Wieso ich heute gefrustet bin

Wieso? Ich habe keine Ahnung. Alles ist prima, mein Leben gut. So viele Menschen auf dieser Welt haben es viel schwerer als ich. Ich habe eigentlich alles, was ich mir wünschen kann. Eigentlich sogar mehr. Mir geht es gut. Ach so gut. 

Die Krux liegt wohl im „eigentlich“. Denn eigentlich ist nichts, wie es sollte nach eigenem Gutdünken, wenn man eigentlich schreibt. Das ist fast so schlimm wie grundsätzlich, denn sobald man sagt, dass etwas grundsätzlich ist, wie es ist, schreit das schon förmlich nach der Ausnahme und der Erklärung, wieso es gerade nun nicht so ist. Und beim eigentlich, da schreit es auch. Alles, was eigentlich gut ist, ist gerade nun nicht gut, weil eben… und dieser Grund.. der fehlt. Drum ist es ja eigentlich gut. Weil es grundlos nicht gut ist. 

Gut, vielleicht gibt es Gründe, doch die traut man sich kaum zu sagen, da sie eigentlich (schon wieder) harmlos sind, blöd sind, sinnlos sind. Sie widersprechen allem, was man als vertretbare Gründe zum Jammern anfügen könnte. Man hungert nicht, schläft warm und trocken, hat keinen Krieg, keine Krankheiten, keine wirklichen Probleme. Nur eben: Es ist nicht so, wie man es gerade gerne hätte. Und drum ist man gefrustet. Jemand tat, was er in den eigenen Augen nicht hätte tun sollen, jemand tat nicht, was man so gehofft hatte. 

Argumente gegen diesen Zustand gibt es viele. Sie reichen von „hab dich nicht so“ über „entspanne dich, morgen ist die Welt wieder in Ordnung“ bis hin zu „lerne, mit dem zufrieden zu sein, was ist“. Alles toll, alles wahr – hilft alles nichts. Es ist, wie es ist und es fühlt sich nicht gut an. Und wenn man schon in der Stimmung ist, dann regt man sich auch gleich über alles auf, was einem noch so über die Leber kriecht. Die doofe Nuss, die ihre Animositäten pflegt und Unsinn verbreitet, weil sie denkt, man hätte ihr was weggenommen, das sie in Wirklichkeit nie gehabt hat, der sture Kater, der nicht einsieht, dass der Tisch nicht sein Schlafplatz ist, der undichte Hund, der immer dann raus muss, wenn es Katzen hagelt und der Mann, der nie da ist, wenn man ihn mal braucht, dafür immer dann, wenn man seine Ruhe will. Und man selber, die man nie ist, wie man gerne wäre, weil man grade ist, wie man ist. Und das ist momentan: gefrustet. 

Frei – unfrei

Es gibt Studien zum Verhalten von Kleinkindern und deren Bindung zu den Eltern. In einer Art Jojo-Effekt bewegen sie sich von den Eltern weg, um wieder zu ihnen hin zu laufen, danach etwas weiter weg zu gehen, wieder hinzulaufen. So werden die Abstände immer weiter, im Wissen, wieder zurückkommen zu können. Ich denke, dieses Wissen um den Halt in der Mitte lässt das Erkunden des Aussen, der Weite, der Welt möglich werden. Die Weite ist unsicher, haltlos, sie braucht einiges an Anstrengung. Das Zurückkommen ist die Erlösung der Anspannung, die Erleichterung. Das Kind kann wieder auftanken, Mut schöpfen, Geborgenheit tanken und damit die eigenen Batterien auffüllen. Es fühlt wieder den Schutz, die Liebe, die Sicherheit. Es lotet so aus, wie weit es gehen kann, ohne das Gefühl zu verlieren. Es lotet aus, wie weit es geht, bis es an Grenzen stösst. Grenzen des eigenen Vertrauens, des eigenen Mutes und an die Grenzen des Dürfens, des Erlaubten.

