Rezension: Raymond Chandler – Die simple Kunst des Mordes

„Ich gelte als ziemlich ausgekochter Schriftsteller, aber das besagt nichts“

chandlermordesIn Briefen, Essays und Notizen beschreibt sich Raymond Chandler selber, schreibt über den Kriminalroman und dessen Stellung in der Literaturwelt und referiert über das Handwerk des Schreibens allgemein und sein eigenes im Speziellen.

Ich arbeite ziemlich sprunghaft, ohne feste Zeiten, was heissen soll, dass ich überhaupt nur arbeite, wenn mir danach ist.

Er zeigt dem Leser auf, wie es in der Filmwelt und im Verlagswesen abläuft, äussert sich über Katzen und berühmte Verbrechen sowie über seine eigenen Romane und Kurzgeschichten. Er tut dies auf eine humorvolle Weise, so dass man immer denkt, ihn vor sich zu sehen, wie er sein Gesicht zu einem Lächeln verzieht beim Schreiben.

Abgerundet wird das Buch durch den Essay Die simple Kunst des Mordes sowie das Romanfragment Die Poodle Springs Story. Wer Raymond Chandlers Krimis liebt, der wird von diesem Buch begeistert sein: Chandler so privat und persönlich wie selten. In seinem unzähligen Briefen zeigt er sich von allen Seiten, beleuchtet dabei auch die eigenen Schwächen.

Wenn eine Sammlung von Briefen überhaupt einen Wert haben soll, dann muss sie alle Seiten im Charakter eines Menschen enthüllen, nicht nur die liebenswürdigen und hellen.

Seine Briefe sind durchdrungen von polemischen Äusserungen – Chandler bezeichnete sich selber als „streitlustigen Burschen“, legen Abneigungen wie zum Beispiel gegen Agenten, Berufskritiker und Plagiatoren offen, zeigen ihn aber auch als belesenen und gebildeten Menschen, der die Literatur, die Welt und sich selber messerscharf beobachtet und analysiert.

Fazit:
Ein sehr persönliches, humorvolles, mitreissendes Buch – Raymond Chandler, wie er denkt, schreibt und lebt. Sehr empfehlenswert.

Der Autor
Raymond Chandler, geboren 1888 in Chicago, wuchs in England auf. Er arbeitete zwei Jahre im britischen Marineministerium, war dann freier Journalist, Buchhalter in einer Molkerei, Soldat im Ersten Weltkrieg und schließlich Direktor einer kalifornischen Ölgesellschaft. 1932 wurde er entlassen und begann ernsthaft zu schreiben. Mit seinen Romanen um den Privatdetektiv Philip Marlowe in Los Angeles wurde Chandler zum Klassiker der Kriminalliteratur. Er starb 1959 in La Jolla, Kalifornien.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (14. Auflage, 24. Februar 2009)
Übersetzung: Hans Wollschläger
ISBN-Nr: 978-3257202090
Preis: EUR 9.90 / CHF 15.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: James Patterson – Die 2. Chance

Wenn die Vergangenheit an die Tür klopft

Finden Sie den Mörder. Dann möge das Gericht über ihn urteilen. Es geht nicht um Politik, Religion oder Rasse. Es geht um das Recht, frei von Hass zu leben. Ich bin überzeugt, dass die Welt selbst angesichts des schrecklichsten Verbrechens nicht zerbricht. Die Welt heilt sich selbst.

patterson2Die Chorprobe in der La-Salle-Heights-Kirche ist zu Ende. Als die Kinder ins Freie treten, empfängt sie ein Kugelhagel, in welchem die kleine Tasha Catchings stirbt. Schon bald ist klar, dass es sich bei dem kleinen Mädchen nicht um ein Zufallsopfer handelt, sie starb durch einen gezielten Schuss. Als sich Verbindungen zu einem Mord an einer älteren Frau feststellen lassen, stellt sich die Frage, ob der Täter rassistische Motive hat. Doch ist das wirklich schon alles? Steckt noch mehr dahinter? Und: Wann schlägt der Täter wieder zu?

Auch der zweite Fall des Women’s Murder Club ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend. In einem atemlosen Tempo führt Patterson den Leser durch die Ermittlungen von Lindsay Boxer und ihren Freundinnen, bringt Cliffhanger an, baut Kniffs und Wendungen ein, die immer wieder überraschen, lässt verschiedene Möglichkeiten in der Luft hängen, so dass man das Buch kaum weglegen kann, bis man den Mörder ganz sicher hat.

Neben dem packenden Fall findet auch wieder viel Persönliches von den vier Frauen Eingang in die Geschichte und auch eine Prise Liebe ist wieder mit drin. Zudem blickt der aktuelle Roman in Lindsay Boxers Vergangenheit, rollt die Geschichte mit ihrem Vater auf und führt so zusätzlich zu einer Verwirrung der Gefühle. Die 2. Chance bringt die vier Protagonisten mehr als einmal in Gefahr, und es ist nicht sicher, ob sie heil raus kommen. Ein rundum gelungener Thriller.

