„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

Musik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Wenn es mir nicht gut geht, hörte ich Musik und fühle mich irgendwie gehalten, oft hilft die Musik auch, dass ich mich bald wieder besser fühle. Geht es mir gut, verstärkte die Musik das Gefühl noch. Ich habe auch viele Lieder, die ich mit (immer schönen) Erinnerungen verbinde. Läuft ein solches, kommt gleich auch die Erinnerung und damit das gute Gefühl von damals hoch.

Es gibt Musik, bei der ich genau weiss, dass ich gute Laune kriege, wenn ich sie höre, Musik, die mir beim Träumen hilft, Musik, die schöne Momente noch untermalt. Nun habe ich neu begonnen, Gitarre zu spielen. Und auch wenn ich nur ein paar Akkorde kann aktuell, tut mir das Spielen gut, bringt es mich in eine andere Welt. Vor allem, wenn meine Welt mal nicht so hell erscheint, hilft die Musik, wieder ein wenig Sonne hereinzubringen.

Probiere es mal aus: Wenn du traurig oder wütend bist, schlechte Laune hast – höre ein Lied, von dem du weißt, dass es dich fröhlich macht, zu dem du am liebsten tanzen würdest. Und dann singe und tanze. Und spüre, was mit dir passiert.

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.

Der Ausspruch stammt von Nietzsche. Nun kann man sagen, das sei bloss ein irrer Philosoph gewesen, der am Schluss seinem Wahnsinn erlegen ist. Nur: Ich denke, er hat ganz viel ganz klar gesehen. Wohl zu klar. Mitunter kann man auch an der klaren Sicht, die anderen vernebelt ist, verzweifelt. Viele kennen das aus Situationen, wenn sie sich im Streit unverstanden fühlen. Statt Nietzsche einen Irren zu schimpfen können sie im nächsten Streit sagen:

Schon Nietzsche wusste von meinem Leiden.

Aber von vorne:

Ich liebte – man glaubte es kaum, wüsste man, dass ich um eine absolut unmusikalische Mutter aufgewachsen bin – Musik schon immer. (Nun gut, die besagte Mutter las auch kein Buch lief aber unermüdlich mit mir zur Bibliothek und hat mich so mit der wohl prägendsten Sache infiziert: Literatur) Ich war die, welche irgendwo irgendwas aufschnappte und das haben wollte. Sie beauftragte den Papa und der zog los. Durch alle Geschäfte der (nicht gar so grossen, aber immerhin damals auf siebter Stelle im helvetischen System rangierenden) Stadt. Auskunft war immer: Das hört hier noch keiner, oder: das hört hier keiner mehr. Ich war immer ausserhalb von Zeit und Raum.

Ich könnte nun noch anfügen, wie mein Papa die unmusikalische Mutter damals erobert hatte: Er zog von Diskothek zu Diskothek und sang denen ein Lied vor, das seiner Angebeteten ach so gefiel, um diese dann mit der Platte zu überraschen. Ob er gut sang, sei dahin gestellt, nur: Welche Frau würde sich so einen Einsatz nicht wünschen? Er hatte es gefunden. Ich füge das nun nicht an, es würde zu weit führen, wenn es auch erklären könnte, wieso ich exakt ihn engagierte, meine Musikwünsche heimzubringen (die eigene Bequemlichkeit kehre ich mal ganz unter den Teppich).

Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwann war das besagte Album bei mir zu Hause. Zuerst auf Vinyl, dann auf CD. Meist gefiel das eine Lied, weswegen man das Album haben wollte, der Rest war so „na ja“. Klar gab es Sampler, die beherbergten dann viele tolle Lieder. Nur: Die waren nie alle dem Geschmack entsprechend. Also auch mehrheitlich „na ja“. Weil man die Künstleralben schon mal hatte, hörte man sie auch. Wir hatten nicht so viel, es ist lange her. Und irgendwann erschloss sich meist auch der Sinn in den weniger eingängigen Stücken. Und nicht selten war plötzlich ein ganz anderes Lied Liebling auf einem Album, welches wir nur wegen eines Liedes gekauft hatten.