Der Mensch wird diesen Mechanismus wohl nie ganz los. Immer strebt er nach aussen, sucht das Weite, sucht die Freiheit. Er will Ketten sprengen, eigene Wege gehen, ungehindert, ganz nach seinen eigenen Wünschen, dem eigenen freien Willen (wie er denkt) folgend. Dieser Wunsch ist umso grösser, je stärker die Fesseln drücken, die der Alltag schnürt. Je mehr man sich unter Zwang fühlt, desto mehr sehnt man sich nach Freiheit. Möchte mal ausbrechen, einfach frei sein, tun und lassen können, was man will. Nicht um 6 aufstehen, nicht um 8 bei der Arbeit sitzen, nicht um 12 Mittagessen kochen, um um 2 wieder zu arbeiten. Man möchte frei weg gehen, ohne alles drum rum zu organisieren, möchte einfach mal in den Zug steigen und nach Irgendwo fahren, ohne zu denken, dass die Zeit nicht reicht, die Blumen verdursten, der Mann verhungert und das Konto überzogen wäre. Man möchte im Schlafanzug aufs Sofa liegen und ein Buch in einem Zug durchlesen, ohne dass irgendwer was von einem möchte. Und man möchte vor allem niemandem Rechenschaft ablegen müssen, wieso man das tut, was das bringt, wo der Sinn liegt in all dem.

Doch stellen wir uns das vor: Pflichten weg, Mann weg, Kind weg – kein Zwang, kein Muss, nur Sein. Was ist dann noch? Ok, ich schlafe bis 8, stehe auf, lese. Es ist ruhig. Sehr ruhig. Ich könnte in den Zug steigen. Wohin sollte ich? Eigentlich ist es gut hier. Also bleibe ich. Lese weiter. Ich geniesse es, keine Frage. Um 12 müsste ich eigentlich kochen. Wozu? Ist ja keiner da. Ich denke an die gemeinsamen Mittagessen. An die schönen braunen Augen des Kindes. An sein Lachen. Ich habe gar keinen Hunger, ich kann ja lesen. Endlich mal. Lese weiter, geniesse es. Kein „Mama, wo ist…..?“, kein „Mamaaaaa, darf ich……?“ und kein „Mamaaaaa, kannst du…..?“. Einfach ich. Ganz frei.

Und doch fehlt was. Es fehlt das Gewohnte. Das, was Halt gibt. Das, was da ist, worauf man bauen kann. Ohne diesen Halt wird das Leben haltlos, uferlos, es ufert aus. Wieso suchen so viele Menschen Zuflucht in Religionen, Sekten, Institutionen? Weil sie genau da ihren Halt finden, die Geländer für ihr Leben, die Grenzen, innert derer sie sich bewegen können. Mein Halt im Leben war lange Zeit mein Studium. Alles brach, alles ging drunter und drüber – das Studium war immer da. Der Abschluss war keine Freude. Mir fehlte mein Sinn. Mein Halt. Was ich vorher immer mied, Druck, Zwang, von aussen auferlegte Aufgaben, das war weg. Ich hatte Glück, ich konnte weiter forschen.

Daneben war mein Kind. Eine sichere Konstante. Sie beide schrieben meinen Rollen: Philosophin und Mutter. Einerseits Last – aber ohne wäre ich wohl untergegangen, sie waren auch identitätsstiftend. Wenn ich das so denke, merke ich, dass ich wohl eher sonderbar bin. Ab und an wünschte ich, die Dinge gar nicht zu hinterfragen, das Leben wäre wohl einfacher. Wen kümmert schon Identität, man ist, wer man ist. Was gibt es da zu denken? Muttersein ist biologische Tatsache, wieso muss man das philosophisch hinterfragen? Nun gut, ich bin, wie ich bin, ich werde aus dem Hinterfragen kaum ausbrechen.

Was also ist der richtige Weg? Freiheit wird oft als höchstes Gut gewertet und doch scheint sie der Mensch nicht auszuhalten. Er sucht nach Halt, er sucht nach Schutz und Sicherheit. Nimmt man einem Menschen jeglichen Halt, fühlt er sich haltlos und damit hilflos. Zwänge und Einschränkungen scheinen zwar auf der einen Seite einzuengen, auf der anderen Seite geben sie eine Orientierung. Etwas, woran man sich halten kann.