Fazit:
Einnehmende Charaktere, guter Plot, Spannung pur von der ersten bis zur letzten Seite! Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (11. Juni 2007)
Übersetzung: Edda Petri
ISBN-Nr: 978-3442369201
Preis: EUR 8.95 / CHF 12.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Kathrin Lange – Ohne Ausweg

Undercover gegen den Terror

Du bist nicht mehr Amira.
Du bist jetzt eine Soldatin des Herrn.
Sei ohne Furcht.

langeohne-auswegMuhammed al-Sadiq plant mit seiner Terrororganisation einen grossen Giftanschlag auf Berlin. Da die SERV, die Sondereinheit für die Ermittlung bei religiös motivierten Verbrechen nicht weiss, wann und wo das Ganze passiert, soll der Ermittler Faris Iskander in die Gruppierung eingeschleust werden – eine gefährliche Angelegenheit. Umso gefährlicher ist das Unterfangen, weil al-Sadiq, der einzige, der die nötigen Informationen hat, aktuell im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses sitzt, in welchem es für Faris gefährlich werden kann, wenn er auffliegt.

Kathrin Lange erzählt die Geschichte mit einem auktorialen Erzähler aus zwei Perspektiven: Einerseits folgt man Faris Iskander, andererseits der terroristischen Organisation. Die beiden Erzählstränge laufen langsam zueinander, dem Leser wird dadurch immer mehr klar – aber nie so klar, dass man weiss, wie wirklich alles zusammen passt. Dadurch wird ein Spannungsbogen gespannt, der nie abbricht, man liest Seite für Seite weiter, um ans Ziel zu kommen.

Das neue Buch von Kathrin Lange ist an Aktualität nicht zu überbieten, was einerseits reizvoll ist, andererseits auch eine Gefahr sein kann. Die ganz klare Verteilung von Gut und Böse, die von der ersten Seite an offensichtlich ist, könnte leicht ins Plakative verkehren. Kathrin Lange ist dieser Gefahr gekonnt ausgewichen. Ihr sehr schönes Nachwort rundet das Buch wunderbar ab und ist gerade bei der Geschichte wichtig, wie ich finde.

Fazit:
Eine spannende, an Aktualität kaum zu überbietende Geschichte mit geschickt gesetzten Cliffhangern, plastischen Figuren und einem fulminanten Tempo. Empfehlenswert.

Zum Autor  
Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (19. Dezember 2016)
ISBN-Nr.: 978-3734102653
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Hilfeschrei einer Buchbloggerin

Ich wollte im Januar so viel lesen. Hatte Pläne, echte. Klassiker, Literatur, diesen und jenen Krimiautor (Krimi und Thriller müssen immer rein), aber dann… ja dann… ich las zuerst den 12. Teil einer Serie. Dann den ersten, weil der 12. so toll war. Nun bin ich bei zwei, drei steht noch hier, ich bestellte schon histerisch 4, 5 und 6… 11 habe ich bereits… mir fehlen 7-10 und das macht Bauchweh.

Ob ich James Patterson verklagen kann? Ich wage kaum zu sagen, dass auch noch ein paar ungelesene Alex-Cross-Romane hier warten. Und es einige gibt, die ich noch nicht kenne. Und wer nun denkt, ich sei einseitig, dem sei gesagt, dass auch Karen Slaughter und andere  Autoren (da kennen mich einige gut und schenken mir gar was zum Geburtstag) gelesen werden wollen.

Wie organisiert ihr euren SUB? Was kommt rein, wie organisiert ihr die Reihenfolge? Und: Wann schlaft ihr noch?????

Rezension: Hakan Nesser – Die Lebenden und die Toten von Winsford

Viele Andeutungen und nichts passiert

Eine einsame fremde Frau reiferen Alters, die nachmittags hereinschaut und ein grosses Glas Wein trinkt, hinterlässt in eine kleinen Dorf zweifellos Spuren. So lauten die Bedingungen, und wenn man keine Dichterin oder Künstlerin ist, macht es wenig Sinn, blind dagegen anzurennen. Ich bin weder das eine noch das andere.

nesserlebendenMaria Anderson mietet im kleinen Ort Winsford eine kleine und eher heruntergekommene Wohnung, in die sie mit ihrem Hund Castor für ein halbes Jahr einziehen will. Gemeinsam unternehmen die beiden ausgedehnte Spaziergänge, lernen die verschiedenen Bewohner des Ortes kennen, unterhalten sich mit ihnen.

Maria Anderson heisst eigetlich nicht so, zudem hat sie eine Vergangenheit, die sie dazu brachte, nun in Winsford zu sein. Von dieser Vergangenheit erzählt sie in Andeutungen – mal mehr mal weniger präzis, immer etwas offenlassend, das sie später noch erzählen will.

Und so blättert man als Leser Seite um Seite um, fragt sich, wann denn nun endlich was passiert und was überhaupt wirklich passiert ist – und sitzt bei beidem auf dem Trockenen. Was spannend sein könnte, wirkt mit der Zeit schlicht sehr lange, um nicht zu sagen langweilig. Immer wieder scheint Håkan Nessers philosophisches Gespür durch, gibt es kleine wunderbare und tiefgründige Stellen, mehrheitlich juckte es zumindest mir in den Fingern, die Seiten einfach zu überblättern, in der Hoffnung, dass dann endlich mal etwas passiert.

Håkan Nesser ist ein grossartiger Erzähler, darum entschied ich mich für dieses Buch. Allerdings kannte ich ihn bisher vor allem als Autor wirklich spannungsgeladener, grossartiger Thriller und aufgrund des Titels und des Klappentextes erwartete ich auch hier einen. Mit dieser Erwartungshaltung konnte der Roman nicht gefallen, denn er ist weit davon entfernt.

Fazit:
Eine Erzählung im wahrsten Sinne des Wortes: Es passiert kaum was, die Protagonistin erzählt über ihr Leben damals und heute.

