Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Was kann man vom eigenen Leben wissen?

„Das letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat“.

Tony Webster denkt über sein Leben nach, reist in der Zeit zurück bis zu seiner Schulzeit, der Zeit, in der Adrian Fynn in seine Klasse gekommen ist und sich ihm und seinen beiden Freunden anschloss, aus dem Dreier- in Vierergespann machte. Oder haben sich die drei Adrian angeschlossen? Wer war Ziehender, wer Gezogener? Die Geschichte scheint nicht so eindeutig, wie man sie gerne hätte. So oder so veränderte sich mit Adrian vieles im Leben der Jugendlichen.

„Natürlich waren wir prätentiös – wozu ist Jugend sonst da?“

Neben der Ausbildung, den Auseinandersetzungen mit Geschichte

„Geschichte ist ein Sandwich mit rohen Zwiebeln, Sir. […] Sie stösst einem immer wieder auf, Sir. Sie rülpst.“

Literatur und vielem mehr, was den Weg Jugendlicher säumt, spielen Sex und mögliche und unmögliche Beziehungen eine grosse Rolle im Leben der drei.

„Gewöhnlich verspricht die erste Liebe, selbst wenn sie nicht gut ausgeht – vielleicht gerade wenn sie nicht gut ausgeht -, dass wir nun endlich wüssten, was das Leben lebenswert macht und rechtfertigt.“

Nach der Schule trennen sich ihre Wege, bis eines Tages die Nachricht von Adrians Selbstmord die ehemaligen Freunde ereilt und neue Fragen aufwirft. Allen voran immer wieder die nach der eigenen Erinnerung, nach dem, was man eigentlich vom eigenen Leben weiss und wissen kann.

Auf sehr engem Raum entwickelt Julian Barnes eine tiefgründige Geschichte, die nachdenken lässt, mehr Fragen als Antworten liefert und Abgründe menschlichen Seins und Tuns offen legt. Ein packendes Buch, ein tiefes Buch, eines, das man schnell lesen möchte und dabei doch immer wieder innehält, in Gedanken versinkt, weiter liest und am Schluss ergriffen ist, weil die Geschichte nach der letzten Seite noch nicht zu Ende ist – zumindest nicht die eigene Auseinandersetzung damit.

Dazu passt ein Zitat von Max Frisch:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.“

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julian Barnes
Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Preise erhielt, zuletzt den David-Cohen-Prize, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter die Romane „Flauberts Papagei,“ „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ und „Darüber reden“. Julian Barnes lebt in London. Gertraude Krueger, 1949 geboren, lebt als Dozentin und freie Übersetzerin in Berlin. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. Sketche der Monty-Python-Truppe und Werke von Julian Barnes, Alice Walker, Siri Hustvedt, Jhumpa Lahiri und E.L. Doctorow.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & WitschVerlag (1. Dezember 2011)
ISBN-Nr.: 978-3462044331
Preis: EUR  18.99 / CHF 29.90

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Bethan Roberts: Der Liebhaber meines Mannes

Inhalt

«Eigentlich wollte ich mit diesen Worten beginnen: Ich will dich nicht mehr zerstören – denn ich will es wirklich nicht – kam aber zu dem Schluss, dass du das viel zu melodramatisch finden würdest. […] Denn ich will alles aufschreiben, damit ich es richtig verstehe. Dies ist eine Art Geständnis und es ist wichtig, bis in die Einzelheiten genau zu sein. Wenn ich fertig bin, will ich dir diese Aufzeichnungen vorlesen, Patrick, denn du kannst mir nicht mehr widersprechen.»

Wir schreiben das Jahr 1999. Nachdem Patrick zwei Schlaganfälle hatte und nicht mehr für sich sorgen kann, beschliesst Marion, ihn bei sich aufzunehmen. Die beiden verbindet eine lange Geschichte, in die auch Marions Mann Tom verstrickt ist, eine Geschichte, die Marion nun aufschreiben will. Sie beginnt bei der ersten Begegnung mit Tom. Sie erinnert sich, wie sie über Jahre für ihn geschwärmt hatte, endlich von ihm wahrgenommen wurde. Die beiden heirateten und Marion konnte ihr Glück kaum fassen. Sie erzählt weiter von Unternehmungen mit Toms Freund Patrick, welche anfänglich zu dritt stattfanden, später mehrheitlich als Männerfreundschaft weiterliefen.

