Bertolt Brecht: Sonett Nr. 19

Bertolt Brecht (1898 – 1956)

Sonett Nr. 19

Nur eines möchte ich nicht: dass du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst

Und wenn du blind wärst, möchte ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt, als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein „Lass mich, denn ich bin verwundet!“
So gilt kein „Irgendwo“ und nur ein „Hier“
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie’s immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

(1939)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Man kennt Brecht mehrheitlich anders, zynischer, politischer – aber: Er kann auch so. Eines meiner liebsten Liebesgedichte!

Liebe ist, wenn man auch in dunklen Stunden zueinander steht. Sie ist, wenn man sich dem anderen mit all seinen Schwächen zeigen kann und weiss, er ist da. Gebraucht zu werden und zu brauchen mögen unfrei machen, nur:  Was nützt schon alle Freiheit, wenn man am Schluss alleine ist, ungeliebt, nicht liebend? Udo Jürgens sang dazu mal: „Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist alleine…“. Tief im Herzen wollen wir wohl alle das gleiche.

Stefan Zweig: Morgenlicht

Stefan Zweig (1881 – 1942)

Morgenlicht

(1901)
Nun wollen wir dem Licht entgegen,
Das um die Purpurwipfel rollt.
Das Leuchten flammt auf allen Wegen
Und wächst und wird zum Morgengold.

Die glutumlohten Tannen singen
Und Jubel bricht aus jedem Klang,
Wie kampfbereites Fahnenschwingen
Braust durch den Wald der Höhensang.

Und lauter werden alle Weisen
Und jedes Wesen sucht sein Lied,
Die Schaffenskraft des Lichts zu preisen,
Das nun ins volle Leben glüht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht für den Morgen

Mascha Kaléko: Memento

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.

(1945)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn jemand gestorben ist oder schwer krank ist

Es gibt wenig, das schwerer wiegt, als der Gedanke an ein Leben ohne die, welche man liebt.

(Zitiert nach Mascha Kaléko, Sämtliche Werke und Briefe, S. 227)

Rainer Maria Rilke: Die Liebende

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.