Vor einigen Monaten schaute alles nach USA und schimpfte lauthals. Wie konnten sie nur. Wie konnten sie nur so blöd sein, einen Menschen wie den an die Macht zu wählen. Nun war Wahl in Deutschland. Was passierte? Die AFD ergatterte 13% – so die aktuelle Hochrechnung, es könnte noch ein wenig schwanken.

Drittstärkste Partei? Echt jetzt? Während manche sich im Vorfeld übermässig über die Kanzlerin ausliessen (eine wirkliche Alternative gab es ja nicht), zog die AFD einfach vorbei…. Einmal mehr haben vielleicht pseudoplakative Scheingefechte verursacht, dass etwas Macht gewann, das niemals an selbige hätte gelangen dürfen.

Lernen wir was draus? Vermutlich nicht.

Ich bin leider nicht erstaunt, aber sehr besorgt. Wir leben keine Demokratie mehr. Die, welche gemässigt und menschenfreundlich denken, blockieren alle, die das nicht tun. Die, welche Ängste haben und ihre Pfründe schützen wollen, gehen so ungehemmt weiter. Wir lassen uns aus über kleinere oder grössere Übel, lassen dabei aber das grösste einfach mal durchmarschieren. Wir urteilen über die anderen, während wir selber genauso Mist bauen.

Wo soll es hinführen? Wir leben in einer Welt, in der sich die USA und Nordkorea Sandkastengefechte liefern, die leider nicht im Sandkasten ausgetragen werden, sondern globale Konsequenzen haben können. Wir sind soweit, dass ein Putin als Vernünftigster im Umzug erscheint. Nur schon das müsste einem zu Denken geben. Ein Machthaber, der jegliche Menschenrechte missachtet, der nicht Gleichgesinnte mit fadenscheinigen Begründungen aus dem Verkehr zieht – die Kette wäre unendlich länger – steht plötzlich da und man denkt: Wenigstens einer sieht, was passiert.

Ja, ich mache mir Sorgen. Wobei: Wenn dieser verrückte Nordkoreaner die Welt in die Luft sprengt – who cares? Alle Merkelgegner können aufatmen, sie ist nicht mehr relevant, die AFD ebensowenig, auch Trump ist Geschichte. Wir alle mit. Und wenn das doch zu radikal ist, sollte man vielleicht mal anfangen, die wirklichen Gefahren zu sehen und da anzusetzen. Merkel mag nicht optimal sein, aber die Probleme liegen tiefer. Da schwelen sie und untergraben alles, was wir mal unsere Werte nannten. Und das tut sie nun weiter. Merci, danke!

Balthasar Glättli (Grüne) will Zweitwohnungen zu Flüchtlingsunterkünften machen… irgendwie mutet das ein wenig wie Zwangsenteignung an… die Bürgerlichen erfreuen dafür überraschend: Reiche sollen aus subventionierten Wohnungen ausziehen müssen. Besteht noch Hoffnung, dass die Mitte sich wieder findet und sich über kurz oder lang eine wählbare Politik herauskristallisiert? Eine, in der nicht nur polemisiert und mit heisser Luft gewedelt wird, in der nicht linksidealistische Kommunismusphantasien in rosa Wölkchen gepackt werden, sondern Menschen aufgrund ihrer Leistungskraft behandelt werden?

Vielleicht ist auch die Hoffnung ein rosa Wölkchen, aber ich glaub mal dran, denn: Zuletzt aber bleiben Glaube, Liebe Hoffnung. Zwar obsiegt im Spruch die Liebe, aber die Hoffnung folgt zugleich.

„Ich bin ja kein Rassist, aber…“ Wer einen Satz so beginnt, der begründet gleich nicht seine weltoffene Haltung, sondern outet sich als das, was er vorgibt, nicht zu sein. Nun könnte man sagen, das ginge ja noch, es könnte schlimmer sein, nämlich ganz braun, ganz abwehrend, zugebend rassistisch, nur: Mit solchen Statements wird ganz subtil Boden geebnet für Samen, die spriessen können. Leider spriessen keine bunten schönen Blumen, sondern braune Sumpfblüten. Unter dem Deckmantel, eigentlich kein Rassist zu sein, kann man nun alles sagen, was man offen nicht sagen dürfte. Man kann gegen die Natels der Flüchtlinge schimpfen, die sie nicht haben dürften, weil man selber auch kein tolles hat. Man darf mosern, die hätten viel schönere Kleidung und sollen sich nicht so haben, wenn sie in Zelten oder Kellern schlafen, sei ja immer noch besser als Krieg. Und man darf Hierarchien erstellen, wer nun wirklich Flüchtling ist und wer nicht: Krieg ist gut, verhungern zählt nicht. Und generell sind die, welche herkommen, eh nie echt, man selber könnte sich ja keine Reise nach Syrien oder sonst wohin leisten.

Aber nein, man ist natürlich kein Rassist. Man will nur für Recht und Ordnung sorgen im eigenen Land, schliesslich ist das ja auch klein und man hat nur begrenzt Platz und Geld und genug eigene Probleme. Und zudem ist es das eigene Steuergeld, das für diese Profiteure verprasst wird.

Zum Glück gibt es andere. Menschen die helfen. Ganze Dörfer haben sich schon organisiert und Flüchtlinge aufgenommen. Nicht nur in Heimen, sondern im Alltagsleben. Es gibt Menschen wie eine junge Frau, die 30 Syrern ein Dach über dem Kopf gab, oder Till Schweiger, der gegen Fremdenhass sprach und nun ein Flüchtlingsheim auf die Beine stellen will. Beide ernten ganz laut Spott und Häme – gar Hass. Die Kommentare bei der jungen Frau waren dabei besonders schlimm: „Die kriegte wohl sonst keinen Mann ab“, „Sex gibt es gratis obendrauf“ waren noch harmlos, Hitlerbilder folgten…

Die Welt rückt nach rechts. Wenn man dagegen spricht, wird man angegangen, man rede selber nur und sei ein Gutmensch, der von nichts eine Ahnung habe. Das darf nicht sein. Klar sind Worte noch nicht die Lösung allen Übels, aber sie sind ein Anfang. Sie sollen Boden schaffen nicht für braune Sumpfblüten, sondern für eine bunte Blumenpracht. Diese soll Herzen öffnen, denn nur so werden wir als Menschheit überhaupt überleben können langfristig.

Ich bin kein politischer Mensch, war ich nie, werde ich nie sein. Trotzdem mache ich mir meine Gedanken….

Das gestrige Abstimmungsresultat zur Masseneinwanderungsinitiative mag alles andere als toll sein und ich weiss, dass viele mehr als unglücklich damit sind. Wie die Umsetzung aussehen wird, zeigt die Zeit. Was ich aber genauso bedenklich finde, ist, dass ich nun von verschiedenen Seite lese, dass die Schweiz (als Gesamtes) braun, rassistisch und stark rechts sei, dass die Schweizer (im Kollektiv) als Nazis bezeichnet werden (von deutschen Bewohnern der Schweiz), dass die Schweiz schon immer schlimm war und man von diesem Land eh nichts Gutes erwarten kann. Erstens finde ich Kollektivanklagen mehr als armselig und nie der Realität entsprechend, zweitens wäre eine etwas gezieltere Kritik sicher konstruktiver denn ein solcher Rundumschlag und drittens regt sich in mir ein wenig die Frage: Wieso tut man sich dieses Land an, wenn es ja nur schlimm ist?

Man kann in ganz Europa Tendenzen erkennen, die zur Sorge aufrufen. Die Wirtschaftslage ist angespannt, jeder fürchtet um sein Auskommen, das schürt Ängste und die platziert man gerne konkret – dazu eignen sich die, welche eben nicht zum Wir gehören, die Fremden, die Anderen, die „Eindringlinge“. Dass dies eine dumme, kurzsichtige Sicht ist, liegt auf der Hand, leider wurden diese Ängste nun wieder (wie schon bei manchen Abstimmungen) erfolgreich geschürt.

