Lehrer und Lehren des Lebens

Heute hatte ich zwei Erlebnisse und beide führten zu einer Erkenntnis. Man kann sich noch so viel vornehmen, noch so viel planen – am Schluss kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Und das muss nicht mal schlecht sein. Wenn man ganz viel Glück hat, ist es sogar gut, sehr gut. Und wenn man noch mehr Glück hat, lernt man noch was draus.

Das erste ist eine Geschichte, die sich seit Langem hinzieht. Als geschiedene Mutter ist man immer gewissen Kräften ausgesetzt, die man nicht kontrollieren kann. Man hat ein Kind, das zu einer Organisationsfrage wird. Diese Organisationsfrage rührt daher, dass Eltern, die gemeinsam für das besagte Kind verantwortlich sind (zumindest bei der Entstehung) getrennt die eigenen und die Belange des Kindes unter einen Hut zu bringen versuchen. Ist man zusammen, geschieht das in gegenseitiger Absprache und unter Rücksichtnahme (im besten Fall), getrennt unabhängig und damit sehr anstrengend. Und mittendrin steht immer das Kind.

Nun gibt es alle möglichen Kombinationen dieses Spiels: Die Sorgerecht innehabende Mutter, die den Vater an der langen Leine zappeln lässt und ihm jeglichen Kontakt vermiest bis verunmöglicht, wenn er nicht zu Kreuze kriecht, den Vater, der sich aus dem Staub macht – und dazwischen alle denkbaren Schattierungen. Immer aber sind irgendwo Ärger, Frust, verletzter Stolz, getroffene Schwachstellen und versteckte oder offene Machtspiele zu spüren. Wieso? Wir haben ein Bild von einer Familie, vom Kinderhaben und von unserer Rolle darin. Wird dieses gestört, gerät unser System ins Wanken. Und wir erleben Stress. Fühlen uns ungeliebt, vernachlässigt, ungerecht behandelt. Wir rebellieren, wir wollen Gerechtigkeit, wir toben – innerlich oder äusserlich. Wir fühlen uns hilflos. Und merken irgendwann: Es bringt nichts. Es ist, wie es ist. Und das wird nie mehr ändern. Das sollte sich jeder, der sich trennt, bewusst sein. Es wird nicht besser. Es wird anders. Man ist einen Ärger los – den Partner, den man so empfindet, hat aber 1000 neue, denn der Expartner ist immer noch da, nun auf der Gegenseite, per definitionem.

Das wird nun keine Klage über meinen Exmann, Gott bewahre. Er lebt in seiner Welt, ich in meiner. Werten über diese Welten möchte ich nicht, sie sind einfach unterschiedlich. Daher rührt wohl das Ex. Aber da ist dieses eine Glied, das verbindet: das Kind. Und mir ging es heute auf: Es gibt nur eines – loslassen. Ich kann es nicht kontrollieren. Je mehr ich es in den Händen haben will, desto mehr bringt es meine Ruhe aus dem Konzept. Ich habe dieses eine Leben. Es ist MEIN Leben. Gewisse Dinge sind gegeben, gewisse kann ich steuern. Die, welche ich steuern kann, nehme ich in die Hand, die anderen nehme ich hin. Sonst bringen sie mich doppelt um den Verstand. Erstens, weil sie sind, wie sie sind, und zweitens, weil ich damit hadere.