Der Mensch sucht förmlich danach. Er sucht nach dem Partner, der diesen Halt versprechen kann, er sucht nach dem Status, der ihm diesen Halt in der Gesellschaft gibt. Die heutige Zeit löst immer mehr auf, was mal Halt war. Ehen werden zur Massenware, Arbeitskräfte austauschbar. Werte wechseln wie Unterhosen und Trends überleben kaum noch ihre Niederschrift. Die Menschheit krankt, mit ihr der Mensch an sich. Die einen streben hoch und höher, die anderen besinnen sich auf sich und kämpfen  mit dem Untergang. Glücklich ist keiner und die Lage ist ernst. Wo ist die Lösung? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel am Kleinkind nehmen. Es weiss, dass es den Halt braucht, es weiss, dass gewisse Grenzen lebensnotwendig sind und es sucht nach den Grenzen. Es muss nicht immer weiter gehen, es reicht, die Grenzen zu suchen, sie auszuloten, mit ihnen zu spielen. Im Wissen, dass der Halt, der Mittelpunkt wichtig ist. Ohne diesen sind wir verloren.

Neues zu entdecken, weiter zu kommen, ist nicht schlecht. Schwierig wird es dann, wenn das, was ist, was hält, was gut ist, abgelehnt wird, nur weil es schon da ist, weil es nicht neu ist, weil es nicht spannend ist. Neu ist nicht immer besser. Es ist anders. Es mag weiter bringen. In einem Bereich. Etwas wird wegfallen. Und dieses Etwas ist immer ein Teil von einem selber, da man selber immer Teil von dem ist, was war. Wirklich frei ist man nie, zum Glück. Wirkliche Freiheit wäre unendliche Einsamkeit. Alles, was hält, wäre dahin, alles, was stützt, eingebrochen. Wer wäre man dann noch?

Freiheit oder Überleben

Der Mensch ist frei. Sein freier Wille ist es, das ihn von den Tieren abhebt. Er kann entscheiden, was er tut, kann wollen, kann wählen. Tiere können das in einem begrenzten Mass auch, aber nicht so ausgeprägt, wie der Mensch. So die Theorie bis vor kurzem. Es gab zwar Stimmen dagegen, die der Determinsten, die alles als vorgegeben sahen, sei es durch die Natur oder göttliche Fügung. Die Gegenspieler beharrten drauf: Der Mensch ist frei.

Ich kann also wählen, was ich will. Ich kann frei entscheiden, was ich tue und frisch fröhlich drauflos gehen. Freiheit ist, wenn keine Hindernisse da sind – äussere wie innere. Soweit so gut. Ich will also auf einen Berg steigen. Ich bin aber nicht schwindelfrei. Nun kann man sagen, ich will das gar nicht, wieso sollte ich das wollen, wenn ich doch die Höhe nicht mag? Ich könnte lesen wollen. Einen ganzen Roman. Er ist spannend. Ich will nicht aufhören. Eigentlich müsste ich arbeiten. Kann ich schwänzen. Das hat Konsequenzen vielleicht, aber das könnte ich so entscheiden. Irgendwann müsste ich mal was essen. Nun gut, Diät ist auch nicht schlecht, ich lese weiter. Ich sollte aufs Klo. Ich verklemme das. Unendlich geht das nicht. Wo ist mein freier Wille nun? Ich will doch lesen. Nicht aufs Klo gehen. Kinder lassen laufen, im Spiel versunken. Als Erwachsener? Könnte man… kann man nicht. Man könnte doch… man geht aufs Klo. War das Entscheid? Musste ich? War ich frei? Ich war wohl frei in der Wahl, wo ich es laufen lasse, aber dass ich es laufen lassen muss, das war erzwungen. Wo also ist diese Freiheit? Doch schlussendlich Triebe, die Motive sind, die antreiben, die Handlungen erzwingen?

Vielleicht ein Zusammenspiel von vielem? Natürliche Grundtriebe lassen sich nicht steuern, doch wie man damit umgeht, hat man in der Hand? Eine Teilfreiheit? Ein Jein? Das befriedigt nie. Man möchte ganz – besser als gar nicht, wobei das immer noch eine klare Linie wäre. Ein bisschen hier und bisschen da ist so lau, so fad. Das mag man nicht, es hat den langweiligen Anstrich des Unentschieden. Und doch ist es wohl am Ende das, was überlebt. Die Balance zwischen den Extremen, die Anpassung. Anpassung ist Überleben und das ist das höchste Ziel.

Das war es zumindest mal. Als man genug damit zu tun hatte, zu sehen, dass man überlebt, waren Themen wir Freiheit und Glück kaum je im Gespräch. Es ging um pure Notwendigkeiten. Lebensnotwendigkeiten. Wenn die gesichert sind, wendet man sich neuen Projekten zu. Die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist oder man einfach nur froh sein könnte, dass es einem so gut geht und man überlebt, ist wohl eine sehr ketzerische, die Antworten wie: „Das wäre Stillstand“ oder: „Wir wären nie so weit gekommen, wie wir sind“ aufs Tapet rufen würden.