Zum Autor und zum Übersetzer 
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt abwechselnd in Stockholm und auf Gotland.
Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, KjellWestö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. Mai 2016)
Übersetzung: Paul Berf
ISBN-Nr.: 978-3442713899
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Harper Lee – Wer die Nachtigall stört

Wenn bloss alle Menschen wie Atticus Finch wären

Atticus, Jem und ich sowie Calpurnia, unsere Köchin, lebten in der Hauptstrasse des Wohnviertels. Jem und ich waren mit unserem Vater zufrieden: Er spielte mit uns, las uns vor und behandelte uns im Übrigen mit höflicher Zurückhaltung.

leenachtigallAtticus Finch lebt als alleinerziehender Vater mit seinen beiden Kindern Scout und Jem sowie der Köchin Calpurnia in der Kleinstadt Monroeville im tiefen Süden der USA. Die kleine Familie ist im ganzen Ort beliebt, bis Atticus in seiner Rolle als Rechtsanwalt die Verteidigung des schwarzen Landarbeiters Tom Robinson übernehmen soll, welcher wegen Vergewaltigung eines weissen Mädchens angeklagt ist. Atticus ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt, was ihm den Hass seiner Mitbürger einbringt.

Atticus Finch ist der wohl liebenswürdigste, warmherzigste und mitfühlendste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er ist für seine Kinder da, ohne sie zu erdrücken, lässt sie die Welt entdecken und bringt ihnen bei, was wichtig ist, was Werte sind, was Menschlichkeit, Offenheit, Toleranz und Mitgefühl sind. Atticus hat ein Herz für die, welche nichts haben, und er setzt sich für die ein, denen Unrecht widerfährt. Gäbe es in dieser Welt mehr Menschen wie Atticus, wäre die Welt ein schönerer Platz.

Gerade diese Offenheit und Toleranz wird ihm allerdings fast zum Verhängnis, da er in einem rassistischen Umfeld lebt, wo Schwarze die Untertanen, die Weissen die herrschende Rasse sind. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Harper Lee greift in ihrem Roman die Rassendiskriminierung im Süden Amerikas auf. Sie zeigt auf, welche Dynamik falsche Verdächtigungen annehmen können. Wer die Nachtigall stört ist ein Blick in die Abgründe der menschlichen Seele. Das Buch zeigt auf, dass Vorurteile oft nicht mehr sind als zu Unrecht vertretene Meinungen, es zeigt weiter auf, dass es nicht immer einfach ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Menschen werden verteufelt und stellen sich als liebenswürdig und ehrlich heraus, andere werden verteidigt und sind eigentlich zu verurteilen.

„Sie haben ihn verfolgt und konnten ihn nie erwischen…- du Atticus, der hatte das alles gar nicht getan… Er war nett, Atticus, so nett…“ […]
„Das sind die meisten Menschen, Scout, wenn man sie endlich zu Gesicht bekommt.“

Fazit:
Ein hervorragendes Buch voller Philosophie, Menschlichkeit und Herzenswärme.
Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Harper Lee, geboren 1926 in Monroeville, studierte Jura an der University of Alabama, zog nach New York und begann zu schreiben. Sie war befreundet mit Truman Capote, der ihr Kindheitsfreund war und dem sie bei den Recherchen für «Kaltblütig» half. Nach dem Welterfolg ihres in 40 Sprachen übersetzten Romans «Wer die Nachtigall stört…», für den sie 1961 den Pulitzerpreis erhielt, zog sie sich aus dem literarischen Leben und weitgehend auch aus der Öffentlichkeit zurück. 2015 wurde eine frühe Manuskriptfassung von «Wer die Nachtigall stört …» gefunden und publiziert, die 50 Jahre lang als verschollen galt. Harper Lee starb 2016 in ihrer Heimatstadt Monroeville in Alabama.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (22. Juli 2016)
Übersetzung: Claire Malignon
ISBN-Nr.: 978-3499217548
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Wer die Nachtigall stört wurde mit Gregory Peck als Atticus Finch verfilmt. Ein wunderbarer Film mit einem grossartigen Hauptdarsteller. Gregory Peck sagte selber, dass dieser Film sein Lieblingsfilm gewesen sei (nachzusehen in der Dokumentation A conversation with Gregory Peck:

Die ganze Sendung ist auf Netflix abrufbar)

Trailer zum Film To Kill A Mockingbird

Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990)

Ich glaube, dass alles Wichtige, alles Entscheidende sich auf die Jugend zurückführt. Dies ist keine Erkenntnis, die ich – etwa von der Psychoanalyse – übernommen, sondern eine Erfahrung, die ich selber gemacht habe, indem ich über meine Werke, meine Ideen, meine Arbeit nachdachte.[1]

durrenmattFriedrich Reinhold Dürrenmatt kam am 5. Januar 1921 als erstes Kind eines reformierten Pfarrers und dessen Frau in Stalden im Emmental (Schweiz) zur Welt. So viel Verständnis der bibeltreue Vater für seine Schäfchen hatte, so wenig brachte er für die Interessen seines Sohnes auf, zumal sich dieser auch nicht wie ein artiger Pfarrerssohn aufführte, sondern in der Schule eher durch aufmüpfiges Verhalten denn durch gute Noten brillierte. Trotz (oder gerade wegen?) der Konflikte, die nicht ausblieben, prägten die ländliche Idylle des Emmentals und die patriarchalischen Strukturen am Familientisch Friedrich Dürrenmatt und dessen Werk Zeit seines Lebens.