Die zweite Situation war noch näher. Es ging um mich, meine Pläne. In einem Auf und Ab von Gefühlen und Wünschen entschied ich mich für einen Weg, weil ich dachte, ein anderer sei sowieso verschlossen. Nun taten sich plötzlich die Türen des anderen auf. Was nun? Eigentlich  gefiel mir meine Entscheidung, ich hatte sie mir gut zurechtgelegt und sah viel Positives (ehrlich!) drin. Die Verlockung zum Andern war gross, denn es war seit Jahren mein Traum. Ich schwenkte um. Schaute mir den lang ersehnten Weg nochmals an, mit der Bedingung, dass er genau so, wie ich das will, auszusehen hätte. Dann kam: Meine Sicht sei möglich, aber es wäre sinnvoller, den Weg anders zu gehen. Da stand ich nun. In mir noch das Festgefahrene meiner eigenen Argumente. Vor mir die Argumente eines Menschen, dem ich vertraue. Aber ich bin stur. Ich sagte: „Nein, ich will das so. Ich will nicht davon abrücken.“ Zurück kam (er kennt mich ein paar Jahre): „Ihr Nein kommt immer schnell und rigoros, überdenken sie es  noch einmal.“ Da war sie, die Lehre Nummer zwei: Loslassen. Hier im Guten. Und er hatte recht. Je länger ich mir überlege, was er sagte, desto eher denke ich: Es wäre sogar aus meinem eigenen Gesichtspunkt gut.

Als mein Sohn noch klein war, konnte ich gut von meinen eigenen Plänen abrücken – es war mein Modell, mit dem Muttersein umzugehen. Während andere sture Pläne hatten, wann die Kinder schlafen sollen und wann wach sein, liess ich meinen Sohn machen. Passte meine Rhythmus dem seinen an und wir hatten eine sehr harmonische Baby- und Kleinkindphase. Ich arbeitete, wenn er schlief, war mit ihm, wenn er wachte. Zeit war egal. Raum war egal, wir liessen es gleiten und witziger Weise hatten wir einen sehr regelmässigen Rhythmus, man hätte wohl fast die Uhr danach stellen können. Wann dachte ich, das ändern zu wollen? Wieso? Sich gegen Dinge zu stellen, die sind, wie sie sind, bringt nur Ärger. Und wenn man sich richten kann – wieso es nicht tun? Weil man selber mal bestimmen will? Um welchen Preis? Ärger, Kraftverlust, Kampf? ich sage nicht, dass man alles hinnehmen soll, aber wie oft kämpft man um irgendwelcher Prinzipien Willen, weil man selber festgefahren ist, und nicht um der wirklichen Sache wegen.

Ich werde mich nun wieder aufs Loslassen konzentrieren und den Weg einschlagen, den ich heute gezeigt kriegte. Und ich bin dankbar für die beiden Lehrer. Den, der mir ab und an Lehren aufzeigt, weil er mein Leben schwer macht und den, der mir in den vielen Jahren, die ich ihn nun kenne,  immer wieder mit viel Güte und Menschlichkeit zur Seite stand.

Vergangenheit und Wiederkehr

Wie geringfügig ist, verglichen mit der Zeitentiefe der Welt, der Vergangenheitsdurchblick unseres eigenen Lebens.

Diese Zeilen Thomas Manns zeigen die relative Grösse des eigenen Lebens. Im Vergleich zu dem, was in der Welt passiert, sind wir zu vernachlässigen, so klein. Und doch nehmen wir uns oft unglaublich wichtig. Sehen uns im Zentrum, sehen die Welt um uns. In der östlichen Welt ist alles eins. Die Welt sind wir und wir sind die Welt. Das würde die Grösse der Welt in das Individuum versetzen und dieses wiederum Welt sein lassen. Der Gedanke ist nicht nur tröstlich, er hat viel Wahres. Die Welt ist, wie sie ist, weil die Individuen bestehen. Klar kann man sagen: „Ich bin klein, ich bin unwichtig, ohne mich ginge alles genau gleich weiter.“ Wen aber bräuchte es? Wenn das alle sagen würden, gäbe es niemanden. Die Welt bestünde wohl trotzdem, aber auf eine andere Weise, sie wäre eine andere. Und wenn man von dieser grossen Welt ohne Menschen in eine kleine, persönliche Welt geht, zählt jeder Mensch darin, egal wie gross oder klein er sich fühl, gleich viel. Denn ohne ihn wäre diese persönliche Welt eine andere. 