Zwischendurch hörte man Radio. Daher hatte man ja all die Lieder, die es nicht oder nicht mehr gab – ab und an auch von obskuren Bekanntschaften oder aus Diskos, Filmen oder mehr…. Das ist heute obsolet. Wir haben Spotify. Da kann man suchen, was man will und findet es. Man dreht musikalisch im immer gleichen Universum. Am Anfang nur ansatzweise, weil man reinträgt, was man irgendwo hörte. Bald schon schlägt einem Spotify vor, was einem gefallen könnte. Spotify packt das gar in einen Mix der Woche. Da klingen dann alle Lieder so wie das, was man oft hörte. Und klar gefällt es, man hätte das andere sonst nicht gehört. Wenn man ein wenig Musikvergangenheit hat, kennt man auch alles Vorgeschlagene. Und man hat nie mehr das Bedürfnis, weiter zu suchen, denn: Man kriegt geliefert, was gefällt. Was will man mehr? Man dreht im eigenen Universum, man muss nie mehr raus. Man muss nicht suchen, nicht Neues entdecken. Da ist ein Dienst, der einem sagt, was zu einem passt.

So funktioniert wohl bald das ganze Leben. Nicht nur in der Musik.

Wieder stiess ich über sieben Ecken (aka Blogs) auf eine wunderbare Aktion, bei der ich gerne mitmachen möchte. Ein Aufruf: Die Welt braucht mehr Liebe – Blogger spielen Liebeslieder (Link zum Ursprungsartikel: HIER)

Musik spielte in meinem Leben immer eine wichtige Rolle, ich erinnere mich an Lieder, die ich als unglücklich verliebter Teenager in Endlosschleife hörte und das Kissen vollweinte, ich erinnere mich an schöne Momente und die Musik, die damals lief – und beim Wiederhören kommt die Erinnerung wieder hoch. Ich erinnere mich an Lieder, die ich geschenkt erhielt, an Lieder, die auf Ausflügen liefen und dadurch eine Bedeutung kriegten. Ich erinnere mich an Lieder, die mich zum tanzen brachten, solche, die mich zum träumen brachten – und bringen.

Was ist das schönste Liebeslied? Das ist schwer, denn es gibt so viele wunderbare Liebeslieder, ich entscheide mich für dieses:

Udo Jürgens ist einer der Künstler, die mich über Jahre begleitet haben. Ich war an jedem Konzert in Zürich, teilweise zweimal pro Tour – ich war auch am Konzert im Video. Dieses Lied ist für mich wundervoll sowohl vom Text, von den Stimmen, von der Melodie – es schraubt sich hoch und ich fühle, was sie singen. Es spricht die Wünsche und Sehnsüchte an, die man in einer Liebe hat, es ist voller Zuversicht.

Bob Dylan kriegt den diesjährigen Literaturnobelpreis. Einige jubeln, einige finden „endlich“ und ganz viele regen sich auf. Sie meinen, das sei keine Literatur. Sie weinen um die verpassten Chancen von Roth und Murakami. Der Buchhandel weint mit, weil er nun keine Bücher verkauft.

Aber: Wann ist Literatur Literatur? Hört ein Text auf, Literatur zu sein, wenn er musikalisch unterlegt wird? Muss Literatur zwischen Buchtexten stehen? Sind Gedichte Literatur und wo ist ihre Grenze zum Musiktext?

Musiktexte sind Literatur. Dass sie bislang ignoriert wurden, könnte man auch bemängeln. Literatur will sich immer wieder neu erfinden, liest man heutige Romane, lesen die sich anders als noch vor einigen Jahren. Und man jubelt darüber und schilt die, welche dem alten Roman nachtrauern einen Ewiggestrigen. Und dann, wenn Literatur weiter gefasst wird, als sie es grad für richtig halten, dann hört der Fortschrittsgeist auf? Dann möchte man die Literatur zwischen Deckel pressen und in Schubladen verstanden wissen?

Zudem: Ist der Literaturnobelpreis echt dazu geschaffen, einer Branche Einkünfte zu verschaffen? Wohl kaum. Dafür haben wir noch den Buchhandelspreis, den kann man gerne so steuern, dass er einträglich ist.