Mein Leben begann in einer gespenstischen Idylle, und diese Idylle empfand ich als labyrinthisch.[2]

1941 legte Dürrenmatt die Matur knapp genügend ab und war froh, die von ihm selber als wohl übelste Zeit seines Lebens bezeichnete Etappe auf seinem Weg hinter sich zu haben.

durrenmatt2Dürrenmatt hat schon früh zu zeichnen und zu malen begonnen, überlegte sogar eine Weile, eine Ausbildung als Kunstmaler zu machen, entschied sich dann aber für das Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik. Das Malen und Zeichnen gab er aber nie auf, sondern verlegte es auf die Nächte. Auch illustrierte er einige seiner Werke später selber.

Wer nun denkt, aus dem eher lernfaulen Schüler sei ein pflichtbewusster Student geworden, täuscht sich. Dürrenmatt selber bezeichnete sich als „verbummelten Studenten“[3]. Schon während des Studiums entstanden erste Texte. 1946 beendete er sein Studium, verzichtete auf eine eigentlich geplante Dissertation über Søren Kierkegaard und beschloss, Schriftsteller zu werden. Noch im selben Jahr heiratete er auch die Schauspielerin Lotti Geissler, mit welcher er nach Basel, später an den Bielersee zog. Dort entstand auch sein Roman Der Richter und sein Henker. In den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere waren Friedrich Dürrenmatt und seine fünfköpfige Familie (es waren über die Jahre drei Kinder zur Welt gekommen) trotz verschiedener Romane, Erzählungen und Bühnenstücke nicht auf Rosen gebettet. Dies änderte erst, als Dürrenmatt Aufträge für Hörspiele erhielt.

1952 zog die Familie Dürrenmatt nach Neuenburg. In der Folge durfte der fleissige Schriftsteller verschiedene Erfolge mit seinen Bühnenstücken feiern, erhielt1954 den Literaturpreis der Stadt Bern, sowie 1957 einen Hörspielpreis, um nur einige zu nennen. Neben all seinen literarischen Werken brachte sich Dürrenmatt immer wieder auch politisch ein. In verschiedenen Essays, Vorträgen und Reden bezog er direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, Stellung zur politischen Lage der Welt.

Ein grosser Schicksalsschlag für Friedrich Dürrenmatt war der Tod seiner Frau Lotti am 16. Januar 1983. Zum Glück erholte er sich davon und heiratete 1984 Charlotte Kerr, mit welcher er den Film Porträt eines Planeten sowie das Theaterstück Rollenspiele herausbrachte. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel. Er war 69 Jahre alt, als sein Herz versagte.

Das Werk

Friedrich Dürrenmatt hinterlässt ein sehr vielfältiges Werk aus Erzählungen, Romanen (auch Kriminalromanen) und Theaterstücken. Viele seiner Bücher wurden als Hörspiele vertont. Ein Leitthema seiner Stücke ist – Friedrich Dürrenmatt sagte es selber im oben erwähnten Zitat – das erlebte Labyrinth seiner Kindheit und Jugend. Dies wird vor allem in seinem Theaterstück Der Besuch der alten Dame deutlich: Eine zur Milliardärin gewordene ehemalige Bewohnerin eines kleinen Dorfes kehrt zurück. Statt das verarmte Dorf mit Geld zu segnen, will sie sich für ihr erlittenes Unrecht rächen. Mit viel Witz und Scharfblick entwickelt Dürrenmatt die Geschichte um die „alte Dame“, zwei Zutaten, die in keinem seiner Werke fehlen.

Friedrich Dürrenmatt verstand es in seinem literarischen Werk immer wieder, die menschlichen Befindlichkeiten, die gesellschaftlichen Zwänge und Urteile offenzulegen, ohne zu sehr psychologisierend zu wirken. Fast beiläufig entwickelt er in einer einfachen und leicht lesbaren Sprache seine Geschichten, zieht den Leser hinein und entlässt ihn am Ende um viele Erfahrungen und Einblicke reicher.

Bekannte Werke Dürrenmatts

Romane

  • Der Richter und sein Henker (1951)
  • Der Verdacht )1953)
  • Grieche sucht Griechin (1955)
  • Die Panne (1956)

Theaterstücke

  • Der Besuch der alten Dame (1956)
  • Die Physiker (1962)
  • Der Meteor (1966)

Dies nur einige einer langen Liste.

Wer mehr über den Menschen Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, dem sei der Film Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte von Sabine Gisiger empfohlen.

______________________

[1] Friedrich Dürrenmatt: Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold, Zürich 1976, S. 9
[2] ebd., S. 11
[3] Friedrich Dürrenmatt: Philosophie und Naturwissenschaft, Band 18, der Werkausgabe, Zürich 1980, S. 9

Rezension: Bernhard Aichner – Totenfrau

Die Rache für verlorenes Glück

Sie wird sich nicht rühren, egal, was passiert, nicht bewegen. Da ist nur Blum, und die Sonne auf ihrer Haut. Sie ignoriert die Schreie und das Klopfen.
Zwei schwimmende Körper, verzweifelt.

aichnertotenfrauBlums Kindheit war nicht schön. Schon früh muss sie im Bestattungsunternehmen der Eltern helfen, Tote sind um sie, Tag für Tag. Zwar gewöhnt sie sich mit der Zeit an die Toten, aber an ihre Eltern gewöhnt sie sich nie, sie leidet – und setzt diesem Leiden ein Ende: Die Eltern müssen sterben.

