Sentimentalität und greift doch die Stimmung auf. Der Inhalt passt sich perfekt in die Form, entstanden ist ein Zeugnis eines Lebens, das tragischer kaum sein könnte.

Das Leben Charlottes zeugt vom Alleinsein, vom Ausgestossensein, von der Einsamkeit und von der Angst. Es ist das Leben einer jungen Frau, die Zuflucht in die Kunst nimmt, da diese das einzige ist, das ihr Überleben irgendwie sichert. Alles andere ist von Angst besetzt, von Unsicherheit: sich selber und dem Leben gegenüber.

Charlotte ist das Lesehighlight seit langem. Es ist eine Geschichte, die packt, die einen einnimmt und nicht mehr loslässt. David Foenkinos hat eine unkonventionelle Weise des Erzählens gewählt, eine, die genau zu ihm und der Geschichte passt, eine, die Charlotte gerecht wird.

Fazit:
Eine tiefgründige, erschütternde, packende Lebensgeschichte, bei der alles stimmt: Die Sprache greift den Inhalt auf, wodurch dessen Tragik noch deutlicher zum Tragen kommt. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Zum Autor
David Foenkinos
David Foenkinos, 1974 geboren, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Paris. Seit 2002 veröffentlicht er Romane, darunter den Millionenbestseller „Nathalie küsst“, der von Foenkinos selbst (zusammen mit seinem Bruder Stéphane) mit Audrey Tautou und François Damiens in den Hauptrollen verfilmt wurde. Seine Bücher werden in rund vierzig Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman, „Charlotte“, wurde 2014 mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet und hat sich allein in Frankreich rund eine halbe Million Mal verkauft.

Christian Kolb (Übersetzung)
Christian Kolb wurde 1970 geboren und studierte französische Literatur und Filmwissenschaft in Berlin und Paris. Neben den Romanen von David Foenkinos übersetzte er u. a. auch Nicolas Fargues „Die Rolle meines Lebens“. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch:
FoenkinosCharlotteGebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (31. August 2015)
Übersetzung: Christian Kolb
ISBN-Nr.: 978-3421047083
Preis: EUR 17.99 / CHF 26.90

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Von Menschen für Menschen

Der Künstler Yehuda Bacon ist ein Überlebender des Holocaust. Als er später Auschwitz das erste Mal besuchte, wurde ihm bewusst, was er dort verloren hatte: Seine Kindheit, seine Jugend. Trotz des Schrecklichen, was ihm wiederfahren ist, findet er positive Gedanken zum Problem des Bösen, wie er es nennt. Er findet sogar einen Sinn im Leiden, denn er sagt:

Ja, auch das Leiden kann Sinn haben, wenn wir erkennen, dass auch der andere Mensch ist wie ich selber. Ich kann ein Verhältnis mit jedem anderen Menschen haben, auch wenn er eine andere Religion, eine andere Richtung hat. Er ist ein Mensch, er ist eine Kreatur. Wir haben etwas Gemeinsames: Wir sind Menschen.

Das Leiden, das Yehuda Bacon erlebt hat, ist mit Worten nicht zu erfassen, sie greifen alle zu kurz, und für die meisten von uns unvorstellbar. Er hat für sich versucht, etwas Positives in dem Ganzen zu finden: In der ganzen Unmenschlichkeit, die damals herrschte, unter der er und viele andere litt, viele davon in den Tod getrieben wurden, lernte er, was Menschlichkeit bedeutet: In sich und anderen das Gemeinsame anerkennen und lieben, denn:

In jedem Menschen steckt der gleiche Kern. Jeder hat eine Mutter.

Für Yehuda ist das eine Erkenntnis der Liebe. Sie ist für Bacon die positive Antwort auf all die Fragen, die das Leiden aufwarf.

Eine solche Aussage kann nur einer machen, der das Leiden – dieses Leiden – selber durchmachte, denn von jedem anderen Menschen wäre sie inakzeptabel. Sie würde die Tat in einer Weise mit Sinn behaften, die diese in keiner Weise hatte. Gerade die Sinnlosigkeit der Gräueltaten, der Verbrechen gegen die Menschheit und die Menschlichkeit, war es ja, die diesen eine noch grössere Tragik gaben.

Ein Betroffener, der noch dazu überlebt hat, muss verstehen, wenn er irgendwie weiterleben will. Der Mensch neigt dazu, Sinn zu suchen und zu finden, denn ohne Sinn wäre alles sinnlos – auch das Weiterleben. Für Bacon ist der Sinn die Erkenntnis, dass wir alle Menschen sind – im Kern – und dass wir uns als Menschen lieben sollen, unabhängig von unserer Zugehörigkeit – sei diese religiös, sexuell, regional oder anderweitig bestimmt.