In ihrem Rückblick schaut Marion endlich genau hin, beschreibt sachlich, nie anklagend, was passiert ist und wie sie selber zu lange die Augen verschlossen hat. Sie erklärt den menschlichen Hang, lieber nichts zu sehen, als sich Tatsachen stellen zu müssen. Und sie beschreibt von dem Moment, an dem sie nicht mehr wegschauen konnte.

«Es ist schon sehr spät und ich kann nicht schlafen. Dunkle Gedanken – böse Gedanken – treiben mich um. Ich habe immer wieder daran gedacht, den letzten Eintrag zu verbrennen. Aber ich kann nicht. Was sonst lässt ihn wirklich werden, ausser meinen Worten auf Papier? Da niemand sonst davon weiss, wie kann ich mich sonst von seiner tatsächlichen Existenz, von meinen tatsächlichen Gefühlen überzeugen?»

Wir schreiben das Jahr 1957. Aus Patricks Tagebuch erfahren wir alles über sein erstes Treffen mit einem Polizisten, welcher zugleich Marions Tom ist. Wir lesen von der Schwärmerei des älteren Patricks für den jungen Tom, welche der von Marion ähnlich ist. Wir lesen von den Gefühlen eines Mannes zu einem Mann, die im England dieser Zeit verpönt und verboten sind.

«Und je mehr ich an ihn denke, desto weniger finde ich Gründe, warum wir nicht zusammen sein könnten. Je mehr ich an ihn denke, desto weniger erinnere ich mich an etwas, das falsch war oder schwierig. Alles, woran ich mich erinnere , ist, wie süss er war. Und das ist am schwersten zu ertragen.»

Und dann nimmt alles einen Lauf, welcher 1999 aus einer anderen Warte erzählt wird.

Weitere Betrachtungen
In Der Liebhaber meines Mannes erleben wir die Geschichte von drei Menschen, die alle auf ihre Art Opfer ihrer Zeit geworden sind. Alle leiden sie unter den Normen der Gesellschaft und unter den Gesetzen, welche diese Normen sanktionieren. Die Gesellschaft bestimmt, wie eine Frau sein soll, welche Möglichkeiten sie im Leben hat und welchem Bild sie entsprechen soll. Sie bestimmt weiter, wer wen lieben darf und was als sittenwidrig und unnatürlich gilt.

Bethan Roberts gelingt es, in einer sehr feinfühligen Art die Geschichte dieser drei Menschen nachzuzeichnen. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht von Marion, welche 1999 zurückblickt, und anhand von Patricks Tagebuch aus der Zeit der 50er Jahre. Tom ist sprachlos, er findet weder eigene Worte für das, was geschah, noch findet er sie für die Gegenwart. Er ist nur die Figur, um welche Marion und Patrick drehen, quasi die Sonne in deren Universum. Strahlend ist dabei nur seine optische Schönheit, sein Wesen bleibt merkwürdig blass, er scheint nur als Projektionsfläche für zwei Menschen zu dienen, welche ihren Platz in der Gesellschaft suchen und Tom dazu brauchen.

Obwohl der Roman in meinen Augen etwas zu langsam und zu langgezogen anfängt, lässt er einen nicht mehr los. Bethan Roberts verzichtet auf Anklagen, auf sozialkritische und moralische Zeigefinger, sondern lässt die Figuren ihre Geschichte erzählen auf eine Weise, dass sie direkt ins Herz des Lesers trifft. Das Buch macht nachdenklich, wehmütig, ein wenig traurig auch. Das traurigste daran ist aber, dass es irgendwann zu Ende ist und man sich wünschte, man könnte noch lange weiterlesen.

Fazit:
Ein feinfühliger Roman mit viel Tiefe, Sensibilität, der ohne Kitsch und Schnörkel die Komplexität menschlicher Beziehungen beschreibt. Berührend, zum Nachdenken animierend, einnehmend. Sehr empfehlenswert.

Bethan Roberts
Bethan Roberts ist 1973 in Oxford geboren und wuchs in Abingdon auf. Nach einem Master in kreativem Schreiben an der Chichester Universität arbeitete sie unter anderem als Autorin und Produktionsassistentin beim Fernsehen und unterrichtete selber kreatives Schreiben. Bethan Roberts wohnt mit ihrer Familie in Brighton. Von ihr erschienen sind auch Stille Wasser (2008) und Köchin für einen Sommer (2009).