Ja, vermutlich hätten wir einige Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht. Vermutlich wäre der Büchermarkt um einige theoretischen Werke ärmer. Sehr wahrscheinlich wären die Psychiater seltener und schlechter verdienend und die Menschheit vielleicht immer noch auf dem Plumpsklo. Was wäre schlimm daran? Wir wüssten ja gar nicht, dass es mehr gäbe, aber wir würden alle leben.

Der Halt im Leben

Man ist Kind, wächst auf unter der Obhut der Eltern. Zwar findet man nie alles toll, was die tun, findet vieles sogar ungerecht, falsch, zu streng, völlig daneben. Und doch sind sie ein sicherer Hafen (im guten Fall), ein Halt, ein Auffangnetz.

Irgendwann setzt die Pubertät ein. Man strampelt sich frei, rebelliert, setzt sich gegen die Eltern, steht auf, will eigene Wege gehen. Und doch sind sie im Ernstfall immer noch da (im besten Fall) und sind Halt, Stütze, Zuhause. Der sichere Wert, auf den man bauen kann.

Man wird erwachsen, zieht aus, geht wirklich eigene Wege. Die Eltern bleiben da. Auf Distanz, mal mehr, mal weniger, sie sind ein fester Bestandteil des Lebens. Sogar wenn man verkracht ist, sind sie ein Orientierungspunkt. Entweder will man sein wie sie oder gerade anders. Immer aber sind sie der Punkt, der ein sicherer Wert ist. Man fühlt sich nie verloren.

Beziehungen kommen, sie gehen. Die zu den Eltern bleibt. Ob gut oder schlecht, sie ist da. Was wäre man ohne Eltern? Haltlos? Man suchte wohl einen anderen Halt. Menschen brauchen irgendwo einen, sonst fühlten sie sich haltlos, würden ungehalten, gerieten in die Gefahr, zu fallen. Manchmal empfindet man den Halt als einengend, zürnt, hadert. Denkt, er schränke einen zu stark ein, man möchte ihn los sein. Doch wenn es hart auf hart kommt, wie froh ist man dann um ihn?

Wann wird man erwachsen? Wann kann man diesen Halt ablegen? Was, wenn er einfach entzogen wird? Wenn es von einem Tag auf den anderen heisst: Dein Platz hier ist nun weg. Wir geben ihn auf? Wir lieben dich, aber da ist einfach kein Platz mehr? Früher hatte man immer im Hinterkopf: Wenn alle Stricke reissen, da ist noch ein Platz, ich stehe nie im Schilf. Und dann ist der weg. Anderes war wichtiger (zurecht, es ist ihr Leben – oder sind Eltern ein Leben lang dazu da, ihre flügge gewordenen Kinder zu halten?), man musste sich entscheiden.

Der Verstand sagt: Alles gut, es war richtig und ich habe kein Recht, etwas anderes zu sagen. Das Herz blutet. Die Seele wankt. Alt genug bin ich. Etwas verlangt habe ich nie. Von niemandem. Ich bin so doof. Vielleicht gehofft… und vertraut. Und ein ums andere Mal gemerkt: Wenn es hart auf hart kommt, ist sich selber jeder der Nächste. Wieso also auf andere bauen? Kann man das?

Geld oder Liebe?

Als ich Kind war, gab es im Fernsehen die Sendung „Geld oder Liebe“, in der auf spielerische Weise Wettbewerbe zu bestehen waren und am Schluss eine Entscheidung darüber gefällt werden musste, ob man sich für die Liebe – den Mann/die Frau vor Ort – oder aber für Geld – den erspielten Betrag – aussprechen möchte. Der Romanitker hätte gerne die Liebe gewählt gesehen, da ich noch jung war, überwog der immens. Der kleine Rationalist in mir sagte zwar schon, dass es a) nur ein Spiel, b) der anwesende Mensch ein unbekanntes Zufallsprodukt und c) wirkliche Liebe anders aussehen müsste. Trotzdem wäre es schön, den Himmel voller Geigen (oder Herzen) zu sehen und sich im Geiste ein „und sie lebten fortan in Glück und Frieden“ vorzustellen.

