„Das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wenn wir unsere volle Aufmerksamkeit auf etwas richten, hat daneben nichts mehr Platz. Egal wie klein oder gross das so beachtete ist: Es ist in dem Moment alles für uns. Wenn wir uns ganz unserem Hobby hingeben, verlieren wir förmlich das Gefühl für Zeit, wir sind tief in unserem Tun versunken. Schön!
Aber: Wie oft geht es uns genau so, wenn wir ein Problem haben? Wir sehen nur noch dieses, kreisen den ganzen Tag darum, sehen all die anderen – oft auch guten – Dinge in unserem Leben kaum mehr.

Aufmerksamkeit alleine ist nicht per se gut oder schlecht, die Frage ist immer auch: Worauf richten wir sie?

„Gelassenheit können nur jene erreichen, die ein unerschütterliches und klares Urteilsvermögen haben – der Rest hadert ständig mit seinen Entscheidungen schwankt hin und her zwischen Ablehnung und Akzeptanz.“ (Seneca)

Ich bin, um es gelinde auszudrücken, nicht immer sehr entscheidungsfreudig gewesen. Ich konnte sogar bei den banalsten Fragen hin und her überlegen, Argumente wälzen und zu keinem Schluss kommen. Bei den schwierigen Fragen war es umso schlimmer. Schlussendlich wollte ich die richtige Entscheidung treffen.

Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, zeigt sich meist erst hinterher. Oft sind aber nicht mal Argumente ausschlaggebend, man weiss tief drin, was man eigentlich will und was passt – eine innere Stimme, ein Bauchgefühl. Und wie oft sagen wir im Nachhinein: „Hätte ich nur drauf gehört.“

Was dazu kommt: Würden wir drauf hören, hätten wir unsere Entscheidung und damit auch wieder Ruhe. Dieses andauernde Wälzen von Argumenten, dieses Hin und Her im Geist bringt meist vor allem eines mit sich: Unruhe.

Wenn also wieder einmal eine Entscheidung ansteht: Eigentlich weißt du die Antwort. Wenn du ihr nicht traust, wirf eine Münze. Fällt sie und du bist enttäuscht, hast du die Antwort auch, fällt sie und du bist froh, ebenfalls.

„Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ (Joan Didion)

Wir gehen durchs Leben und erzählen uns und anderen unsere Geschichte. Es ist eine Geschichte unseres Lebens, die Aneinanderreihung von Erfahrungen und Erlebnissen, die schlussendlich das ausmacht, was wir „ich“ nennen. Wir sind uns dabei selten bewusst, dass wir nur eine mögliche Geschichte erzählen, dass es noch viele andere gäbe. Noch seltener sind wir uns bewusst, dass das, was wir aus der Erinnerung als unsere Geschichte erzählen, oft anders war, als wir uns erinnern, da unser Gedächtnis die phänomenale Gabe hat, Erzählungen so zu strukturieren, dass sie Sinn ergeben, dass sie in einem Kontext stehen und darin schlüssig und nachvollziehbar klingen. Das heisst nicht, dass wir lügen, schon gar nicht bewusst, es ist nur nicht die Wahrheit, schon gar nicht die ganze.

Das Gute daran ist: Wir können unsere Geschichten ändern. Auch das ohne zu lügen. Indem wir auf andere Erfahrungen und Ereignisse fokussieren, andere Perspektiven einnehmen, ergeben sich neue Geschichten. Gerade wenn wir mit unserer Geschichte hadern, kann das heilsam sein.

Vielleicht fragst du dich mal: Was ist meine Geschichte? Und dann schau genau hin, ob es die einzig mögliche ist oder ob du nicht noch mehr findest. Und vielleicht findest du sogar die Geschichte, die dir hilft, gut damit weiter zu leben, weil sie dir etwas mit auf den Weg gibt, das dir Kraft für die Zukunft gibt.

Wir Menschen sind stolz auf unsere Begabung zur Vernunft und zur Liebe. Deswegen neigen wir zu ziemlich aufwendigen Zeremonien und beglückwünschen uns gern selbst, wenn wir den Eindruck haben, tatsächlich eine dieser Fähigkeiten zu realisieren. […] Beide sind problematisch, und ihr Verhältnis zueinander ist unklar.

In den beiden Vorlesungen Uns selbst ernst nehmen und Richtigliegen versucht Harry G. Frankfurt, dieses Verhältnis zu durchleuchten und die Liebe und die Vernunft als dem Menschen inhärente Fähigkeiten zu erklären. Harry G. Frankfurt stellt die Autorität der Liebe über die der Vernunft. Die Autorität der Vernunft gründe gar in der der Liebe. Die Liebe selber erachtet er als Sache des Willens. Und somit steht dieser an erster und oberster Stelle, von wo alles ausgeht.