Ein Interview mit der Autorin: HIER

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann (12. Februar 2013)
Übersetzung: Astrid Gravert
ISBN: 978-3888978166

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Franz Hohler: Der Enkeltrick

Inhalt

„Rom“, sagte sie zu sich, „ich bin in Rom“, und plötzlich wurde sie von einem Gefühl erfüllt, das sie kaum mehr kannte. Es war eine Neugier, eine Unternehmungslust, etwas von ganz früher, wenn es in ein Klassenlager ging oder auf eine Schulreise, als sie noch nicht Amalie Ott war, Mutter zweier Kinder, sondern selbst noch ein Kind, ein Kind, das sich auf das Leben freute. Aber da mischte sich noch etwas ein, auch von früher, es ar die Angst vor dem Unbekannten…

Eine Grossmutter macht sich auf nach Rom, um ihre Enkelin zu retten. Aus der Reise wird eine Fahrt in die eigene Vergangenheit und auch eine Hilfe, wie sie so nicht vorgesehen war. Ein pensionierter Steuerbeamter findet Freude daran, anderen Menschen eine Freude zu machen, indem er ihnen zum Geburtstag gratuliert. Das lässt seine Frau nicht ganz kalt. Ein Mann macht sich auf, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen, entgegen dem Rat seiner Nächsten, inklusive dem Autor. Der Weg zum Glück ist manchmal anstrengend. Ein reservierter Tisch bringt mitunter Unglück für den, welcher sich unberechtigt an ihn setzt – und für andere auch. Eine Katze sucht eine Ferienunterkunft und bringt ein Familiengeheimnis auf den Tisch. In einer Küche fliegen Steine aus dem heiteren Himmel, so dass wohl nur noch eine Teufelsaustreibung hilft.

„Kinder, so lautet eine oft gehörte Schätzung, lachen etwas 400 Mal am Tag, Erwachsene etwa 15 Mal. Den Gang zur Freudlosigkeit, der dazwischen liegt, nennen wir Erziehung.“

Ein Mann macht sich mit der Novelle „Das verlorene Lachen“ im Gepäck auf eine Wanderung und erinnert sich an sein eigenes Lachen. Ein Komponist macht sich auf zu einer grossen Reise und ein Vogel hält ein Quartier auf Trab. Eine Zugfahrt entblösst die Verlockungen der Maske und ein Handy fängt das Lügen an.

Weitere Betrachtungen
Franz Hohler vereint in diesem Büchlein elf Kurzgeschichten, die für unterschiedliche Anlässe geschrieben wurden. Sieben Erzählungen entstanden im Rahmen von Rafik Schamis Eniladung seiner Reihe „Sechs Sterne“, eine als Beitrag zu einer Aufführung von Joseph Haydn und drei aus kompett eigenem Antrieb. Zusammengekommen ist ein buntes Potpurri von Geschichten, die im Zentrum immer einen Menschen haben, der vor einer Herausforderung steht, die nicht immer mit ganz normalen Dingen zu tun zu haben scheint.

Der Aberglaube dörflicher Gemeinschaften findet ebenso Einzug in das Buch wie auch persönliche Ahnungen und mysteriöse Geschehnisse. Als Leser weiss man oft bis zum Schluss nicht, worauf die Geschichte hinausläuft und nicht selten ist man bass erstaunt. Das macht das Buch zu einem, welches man von der ersten bis zur letzten Geschichte nicht aus den Händen legen mag.

Persönlicher Bezug
Franz Hohler begleitet mich seit Kindesbeinen. Zuerst liebte ich seine Kindersendung „Franz und René“, später seine humorvollen und doch auch zum Nachdenken anregenden Texte auf der Bühne. Bald schon kamen auch seine Kurzgeschichten und Gedichte dazu. Ich schätze an Franz Hohler seinen Tiefgang, sein genaues Hinschauen, sein leichtes Erzählen, in welches doch immer auch ernste Themen einfliessen. Ich mag es, wie er immer eine Prise Humor als Würze bereit hält, die wohldosiert ist. All das zeigt sich auch im vorliegenden Buch.  

Fazit:
„Der Enkeltrick“ ist ein Buch, das von einzelnen Menschen erzählt, die Gesellschaft dabei im Blick behält. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken und zum Schmunzeln anregt, ein Buch, das Leichtigkeit und Tiefgang vereint. Sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren. Er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über fünfzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag; Originalausgabe Edition (11. Oktober 2021)
ISBN-Nr.: 978-3630876795

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