Wenn die Fremden dir die Heimat nehmen

Heute las ich auf Facebook einen Artikel, der im Tagesanzeiger erschienen ist. Der Autor Maurus Federspiel (wer auch immer das ist, ich kenne ihn nicht) hat geschrieben. Viel geschrieben. Über „sein“ Quartier in Zürich. Seins ist es, da er da aufwuchs. Nun erkennt er es nicht wieder, nein, schlimmer, er fühlt sich fremd. Weil so viele Fremde da seien. Er hört Sprachen, die er nicht versteht. Und fühlt sich fremd. Schliesslich ist man in der Sprache zu hause. Gerade als Autor. Was auch immer er geschrieben haben mag. Es wäre auch irrelevant, würde nicht da stehen, er sei Autor. Aber darum geht es nicht.

Da haben wir also diesen armen Mann, der mal ein Zuhause hatte, das ihm nun genommen wurde. Durch Einwanderer und fremde Sprachen. Er ist also quasi ein Heimatloser. Und wäre es nicht so furchtbar traurig, wäre es schon fast witzig, da er es ist, weil andere ihre Heimat verlassen mussten und nun in seiner sitzen. Das Leid der Anderen sieht er dabei nicht so wirklich, nur so seines durch ihr Dasein.

Wir haben also einen völlig empathiefreien Jammerautoren, der von einer Zeitung eine Plattform kriegte, über das grosse Leid in Zürich zu schreiben. Es geht uns so unendlich schlecht hier, weil Menschen anderer Herkunft unsere Quartiere besiedeln. Das war früher besser. Ganz sicher. Ok, wenigstens waren es damals Italiener, die mochte man damals auch nicht und beschimpfte sie als Tschingge, aber so im Rückblick waren die quasi welche von uns. Und überhaupt, damals fühlten wir uns noch zu Hause, wir haben mit Giovanni im Sandkasten gespielt. Über die Tschinggen schimpften nur die Eltern – auch nicht alle, die von Maurus vielleicht schon – wir wissen es nicht.

So oder so: Ganz vieles, das auf ganz viel Platz so steht im Artikel, entbehrt jeglicher Wahrheit. Es ist rein emotionales Geschreibe. Emotionen finde ich toll, aber nie da, wo es um Fragen der Ethik geht. Dass eine Zeitung einem so unfundierten, hochemotionalen, durch die Emotionen unprofessionellen Schreiber eine Plattform gibt, finde ich höchst bedenklich. Das hier ist Meinungsmache in Reinkultur.

Nun kann man sagen: Meinungsäusserungsfreiheit. Das ist so. Ich achte die hoch. Medien haben aber den Auftrag, sachlich und informativ zu berichten, damit sich die Leser Meinungen bilden können. Das ist Stimmungsmache. Ich erwarte einen ebenso gelagerten Artikel aus der gegensätzlichen Sicht. Bitte. Sofort. Und dann bitte eine sachliche Analyse. Damit hätte dann der Leser der Zeitung die Chance, emotionale Argumente abzuwägen, und wenn möglich noch die Sachlichkeit dazu zu kriegen. Und vielleicht könnte er sich dann eine Meinung bilden. Und das wäre so wichtig in einer Demokratie.

Nur: Das Können muss erst ausgebildet sein… und daran krankt aktuell die Welt. Schulen sind wie Mastfarmen für Mastgänse, sie füllen die Schüler mit Wissen auf, das diese nie mehr brauchen können. Wer sich das Wissen nicht merkt, fällt heute schon durch die Maschen, wer es sich merkt, konkurriert fortan mit Wikipedia. Die Fähigkeit, selber zu denken, selber Argumente zu kreieren, richtig von falsch zu unterscheiden, das wird aktuell nicht gelehrt. Und das wäre die einzige Möglichkeit des Menschen, gegen Maschinen bestehen zu können. Ansonsten bilden wir viele weitere Maurüsschen aus. Die sind dann Autoren und schreiben Müll. Und Zeitungen drucken sie, Leser lesen sie und nicken. Und im Meer ertrinken jeden Tag still und stumm ein paar Flüchtlinge, die es zum Glück nicht geschafft haben, das Leben von Maurus in seinem Kreis zu beeinträchtigen….

Hier noch der Link zum Artikel: HIER

Und ja, ich war böse. Ich kenne Maurus nicht. Ich würde das aber mit ihm am Tisch ausdiskutieren, wenn er sich meldet.