Der Sommer ist da und die Sonne brennt, die Temperaturen bewegen sich gegen 30 Grad und der Schweiss rinnt. Es liegt wohl allen etwas auf der Zunge:

Es ist heiss!

Ich erinnere mich gut an letzten Sommer. Die Temperaturen waren ebenso hoch und es schallte vom Nachbarsbalkon durchs ganze Quartier:

„Hans, es ist heiss!“

Manchmal doppelte die Nachbarin noch nach:

„Hans, eine Hitze ist das, unglaublich.“

Wir wussten dann, dass es heiss ist und wir wussten: Den beiden geht es gut. Das war nicht immer so. An diese Rufe gewohnt, blieben sie im Jahr davor plötzlich aus. Auch sah man die Nachbarin nie mehr auf dem Balkon. Dachten wir kurz noch an Urlaub, machten wir uns bald Sorgen. Da besagte Nachbarin aber im Haus nebenan wohnte, hatten wir keine Ahnung, wie sie heisst und wo wir klingeln müssten oder sonst etwas erfahren könnten. Täglich blickten wir zum Balkon hoch, versuchten, Veränderungen festzustellen und beratschlagten, ob man nicht doch jemanden fragen könnte. Alle, die wir ansprachen, wussten nichts. Irgendwann klang es wieder vom Balkon:

„Hans, alle meine Geranien sind kaputt.“

Es tat uns leid um die Blumen und das offensichtliche Leid der Frau, aber wir waren so froh, ihre Stimme zu hören. Von da an freuten wir uns immer über die Rufe, die im Winter lauteten:

„Hans, es ist kalt!“

oder

„Hans, hier liegt so viel Schnee, unglaublich!“

und im Sommer in Hitzerufe übergingen (oder den Regen bemerkten oder die Blumen lobten).

Diesen Sommer rief sie nicht mehr. Schon im Frühling war es still gewesen, aber sie war noch da, wir sahen sie immer. Irgendwann hörte ich, wie sie einem Nachbarn erzählte, dass ihr Mann im Pflegeheim sei. Er muss schon lange Krebs haben, bislang hatte die Spitex geholfen, nun ging das nicht mehr. Die Frau klagte von einsamen Abenden. Und nun gab es keinen Hans mehr, dem sie ihre Beobachtungen mitteilen konnte.

In der Erinnerung höre ich sie immer noch:

„Hans, es ist heiss!“

Und ich vermisse es. Diese Rufe hatten etwas Vertrautes, sie gaben ein Gefühl von Zuhause und von Nachbarschaft. Ich weiss, dass die Frau immer unseren Hund beobachtet und ihn mag. Einmal dankte sie mir für meine Weihnachtsbeleuchtung, die ihr jeden Abend Freude bereitete. Es ist eine Verbindung, die wohl für beide schön ist. Ich stehe nun immer mal auf den Gartensitzplatz und rede mit ihr von mir unten zu ihr hoch. Und ich höre, wie andere Nachbarn das auch tun. Das finde ich wunderschön. Ein Stück Menschlichkeit im Alltag der Grossstadt.

Es war einmal ein Buddha. Der wohnte im Garten einer Wohnung inmitten von Zürich. Eines Tages dachte die Bewohnerin der Wohnung, wie schön es wäre, wenn sie den Buddha täglich im Blick hätte von ihrem Atelierfenster aus. Die Bewohnerin hatte Glück, da just vor ihrem Fenster nur ein dünner Streifen Rasen lag, dahinter erhob sich eine Mauer, die den Garten vom Garagenabstieg trennte. Die Mauer hatte exakt die richtige Höhe, so dass sie den Buddha draufstellen konnte und ihn fortan über ihren Bildschirm hinweg immer im Blick hatte.

So lebten sie glücklich weiter – bis…….das Unheil seinen Lauf nahm. Einem netten Nachbarn gefiel es wohl nicht, dass auf der quasi öffentlichen Garagenabstiegsmauer ein privater Buddha sass. Schnell stieg er in den Garten (von der anderen Seite kam man nicht daran), nahm den Buddha von der Mauer und stellte ihn unters Fenster der Wohnungsbewohnerin. Sollte doch alles seine Ordnung haben und das ging ja gar nicht: Das war eine unerlaubte und unziemliche Mauerzweckentfremdung.

BuddhaDie Wohnungsbewohnerin sah bald, wie ihr geschehen war. Das konnte und wollte sie so nicht hinnehmen. Damit auch wirklich kein netter Nachbar mehr in seinen Ordnungsgefühlen verletzt sei, dachte sie sich etwas aus: Aus den Beinen des Grills, dem Grillrost und einem umgestülpten Blumentopf baute sie ein Podest und stellte den Buddha drauf. Ein schnelles Probesitzen zeigte: Buddha wieder im Blick.

Der Unterbau ist zwar nicht schön, doch sieht sie den hinter dem Bildschirm zum Glück nicht. Den sieht nur noch der nette Nachbar, wenn er aus dem Haus geht.

Version 2Der Hund bellt. Irgendwas muss draussen sein. Ich eile zum Fenster und sehe es schon: Nachbars Hund. In unserem Garten. Und: Er kackt. Laut rufe ich „Scheisshund“ und bemerke erst dann, dass das Fenster offen ist. Es liegt in der Natur der Nachbarschaft, dass der Nachbar in Hördistanz ist und es sicher gehört haben muss, zumal ich diesen unmittelbar nach meinem Ausruf nach seinem Hund rufen höre.

Mann, ist das peinlich!

