Ein Flieger des Schweizer Militärs stürzt ab, einer der Insassen ist ein deutscher Militärarzt, der sein ganzes Herzblut in seine Arbeit steckte, der sein Leben nun bei diesem Unfall verloren hat. Die Schweizer Politiker haben nichts besseres zu tun, als diesen Unfall für ihre Propagandazwecke zu nutzen; die einen schimpfen unter Berufung auf das Unglück gegen Fliegereinsaätze und die anderen regen sich auf, dass ein Deutscher im Schweizer Militär sitzt, und wollen gegen die Masseneinwanderung Propaganda machen. Auch das auf dem Unglück eines Menschen.

Wie krank und pietätlos ist diese Welt eigentlich, dass man nicht mal vor dem Tod eines Menschen innehält und ihn für eigene Zwecke ausschlachtet? Wie grausam und kalt agieren hier Politiker, indem sie alles instrumentalisieren, um ihre eigene Haltung zu untermauern? Die Rechtfertigung, es sei zum besten des Landes (das jeder für sich zu wissen in Anspruch nimmt), lasse ich nicht gelten, denn dafür müsste man mit Argumenten auffahren, die sachlich sind und die damit eine wirkliche Grundlage für die je eigene Meinung bieten.

Wie beruhigend wäre es doch, wenn die Politik, die sich um das Wohl eines Landes bemüht, von sachlichen Argumenten, menschlichen Gefühlen und gesundem Menschenverstand geleitet wäre. Eine Utopie?

Heute las ich die Schlagzeile, dass sich ein erfolgreicher Mann umgebracht haben soll. Sie hat mich erschüttert. Ich kannte ihn nicht, nicht mal namentlich. Und doch schaue ich immer und immer wieder sein Bild an. Ich suche nach Spuren. Suche nach einem Anzeichen, wieso sich ein solcher Mann das Leben nehmen könne. Sind das Falten, die von Ärger, Trauer, Wut, Überdruss, Verzweiflung zeugen, die seinen Mund, seine Augen umgeben? Ist das Lachen echt? Was sagen die Augen?

Ein Mann geht einen Weg ganz nach oben. er hat viel mehr zum leben als sicher 90% der Menschen weltweit. Er sieht gut aus. Er hat Familie. Ein Mann, ein Mensch, der es geschafft hat, würde man denken. Und man scheint falsch gedacht zu haben, denn er ist nicht mehr. Er hatte so viel mehr als so mancher oft zu träumen wagte, was fehlte noch? Wohin soll man streben, wenn selbst all das nicht reicht, leben zu wollen? Was ist Glück? Was sind wirkliche Ziele und Inhalte? Was heisst Leben überhaupt und wann ist es blosses Überleben und damit bald mal nur noch Plage?

Heute fuhr ich durch Zürich. Wohin ich schaute, sah ich Porsches, Mercedes, BMWs, Audis. Ab und an sicher auch eine andere Marke, aber die überwiegten stark. Es geht uns gut? Scheint so. Trotzdem heisst es, die Armut greife um sich in der Schweiz. Man sieht sie wohl noch nicht oder ist geblendet von all dem Reichtum, der sich so offensichtlich zeigt. Und viele der Armen schauen wohl auf die grossen Autos und denken sich, wie glücklich sie wären, hätten sie nur die Hälfte, gar nur einen Bruchteil dessen, was all diese Menschen haben, die in diesen Autos sitzen. Und dann liest man eine solche Schlagzeile. Und man fragt sich: Was nun? Woran noch glauben? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Es wäre nun einfach, auf die ach so schönen inneren Werte und immateriellen Güter zu verweisen. Das wäre die Moralinkeule und allen Idealismus nur so mit der Kelle ausschöpfen. Das greift zu kurz, wie ich denke. Wer hungert, kann noch so viel Herz, Verstand, positive Beziehungen und was es noch so an immateriellen Gütern gibt haben. Er hat Hunger und Hunger trübt das Glück ganz massgeblich. Was also ist Glück? Wonach soll der Mensch noch streben? Geld allein scheint nicht glücklich zu machen, wirtschaftsferner Idealismus stopft das Hungerloch nicht und alles kann man, das Leben lehrt es einen meist unbarmherzig, nicht haben.

Es bliebe nur noch das schöne Wort „sei zufrieden mit dem, was du hast“. Und genau das scheint so unendlich schwer, dass man zu oft daran verzweifelt.

Oft fragt man sich im Leben, wenn einem Schlechtes widerfährt, womit man das verdient hat. Was hat man getan, um so bestraft zu werden? Wieso trifft es einen und keinen anderen – wobei man es niemandem wünschen würde, nur nicht selber haben möchte. Ab und an fragt man sich auch in schönen Momenten, wie man sie verdient habe. Womit den tollen Mann, womit die Glücksmomente. Und nie kriegt man eine Antwort.

Man ist wohl eher bereit, das Gute als verdient anzusehen als das Schlechte, denkt wohl eher, dass dieses angebracht ist. Das Schlechte würde man lieber von sich weisen, sieht es als Irrtum, als ungerecht, als Fehler im (Lebens-)System. 

Die Frage nach dem Warum entspringt der menschlichen Suche nach Sinn im Leben. Alles muss einen Sinn ergeben, denn nur so ist es logisch nachvollziehbar. Mit dem Verstand nicht Erfassbares ist schwer einzuordnen, es kann auch Angst machen, da man es nicht unter Kontrolle hat. Man weiss nicht, wie einem geschieht, kann nichts dagegen tun, wenig dafür. Doch wer sagt, dass die Dinge wirklich Sinn ergeben müssen? Wer sagt, dass das Leben sinnvoll ist, hinter dem Leben ein tieferer Sinn steht? 

Haben wir das Leben verdient? Wir sind quasi reingeworfen worden. Ein kurzer Moment des Spasses, eine zufällige siegreiche Vereinigung von Zellen und daraus entstand das, was wir „Ich“ nennen, was wir als unseren Körper, unser Sein begreifen. Wenn wir das Leben an sich nicht verdient haben, wie sollen wir das, was in ihm passiert verdienen? Ist es nicht genauso Zufall wie alles andere? Sinn des Lebens an sich ist allgemein das Überleben. Evolutionär kommt es zu einer natürlichen Selektion aufgrund verschiedener Kriterien. Das, was bleibt, überlebt, der Rest geht unter. 

Der Mensch will mehr als bloss zu überleben. Er will Glück, will alles, was gut ist, was richtig ist. Den Rest möchte er ausklammern, da er ihm sinnlos erscheint. Und was sinnlos ist, scheint wertlos. Und wenn man nicht mal einen Grund dafür erkennen kann, wieso man sich damit rumschlagen soll, dann hat man es schlicht nicht verdient. Trotzdem ist es da und man muss sich wohl damit abfinden, dass das Leben nie eigener Verdienst ist. Einiges hat man in der Hand (oder glaubt das zumindest), anderes fällt einen aus heiterem Himmel an, ob gut oder schlecht. Aufgabe im Leben ist es, damit umzugehen, Dankbarkeit für all das Gute zu empfinden und Gelassenheit und Mut, das Schlechte zu tragen.