Man denkt ab und an, die unliebsamen Zeitgenossen könnte man gut entbehren. Die Welt wäre ohne sie eine bessere. Doch auch sie haben wohl ihren Zweck in dieser Welt. Sind einem anderen Menschen lieb und teuer. Genauso wie auch wir nicht allen passen. Wenn wir den Mann haben, den eine andere gerne hätten, hätte die uns auch gerne weg. Trotzdem sind wir für diesen Mann vielleicht die Welt. Oder für das Kind, oder für den Vater. So oder so, wir tragen immer etwas dazu bei, dass die Welt ist, wie sie ist. 

Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben. Ich wollte über die Vergangenheit schreiben, die sich ab und an wieder meldet, an die Tür klopft, Hallo sagt und Möglichkeiten zeigt, wieder Gegenwart zu werden. Ich wollte über das Leben schreiben, das sich immer wiederholt, das immer wieder Wiedererkennungswerte mit sich bringt. Es gibt im Leben gewisse Grundthemen, die immer wieder auftauchen, das Leben prägen, kurz verschwinden, von anderem verdrängt werden, um dann wieder da zu stehen und noch mehr zu leuchten. 

Genau das passierte mir durch eine Mail meines Professors. Und so denke ich, mein Schreiben nochmals der Akademie zu widmen, genauer Thomas Mann. Eine Liebe und Faszination, die mich vor Jahren einnahm, nie ganz losliess, neu wieder ausbrach und nun gar unterstützt wird. Ich bin dankbar. Ich bin froh. Für die Möglichkeit. Was draus wird? Wir werden seh’n. Für die Welt wenig bedeutend, für mich eine grosse Welt. Eine schöne Welt. 

Achterbahn

Des Lebens Tücken
Kennt man lange,
hat sich damit
arrangiert.

Kennt die Höhen,
kennt die Tiefen,
schickt sich drein,
kooperiert.

Findet Ruhe,
die man suchte,
die man braucht,
egal was wird.

Bis dass von aussen,
jemand kommt
und alles stürzt,
ganz ungeniert.

Weil er es kann,
weil er es will,
und er es tut,
so unbeirrt.

Und man steht da,
und fühlt sich klein,
ja hilflos gar,
man resigniert.

Sieht die Gefahren,
fühlt sie klar,
fühlt die Ohnmacht,
deprimiert.

Nimmt alle Kraft
Und sammelt sich,
schaut wieder auf,
noch reduziert.

Sucht einen Halt,
ergreift ihn sich,
und geht dann weiter,
garantiert.

Der Zauberer stellt sich vor

Vielleicht liebe ich mein Leben nicht genug, um zum Autobiographen zu taugen.

Diese Worte stammen von dem Mann, der eigentlich nichts anderes tat, als über sein Schaffen und sein Leben zu schreiben, wenn auch meist in einem literarischen Werk oder Essay verpackt. Das vorliegende Buch enthält Reden, Lebensläufe und Aufsätze Thomas Manns, welche einen unverhüllten Blick auf sein Wirken zulassen. Sie zeigen einen Menschen, der sein Leben ganz dem Schreiben unterordnet. Sie zeigen aber auch einen Menschen, der trotz seines Erfolgs an sich zweifelt, getrieben ist vom Wunsch und der Sehnsucht nach Achtung und Anerkennung.

Denn selten wohl ist die Hervorbringung eines Lebens – auch wenn sie spielerisch, skeptisch, artistisch und humoristisch schien – so ganz und gar vom Anfang bis zum sich nähernden Ende, eben diesem bangen Bedürfnis nach Gutmaching, Reinigung und Rechtfertigung entsprungen, wie mein persönlicher und so wenig vorbildlicher Versuch, die Kunst zu üben.

Thomas Mann zeigt seinen Zuhörern und Lesern seine Zeit, seinen Werdegang, seinen Tagesablauf und sein Schreiben. Dabei ist immer zu bedenken, dass er ein Bild von sich darlegt, welches er darlegen will, dass er dieses mit dem Werkzeug zeichnet, welches er meisterhaft beherrscht: der Sprache. Und es ist ein Bild, das all die stilistischen Mittel auch trägt, die sein Werk ausmachen: Ironie, Humor, Prägnanz, Detailtreue – alles auf die Wirkung ausgerichtet, die beim Empfänger gewünscht ist. So mag das Bild vielleicht nicht immer ganz realistisch sein, es fehlen die Seiten, die verschwiegen werden wollen und glänzen die, welche präsentiert werden sollen, trotzdem spricht gerade das für die Authentizität des Berichts, denn genau so war er: ein Zauberer mit der Sprache, welcher immer die Worte aus dem Hut zaubert, die das Gegenüber erstaunen lassen.

Thomas Mann lebte zum grossen Teil für sein Schreiben und er sah dieses Schreiben als eine Form von Dankbarkeit:

Wir werden daran gewahr, dass Produktivität aktiv gewordene Empfänglichkeit ist, Dankbarkeit für das Leben, für das Glück und das Leiden, das es dem schöpferischen Menschen reichlicher spendet als anderen.

Fazit:

Thomas Mann beleuchtet sein Leben, sein Schaffen, einzelne Werke und gibt dem Leser somit Einblicke in sein Schaffen und die Motivationen, die hinter diesem stehen. Absolut lesenswert.

(Thomas Mann: Über mich selbst. Autobiographische Schriften, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994.)

Bild

Kann man wählen, wer man ist?

Heute las ich ein Buch. Ein sehr trauriges Buch. Es handelte von einer durch und durch schlechten Welt, in welche die Menschen ungefragt hineingeworfen wurden. Eine Welt voller Hass, voller Abscheu, voller Demütigungen, vor allem Demütigungen derer, die nicht der gesellschaftlich erklärten Norm entsprachen. Die Welt war keine homogene, es gab verschiedene Systeme. Das eine war genauso schlecht wie das andere. Nahm das eine dem Menschen die Freiheit, zu wählen, unterlegte ihn Zwängen und Korsetten und liess ihm kaum Auswahl in irgend einem Bereich, versprach die andere vordergründig alles, hielt hintergründig nichts, da auch hier der Mensch Zwängen unterlag, um sich die sogenannten Freiheiten zu leisten, welche bei näherem Hinsehen erstens einen hohen Preis hatten und zweitens gar keine waren, da auch sie von aussen auferlegt waren. Egal, ob der Staat oder die Gesellschaft, die Eltern oder die Nachbarn die Regeln aufstellen, egal, ob sie geschrieben oder ungeschrieben sind, sie unterwerfen. Und wehe dem, der sich nicht unterwerfen lässt, er ist Ausgestossener. Weil nicht angepasst. 

Ich las mich mit Sorgenfalten durch das Buch. Es machte mich wütend. Ich fragte mich, wie man so abgelöscht, so negativ, so zynisch sein kann. Wie man eine so schwarze Welt zeichnen kann. Und ich fragte mich noch mehr, wie damit umzugehen sei, dass grundsätzlich nichts gelogen ist, dass es zwar Fiktion, dunkle und düstere Fiktion ist, aber in Tat und Wahrheit nicht so weit von der Realität entfernt ist. Ich habe diese Wahrheiten auch schon thematisiert, wurde dafür bitter und zu nachdenklich genannt. Und auch wenn ich die schönen Seiten des Lebens durchaus sehe, sie lebe, so sehe ich all die anderen auch. 

Gibt es Freiheit? Wie sieht sie aus? Welchen Preis hat sie?

Heute Abend schaute ich einen Film – die Lebensverfilmung eines Schriftstellers. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, würde man denken. Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig. Verdächtig, nicht lebenswürdig zu sein, weswegen er sich unter Rechtfertigungszwang sah. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. 

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drumrum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte. 

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess das auch spüren. Den Rest unterstützte er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Und er war selber unterdrückt. Von sich selber. War er frei? Hatte er das so gewählt? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht draus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben? 

Und hier sitze ich nun. Und frage mich: ist die Welt so schlecht? Wer ist schuld daran? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Bloss, er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären „angepasster“ gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber. Konnte nicht aus seiner Haut. War er also schuldunfähig? Doch wir brauchen doch einen Sündenbock. Irgend jemand muss verantwortlich sein, sonst gerät unser System ins Wanken. 

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – als Kind fühlt man diese kleinen Zeichen nicht, da wartet man auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Bleiben die aus, fehlt was fürs Leben. Dann gibt es wohl zwei Möglichkeiten: Man stürzt sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, oft Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder machten das – eines überlebte es nicht. Andere leben das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn. Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen. 

Hatten sie eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Und dann? 

Wie sieht ein Leben aus, das man in die Hand genommen hat. Das ein gutes Leben ist, ein normales? Und wenn ich ein normales, ein der Norm entsprechendes, Leben führe, habe ich es dann frei gewählt, es nicht einfach nur einer gesellschaftlich geforderten Masstabelle unterworfen? Und je nach System, in das ich geboren bin, divergiert diese Tabelle. Im Sozialismus hiess das marschieren im Gleichschritt, ohne Aufmucken, ohne eigene Gedanken, im Kapitalismus hiess das, seine Zeit und Leistung zu verkaufen, um sich leisten zu können, was man sich in so einem System leisten können muss. 

Und damit bin ich beim Buch vom Tag zurück. Und bei der Frage: Ist diese Welt wirklich düster und schlecht? Haben wir eine Wahl oder stecken wir fest? Können wir tun, was wir wollen, irgendwas passt immer nicht? Leben wir so, wie wir es wollen, zahlen wir den Preis des ausgestossen Seins, passen wir uns an, werden wir zu Marionetten des Systems. Am Schluss leiden wir immer – am einen oder anderen. 

Soll ich diesen Blog nun so pessimistisch enden lassen? Oder ihn in Wohlgefallen auflösen, indem ich sage, dass das Leben immer auch schöne Momente bereit hält, die man geniessen soll, an denen man Kraft tanken soll für die Unbilden, die auftauchen? Wäre das nicht kitschig? Weil es eigentlich nicht stimmt? Klar stimmt es, dass es glückliche Momente gibt. Doch ändern diese nichts an den äusseren Gegebenheiten. Die Welt ist keine leichte. Das Leben ist nicht einfach. Freiheit als solches gibt es nicht. Zwänge sind überall – von aussen und innen. Sich ihnen zu widersetzen hat seinen Preis. Und selbst, wenn man den Preis bezahlen will, leidet man dann und wann, weil jeder Preis schmerzt. Aber das ist das Leben. Niemand sagte, es sei einfach. 

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Toto wurde übergeben. Das war sein Schicksal, er war so etwas wie das ungewollte Geschenk, das immer weitergereicht wird […]

Als zweigeschlechtliches Kind einer alkoholkranken Abgelöschten auf die Welt gekommen, findet sich Toto bald als ausgestossenes und ausgelachtes Nichts in einem Heim eines sozialistischen Staates wieder. Konfrontiert mit Härte und Kälte sowie dem Ausgeliefertsein an die Grausamkeiten des Lebens, stellt sich Toto ebendiesem Leben, das er nicht begreift. Er realisiert aber, dass im Zusammenleben mit Menschen Regeln und Gesetze herrschen, welche irgendjemand mal beschlossen hat, denen sich nun alle unterordnen , ohne nachzudenken.

Sie verfügen über dich, weil sie es so geschrieben haben, in ihren Märchenbüchern, damit sie sagen können: Es steht geschrieben, dass das Tier dem Menschen zu dienen habe und die Frau dem Mann, und das haben sich Männer ausgedacht, die gerne Fleisch fressen und Frauen prügeln, weil es ihnen hilft, mit diesem unwürdigen Leben zurechtzukommen […]

Toto eckt mit seinem immer freundlichen, immer sauberen, nichts Böses erwartenden und selber fühlenden Wesen an bei den Menschen, welche selber am Leben frustriert nur darauf aus sind, ihren Frust an anderen, schwächeren abzuladen. Er trifft auf eine Welt, welche vor Boshaftigkeit, Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit nur so strotzt. In seiner naiven, nichts wissenden Art sieht er die verschiedenen Gesellschaftssysteme des Sozialismus und des Kapitalismus sowie auch die Globalisierung in einer unverfälschten, aber auch hoffnungslosen Art. Freiheit gibt es nicht,  auf die eine oder andere Art ist jeder gefangen in einem System, welches nie dem Einzelnen dient, sondern sich selber zu erfüllen trachtet. Wenn sich einer diesem System nicht unterordnet, darüber oder daneben steht, ist er der Aussenseiter, welcher zu bekämpfen ist.

Der Weg Totos führt vom Nichts über die aufgezwungene Männlichkeit hin zur selbst gesuchten Weiblichkeit. Jede dieser Ausdrucksformen des eigenen Seins konfrontiert Toto mit neuen Problemen und Ungerechtigkeiten. Ein durch und durch trauriges Leben in einer durch und durch schrecklichen Welt.

 

Sibylle schaut hin. Sie ist unbarmherzig und durchdringend. Sie verschont nichts und schönt nichts. Sie beschreibt in einer klaren Sprache die Schwierigkeiten des Lebens in dieser Welt. Sie zeigt auf, wie die Schwierigkeiten wachsen, wenn man nicht in die vorgefertigten Schubladen passt. Trotz aller Düsterheit und Sachlichkeit entbehrt das Buch nicht einer gewissen Zärtlichkeit für die Protagonistin. Diese wird nicht blossgestellt, nicht zur Schau gestellt, sondern in ihren Schwierigkeiten dargestellt.

 

Fazit:
Ein schonungsloses Buch über eine durch und durch schlechte Welt. Das Leben in Freiheit wird als Illusion oder aber (Über-)Lebenskampf enttarnt.  Oft überzeichnet, gespickt mit Sarkasmus, Zynismus, Düsterheit trifft das Buch doch erschreckend zu in seiner Diagnose.

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012).    

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 399 Seiten

Verlag: Hanser Verlag (30. Juli 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR 21.90 / CHF 32.90

Zu kaufen bei: AMAZON.DE  und BOOKS.CH

Fragen, Fragen, Fragen

Was sind Probleme im Leben? Wann leidet man? Wann ist Leiden legitim? Wann das Schicksal hart? Wer setzt das Mass? Darf ich klagen, dass mir das Essen nicht schmeckt, wenn ich weiss, auf anderen Erdteilen verhungern Menschen in Scharen. Darf ich jammern, das Leben sei ungerecht, weil es sich mir nicht so darbietet, wie ich es gerne hätte, vielleicht Hürden hat, die ich bei anderen nicht sehe, nur bei mir, wenn ich weiss, dass andernorts kein Leben möglich ist, weil Krieg herrscht und man schon froh ist, zu über-leben? Verpflichtet mich der Umstand, in einem westlichen zivilisierten Land mit Sozialsystem geboren zu sein zu Dankbarkeit und Zufriedenheit, weil fast jede andere Lebenssituation um Welten schlimmer wäre als die meine? Oder habe ich ein Recht auf mein Leid, meine – im grossen Zusammenhang nichtigen, für mich gewichtigen – Probleme, einfach, weil sie meine sind, mein Leben im Jetzt und Hier prägen, ausmachen? Was ist angebracht, was Jammern auf hohem Niveau und damit fast schon niveaulos?

Eigentlich habe ich alles im Leben, was ich mir nur wünschen kann. Es geht mir gut, ich bin soweit gesund, lebe da, wo ich leben will, tue das, was ich tun will (meistens, ab und an stelle ich das Wollen in Frage, aber nicht des Wollens Willen, sondern aus anderen Gründen – man könnte hier gleich am Anfang weiter lesen und all die Fragen stellen, die ich stellte). Ich hätte also allen Grund, als ewig strahlendes Honigkuchenpferd durch die Welt zu laufen, grinsend „es geht mir gut“ zu singen und den Herrn einen lieben Mann sein zu lassen (wenn es den denn gäbe, was ich nicht denke, aber tolerant genug bin – logischerweise -, das andere anders sehen zu lassen und mich zurückzuhalten mit intellektuellen Argumentationsketten, wieso es ihn nicht geben kann und das Glauben seiner Existenz absolut verfehlt sei – um es nicht dumm zu nennen, was noch weniger schön wäre). Tue ich aber nicht. Mist aber auch.

Ab und an überkommt es mich. Die ganze Schwere des Lebens. Dann sitze ich da und grummle. Vor mich hin, mit anderen. Eigentlich bin ich zufrieden. Eigentlich. Nur bringt mich alles in eine angespannte Haltung. Der kleinste Auslöser reicht – der Auslöser muss nicht mal wirklich Auslöser sein, es reicht schon, dass was kommt. Das kann sein, was es will – ich sitze da und bin genervt. Bin frustriert. Bin getroffen. Reagiere. Je nach Situation anders, selten angepasst, meistens über. Finde ich. Ich finde mich schlimm. Und das bringt mich noch mehr auf die Palme. Ich genüge mir und meinen Ansprüchen an mich nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich sollte gelassen sein. Über den Dingen stehen. Und vor allem lächeln, denn es geht mir ja gut. Ich habe ja alles.

Aber so bin ich nicht. „Kind, wieso bist du nur immer so. Alle andern sind anders. Nur du.“ Ja, nur ich. Und ich mag es nicht. Und das bringt mich in diesen Situationen erst recht auf die Palme. Ich möchte gut sein und fühle mich nur schlecht. Und hadere mit mir und reagiere dann über. Auf die anderen. Auf deren harmlose Auslöser. Sie löffeln meine Suppe aus. Und merken es nicht mal? Was, wenn sie aufwachen? Oder bin ich zu hart mit mir? Wieso schelte ich mich, wenn anderen nicht mal auffällt, dass ich was falsch machte? Oder sie es zumindest nicht übel nehmen. Wieso bin ich so streng, wo andere drüber weggehen? Und genau diese Strenge macht alles meist noch schlimmer, weil ich im Hadern,  im Verurteilen meiner Schwäche gefangen, Dinge gereizter angehe.

Ein Blog voller Fragen. Und nun sollte folgerichtig die Antwort kommen, die da lautet: Ich bin prima, wie ich bin. Ich nehme mir vor, fortan liebevoller mit mir umzugehen. Ich werde gelassen sein, mir und anderen gegenüber. Werde meine Schwächen als Teil von mir akzeptieren und sie liebevoll umarmen. Werde lächeln und das Leben lieben. Ich werde ein neuer Mensch – im Einklang mit mir und dem Leben und überhaupt.

Aber damit kann ich nicht dienen. Ich habe die Antworten nicht. Ich habe nur die Fragen. Und es werden immer mehr. Zwar klingt es schön, fortan nur noch zu lächeln und gelassen zu sein. Aber das ist nicht das Leben, wie ich es empfinde. Das ist nicht das Leben im Spannungsfeld von hoch und tief, das ich lebe. Seit Jahren. Nicht pathologisch. Einfach lebendig. Mal nachdenklich, mal überschwänglich. Mal still, mal laut. Mal versöhnlich, mal angriffig. Immer versucht, niemanden zu verletzen. Ab und an verletze ich doch – meist wohl mich selber. ich kann stur sein, bockig, aufsässig, penetrant. Ich kann ausflippen, explodieren. Kann sticheln, so fein ist keine Nadel. Und zeige wohl damit immer, dass ich selber gerade leide. Das Aussen ist Spiegel des Innen. Und das müsste man verdecken. Man ist ja gross und angepasst. Lächelt. Ich werde wohl nie man sein. Aber eigentlich macht das auch nichts. Meistens. Und ab und an, wenn ich damit hadere, es nicht zu sein, vergeht diese Phase zum Glück auch recht schnell wieder. Noch Fragen? Klar, eine ganze Menge. Und das ist gut so.