Wie ist es im wirklichen Leben? Was zählt, was ist wichtig, wofür entscheidet man sich, wenn es hart auf hart kommt? Was sind die Kriterien der Partnerwahl? Entscheidet nur das Herz, wo der Pfeil des Amor einschlägt, bleibt er stecken, ungeachtet dessen, was diese Einschussstelle mit sich bringt, oder zählen auch andere Werte, andere Kriterien? Welchen Stellenwert hat Geld? Welchen gleiche Interessen, gleiche Vorstellungen, gleiche Lebensmuster? Oder sind es gerade die gegensätzlichen Einstellungen, die anziehen?

Die erste spontane Antwort auf diese Frage ist sicher: Nur die Liebe zählt. Wo sie hinfällt, wächst nicht kein Gras mehr, sondern da wächst ganz viel. Wie aber fällt die Liebe? Einfach so? Aus dem Nichts auf einen Menschen? Was macht den anderen zu dem Menschen, den man liebt? Wie verliebt man sich? Haben die Biologen recht, wenn sie von den 3 Sekunden der Entscheidung aufgrund irgendwelcher Lockstoffe und passenden Gerüche sprechen? (Herr Biologe, zu Hilf!) Haben die Psychologen recht, die auf einer ähnlichen Schiene fahren und auch eine kurze Zeit als Matchentscheidend sehen? Wo aber bleiben da die Eigenheiten des anderen? Die Übereinstimmungen? Die Gemeinsamkeiten oder Gegensätzlichkeiten, die so anziehend sein sollen? Alles Schall und Rauch, da wir nur Trieb und animalisch gesteuert sind?

Wo blieben dann all die inneren Werte? Die kennt man doch gar noch nicht. Oder drücken die sich im Geruch aus? Riecht man, ob der andere hilfsbereit, intelligent, verlässlich, treu, ehrlich, verantwortungsbewusst und humorvoll ist? Wenn es nicht der geruch sondern doch ein Anflug von romantischer Liebe per Pfeilschuss ist: sind es dann die inneren Werte oder irgendwelche Phantasien, die der andere weckt? Und woher stammen die Phantasien? Sind sie nicht auch im weitesten Sinne verstandesprodukte? Wie weit entfernt sind wir dann noch vom Geld? Die Phantasie von der goldenen Kreditkarte, man selber in Highheels, gut aussehend neben dem machtvollen erfolgreichen Mann stolzierend, jeden Wunsch von den Lippen abgelesen bekommend da alles möglich ist? Ist sie verwerflicher als die Romantik des mittellosen Jünglings, der so gut aussieht, ein grosses Herz hat, einen auf Händen in den Sonnenuntergang trägt und dabei Gitarre spielt (bitte mich nicht auf die Unmöglichkeit dieses Zusammenspiels hinweisen, das Bild ist grad so schön – nicht plastisch sichtbar allerdings)? Zerplatzt diese Romantik nicht bei der ersten nicht bezahlten Telefonrechnung und spätestens im dritten Winter ohne Heizung, wenn die durch Nähe entstehende Wärme nicht mehr jeglichen weiter führenden Wünsche tilgt?

Liebe ist ein schwieriges Gebiet. Zum einen weiss jeder genau, was es ist, kann es aber nicht so deutlich beschreiben. Zum anderen stecken so viele Hoffnungen, Wünsche, Ziele drin, dass das arme Gefühl kaum noch atmen kann und sichtlich überfordert ist, was sich im häufigen Verflüchtigen derselben (so genannten) zeigt. Was ist die Lösung? Es gibt Kulturen, in denen Ehen geschlossen werden von den Eltern. Die zu Vermählenden kennen sich kaum bis gar nicht, wenn sie vor den Traualtar treten. Oft halten diese Ehen ein Leben lang, die involvierten Menschen scheinen nicht unglücklich. Ich kenne keine Statistiken, habe selber keine dazu gefälscht, glaube das einfach mal so. Woran liegt es? Nur weil sie keine Wahl haben, es zu ändern? Oder vielleicht doch daran, dass gemeinsame Werte und Wertvorstellungen zusammen halten, einen Weg finden helfen? Ist Liebe schlussendlich doch keine Leidenschaft, sondern ein Zusammenraufen und gemeinsam Gehen?

