Abends heisst es:

Du solltest schlafen gehen, es ist spät und du musst morgen früh raus – die Arbeit ruft.

Morgens heisst es:

Du musst aufstehen, es ist Zeit für dich, denn die Arbeit ruft.

Soweit, so gut, nur:

Abends siegt das Fleisch, es bleibt sitzen und sitzen und sitzen bis in die Puppen, verweigert dem Willen seinen Gehorsam. Morgens reisst der Wille das schlappe Fleisch aus dem Bett – ohne Widerrede.

Da sass sie nun, ein Glas Wein vor sich, eine Schale mit Nüssen daneben. Sie dachte an die letzten 24 Stunden und wie Schritt für Schritt das bisherige Leben sich verabschiedet hatte. Sie sah zurück auf das erste Unverständnis, als klar war, was kommen würde, fühlte den Kloss im Magen wieder, der sich damals ausbreitete, sie in den Boden zu drücken schien, immer schwerer wurde, kaum zu tragen war. Sie spürte noch den trockenen Hals, räusperte sich beim Gedanken daran, wusste aber nichts zu sagen – zu wem auch, da war niemand. Mehr.

Sie blickte auf den Wein, rot und samtig schmiegte er sich an die Wand des Glases, füllte es aus, sie hatte zuviel eingeschenkt. Doch wieso kleinlich sein, sie musste nicht teilen und war nur noch müde. Sie hoffte, der Wein würde sich in ihr genauso anschmiegsam zeigen und ihr den Wunsch, sich selber irgendwo anzuschmiegen, anzulehnen, geborgen zu sein, nehmen.

Ich gehe. Die Worte hallten nach. Ich muss es tun. Wie Messerspitzen trafen sie. Und ich? Hatte sie gefragt. Ein Blick, ein Schulterzucken. Es ist nicht gegen dich. Ich kann nicht anders. Du bist so stark. Sie wollte nicht stark sein. Sie konnte nicht mehr. Immer nur stark sein, es von allen Seiten hören, es immer wieder neu beweisen müssen, weil keine andere Wahl blieb. Sie schickte sich rein, sie würde es eh nicht ändern können. Ab und an begehrte sie wieder auf, suchte nach anderen Wegen. Hoffte auf Lösungen. Stritt, schrie, weinte. Beruhigte sich. Resignierte.

Die Tage gingen dahin. Der Tag kam näher. Ein Zurück gab es nicht. Sie nahm es ihm übel. Sie fühlte sich übergangen, verraten, belogen, betrogen um ein Leben, das sie anders im Blick gehabt hatte. Fallen gelassen, auch wenn beteuert wurde, das sei nicht wahr. Es fühlte sich so an. Immer noch. Immer mehr.

Der Tag war da. Er packte. Er ging. Sie blieb zurück. Tränen hatte sie keine. Ab und an wollte ein Kloss wachsen. Sie verdrängte ihn. Sie musste funktionieren. Gute Miene zum Spiel machen. War es ein böses? War es überhaupt Spiel? Es fühlte sich verdammt ernst an. Sie fühlte sich leer. Wo war das Leben, das mal greifbar schien? Wo die Zukunft, die erhofft? Wozu hatte man all das auf sich genommen? Wieso war man den Weg so weit gegangen, wenn man am Schluss sowieso alleine war?

Das Gefühl wurde stärker, dass man schlussendlich immer alleine ist. Egal, wo man ist, mit wem. Egal, was gesagt und beteuert, was beschworen und in schöne Worte gekleidet wird. Am Schluss sind erst die Nächsten dran und ganz am nächsten ist sich jeder selber. Selbst wenn jeder gerne besser wäre, gerne anders wäre, vielleicht sich sogar in seinem sich selber der Nächste Sein anders sieht, es für sich in bessere Gewänder, schönere Worte, beschwichtigende Argumente kleidet: Am Schluss ist man alleine, weil jeder für sich selber schaut. Weil jeder, der es mal erlebt hat, weiss, dass die anderen es ebenso tun. Und er es drum auch tut. Den Letzten beissen die Wölfe, wer wollte das sein?

Und so sass sie da, nahm das Glas, schaute nochmals versonnen in das tiefe Rot und setzte es an. Der fruchtige Geruch des Rioja drang ihr in die Nase, beim ersten Schluck füllte das samtige Gefühl des Weines den Mund, eine leichte Schärfe zog in die Nase, Wärme glitt den Hals hinab. Was war, das war. Zurück blieb Leere. Sie wird sich irgendwann füllen. Irgendwie. Vielleicht.Allein

Ich bin sensibel. Sehr sensibel. Das hörte ich schon als Kind, fast wie ein Schimpfwort wurde es mir ins Gesicht gesagt. Hypersensibel wurde ich genannt und kriegte den gut gemeinten Rat, mir ein dickes Fell zuzulegen. Ich solle die Dinge nicht persönlich nehmen, nicht alles so nah an mich heranlassen. Ich ginge unter im Leben, hiess es, die Welt nehme keine Rücksicht auf mich. In der Welt gebe es nie Lob, nur Tadel. In der Welt nehme mich niemand in den Arm. Da müsse ich selber dastehen. Niemand helfe, alle seien neidisch. Und man war wie diese Welt, um mich auf eben diese vorzubereiten. Und vielleicht war man so, weil man es selber nicht anders kannte.

ich blieb sensibel. Dass es nicht immer einfach war, kommt hin. Ich hörte es auch später noch oft. Man sucht sich wohl unbewusst immer Menschen, die die alten Muster erfüllen. ich fand sie zielgerichtet. Suchte den Fehler  immer bei mir. Sie alle sind im Recht. Ich bin nur zu sensibel. Und vielleicht auch sonst schräg gewickelt. Irgendwann liess ich sie alle hinter mir. Ging meinen Weg alleine. Schlussendlich ist man eh immer alleine – vor allem, wenn man sensibel ist. Und ich wurde stark. Liess mir nichts mehr anmerken. Meisterte mein Leben. Meisterte es wohl sogar ganz gut. Hörte von allen Seiten, wie stark ich sei. Bewunderung schwang mit. Ich schwächte ab. Ich bin nicht stark, ich habe nur keine andere Wahl. Irgendwer muss dieses Leben ja leben und niemand nimmt es mir ab. Zudem habe ich Pflichten und Verantwortung. Aber sie blieben dabei: Ich sei stark.

Stark sein erntet also Bewunderung, Sensibilität wird vorgeworfen, verachtet, ausgenutzt.

Sensibel bin ich immer noch, ich zeige es wohl weniger. Zudem hat das Leben halt gezeigt, dass die Dinge funktionieren müssen, man selten eine Wahl hat. Das Kind will essen, die Arbeit will gemacht sein, die Rechnung bezahlt. Daneben noch Haushalt, Nebenjobs, alles alleine, im Kampf gegen Windmühlen verschiedener Art. Und ich habe es geschafft. Ich merkte, am Schluss schafft man alles, selbst wenn es nicht so aussieht. Selbst wenn man zweifelt, fast verzweifelt, jammert – es geht. Aber es kostet Kraft. Immer ein wenig mehr. Und sie geht aus. Und man denkt, ich kann nicht mehr. Man sagt, ich kann nicht mehr. Alle nicken. Verstehen. Man macht weiter. Was würde man sonst tun? Was könnte man tun?

Und dann kommt die nächste Hürde. Man wird sogar gefragt: Packst du das? Klar, kein Thema, ich pack das. Es ist ja gut und richtig, es wird schwer. Aber ich packe es. Zu sagen, es nicht zu packen, wäre sensibel. Wäre unvernünftig. Wäre falsch. Wäre schwach. Und vielleicht auch egoistisch. Andere müssten sich nach mir richten, würde ich es nicht schaffen. Das will ich nicht. Und es wird wahr. Und ich sitze hier. Und ich denke: Ich will das nicht schaffen. Ich will das alles nicht. Klar werde ich auch das wieder schaffen. Bleibt ja nichts. Aber ich will das so nicht. Und nein, ich bin nicht zufrieden damit. Und es geht mir nicht gut damit. Und ich will nicht stark sein. Ich bin nicht stark. Ich muss immer stark sein. Aber ganz tief drin bin ich immer noch sensibel. Und verletzlich. Und das schreit in mir. Und tobt. Und jammert. Bis es wieder schweigt. Und ich nicke. Und sage: „Ja, geht gut, ich pack das. Ich bin ja gross und stark.“