Diese Fragen – und vor allem diese positive Antwort – sind heute aktueller denn je. Wir sind heute wieder in der Pflicht, Menschen als Menschen anzusehen und anzunehmen. In Scharen fliehen sie tausende Kilometer, um zu überleben und werden hier nicht mit Liebe empfangen, nicht mit einer Haltung von Menschen für Menschen. Es schlägt ihnen Misstrauen, Missmut, gar Hass entgegen. Man sieht in ihnen die Gefahr für die eigenen Vorteile, sieht in ihnen Eindringlinge ins eigene Land (das man sich meist nicht freiwillig aussuchte, sondern nur Glück hatte, da geboren worden zu sein oder aber die Möglichkeit gehabt zu haben, als Willkommener – oder zumindest Geduldeter – einzuwandern). Was man nicht mehr sieht, ist, dass es Menschen sind. Genau wie wir. Menschen in Not noch dazu. Es sind Menschen, die Hilfe benötigen und dies oft, weil unsere Länder es waren, die ihre Länder vorher ausgebeutet haben oder aber mit Waffen versorgt, weil der Krieg dort vor Ort hier Profit gab. Und nun, da alles aus dem Ufer läuft, will man hier Grenzen ziehen und sich schützen.

Nur: Wovor? Es sind Menschen und sie brauchen Hilfe. Und selbst wenn wir durchaus auch im eigenen Land Armut haben und Menschen, die leiden und Hilfe benötigen, ist dies kein Grund, sie anderen zu verwehren und sie damit in den sicheren Tod zu schicken.

(Die Zitate stammen – fast wörtlich – aus “Auschwitz und Ich. Für das Leben lernen:  Eine Erkenntnis der Liebe”

Facebook…Trainingsplatz fürs Leben

Wieso ich Facebook mag? Man kriegt die ganze Welt ins Wohnzimmer serviert, weiss, wo was läuft, sieht alle Katzen in süssen Posen und Hunde in noch süsseren. Man erfährt, wo was brennt, wo wer heiratet – man weiß auch alles, was man nicht wissen will. Und ab und an fällt man auf Enten rein, auf die man nie gestossen wäre, hätte man kein Facebook. Aber: Man hätte auch viel sonst verpasst, drum nimmt man das in Kauf, da man ja auch was lernt aus seiner eigenen Leichtgläubigkeit.

Wieso ich Facebook nicht mag? Weil man immer wieder auf Selbstdarsteller trifft, die sich selber hochstilisieren, die besten überhaupt sind, dann dies und das reinstellen und eigentlich nur kritiklosen Applaus wollen. Sie scharen ihre Fans um sich und die bringen den Schmus. Eine kritische Stimme? Geht gar nicht, denn dazu ist das nicht gedacht, es geht rein darum, das eigene Heldentum zu zelebrieren. Ich falle leider immer wieder in die Falle und sage meine Meinung, wo nur Applaus gefordert war.

Wieso ich bei Facebook bleibe? Weil ich da ganz tolle Menschen kennengelernt habe, mehr über die Welt erfahre, als sonst wo und: Ich lerne über das Leben und die Menschen unendlich viel. Vor allem über die selbstverliebten. Das tut mir gut, denn ich neige, so gutgläubig wie ich bin, dazu, Menschen zu glauben, was sie sagen. Was Schiller früher über die Kunst sagte, das macht Facebook heute im Leben:

Es ist der Spielplatz fürs Leben. Hier kann man ausprobieren, damit man im Leben nicht mehr auf die Nase fällt.

Rezension: Max Velthuijs – Klein Männchen und das Glück

Vom Glück und guten Freunden

Zufrieden wohnt klein Männchen in einer Schuhschachtel, bis ein starker Regen diese aufweicht. Klein Männchen muss dringend eine neue Bleibe finden.

Klein Männchen findet ein vierblättriges Kleeblatt und ist sich sicher: Das bringt Glück. Was auch passiert, Klein Männchen hält an dieser Sicht fest.

Papa Hase ist verschollen. Klein Männchen will bei der Suche helfen und schon bald ist eine ganze Schar dabei, den Verschwundenen zu suchen.