Was also nun? Geld oder Liebe? Das geld steht dabei wohl sinnbildlich für die Verstandesdinge, die Werte im Leben. Dabei gibt es wichtigere und unwichtigere, relevantere und solche, die man aussshliessen kann. Schlussendlich zählt wohl doch über kurz oder lang eine gemeinsame Basis, die Amorpfeil hin oder her, da sein sollte. Geld allein macht nie glücklich, das zeigen all die ach so reichen Promis mit ihren ach so grossen Problemen. Gar kein Geld macht auch nicht glücklich, das sieht man leider viel zu oft auf dieser Welt. Frei entfalten kann sich der Mensch dann, wenn seine Grundbedürfnisse gedeckt sind. Luxus ist schön, aber nicht glückselig machend. Wenn dann das Herz fehlt, nützt alles Geld, alle Vernunft, alle Rationalität nichts – man wird nicht glücklich werden. Das Herz entscheidet, wen man will, der Verstand prüft, ob es gut ist – und schweigt. Entscheidet der Verstand nach Pflichtenheftmanier, was man zu wollen hat, wird das Herz eingehen und die Seele krank.

Geld

Was sind Gefühle
in einer kalten Welt,
in der man bloss
den Schein noch sucht.
Sich zu offenbaren,
als Schwäche gilt,
sich zu öffnen,
zum Angriff ruft.

Was sind Gefühle
in einer harten Welt,
in der man stark sein
und bestehen muss,
um nicht unterzugehen.
Wo als Schwäche gilt,
wenn man offen
fühlt.

Was sind Gefühle
in einer schnellen Welt,
die antreibt nur
zu Höchstleistung.
Wo Romantik als Geplänkel scheint,
Geld nur herrscht
und Macht
gesucht.

Was sind Gefühle
in einer toten Welt,
wo jedes Fühlen
abgewürgt
und der der fühlt
in Ketten darbt,
als Idealist beschimpft
und ruhig gestellt,
auf dass er schweige.

Was sind Gefühle
in dieser heut’gen Welt?
Gibt man auf
Und ist nur Schein?
Gewinnt Verstand,
das Herz soll Schweigen?
Oder wagt man doch
Und ist.

Sein braucht manchmal Mut, ab und an bedeutet es Verzicht. Schein ist Verzicht auf der ganzen Ebene – nicht gleich, aber langsam bohrend, mitten ins Herz, es verletzend. Und mit dem Herz leidet die Seele und das gekaufte Glück ist plötzlich nichts mehr wert.

Was ist ein Mensch und wann ist er tot?

Im Folgenden meine Rezension von Rafael Ferbers Buch „Philosophische Grundbegriffe 2“ – trotz der sehr komplexen Materie ein lesbares Buch, das durch die sehr weit und breit greifenden Verweise quer durch die Theorien seit der Antike ein Lesevergnügen und eine Bereicherung ist.

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe 2, C.H.Beck Verlag, München 2003.

Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe 2

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

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Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 277 Seiten

Verlag: C.H. Beck (2003)

Preis: EUR: 12.90 ; CHF 17.90

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In Ketten

Ich liebe Rousseau. Gründe dafür könnte es viele geben, zudem feiert er grad Jubiläum, so dass auch das dazu beigetragen haben könnte. Hauptsächlich ist es aber ein Spruch von ihm, der mir gefällt:

Der Mensch wurde frei geboren und liegt doch überall in Ketten.

Rousseau bezog das auf die aufgegebene Freiheit zugunsten des Gesellschaftsvertrages. Es waren in seinen Augen also Ketten des Staates, Ketten der Gesellschaft. Zugunsten von Sicherheit und Schutz verzichtet das Individuum auf seine persönliche, allumfassende Freiheit; es bleibt eine bürgerliche Freiheit, welche immer eine eingeschränkte ist.

Ich sehe diese Ketten umfassender. Ich würde den Spruch wohl umformulieren in:

Der Mensch wurde frei geboren, das Leben legte ihn in Ketten.

Kaum auf der Welt kommen die Zwänge, die Regeln, die Normen. Das darfst du nicht, das musst du tun, das ist richtig, jenes falsch. Denkt man als Kind noch, diese Zwänge werden weniger, wenn man gross ist, weil man dann frei und selber entscheiden kann, wird man bald eines Besseren belehrt: Es wird schlimmer.

