Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick , einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.

Irgendjemand ist immer der Unterhund. Man redet gross über Gleichberechtigung, über gleiche Rechte für alle und wie man diese erreichen will. Erreicht man es schon in den viel besprochenen Fällen nie, so bleibt daneben immer wieder eine neue Gruppe Menschen, die durch alle Maschen fallen. Über diese richtet man von oben herab, weil sie nicht den Status haben, selber mitzurichten. Sie sind Menschen zweiter Klasse, sofern man ihnen überhaupt eine Klasse zugesteht, sie nicht nur einfach als zu behandelnde Ware abtut.

Eine dieser Klassen sind die Behinderten. Man diskutiert über Eingliederungsmassnahmen und missachtet dabei, dass sie genauso Menschen sind wie wir. Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, hat er sein Hirn nicht abgegeben. Nur weil einer geistig nicht mehr mitdenken kann, ist er nicht minderwertig, sondern hat Bedürfnisse, die er teilweise sogar formulieren kann, wenn man nur zuhören mag. Aber man mag gar nicht, man rechnet schon, wie viel kostbare Zeit da flöten ginge und diskutiert seinen Fall lieber vor x Gremien, vor denen man sich mit ach so tollen Vorschlägen profilieren kann, die zwar oft allesamt an den Bedürfnissen des davon Abhängigen vorbei gehen, aber gut klingen. Darauf kommt es an.

Und immer wieder ein gefundenes Fressen sind die Jenischen. Die Sans-Papiers. Die gehören eh nirgends hin. Die kann man rumschieben. Wo sie auftauchen, schickt man sie weg. Man will sie nicht haben. Befindet, was ihnen zusteht und was nicht und wie man sie wieder loswird. Dass sie auch Menschen sind, interessiert nicht. Ihnen fehlen die nötigen Papiere, damit sind sie nutz- und schutzlos. Nicht gewollt in dieser Welt, zumindest nicht in diesem Staat – und wohl in keinem anderen, was dann irgendwann wieder die Welt wäre.

Papiere sind es, die zählen. Hast du die richtigen, zählst du was, hast du sie nicht, bist du nichts. Sei es bei Tieren, die nur mit Stammbaum wertvoll sind, sei es bei Stellen, wo nur Diplome zählen, nicht wirklich Können. Alles steht auf Papieren. Du tust gut daran, dir eine Flut davon zuzulegen – für alle möglichen Notwendigkeiten eines. Dann gehst du auf Nummer sicher. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen dir nicht mehr auf die Hände und in die Augen schauen, sondern nur noch dein Dossier prüfen, um zu sehen, ob du passt. Partnersuche geschieht von ferne über Tasten, Bewerbungen werden via Analyse der vorhandenen Papiere entschieden (oder Vitamin B – was man mit Abstammungs- der Hinternwischpapieren gleichsetzen kann).

Und so schliesst sich der Kreis: Fehlen die nötigen Papiere, sind wir alle irgendwie behindert in dieser Welt. Es wird von irgendwo über uns entschieden und wir werden entweder ausgesiebt oder mit gut gemeinten (und für den Meinenden profitablen weil Ruhm bringenden) Massnahmen abgespeist.

Fair? Gerecht? Gibt es die beiden überhaupt? Ich denke nicht. Ich denke auch nicht, dass es erstrebenswert ist, eine gerechte oder faire Welt zu schaffen. Gerechtigkeit ist ein Kunstbegriff, Fairness ein Ideal. Das erste ist unerreichbar, das zweite anzustreben. Es reichte in meinen Augen schon, offen und ehrlich an die Dinge heranzugehen, hinzuschauen, wirkliche Lösungen finden zu wollen und den Menschen als Menschen mit seinen wirklichen Fähigkeiten und Talenten (aber auch Schwächen) und nicht als Summe seiner Papiere zu sehen. Ob man das je wollen wird?