Diese drei herzerwärmenden Geschichten sind voll von positiven Gefühlen, von Freundschaft, Freude, Glück und Hilfsbereitschaft. Illustriert werden sie mit fröhlichen Bildern, die Max Velthuijs auf einfache Formen und klare, leuchtende Farben reduziert hat. Die Illustrationen tragen so viel dazu bei, die Stimmung der Geschichten zu veranschaulichen und den Inhalt mitzuerzählen.

Das Buch garantiert schöne Momente und positive Gefühle beim Lesen, Vorlesen und Anschauen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch mit drei herzerwärmenden Geschichten und fröhlichen Zeichnungen. Sehr empfehlenswert.

Der Autor und Illustrator
Max Velthuijs
Max Velthuijs, 1923 in Den Haag geboren, studierte an der Akademie der bildenden Künste in Arnheim. Er arbeitete als Grafiker, Karikaturist, Designer und Bilderbuchkünstler und erhielt zahlreiche bedeutende Preise, darunter den Hans-Christian-Andersen-Preis im Jahr 2004. Seine wohl bekanntesten Bilderbuchfiguren sind der Frosch und seine Freunde. Max Velthuijs ist 2005 im Alter von 81 Jahren verstorben.

Angaben zum Buch:
VeltjuijsMännchenGebundene Ausgabe: 96 Seiten
Verlag: NordSüd Verlag (17. Juli 2015)
Empfohlenes Alter: 4 – 6 Jahre
ISBN-Nr.: 978-3314103032
Preis: EUR 18.99 / CHF 25.90

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Flüchtlinge – eins, zwei, drei, die Hütte brennt

Flüchtlingsheime brennen. Erst in Heidenau, nun in Weissach. Ich fühle mich erinnert. An Pogrome. Ich habe sie zum Glück nie erlebt, nur erforscht. Was früher mit Juden passierte durch Nazis, geschieht hier und heute mit Flüchtlingen. Menschen gehen hin und denken, sie können die Herrschaft übernehmen und Menschen oder deren Unterkünfte abzufackeln. Sie können bestimmen, wer wo leben kann und darf und wer nicht. Das Boot ist voll, das Land soll Mauern bauen.

Wie unmenschlich muss man sein, vom bequemen Sofa aus über Flüchtlinge zu richten? Selbst wenn es uns schlecht geht, haben wir noch immer ein Dach über dem Kopf, das nicht in jeder Sekunde zerbombt werden kann. Selbst wenn wir wenig haben, verhungern wir selten. Selbst wenn wir keine Arbeit haben, so haben wir ein Netz, das auffängt.

Ja, auch in der Schweiz gibt es Armut. Und es gibt sie immer mehr. Wer Klischees bemüht und die Schweiz als Hochburg der Besserverdiener sieht, wo niemand arm ist, niemand die Münzen dreht und doch keinen grünen Zweig nur schon erahnen kann, der ist sicher falsch. Auch wir haben Armut. Auch wir haben Menschen am Rand der Verzweiflung. Auch wir haben Menschen, die auf der Strasse sind, weil sie durch die Maschen fielen und ja, denen soll und muss geholfen werden. Das ist wichtig und das tut Not. Aber:

Das ist aber kein Argument dafür, Menschen, die ums Überleben kämpfen, abzuweisen, abzufackeln. Die Feuer waren in Deutschland, nicht hier. Bislang. Ich hoffe, sie kommen nie her, auch wenn hier die Haltung Flüchtlingen gegenüber alles andere als wirklich freundlich ist. Noch mehr hoffe ich aber, dass irgendwann die Menschen einsehen, dass sie nicht immer und überall der Nabel der Welt sind, dass helfen durchaus nötig ist. Die Welt hat Brennpunkte, die aktuell noch weit weg sind. Die Menschen kommen unter Strapazen zu uns, weil sie verfolgt, mit dem Tod bedroht und ausgebombt sind. Sie lassen alles hinter sich, versuchen irgendwie zu überleben. Und dann kommen sie her und werden mit Drohungen, abgebrannten Unterkünften und nichts als Misstrauen begrüsst. Weil sie Eindringlinge sein sollen, Profiteure.

Ich bin immer der Meinung, dass Hilfe vor Ort die erste Wahl ist. Bevor die aber gewährleistet werden kann, muss eine Lösung her. Menschen sollen leben können. Und da sind alle Menschen in der Pflicht. Weil sie selber Menschen sind (sein sollen). Man nennt das Solidarität.

Man kann hier Kant, die Bibel und viele andere zitieren. Sinngemäss kommt unten raus:

Behandle jeden Menschen so, wie du dir wünschst, dass auch du behandelt wirst.

Rezension: Daniel Kehlmann – F

Das Leben hinter der Maske

Jahre später, sie waren längst erwachsen und jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu gehen.