Am selben Tag, an dem Blum die Freiheit von ihren Eltern erlangt, lernt sie Mark kennen – und damit das Glück. Sie gründen eine Familie, sind tagtäglich dankbar und glücklich – bis eines Tages Mark bei einem Unfall stirbt. Als Blum erfährt, dass es kein Unfall war, will sie Rache. Und sie tut alles dafür.
Totenfrau ist der erste Band der Trilogie um Blum. Bernhard Aichner lässt den Leser die Hauptfigur kennenlernen, er erzählt die glücklichen und traurigen Tage von Blum, zeigt, wie sich in ihr Wut entwickelt, die sie nicht mehr bändigen kann, die sie ausleben muss. Der Leser versteht Blum, er fühlt mit ihr mit.

Der Thriller weist einige Längen auf, sehr viele und lange Dialoge stoppen den Fluss. Viele Leerseiten und das grosszügig gewählte Layout führen zu einem umfangreichen Buch, der wirkliche Text nimmt wohl maximal 2/3 der Seiten ein. Der ganze Roman hängt an der sehr plastischen und authentischen Protagonistin, Spannung tritt ein wenig in den Hintergrund. Da es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt, kann das ein geschickter Schachzug sein, denn: Wenn man die Figur so gut kennt, will man auch wissen, wie es mit ihr weitergeht.

Fazit:
Ein guter Einstieg in eine Trilogie mit authentischen Charakteren und einem stimmigen Plot.

Der Autor
Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach den Spannungsromanen Nur Blau (2006) und Schnee kommt (2009) erschienen bei Haymon die Max-Broll-Krimis Die Schöne und der Tod (2010), Für immer tot (2011) und Leichenspiele (2012). Totenfrau ist der erste Thriller, der bei btb erscheint. Für die Recherche dazu arbeitete Aichner ein halbes Jahr bei einem Bestattungsinstitut als Aushilfe.

 

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: btb Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3442749263
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Harlan Coben – Der Insider

Myron Bolitar ermittelt

Ein Comeback mit Hintergedanken

„Benehmen Sie sich anständig.“
„Ich?“, sagte Myron. „Ich bin doch immer ganz entzückend.“
[…]
„Myron, wir möchten Ihnen ein interessantes Angebot machen“, sagte Clip Arnstein.

cobeninsiderMyron Bolitar war ein vielversprechendes Talent im Basketball, bis ein Unfall seiner Karriere ein abruptes Ende bescherte. Bolitar lässt den Kopf nicht hängen, studiert Jura, arbeitet kurzzeitig fürs FBI und ist nun als Sportagent selbständig. Als aus heiterem Himmel das Angebot auf ihn zukommt, für ein grosses NBA-Team zu spielen, traut er seinen Ohren kaum. Allerdings geht es weniger um Bolitars Spielkünste, die ihn qualifizieren, als eher seine Fähigkeiten als Ermittler: Er soll als Insider das Verschwinden seines alten Kameraden Greg aufklären.

Gemeinsam mit seinem Partner Win macht er sich auf die Suche – und er muss feststellen, dass die ganze Geschichte tiefer reicht, als er gedacht hätte. Und: Es wird gefährlich.

Harlan Coben besticht einmal mehr durch seinen gewohnt leichten, humorvollen und gut lesbaren Schreibstil, der einen in die Geschichte zieht und festhält. Witzige Dialoge, ein stimmiger Plot mit den nötigen Kniffen und Überraschungen sowie plastisch und authentisch charakterisierte Figuren machen das Buch zu einem absoluten Lesevergnügen.

Der Insider ist der dritte Band der Reihe um Myron Bolitar, doch man kann ihn gut ohne Kenntnis der ersten beiden Bände lesen. Zwar erfährt man von einer Vorgeschichte Bolitars, doch fehlt einem keine Information fürs Verständnis des vorliegenden Bands, zumal jeder Charakter immer eine Vorgeschichte hat, selbst wenn die in keinem früheren Band beschrieben wurde.

Fazit:
Ein witzig und spannend erzählter Krimi mit einem stimmigen Plot und authentischen Charakteren. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Harlan Coben wurde 1962 in New Jersey geboren. Nachdem er zunächst Politikwissenschaft studiert hatte, arbeitete er später in der Tourismusbranche, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Thriller wurden bisher in über 40 Sprachen übersetzt und erobern regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten. Harlan Coben, der als erster Autor mit den drei bedeutendsten amerikanischen Krimipreisen ausgezeichnet wurde – dem Edgar Award, dem Shamus Award und dem Anthony Award – gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thrillerautoren seiner Generation. Er lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in New Jersey.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. September 2016)
Übersetzung: Kathrin Passig, Gunnar Kwisinski
ISBN-Nr.: 978-3764505424
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Theodor Fontane (1819-1898)

„Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlechtsitzenden Hose.“ (Brief an Georg Friedländer, 3. Oktober 1893)

Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1849 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Es ist immer dasselbe Lied: wer durchaus Schriftsteller werden muss, der wer’ es; er wird schliesslich in dem Gefühl, an der ihm einzig passenden Stelle zu stehen, auch seinen Trost, ja, sein Glück finden. Aber wer nicht ganz dafür geboren ist, der bleibe davon. (aus einem Brief Fontanes, zit. nach Thomas Mann, Der alte Fontane)

fontanetheodor
Theodor Fontane (1883), Gemälde von Carl Breitbach

Aufträge sind Mangelware und so lässt er sich von der Zentralstelle für Presseangelegenheiten anstellen. In deren Auftrag reist er nach London und berichtet von da unter anderem über Kunstausstellungen. Er verfasst auch Reisebücher und Theaterkritiken, doch all das befriedigt ihn nicht. Aus dem Grund ist der Entschluss nicht verwunderlich, wieder als freier Schriftsteller arbeiten zu wollen. Diesem Entschluss haben wir eine Reihe bis heute bekannter Bücher zu verdanken. Theodor Fontane stirbt am 20. September 1898 in Berlin.