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich den Hund zuckersüss finde und den Nachbarn eigentlich mag. Trotzdem sammelte ich schon ab und an Hundekot in unserer Wiese ein und passe auf den eigenen Hund immer auf – zumal der eh nie einfach so herumstreunt. Und mein Hund bellt, wenn der andere Hund in unserem Garten ist, wie er immer bellt, wenn irgendwer nur schon dran vorbei läuft. Und ich habe immer Angst, dass er damit die Nachbarn nervt, weswegen ich peinlichst darauf bedacht bin, dass er eben ruhig ist. Dabei ist ein Nachbarshund im Garten nicht förderlich….

Kürzlich sassen der Hund und ich im Garten. Ich las, der Hund schlief. Ich schaute immer wieder, ob er auch noch da ist, nicht plötzlich irgendwo verschwindet, schliesslich passt man ja auf seinen Hund auf. Dass der Hund auch nie einfach im Blickfeld liegt, sondern man sich immer verbiegen muss, um ihn zu sehen, liegt wohl irgendwie in der Natur der Sache oder entspricht Murphy’s Law. Irgendwas wird es sein.

Dann musste ich rein, war in Gedanken und ins Gespräch vertieft. Verrichtete drinnen, was zu tun war, als es klingelte. Ich fragte mich, ob nun die Post oder sonst wer käme, öffnete nichts ahnend die Tür… Nachbars Tochter. Mit meinem Hund auf dem Arm. Er hatte den Weg zu ihnen gefunden. Und seit er ihn gefunden hat, will er ihn immer wieder ausprobieren, er schaffte es schon in Nachbars Wohnzimmer.

Mann, ist das peinlich!

Miteinander durchs Leben gehen

Als Ferdinand eines Tages nach Hause fährt, läuft der Hund seiner Nachbarin Marceline vor seinem Auto auf die Strasse. Ferdinand bringt ihn heim, findet Marceline in einem besorgniserregenden Zustand. Marceline lebt in einem baufälligen kleinen Haus, der nächste Regen bringt das deutlich ans Tageslicht, denn das Dach ist undicht und setzt die Wohnstube unter Wasser. Kurzerhand nimmt Ferdinand Marceline mit ihren Tieren bei sich auf. Platz genug hat er ja.

„Ich kann keine Miete zahlen, das wissen Sie genau.“
„Ich habe nichts von Ihnen verlangt.“
„Warum tun Sie das?“
„Weil es normal ist.“
„Was ist normal?“
„Sich gegenseitig zu helfen.“

Die kleine Wohngemeinschaft funktioniert wunderbar, Hund, Katzen, Esel, Hühner und die beiden Menschen leben einträchtig beieinander. Ab und an kriegen sie Besuch von Ferdinands Enkeln, die frischen Wind ins Haus bringen. Und schon bald wächst die Wohngemeinschaft an, da noch mehr Menschen Hilfe brauchen können und es schliesslich normal ist, sich gegenseitig zu helfen. Die Bewohner des ehemals viel zu grossen Bauernhofs wachsen zusammen und bauen sich miteinander ein Leben auf, bei dem für alle gesorgt ist. Selbst vor neuen Herausforderungen schrecken sie nicht zurück, nehmen sie gelassen und mit Freude.

Hortense [sie ist 95, S.M.] ist ganz aufgeregt, sie will so gern im Web surfen! Einer Maus auf dem Rücken rumklicken! Ein Fässbuch-Profil anlegen! Sie liebt ihre zwei neuen Freunde, vor allem den jungen Mann findet sie witzig, interessant und gutaussehend…oh, là, là!

Barbara Constantine gelingt es, in einer einfachen Sprache eine warmherzige Geschichte von Menschen zu erzählen, die das Schicksal zusammen gewürfelt hat, die sich zusammentun und ihr Leben in die Hand nehmen. Es ist die Geschichte von älteren Menschen, von denen jeder eine traurige Geschichte hinter sich hat, die durch die Gemeinschaft wieder an eine Zukunft glauben und beherzt in diese schreiten. Es ist eine Geschichte voller Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Zuneigung.

Und dann kam Paulette lässt einen lächeln, mitfühlen, sich freuen, hoffen und enttäuscht einen in keiner Art und Weise. Es ist eine unglaublich berührende Geschichte, die durch die Leichtigkeit des Erzählens, die direkte Sprache, welche die jeweiligen Charaktere widerspiegelt und beschreibt sehr nahe geht. Lesegenuss pur. Der einzige Haken: Viel zu schnell ist das Buch gelesen und man wäre so gerne noch länger in der Welt von Ferdinand, Marceline und den anderen geblieben.

Fazit:
Ein berührender, herzlicher, menschlicher, liebenswürdiger Roman. Unbedingt lesen!

Zur Autorin
Barbara Constantine
Barbara Constantine ist 1955 in Nizza geboren. Heute pendelt sie zwischen Berry (weil sie das Landleben liebt), Biarritz (der Familie wegen) und Paris (weil auch das Stadtleben ganz nett sein kann – manchmal jedenfalls) hin und her. Sie ist Drehbuchautorin, Töpferin und Schriftstellerin. Daneben liebt sie es, Bäume zu pflanzen, Scheunen wiederherzurichten und Zeit mit ihren beiden Katzen Alcide Pétochard (ein freundlicher Chamallow) und Pétunia Trouduc (eine kleine Zicke) zu verbringen. Von Barbara Constantine erschienen sind unter anderem Drei Wünsche an den Sommer (2010), Kleiner Tom, was nun? (2012), Und dann kam Paulette (2013).

ConstantinePauletteAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kindler Verlag (8. März 2013)
Übersetzung von: Ina Kronenberger
ISBN-Nr.: 978-3463406411
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

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