Arthur schreibt. Mehr für die Schublade als für Publikum, was aber nichts macht, da seine Frau Augenärztin ist. Neben dem Schreiben versorgt Arthur die beiden gemeinsamen Zwillinge Eric und Iwan. Ab und an holen sie Martin ab, Arthurs ersten Sohn. Er hat ihn und dessen Mutter eines Tages einfach verlassen und hat nun eine neue Familie. Lange spielte Martin keine Rolle, nun ist das anders.

Die Mutter des anderen Jungen, hatte Arthur erklärt, sei nicht gut auf ihn zu sprechen, sie habe nicht gewollt, dass er seinen Sohn sehe, und er habe sich gefügt, offen gesagt, allzu breitwillig, es habe die Dinge einfacher gemacht, und erst vor kurzem habe er seine Meinung geändert. Und jetzt werde er gehen und Martin treffen.

Irgendwann verlässt Arthur auch seine zweite Familie. Er muss es tun, denn er will all die Bücher schreiben, die ihn schliesslich berühmt machen werden. Die drei Brüder werden erwachsen. Jeder geht seinen Weg. Martin wird katholischer Priester ohne an Gott zu glauben, Eric geht in die Wirtschaft, wo er das Vermögen seiner Klienten verliert und das nur mühsam überspielen kann, und Iwan geht in die Kunst, wobei er für sich selber mittelmässig bleibt.

Aus mir würde also kein Maler, das wusste ich jetzt. Ich arbeitete wie zuvor, aber es hatte keinen Sinn mehr. Ich malte Häuser, ich malte Wiesen, ich malte Berge, ich malte Porträts, sie sahen nicht schlecht aus, sie waren gekonnt, aber wozu? Ich malte abstrakte Gebilde, sie waren harmonisch komponiert und farblich durchdacht, aber wozu?

Was er für sich selber nicht schafft, tut er im Namen seines Lebensgefährten: Er malt Bilder, die diesen berühmt machen – selbst nach dessen Tod produziert Iwan immer neue Bilder.

Drei Lebensgeschichten voller Lebenslügen, voller Schummelei, Fälschung und Vertuschung. Und alle drei Brüder haben Angst, aufzufliegen.

Kehlmann erzählt die Geschichte von drei Brüdern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit mehr gemeinsam haben, als sie wohl selber glauben. F ist eine tragische Geschichte, da sie ohne Sieger auskommt. Alle verlieren, selbst wenn sie alle vordergründig Erfolg haben. Nach aussen wahren sie den Schein, zerbrechen aber innerlich langsam, was sie nur mit unterschiedlichen Süchten und Selbstlügen aushalten können. Indem derselbe Tag aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, durchschaut der Leser die Denkstrukturen jedes Einzelnen, er pendelt zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung der Brüder hin und her und erhält so ein umfassendes Bild. Kein aufbauendes, kein positives, eher eines, das die ganze Tragik von Selbstbetrug und missglückter Selbstfindung in sich trägt.

Das Buch hat etwas von Treten an Ort in verschiedenen Schuhen, angereichert durch psychologische und philosophische Einsichten. Das ist weder grundsätzlich gut oder schlecht, das muss einem schlicht liegen. Wer sich mit Figuren und Welten identifizieren will, wer Geschichten miterleben und mitfühlen will, wird an diesem Buch keine Freude haben. Wer sich für die Innensichten von Menschen, für Beziehungen und die unterschiedlichen Deutungen derselben interessiert, wird auf seine Kosten kommen.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, abgründig. Durchdacht komponierte Innensicht, ohne dabei zu psychologisierend zu wirken. Empfehlenswert.

Zum Autor
Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann ist einer der Shootingstars der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte der 1975 geborene Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin seinen ersten Roman. Auf Beerholms Vorstellung folgten in knappen Abständen weitere Romane, Erzählungen und eine Novelle. 2005 erschien Die Vermessung der Welt, ein Welterfolg, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus erhielt Daniel Kehlmann schon in den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere etliche der renommiertesten deutschen Literaturpreise, häufig gar mehrere in einem Jahr. Darunter befanden sich der “Kleist-Preis” (2006) und der “Thomas-Mann-Preis” (2008). Kehlmann besuchte als Kind eine Jesuitenschule und studierte in Wien Philosophie und Germanistik. Heute ist er freier Autor und Essayist.

Angaben zum Buch:
KehlmannFGebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag (30. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3498035440
Preis: EUR 22.95 / CHF 31.90

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