Die Romane

Theodor Fontanes Romane werden dem poetischen Realismus zugeordnet. Er beschreibt in seinen Büchern das Leben von ganz normalen Menschen, zeigt ihre Befindlichkeiten und Schwierigkeiten. Es sind stille Bücher, die trotzdem eine grosse Tragkraft haben und in denen immer wieder Fontanes ironischer Humor durchkommt. Seine Bücher beginnen meistens gleich: Man fährt – wie bei der Kameraführung im Film – die Strasse entlang zum Haus, in den Garten, die Treppe hoch in die Wohnung und wird dann mit den Hauptfiguren des Romans bekannt. Man lernt ihre Stube kennen, die Bilder an der Wand, erfährt von einem auktorialen Erzähler einiges über ihre Geschichte und ihr aktuelles Leben.

Theodor Fontane ist aber nicht nur ein Meister der Beschreibungen, er ist auch ein Meister der Lücken. Ganz viel steht bei ihm zwischen den Zeilen, man kann es erahnen, sieht sich aber erst später in dieser Ahnung bestätigt. Teilweise sind es gerade die wichtigsten Dinge, die sich in Lücken befinden – man denke nur an Effi Briests Seitensprung.

Die meisten grossen Romane Fontanes sind erst nach seinem 60. Geburtstag entstanden. Was Thomas Mann in seinem Essay Der alte Fontane in Bezug auf dessen Briefe schrieb, könnte auch bei den Romanen gelten:

Scheint es nicht, dass er alt, sehr alt werden musste, um ganz er selbst zu werden?

Bekannte Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).

Auch unbedingt lesenswert sind die Briefe Fontanes, allen voran seine Ehebriefe.

Rezension: David Levithan – Letztendlich sind wir dem Universum egal

Wer bin ich tief drin?

Früher oder später muss man mit der Tatsache Frieden schliessen, dass man einfach existiert. Warum es so ist, lässt sich nicht herausfinden. Man kann Theorien aufstellen, aber es wird nie schlüssige Beweise geben.

levithanletztendlichJeden Morgen wacht A in einem neuen Körper auf. Jeden Morgen lebt er ein anderes Leben als ein Anderer, bleibt aber tief drin immer auch er selber. Äusserlich wechselt er das Geschlecht, die Hautfarbe und den Aufenthaltsort (wobei er immer im gleichen Bundesstaat bleibt), nur das Alter ist immer dasselbe. Er denkt die Gedanken der anderen, verhält sich wie diese, aber tief drin kann er darüber nachdenken, alles hinterfragen. Manchmal hilft er, seinem Tagescharakter, manchmal bringt er auch Chaos in dessen Leben, meistens versucht er, den Tag möglichst so zu leben, dass seinem Tageskörper nichts passiert und der am nächsten Tag wieder ganz als er selber sein gewohntes Leben weiterführen kann.

Ich bin Treibgut, und so einsam das mitunter sein kann, es ist auch enorm befreiend. Ich werde mich niemals über jemand anderen definieren. Ich werde nie den Druck von Gleichaltrigen oder die Last elterlicher Erwartungen spüren. Ich kann alle als Teil eines Ganzen betrachten und mich auf das Ganze konzentrieren, nicht auf die Teile.

A hat sich Regeln gegeben für dieses Leben. Die wichtigste dabei lautet: Lass dich auf nichts zu sehr ein. Das gelingt ihm gut bis zum Tag, als er Justin ist und sich Hals über Kopf in dessen Freundin Rhiannon verliebt. Wie soll das weitergehen? Er immer an einem anderen Ort als ein Anderer, sie die Freundin von Justin, der ihr aber – davon ist A überzeugt – nicht gut tut?

Letztendlich sind wir dem Universum egal ist eigentlich ein Jugendbuch, das all die Probleme, die sich in der Pubertät stellen, anspricht: die eigene Identität, das Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber, der eigene Körper. Es behandelt aber auch Fragen der Gerechtigkeit, der Toleranz, des Miteinanders, fragt nach der wirklichen Liebe und woran sie sich festmacht. Das alles sind Fragen, die einen auch nach der Pubertät nicht ganz loslassen, die einen immer wieder begleiten. Gerade darum ist das Buch wohl viel mehr als ein Jugendbuch, es ist ein Buch für jeden, der sich Fragen stellt. Es ist ein Buch, das einen tief hineinnimmt ins Leben und in die eigenen Fragen danach, was ein Mensch ist und wie wir als Menschen miteinander und mit uns umgehen sollen.

David Levithan hat in diesem Buch alles richtig gemacht. Seine Charaktere sind authentisch und tief, die Idee hinter der Geschichte brilliant, der Plot gut und stimmig aufgebaut. Ich habe das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in einem Zug durchgelesen, mochte es kaum weglegen, war gefangen und berührt.