Ich bin alles andere als glücklich über dieses Resultat, sich nun aber in ausufernden Anklage- und Herabwürdigungsreden zu üben, wird niemandem helfen. Das Leben geht weiter, alles, was wir in der Hand haben, ist, da, wo wir stehen, anzusetzen und unseren Beitrag zu leisten, dass die Tendenzen, die spürbar sind, eine andere Richtung nehmen. Vielleicht würde es auch helfen, wenn man denen, die mit so fadenscheinigen Argumenten diese Kampagne unterstützen, die Wasser predigten und selber Wein tranken, indem sie gegen Einwanderung redeten und selber im Ausland suchten (Namen muss man keine nennen….), weniger trauen würde und die, welche tiefer und weiter denken, auch mal auf den Tisch hauen und Kampagnen starten würden. So lange man still sitzt und auf die Initiativen der andern wartet, dagegen wettert, selber nichts tut, wird das nicht bessern. Dies nur so ein Gedanke….

Kürzlich schrieb ich einen Blogartikel zu den Zuständen in Ungarn. Einige Artikel meines Blogs befassen sich mit der Shoah und rechtem Gedankengut. Plötzlich kam mir der Gedanke: Kann ich das schreiben? Exponiere ich mich damit nicht zu stark? Kann das nicht negativ auf mich und meine Familie zurückfallen? Was, wenn einer das liest und mit meiner Einstellung nicht konform ist? Die Methoden gewisser Radikaler sind doch eher …. heikel.

Dann fragte ich mich: Wenn jeder schweigt, wer sagt noch was? Und haben dann nicht die gewonnen, die eigentlich nie mehr gewinnen dürfen? Und so liess ich den Artikel stehen. Und stehe dahinter.

Vor einiger Zeit schrieb ich eine Geschichte. Und wurde gleich darauf gefragt, ob mir das passiert sei. Wurde betrauert und bemitleidet für das, was mir da widerfahren war. Dabei war es nur eine Geschichte. Vielleicht mit ein paar wahren Eckpunkten, aber sicher nicht meine Lebensgeschichte. Mich rührte die Anteilnahme, aber sie machte mich auch nachdenklich.

Kürzlich schrieb ich zum Thema Alkohol. Nach den Erfahrungen mit der Geschichte, fragte ich mich nachher, wer mich nun selber im Problem verhaftet sieht. Ich fragte mich erneut: Kann ich das schreiben, kann ich so auftreten. Und auch hier beschloss ich, es stehen zu lassen, da ich es als Problem sehe und hinter meinen Zeilen stehe.

Was ist persönlich in meinem Blog und was nicht? Schlussendlich bin es immer ich, die schreibt. Ich erlebe Dinge, lese welche, sehe sie. Sie arbeiten sich in mich hinein und ich bilde mir eine Meinung. Rege mich auf, fühle, denke, wälze sie hin und her. Daraus entwickelt sich der Impuls zu schreiben. Aus meiner Warte, aber nicht immer autobiographisch im Sinne, dass es mein Leben ist, das ich erzähle. Goethe sagte, dass alles Schreiben autobiographisch ist. Dem stimme ich zu, aber nur insofern, als es die persönliche Selektion widerspiegelt, die Themen, die einem wichtig erscheinen. Man kann Geschriebenes und Vita nicht eins zu eins zusammenführen.

Und so schreibe ich wohl weiter, was mich bewegt, was mir in den Sinn kommt. Mal abstrakt, mal persönlich. Doch es ist nicht mein Leben, das da steht. Denn das lebe ich ganz privat und für mich. Manchmal dringt etwas durch. Manchmal vielleicht zu viel. Aber was es ist und wann es so ist, das bleibt mein Geheimnis.