Frankfurts Liebesbegriff ist frei von romantischen Spuren, Liebe ist für ihn verbunden mit der Sorge um etwas, dem sich Kümmern um eine Person oder Sache. Diese Form von Liebe setzt Ziele und somit Handlungen in Gang. Indem wir wissen, was uns wichtig ist, worum wir uns kümmern wollen, können wir unser Handeln auf diese Punkte fokussieren. Wir setzen also unseren freien Willen um.

Wichtig dabei ist, so Frankfurt, dass man sich immer wieder interfragt, um sich näher kennen zu lernen. Diese Fähigkeit der Selbsthinterfragung nennt Frankfurt denn auch das, was den Menschen grundlegend ausmacht.

Es ist unser besonderes Talent, uns von dem unmittelbaren Inhalt und Fluss unseres eigenen Bewusstseins abzusetzen und eine Art Spaltung innerhalb unseres Denkens einführen zu können. Dieses elementare Manöver etabliert eine nach innen gerichtete kontrollierende Überwachung. Es schafft eine elementare reflexive Struktur, die es uns ermöglicht, unsere Aufmerksamkeit

Erst wenn wir uns selber hinterfragen, nehmen wir uns auch ernst. Dann finden wir heraus, was wir wirklich wollen, welches wirklich die Stimme der Liebe und der Vernunft ist und wo wir Irrtümern und falschen Beweggründen aufsitzen.

Fazit:
Ein hoch komplexes und trotzdem schön lesbares Werk über die Liebe und die Vernunft. Diese beiden Vorlesungen behandeln Themen, die für den Menschen zentral sind: Wie sollen wir handeln, worauf unser Handeln stützen. Drei Kommentare runden das Ganze ab, einerseits Christine Korsgaards Beitrag über die Beziehung von Sorge und Moral, Michael Bratmans Frage, ob wirklich die Liebe handlungsbegründend ist, sowie Meir Dan-Cohens Untersuchung nach der Rolle der Verantwortung in Harry G. Frankfurts Essays.

 

BildAngaben zum Buch:
Harry G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007.

Gebundene Ausgabe: 145 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (2007)
Preis: EUR: 18.80 ; CHF 34.50

 

Aristoteles stellte in einer Kategorienschrift 10 Kategorien fest, welche als Elementarbegriffe des Denkens zu gelten hätten. Die erste Kategorie war das Sein, die achte erst das Haben. Betrachtet man die Philosophie seit Aristoteles, so wurde dem Haben im vergleich zum Sein wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Kant zum Beispiel kritisierte die Kategorisierung, setzte ihr eine eigene entgegen und liess das Haben ganz weg. Dieser Haltung schliessen sich auch die kommenden Philosophen mehrheitlich an.

Harald Weinrich will dem stiefmütterlichen Dasein des Habens ein Ende bereiten mit seinem neuen Werk. Er beleuchtet das Haben bei Philosophen wie Aristoteles und Kant, lässt Schopenhauer und Heidegger zu Wort kommen. Er geht des Weiteren auf eine Sprachreise, beleuchtet Das Wort „haben“ etymologisch sowie aufgrund seiner Beziehungen und seines Gebrauchs.

Seine Reise geht weiter von der Bibel hin zu Thomas Mann, streift die Märchenwelt und führt in die Malerei. Weinrich stellt den Begriff anhand von Robinson, Mephistopheles und Romeo und Julia dar, führt den Leser auf Inseln, in die Schweiz und nach Preussen, greift auf Hitler zurück und den Sängerkrieg vom Rhein und führt schlussendlich zu den Menschenrechten, welche er als Haben-Rechte deklariert.

Harald Weinrich streift in seinem Buch über das Haben kreuz und quer durch alle möglichen Bereiche, die sich um das Haben drehen. Er streift sie kurz, schneidet sie an, hinterfragt am Rande, geht weiter. Dies tut er teilweise wissenschaftlich, teilweise aufgrund biographischer Erlebnisse, ab und an mit Witz, oft ganz ernst. Er liefert damit ein vielseitiges Buch, das viele Einblicke liefert, dabei ab und an die Tiefe vermissen lässt. Oft stellt man sich die Frage, was genau der Sinn dahinter ist. Weiss man nun, was Haben ist? Hat man nun den Durchblick?

Das Werk lässt ein wenig den roten Faden vermissen, der nur in dem einen Wort besteht – dem Haben. Es fehlt der Aufbau, die Abfolge. Die einzelnen Kapitel wirken wie lose aneinander gereihte Boote, welche  auf der Oberfläche eines Sees schwimmen. Die Tiefe des Sees erreicht keines davon. Diese Oberflächlichkeit, die man dem Buch vorwerfen kann, hilft auf der anderen Seite, kein Thema über Gebühr zu strapazieren und sorgt für eine abwechslungsreiche Lesereise.

Fazit:

Ein vielseitiges Buch von einem auf vielen Gebieten bewanderten Autor.

(Harald Weinrich: Über das Haben. 33. Ansichten, C.H.Beck Verlag, München 2012.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 207 Seiten

Verlag: C. H. Beck Verlag (23. August 2012)

Preis: EUR: 19.95 ; CHF 31.90

 

 

 

 

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