Fazit:
Ein tiefgründiges, einnehmendes, gefühlvolles und wunderbar erzähltes Buch. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
David Levithan, geboren 1972, ist Verleger eines der größten Kinder- und Jugendbuchverlage in den USA und Autor vieler erfolgreicher Jugendbücher, unter anderem ›Will & Will‹ (gemeinsam mit John Green) und ›Two Boys Kissing‹. Sein Roman ›Letztendlich sind wir dem Universum egal‹ erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 in der Kategorie Jugendjury. Er lebt in Hoboken, New Jersey.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch (22. September 2016)
Übersetzung: Martina Tichy
ISBN-Nr.: 978-3596811564
Preis: EUR 9.99 / CHF 31.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz

Familien und ihre Geheimnisse

Ich habe nie jemandem von 1914 erzählt. Es war das Jahr, in dem meine Familie einen Mord beging und ich Mama rettete. […] Meine Kinder müssen davon erfahren. Sie sollen wissen, dass ich mehr bin als die teuflische Person, für die sie mich halten.

kloeblesalzMünchen, 1914, Herr Salz will hoch hinaus. Da kommt ihm das Inserat, dass in Leipzig der Fürstenhof zum Verkauf steht, genau recht, wäre er doch als Patron des Hauses quasi in den Fürstenstand erhoben. Die nötigen Intrigen lassen den Kauf gelingen, aber ein Tod in der Familie trübt den Höhenflug bei einigen Familienmitgliedern vorübergehend. Das soll nicht der letzte Schicksalsschlag sein, es scheint aber der Anfang eines feinen Risses zu sein, der sich über die Jahre ausdehnt.

Christopher Kloeble begleitet die Familie Salz durch die Jahre und bettet ihre Geschichte in die Geschichte Deutschlands ein. Er spannt einen Bogen von den Weltkriegen über die Zustände in der DDR hin zum Mauerfall und bis ins Jahr 2015. Die einzelnen Etappen der Geschichte werden von verschiedenen Mitgliedern der Familie Salz erzählt, so dass diese aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und weitergesponnen wird.

Ohne dich gäbe es deinen Schatten nicht und ohne deinen Schatten dich nicht.

2015 ist es Emma Salz, die den Familiengeheimnissen auf den Grund gehen und die Schatten durchleuchten will, die sich über die Jahre auf die Familie gelegt haben.

Die unsterbliche Familie Salz ist ein wunderbares Familienepos. Es besticht durch eine sensible und sehr bildhafte Sprache, die sich dem jeweiligen Erzähler anpasst, aus dessen Perspektive man einen Blick auf die Geschichte erhält. So entsteht ein authentisches und lebhaftes Bild sowohl von der Familiengeschichte und ihren Irrungen und Wirrungen sowie vom historischen Kontext, in welchem sich die einzelnen Familienmitglieder bewegen.

Fazit:
Eine packende Familiengeschichte erzählt in einer bildhaften und einfühlsamen Sprache. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Christopher Kloeble studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Beiträge von ihm erschienen u.a. in der ZEIT, der Süddeutschen Zeitung und der taz. Er war Stipendiat des International Writing Programs der University of Iowa und Writer-in-Residence der Cambridge University (GB). Sein Theaterstück ‚Memory‘ war für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Für sein Romandebüt ‚Unter Einzelgängern‘ wurde er mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet. 2009 erschien sein Erzählband ‚Wenn es klopft‘. Sein erstes Drehbuch wurde 2011 verfilmt.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 440 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (26. August 2016)
ISBN-Nr.: 978-3423280921
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Stuart MacBride: Zwölf tödliche Gaben

Zwölf kurze Weihnachtskrimis

Gestorben wird immer

Billy Partridge war nicht gerade der geborene Fassadenkletterer, aber Dillon hatte ihm kaum eine Wahl gelassen. Entweder würde er den Bruch machen oder bis Donnerstag die dreizehntausend auftreiben… oder sie würden ihm beide Beine brechen. Und die Alternative mit den Beinen verlor viel von ihrem Reiz, wenn man bedachte, dass sie seine Schulden bei Dillon ja nicht tilgte, sondern nur einen Zinsaufschub bedeutete.

macbridezwolfIn Anlehnung an das alte Weihnachtslied „The Twelve Days of Christmas“ erzählt Stuart MacBride zwölf skurrile Kurzkrimis. Der Leser begleitet tollpatschige Einbrecher bei der Hausdurchsuchung, Gerichtsmediziner in die Überstunden und Köche an die Pfannen. Nie gelingt alles reibungslos und meistens ist am Schluss einer tot.

Mit viel Witz präsentiert MacBride die Abgründe des Lebens, verpackt diese in unterhaltsame und kurzweilige Geschichten, die man schnell mal zwischendurch lesen und dabei schmunzeln kann.

Fazit:
Kurzweilig, unterhaltsam und teilweise bitterbös. Empfehlenswert!

