Ich zeichne. Und male. Wer das noch nicht weiss, findet auf Instagram mehr davon:

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oder auf meinem Blog

Mein Zeichen-Blog

Ab und an kriege ich Kommentare. Das, was ich gezeichnet hätte, sei nicht ganz realitätsgetreu. Das verwundert mich immer, da mein Stil alles andere als realistisch ist. Er ist nicht abstrakt, aber niemals detailgetreu. Kürzlich konnte ich nicht schlafen und plötzlich kam mir die passende Antwort auf solche Kommentare. Sie war einfach da. Wie irgendwo tief angelegt:

Ich zeichne die Dinge, wie ich sie fühle. Für alles andere habe ich eine Kamera.

Sogar beim Fotografieren wählt man immer einen Ausschnitt. Man entscheidet sich für die eigene Sicht der Situation. Beim Zeichnen hat man noch mehr Freiheit. Mir geht es nicht um Realitätstreue. Ja, ich bin sehr konkret in dem, was ich tue, ich möchte etwas darstellen und kann mit vielen Formen der Abstraktion wenig anfangen. Abstraktion heisst oft:

Ich male einfach mal was hin.

Picasso sah das noch anders. Er fragte sich: Was muss ich weglassen, damit man immer noch sieht, was ich will. Dahinter sehe ich viel Können. Einfach mal Farben über die Leinwand zu giessen, sieht nett aus, ab und an, ist für mich aber keine Kunst, nur Dekoration. Das darf jeder sehen, wie er will und ich würde es nie verurteilen. Es ist schlicht ein anderer Weg als meiner.

Also: Wer gerne realitätsgetreue Bilder sieht, soll sich eine Kamera zulegen oder selber lernen, zu zeichnen – was ich nur empfehlen kann, es ist toll. Ich kenne die Gesetze, ich kann auch nach ihnen zeichnen. Aber: Darum geht es am Ende nicht. Mir nicht.

Ab und an üben Menschen einfach gerne Kritik. Um was gesagt zu haben. Sie fühlen sich dann wichtig. Und ganz viele Menschen lassen sich davon einschüchtern. Das ist schade. Denn: Sie sind genauso wichtig.

Mädchenträume,
Jugendschäume,
Liebesfrust
und Überdruss.
Herzensfreud
und Zauderei,
Lebensfluss
und Hindernis,
alles findet
seinen Platz,
alles fliesst
in einen Guss.

Lebenslettern
schwarz auf weiss,
Abbild dessen,
was geschieht,
Ahnung bloss,
was wünschenswert.
Unzensiert,
da ungehört.
hemmt die Furcht,
in Stein zu hau’n.
Denn was steht,
das scheint real.

Eigentlich wäre ja alles anders geplant gewesen. Ich hätte studiert, den perfekten Mann gefunden, ein Kind gekriegt, ein Haus gebaut, wäre glückliche Hausfrau gewesen, hätte meine Projekte gemacht und ansonsten den Garten bewässert, den Haushalt geschmissen, das Kind erzogen, den Mann beglückt. Das war mein Traum. Eigentlich.

Nun mag man einwenden, dass dies ein eher veraltetes Ansinnen sei, dass man, wollte man das tun, auch gar nicht studieren müsste, sondern gleich die Schürze umbinden könnte. Trotzdem war es mein Traum und bei aller Unlogik und Antiquiertheit war er genau so! Und da gehörte all das zu diesem Traum dazu. Eigentlich.

Ich habe gut begonnen, das Studium habe ich gemacht, den Mann kennengelernt. Er war nun nicht wirklich perfekt. Ich auch nicht. Das Kind kam. Also wieder auf Kurs. Doch dann war der Mann weg – oder ich – vermutlich beide. Aus dem Haus wurde nix, die Projekte starben an täglichen Notwendigkeiten. Haushalt machte ich nie gerne und das blieb bis heute so. Und der grüne Daumen hat sich auch noch nicht gebildet, was mangels Garten aber kein Problem ist, die Zimmerpflanzen gehen bei uns ein und aus. So gesehen: eigentlich alles falsch. Eigentlich.

Eigentlich könnte man nun sagen, das war’s, gescheitert. An den Träumen, in der Realität. Allerdings ging das Leben weiter und es hatte gute Zeiten. Auch andere, die gehören aber wohl dazu. Die wären auch im Traumleben so gewesen, da ein zur Realität gewordener Traum immer den lebendigen Herausforderungen ausgesetzt ist. Und eigentlich ist es auch gut so. Klar, ich träume noch heute ab und an vom Familien-Haus-Garten-Leben mit Projekten und Kuchenduft in der Küche, blicke auch mal wehmütig zurück und frage mich, wo die Abzweigung falsch war, was gewesen wäre, wenn ich dann oder wann anderes gewesen wäre, anders gehandelt und entschieden hätte. Und schaue dann wieder nach vorne und gehe weiter.

Eigentlich war also alles anders gedacht gewesen. Und nun sitze ich hier und alles ist so, wie es ist und damit anders, als ich es gewollt hatte. Und ich werde wohl nie mehr dahin kommen, wo ich hin wollte. Weil das Leben kein Traum, sondern eben Realität ist. Das muss aber auch gar nicht schlecht sein, denn wären meine Träume in Erfüllung gegangen, wäre mir ganz viel in meinem Leben nicht passiert, auf das ich nicht verzichten wollen würde. Ich wäre Menschen nicht begegnet, die mir viel bedeutet haben, und auch denen nicht, die mir heute was bedeuten, weil ich ganz andere Wege gegangen wäre. Ich hätte viele Erfahrungen nicht gemacht, die mich im Leben weiter gebracht haben, dahin, wo ich heute bin. Nicht alle waren schön, nicht alle waren erträumt, einige waren sogar ziemlich übel, traurig, schrecklich. Und doch haben sie alle etwas in meinen Rucksack gepackt, den ich tagtäglich durchs Leben trage, auf den ich zurückgreifen kann, wenn ich auf Situationen stosse und etwas davon brauche.

Eigentlich ist also alles gut. Eigentlich.

 

 

Ich bin von Natur und von Beruf Philosoph. Was das ist, werde ich oft gefragt. Ich sage immer: Ich denke. Immer. Über alles nach. Über mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Ich hinterfrage alles. Mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Und ich hadere durch das Denken oft. Mit mir, anderen, dem Leben und dessen Umständen.

Du denkst zuviel.

Das ist wohl der Satz, den ich am meisten hörte. Und ich sagte mir denselben auch oft. Ich wünschte mir manchmal, weniger denken zu können, die Dinge einfach hinzunehmen, danach zu handeln, wie die Dinge erscheinen, und so locker flockig durchs Leben zu gleiten. Es gelang nicht. „Déformation professionelle“ oder Natur – oder eine Mischung aus beiden.

Ich denke, also bin ich.

Der Satz ist nicht meine Erfindung, offensichtlich. Ihn zuzuordnen ist fast obsolet, da er mit dem Namen Descartes verbunden ist wie das Ei mit dem Huhn. Das Gefühl dahinter ist aber ganz meines. Würde ich nicht denken, würde mir etwas Grundlegendes fehlen. Es wäre nicht mehr mein Leben. Selbst wenn ich ganz klar weiss, dass das Leben wohl einfacher wäre, träte das Denken ein wenig zurück, möchte ich es nicht missen, da es mich ausmacht, ich mich ohne dieses gar nicht kenne, mich mir gar nicht vorstellen könnte.

Und so dachte ich in all’ den vergangenen Jahren immer wieder über ein Thema nach:

Was ist Heimat? Wo bin ich zuhause?

Und ich wälzte Theorien, fühlte mich zerrissen. Ich schwankte zwischen dem Ort, an dem ich geboren wurde und die Schule besuchte, dem Ort, den ich später für Studium und Beruf wählte, dem Ort, an dem ich die glücklichsten Momente der Kindheit verlebte und an dem meine Eltern heute wohnen und verschiedenen Orten, in die ich aus irgendwelchen Gründen gezogen bin. Die Zerrissenheit in dieser Frage brachte eine innere Unruhe mit sich, ich fühlte mich immer da fremd, wo ich war und sah da Heimat, wo ich sie mir hindachte. Das Verbindende der Gedankenwelt war immer stärker als das gerade Erfahrene, da ich als denkender Mensch viel tiefer in den Gedanken verhaftet war als in der Realität. Denken ist einsam. Es passiert im Stillen und für sich. Das Leben spielt sich draussen ab. Das ist irgendwie offensichtlich und das unterschreibe ich und unterschrieb ich immer.

Ich bin oft umgezogen. Immer aus Überzeugung, immer aus Gründen. Das Gefühl, zu Hause zu sein, kam selten auf, und wenn, blieb es nicht lange. Die Vorzüge eines anderen Ortes überwogen schnell. Die Einsamkeit des Denkens und des Berufs, der sich darum bildet, hatten sicher ihren Anteil daran. Im Moment wohne ich so lange an dem Ort hier, wie noch kaum je an einem anderen Ort der letzten Jahre. Umzugsphantasien kamen oft. Wurden ausgemalt, geplant, Wohnungen gesucht, Energie in Begründungen investiert, wieso das besser wäre als der Ort hier. Sie wurden alle verworfen. Denn eigentlich gefällt es mir hier ganz gut. Es ist nicht perfekt. Vieles fehlt. Vieles ist nicht so, wie ich es möchte. Und doch ist mein Leben gut. Ich kann es drehen und wenden. Ich kenne hier noch niemanden wirklich. Aber das kann ich ändern. Das habe ich geändert, indem ich mich gerade heute in der Schule meines Sohnes engagiert und für ein Jahr verpflichtet habe. Das hätte ich früher nie getan. Ein ganzes Jahr. Ich kann nicht weg. Ich muss hier bleiben. Und es fühlt sich verdammt gut an. Komischerweise.

Es gibt viele tolle Orte. Jeder hat etwas für sich. Und alle haben sie etwas, das fehlt. Mal sind es Menschen, mal Plätze, mal Erinnerungen, mal Atmosphäre. Was wirklich zählt ist aber, was man draus macht. Man kann sich seine Heimat selber schaffen. Das passiert einerseits in Gedanken, das passiert aber hauptsächlich real durch Taten. Durch ein Sich-Einlassen. Durch den Entscheid:

Hier bin ich Mensch, hier will ich sein.

Bei Herrn Goethe hiess es, er dürfe da sein, ich wandle ab  hin zu „hier will ich sein“. Was andere denken, dass ich es dürfe oder soll, ist irrelevant. Ich hörte oft, ich sei zu oft umgezogen, das hätte ich nicht fürfen, schon meines Sohnes wegen. Wir haben das gut gepackt, weil wir es gemeinsam wollten. Nun bleiben wir. Weil wir es wollen. Wir lassen uns ein und bauen was auf. Vielleicht wird es irgendwann wieder ändern. Für heute stimmt es so. Was das Leben bringt, werden wir sehen. Mein Fazit für heute?

Heimat ist, wo man sein will, weil es sich gut anfühlt.

Dass das so ist, braucht es mehr als nur Gedanken, es braucht Taten und ein sich drauf einlassen. Immer wieder, immer von Neuem. Und wenn es sich gut anfühlt, dann ist es gut. Denken kann man dann wieder, wenn das ändert. Und nicht immer stimmt der Ort nicht.