Schöne neue Online-Welt

In einer Welt,
die durch Klicks nur regiert,
zählt nicht mehr der Mensch,
zählt nur noch sein Schein.

Zurück bleiben Wesen,
nach Norm geformt,
die sich


likeswirksam

in Szene nur setzen
und propagier’n,
dass dies sei das Leben.

Zurück bleiben die,
welche ihr ganzes Sein
daran dann messen und
sich degradiern.

Theodor Fontane: Nicht Glückes bar sind deine Lenze

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Nicht Glückes bar sind deine Lenze

Nicht Glückes bar sind deine Lenze,
Du forderst nur des Glücks zu viel;
Gib deinem Wunsche Maß und Grenze,
Und dir entgegen kommt das Ziel.

Wie dumpfes Unkraut laß vermodern,
Was in dir noch des Glaubens ist:
Du hättest doppelt einzufordern
Des Lebens Glück, weil du es bist.

Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen,
Es ist nicht dort, es ist nicht hier;
Lern‘ überwinden, lern‘ entsagen,
Und ungeahnt erblüht es dir.

(Geburtstagsgedicht)
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man das Glück sucht oder glücklich ist, oder wenn man Geburtstag hat

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Mein Glück!

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900)

Mein Glück!
(1887)

Die Tauben von San Marco seh ich wieder:
Still ist der Platz, Vormittag ruht darauf.
In sanfter Kühle schick’ ich müssig Lieder
Gleich Taubenschwärmen in das Blau hinauf –
Und locke sie zurück,
Noch einen Reim zu hängen in’s Gefieder
– mein Glück! Mein Glück!

Du stilles Himmels-Dach, blau-licht, von Seide,
Wie schwebst du schirmend ob des bunten Bau’s,
Den ich – was sag ich? – liebe, fürchte, neide…
Die Seele wahrlich tränk’ ich gern ihm aus!
Gäb’ ich sie je zurück? –
Nein, still davon, du Augen-Wunderweide!
– mein Glück! Mein Glück!

Du strenger Thurm, mit welchem Löwendrange
Stiegst du empor hier, siegreich, sonder Müh!
Du überklingst den Platz mit tiefem Klange –:
Französisch, wärst du sein accent aigu?
Blieb ich gleich dir zurück,
Ich wüsste, aus welch seidenweichem Zwange…
– mein Glück! Mein Glück!

Fort, fort, Musik! Lass erst die Schatten dunkeln
Und wachsen bis zur braunen lauen Nacht!
Zum Tone ist’s zu früh am Tag, noch funkeln
Die Gold-Zieraten nicht in Rosen-Pracht,
Noch blieb viel Tag zurück,
Viel Tag für Dichten, Schleichen, Einsam-Munkeln
– mein Glück! Mein Glück!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man glücklich ist oder das Glück sucht

Annette von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor

Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)

Der Knabe im Moor
(1842)

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor‘,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran! nur immer im Lauf,
Voran, als woll‘ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
»Ho, ho, meine arme Seele!«
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär‘ nicht Schutzengel in seiner Näh‘,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man von Angst geplagt ist.

Hermann Hesse: Frühling

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Frühling*

Auf den Text muss hier leider aus urheberrechtlichen Gründen verzichtet werden, er kann aber HIER angehört und gelesen werden.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht für den Frühling und wenn etwas zu Ende ging, man darüber traurig ist

Frühling steht für Neuanfang, steht dafür, dass es wieder heller wird, leichter auch. Wo Licht ist, hebt sich auch das Herz. Neuer Mut kommt auf, das Schöne belebt das Gemüt und man möchte das Schwere des Winters vergessen, hinter sich lassen.

Tief drin weiss man, dass das Schöne vergehen wird, aber man weiss ebenso, dass der nächste Frühling kommt, dass auf jedes Dunkel Licht folgt. Mit diesem Wissen lässt es sich den Augenblick geniessen, als würde der Frühling beim Abschied sagen: „Heute ist nicht aller Tage, ich komm‘ wieder, keine Frage.“

*zit. nach Hermann Hesse: Sämtliche Gedichte, Suhrkamp Verlag 2013.

Wilhelm Busch: Kritik des Herzens

Wilhelm Busch (1832 – 1908)

Kritik des Herzens

Ich wusste, sie ist in der Küchen,
Ich bin ihr leise nachgeschlichen.
Ich wollt’ ihr ew’ge Treue schwören
Und fragen, willst du mir gehören?

Auf einmal aber stutzte ich.
Sie kramte zwischen dem Gewürze;
Dann schneuzte sie und putzte sich
Die Nase mit der Schürze.

(1874)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man unglücklich liebt

Manchmal stellen wir uns die Realität plastisch vor, machen unsere Pläne von unseren Vorstellungen abhängig, nur um dann mit der Realität konfrontiert zu werden – und alles platzt wie eine Seifenblase. Hier verlor die Köchin plötzlich ihren Reiz, weil sie doch nicht so toll war, wie gedacht. Vielleicht ist noch so manche® Angebetete in Tat und Wahrheit nicht so toll, wie man sich das vorstellt, während man darüber weint, dass die eigene Liebe nicht erwidert wird?

Oft ist es auch andersrum: Wir bauschen Risiken und Gefahren auf, malen sie uns in düstersten Farben aus und lähmen uns selber durch immer grösser werdende Ängste, nur um dann zu sehen: Eigentlich ging alles gut, war alles gar nicht so schlimm. So ist es denn besser, das Leben Schritt für Schritt anzugehen und zu schauen, was wirklich ist, statt sich in eigene Vorstellungen zu versteigen.

Johann Wolfgang von Goethe: Nähe des Geliebten

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Nähe des Geliebten
(1827)

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wanderer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne:
O wärst du da!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder Sehnsucht hat

Christian Morgenstern: Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Einsam fährt sie im Wagen nach Haus,
das Fest ist aus.
Der Schwarm zertrieb…
Wer hat sie lieb?

Sie schaudert und friert.
Wie sich so alles hinweg verliert
ins Unabsehbare,
ins Unverstehbare.

Wo bliebt, Freunde, ihr?

Nur die Furcht sitzt neben mir.
Was seid ihr so weit!
Mein Herz schreit – schreit – schreit.

Ein jeder mit seiner Lust,
ein jeder mit seiner Pein,

jedes Herz in seiner Brust
allein, allein, allein.

O wilder Vogel Seele,
den nie einer fängt!
o wilder Vogel Seele,

der nie sein Herz an andre hängt!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man einsam ist