Zum Autor
Stuart MacBride hat bereits in einigen Berufen gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. „Die dunklen Wasser von Aberdeen“ war sein erster Roman mit dem Ermittler Logan McRae und sorgte in Großbritannien sofort für Furore. Der Roman wurde als bestes Krimidebüt des Jahres mit dem Barry Award ausgezeichnet. Mittlerweile liegen bereits mehrere Logan-McRae-Romane vor, die die Bestsellerlisten stürmten. Außerdem wurde die Serie als Favorit der Leser mit dem ‚Dagger in the Library‘ ausgezeichnet. Stuart MacBride lebt mit seiner Frau im Nordosten Schottlands.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (17. Oktober 2016)
Übersetzer: Andreas Jäger
ISBN-Nr.: 978-3442480470
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Christoffer Carlsson: Der Turm der toten Seelen

Wie einer wird, was einer ist

Ich streiche um dein Haus herum, genau wie früher. Aber es ist nicht mehr dein Haus, du bist nicht hier. Warst lange nicht hier. Ich weiss das, denn ich verfolge dich. Nur ich bin hier. Und eigentlich nicht mal ich. Du kennst mich nicht. Keiner kennt mich mehr.

carlssonturmEine junge Frau wird in der Notschlafstelle, die sich im Haus von Leo Junker befindet, erschossen. Junker, aktuell vom Dienst suspendiert, weil er einen Kollegen erschossen hat, ist schnell am Tatort und gilt schon bald als Verdäc
htiger. Schon bald fühlt er, dass dieser Fall in der Tat etwas mit ihm zu tun hat und er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Der Turm der toten Seelen ist der erste Band einer Reine rund um Leo Junker. Vielleicht wird darum so viel Zeit darauf verwendet, dessen ganze Geschichte aufzurollen, von der Kindheit in einem sozial schwachen Umfeld über die erste Liebe, erste Freundschaft, hin zu Schlägereien und Jugendkriminalität. Zwar hat diese Geschichte durchaus Bezug zum aktuellen Fall, trotzdem wirkt sie oft zu ausschweifend, hemmt den Erzählfluss und bremst die Spannung.

Es lohnt sich, dranzubleiben (notfalls kann man das eine oder andere überblättern), denn das Buch nimmt mit der Zeit an Tempo zu und wird am Schluss wirklich spannend, so dass man sich auf weitere Fälle des vielschichtigen Ermittlers freut. Das ab und an schleppende Tempo wird aufgewogen durch eine eingängige und leicht lesbare Erzählweise, durch einen durchdachten und stimmigen Plot und komplexe Charaktere.

Fazit:
Stimmige Geschichte, die langsam anfängt, weit ausschweift, dann an Tempo zulegt und spannend wird. Empfehlenswert!

Zum Autor
Christoffer Carlsson, geboren 1986, ist promovierter Kriminologe und hat bereits während des Studiums mehrere Thriller veröffentlicht. Inzwischen zählt er zu den erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Seine Leo-Junker-Serie erhielt international höchstes Lob und erscheint in 18 Ländern. Jetzt erscheint die Reihe erstmals im Taschenbuch.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Penguin Verlag (22. August 2016)
Übersetzer: Susanne Dahmann
ISBN-Nr.: 978-3328100416
Preis: EUR 10 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Nicci French: Böser Samstag

Die Vergangenheit lässt nie los

frenchbosersamstagNach all den Aufregungen der Vergangenheit wollte die Psychologin Frieda Klein eigentlich nichts mehr mit Polizeiarbeit und Ermittlungen zu tun haben. Sie wollte sich ganz auf ihre Praxis und ihr Privatleben konzentrieren. Doch sie schuldet noch jemandem einen Gefallen – und der hat es in sich:

Eines Nachts hatte die damals erst 18jährige Hannah Docherty ihre ganze Familie grausam umgebracht und wurde danach in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Bei ihrem ersten Besuch bei Hannah fällt Frieda Klein aus, in welch schrecklichem Zustand Hannah ist. Nicht nur scheint sie völlig verstört und redet nicht, sie ist auch geschunden und verletzt. Die Meinungen der Ärzte vor Ort (und auch die aller anderen Menschen) sind eindeutig: Die junge Frau sei gestört, gewalttätig und vor allem: Ganz bestimmt die Täterin von damals. Frieda ist sich da nicht sicher und will auf eigene Faust ermitteln, denn die Polizei weigert sich, den Fall neu aufzurollen.

Als wäre das nicht genug, melden sich auch Menschen aus Friedas eigener Vergangenheit wieder – ob nun der ganze Schrecken von früher nochmals losgeht?

Böser Samstag ist der sechste von acht Fällen um die Psychologin Frieda Klein. Auch wenn man die vorhergehenden Fälle nicht kennt, kommt man gut mit und sieht sich einem packenden und spannenden Fall ausgesetzt. Als Leser tappt man mit der Ermittlerin im Dunkeln, versucht genau wie sie, die verschiedenen Fäden zu packen und sich einen Reim drauf zu bilden. Es erstaunt nicht, dass man das Buch kaum mehr weglegen mag und genauso verbissen wie die Ermittlerin selber dran bleibt.

Am Schluss des Buches sitzt man da und hofft nur eines: Dass der siebte Fall bald erscheinen möge!

Fazit:
Authentische und plastische Charaktere, spannender und stimmiger Plot – packender Lesegenuss. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor
Nicci French – hinter diesem Namen verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French. Seit dem Erscheinen ihres Longsellers „Der Sommermörder“ sorgen sie mit ihren Psychothrillern international für Furore und verkauften weltweit über 8 Mio. Exemplare. Die beiden leben in Südengland. „Böser Samstag“ ist der sechste Band der achtteiligen Thrillerserie.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: C. Bertelsmann Verlag (31. Oktober 2016)
Übersetzer: Birgit Moosmüller
ISBN-Nr.: 978-3570102282
Preis: EUR 14.99 / CHF 22.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH