Die Rache des Verlassenen

Seit November hatte Jeremias das Haus nicht mehr verlassen, seit jenem unglückseligen Tag, an dem er zurück zu seinem Vater in seine alte Wohnung gezogen war. Tagelang lag er im Bett, dachte an Carina. Die Dunkelheit umfing ihn, sogar am Tag.

Jeremias zieht sich aus dem Leben zurück, als ihn Carina verlässt. Seine Welt liegt in Trümmern, er verkriecht sich förmlich vor ihr. Als er sich langsam erholt, beschliesst er, eine Reise zu machen, um auf andere Gedanken und zurück ins Leben zu kommen. Er bucht spontan nach Teneriffa, wo er langsam wieder Lebensmut schöpft, Pläne macht, bis er eines Abends Carina mit ihrem Mann, ihrem Bruder und dessen Frau in einem Café sieht.

Seine Hand krampfte sich zusammen, drückte den Fuss des Weinglases, bis sich der angeschlagene Rand in seinen kleinen Finger bohrte. Jeremias spürte den Schmerz in der Hand wie eine Verletzung von innen, überall in seinem Körper, an jeder Stelle. Es schien, als öffne sich eine alte Wunde, ein eiterndes Geschwür, das abgeheilt sein sollte.

 Jeremias beschliesst Rache. Er will Carina all den Schmerz heimzahlen, den sie ihm angetan hat. Er verfolgt Carina, wo sie geht und steht, verwanzt ihr Haus, ist überall, wo sie ist, ohne sich zu erkennen zu geben – als bedrohlicher Schatten, als Angst einflössende Gefahr.

Carina zuckte zusammen, als sie hinter sich eine Person bemerkte. Die Geräusche der Absätze dröhnten in ihren Ohren, Schlich ER hinter ihr her? […] Drohend empfand sie die hohen Häuser, die eng um sie herum standen […] Auf einmal erschien ihr die Nacht schwarz und böse. Ein Rückweg war nicht möglich.

Langsam gleitet Carina in eine immer grösser werdende Angst hinein, fühlt sich nirgends mehr sicher. Von der Polizei alleine gelassen, fühlt sie sich dieser dunklen Macht hilflos ausgeliefert und fürchtet ab und an gar, den Verstand zu verlieren. Die Geschichte spitzt sich zu, als der Verfolger auch vor Mord nicht zurückschreckt. Lässt er sich noch aufhalten?

 Sabine Ibing ist eine spannende, mitreissende Geschichte zum Thema Stalking gelungen. Sie versteht es, den Plot folgerichtig aufzubauen, so dass man als Leser gebannt Seite um Seite umblättert, um die Auflösung dieses Schreckens zu erleben. Das Thema Stalking wird geschickt in eine Geschichte verpackt, die aufkommende Hilflosigkeit des Opfers glaubhaft und mitfühlbar dargestellt. Die Psyche des Täters bleibt ein wenig zu sehr im Verborgenen, was aber der Glaubhaftigkeit der Geschichte keinen Abbruch tut.

 So gesehen wäre es Lesegenuss pur gewesen, wären nicht die vielen Längen gewesen, die man hätte ausmerzen müssen, weil sie den Lesefluss stoppten, zu viel und zu umständlich Informationen lieferten, die für die Geschichte nicht relevant waren. Dass sich dazu noch Unsummen an Grammatik- und Orthographiefehlern gesellten, machte es nicht besser und ich war einige Male kurz davor, die Lektüre zu beenden, weil ich solche sprachliche Schlamperei nicht mag. Da die Geschichte selber wirklich gut und auch packend erzählt ist, wäre das aber schade und so kann ich nur jeden Leser auffordern, über diese Schwächen hinwegzulesen.

Fazit:
Stalking als Thema spannend erzählt. Packende Story mit sprachlichen Schwächen. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Sabine Ibing
Sabine Ibing wurde 1959 in Hannover geboren. Ihr Weg führte sie über Teneriffa zurück nach Deutschland und schliesslich in die Schweiz, wo sie heute mit ihrem Mann wohnt. Die studierte Sozialpädagogin veröffentlichte 1999 (noch unter ihrem alten Namen Sabine Rieger) ihren ersten Roman Ch@tlove, seit da liess sie das Schreiben nicht mehr los. 2014 erschien nun ihr zweiter Roman Zenissimos Jagd.

Angaben zum Buch:
IbingZenissimoTaschenbuch: 392 Seiten
Verlag: C. Portmann Verlag (14. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3906014197
Preis: EUR 17.80

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Ein Unglücksrabe kämpft sich durch

An seinem letzten Morgen im Knast wachte Sami Macbeth früh auf, putzte sich die Zähne, faltete seine Decken ordentlich zusammen und setzte sich wartend auf das Bett.
Er hatte sich gesagt, dass er alles, was er machte, zum letzten Mal machte. […] Heute Mittag ist er hier raus. Nicht vollkommen frei, aber so gut wie.

Nach drei Jahren Knast für einen Juwelendiebstahl, den er nicht begangen hat, will Sami Macbeth nur zwei Dinge im Leben: nie mehr in den Knast zurück und ein berühmter Gitarrist werden. War ihm Das Glück schon drei Jahre vorher nicht hold, so hat sich das nicht geändert. Seine Schwester Nadja, die einzige, die von seiner Familie noch lebt und für die er sich verantwortlich fühlt, ist entführt worden und nur er kann sie retten. Allerdings hat das seinen Preis.

Der pensionierte Detective Inspector Vincent Ruiz   erfährt von der Geschichte durch seine Exfrau Miranda Wallace, welche Samis Bewährungshelferin ist. Er macht sich auf die Suche nach Sami und Nadja und sieht sich immer grösseren Herausforderungen gegnüber. Mittlerweile wird Sami Macbeth als gefährlicher Terrorist gesucht, welcher nach einem Bombenanschlag in der U-Bahn in einem Restaurant Geiseln genommen hat und nun auf der Flucht ist. Dabei ist die Polizei nicht allein darum bemüht, ihn unschädlich zu machen.

„Erlauben Sie mir, Folgendes zu sagen, Mr Macbeth. Ich habe die letzte Nacht damit verbracht, die genaueren Umstände dieses Falles zu studieren, und kann daraus nur schliessen, dass Sie ohne Zweifel einer der grössten Unglücksraben sind […]. Sie scheinen ausserdem über die unglückliche Gabe zu verfügen, eine verzweifelte Situation in eine hoffnungslose zu verwandeln. Könnte ich damit recht haben?“

Michael Robotham macht in Bis du stirbst alles richtig. Die Geschichte besticht durch durchdachte und lebendige Charaktere, einen spannenden und folgerichtigen Plot, sie hat die nötigen Aufhänger, Spannungsträger und Nebenhandlungen. Sami Macbeth ist ein Verbrecher wider Willen, der durch seine menschliche, trotz allen Unglücks humorvolle und vielschichtige Art die Sympathie und das Mitgefühl des Lesers auf seiner Seite hat. Die Motive seines Handelns sowie auch des Handelns der anderen Figuren sind nachvollziehbar und realistisch, die Grenzen zwischen gut und böse weichen langsam auf, zurück bleibt die Frage, wie das alles bloss enden soll. Und bis man das weiss, legt man das Buch nicht aus der Hand.

Fazit
Ein Thriller, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Michael Robotham
Michael Robotham wird 1960 in New Sout Wales, Australien geboren. Er arbeitet zuerst in Sydney als Journalist, geht später nach London, um dort für verschiedene Zeitungen zu schreiben. 1993 hängt er seine Karriere als Journalist an den Nagel und schreibt als Ghostwriter Biografien für Politiker und Prominente, darunter Geri Halliwell und Rolf Harris. Später folgt der Wechsel zur fiktiven Literatur. Sein erster Roman The Suspect schläft gleich ein, wird in 22 Sprachen übersetzt und wird zum Bestseller. Robotham lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in Avalon bei Sydney. Von ihm erschienen sind unter anderem The Suspect (2004; dt. Adrenalin 2005), Lost (2005; Amnesie 2006), Shatter (2008; Dein Wille geschehe 2009), Bombproof (2009; Bis du stirbst 2013).

  

RobothamBisdustirbstAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. Mai 2013)
Übersetzung: Sigrun Zühlke
ISBN-Nr.: 978-3442473397
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Sheldon Horowitz ist 82 Jahre alt, Jude und Witwer. Nach dem Tod seiner Frau zog er von New York nach Norwegen, wo er niemanden kennt als seine Enkelin und deren Mann. Während er sich mit Erinnerungen und Gedanken abgibt, tritt plötzlich die Gegenwart in Form einer Frau und deren Sohn in sein Leben.

Alles an ihr schreit: Balkan. Sheldon kann nur raten, was für ein Leben sie führt, und doch deutet alles darauf hin, dass sie hier in Oslo völlig fehl am Platz ist. […] Seine erste Regung ist Mitleid. Nicht für die Person, die sie ist, sondern für die Umstände, denen sie ausgeliefert ist.

Nach einem Streit im Treppenhaus seines Hauses lässt er die beiden in seine Wohnung, wo die Frau kurze Zeit später getötet wird. Sheldon Horowitz flieht mit dem Jungen, um ihm dasselbe Schicksal zu ersparen. Eine Odyssee beginnt.

Derek B. Miller erzählt die Geschichte von Krieg, Verfolgung und Mitgefühl. Er lässt seine Figuren über Themen wie Heimat und Familie philosophieren, lässt sie in die Vergangenheit blicken und die Gegenwart analysieren. Ein seltsamer Ort zum Sterben vereinigt Tiefe, Angst, schwarzen Humor und liebevoll gezeichnete Figuren.  Der Roman spielt von Menschen, die ihren Platz im Leben suchen und den Sinn desselben. Ab und an sucht man denselben als Leser auch in der Geschichte, die zudem manchmal etwas langatmig ist.

Fazit:
Ein vielschichtiger, philosophischer, einfühlsamer Roman. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Derek B. Miller
Derek B. Miller ist in Boston geboren und lebt heute nach Stationen in Israel, England, Ungarn und der Schweiz in Norwegen. Er hat nach einer Promotion an der Universität Genf eine Karriere als Spezialist für Sicherheitspolitik absolviert und für verschiedene Gremien der UNO und Universitäten auf der ganzen Welt gearbeitet. Er ist Direktor eines Forschungsinstituts. Ein seltsamer Ort zum Sterben ist sein erster Roman.

MillerSterbenAngaben zum Buch:
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Rowohlt Buchverlag (1. Juni 2013)
Übersetzung: Olaf Roth
ISBN-Nr.: 978-3499230868
Preis: EUR  14.99 / CHF 22.90

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BildEric Sandel, kam als Kind des jüdischen Spielwarenhändlers Hermann Kandel und dessen Frau Charlotte 1929 in Wien auf die Welt. Schon bald bekam er die antisemitische Gesinnung Österreichs zu spüren, indem zuerst in der Schule keiner mehr mit ihm sprach und er eines Tages aus heiterem Himmel mit seiner Familie umgesiedelt wurde. 1939 emigrierte die ganze Familie nach Amerika, genauer nach Brooklyn. Hermann Kandel eröffnet wieder ein Spielwarengeschäft und Eric besucht die Schule, bewirbt sich bei Harvard und startet so seine Karriere, die ihn bis zum Nobelpreis bringen soll. Dieser ist zwar der Höhepunkt seines Schaffens, nicht aber dessen Ende. Mit ungeminderter Leidenschaft, mit Ehrgeiz und Einsatz forscht Eric Kandel Zeit seines Lebens über das Gedächtnis und dessen Grundlagen und Funktionieren.

Der Film begleitet Eric Kandel zurück nach Wien, lässt ihn seine eigenen Wurzeln suchen und finden. Kandel spürt seinen Erinnerungen nach, welche immer wieder Emotionen in ihm wachrufen. Kandel sieht seine Geschichte mitverantwortlich für seinen Einsatz für das Gedächtnis. Was ist das Gedächtnis, wie entstehen Erinnerungen, welche für die menschliche Identität so fundamental sind? Dieser Frage widmet er sein Leben.

Wer nun glaubt, einen trockenen Film über einen verbohrten Wissenschaftler anschauen zu müssen, der irrt sich gewaltig. Eric Kandel besticht durch ein herzliches Lachen, das er oft erklingen lässt. Mit viel Humor und Witz erzählt er über sich, sein Leben, seine Forschung, lässt es aber trotz all dem Witz nie an Tiefe und Substanz mangeln.

Der Film gibt Einblicke in den Laboralltag des Forschers, der 1000e mühseliger und erfolgloser Stunden mit Versuchen, Enttäuschungen und neuen Versuchen verbringt, bis – teilweise nicht mehr erwartet – der Durchbruch gelingt, passiert, was erhofft und zu beweisen versucht wurde.

Fazit:
Kurzweiliger, anregender und informativer Film. Kandel erreicht Herz und Hirn der Zuschauer. Absolut sehenswert.

Angaben zum Film:
Dauer: 95 Min.
Extras 25 Min.
Land/Jahr: D 2008 (arte edition)
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Preis: EUR: 22.99 ; CHF 36.90
Auf der Suche nach dem…Gedächtnis. Der Hirnforscher Eric Kandel, Film von Petra Seeger, arte Edition.

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