Woher stammen die Ketten? Bei einem Teil hat Rousseau sicher recht: Das Zusammenleben in einer Gesellschaft erfordert ein Mass an Aufgabe von persönlichen Freiheiten. Man kann nicht einfach tun, wie einem beliebt, das würde kein System verkraften, in dem mehr als ein Mensch drinsteckt. Rücksicht und Miteinander sind die Zauberwörter. Dass sie gelingen, dafür sorgt der Staat. Doch denke ich, die Ketten gehen weiter. Neben den Normen des Staates kommen die Normen einer Kultur, auch die moralischen Forderungen, wie man sich zu verhalten habe oder nicht. Neben diesen moralischen Normen stehen die ungeschriebenen Gesetze, was man tun und wie man sein soll, um in einer Gemeinschaft eben dazu zu gehören oder Aussenseiter zu sein. Da werden ganze Lebenswege vorgezeichnet, denen man folgen muss, um ein angesehenes, ein akzeptiertes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Weicht man ab, wird man hinterfragt (im besten Fall) und verurteilt (in den meisten Fällen). Ab und an erntet man vielleicht auch ein anerkennendes Wort, weil man eigene Wege geht, dies ist oft nur vordergründig, hintergründig sieht man die Fragezeichen rotieren (Wieso tut sie das, wie so lebt er so?)

Und wenn man all diese Ketten als gegeben sieht, ist man in meinen Augen noch nicht fertig. Es gibt noch mehr. Die eigenen. Die sind sicher einerseits durch die der Kultur, Gesellschaft und den Staat geprägt, da man diese verinnerlicht. Sie kommen aber auch in eigenen Wünschen und Begehren, in Sehnsüchten zum Ausdruck. Wir loben uns, einen freien Willen zu haben und finden es schrecklich, denken zu müssen, dass dies nicht der Fall sein könnte. Was, wenn wir nicht wollen könnten, was wir wollen und nicht tun könnten, wonach uns der Sinn steht? Grundsätzlich besteht diese Willensfreiheit, das ungehinderte tun Können dessen, was man will. Dass diese nicht absolut ist und es immer Hindernisse verschiedener Art gibt, muss dabei nicht näher erläutert werden, das liegt auf der Hand. Ich werde nie fliegen können und auch das Gehen über Wasser dürfte eher schwer bleiben. Hindernisse können psychischer und physischer Natur sein, sie sind da, die Wünsche, die zu Handlungen führen, müssen sich damit abfinden, das akzeptieren.

So weit so gut, noch nichts Neues bis dahin. Wo also sind die Ketten? Ich denke, im Leben selber. Irgendwann muss man sich für einen Weg entscheiden und geht ihn. Man entscheidet sich für einen Beruf, für einen Partner, für eine Stadt, eine Lebensphilosophie. Grundsätzlich ist das nicht in Stein gemeisselt, aber es ist mal ein eingeschlagener Weg. Man kann den ändern, wenn man zum Schluss kommt, es wäre die falsche Entscheidung gewesen, aber das geht nicht immer und vor allem nicht zu häufig, denn jede Wegänderung ist irgendwo auch ein Treten an Ort, da man nie weiter kommt. Wege entwickeln sich nur weiter, wenn man sie eine Weile geht. Neue Wege beginnen immer am Ursprung, man kann selten bis nie gleich in der Mitte oder gar am Ziel einsetzen.

Und irgendwann befindet man sich auf dem Weg, für den man sich entschieden hat und fühlt sich unglücklich. Man fühlt sich im falschen Film und damit gefangen in einem Lebensmodell, das man so nicht will. Man sieht keinen Ausweg, denn die Entscheidungen für diesen Weg sind gefallen. Man sitzt in einer Stadt, mit einem Mann (oder eben keinem, weil man sich gegen diesen entschieden hat), mit einem Kind (oder eben keinem, weil man sich für eine Karriere statt für eine Familie entschieden hat) und lebt das Leben. Und dieses Gefühl des „will ich das so wirklich?“, dieses Hinterfragen von „ist das mein Leben?“ bringt ein Gefühl von Gefängnis, von Eingeengt sein.

Man stellt sich die Frage: Wo bog ich falsch ab? Wo lief mein Leben in eine Richtung, die nicht passt? War es, als ich hier her zog? Ich sehe vor mir die Felder und Wälder, den See und die Berge, sehe die Orte, wo ich mal wohnte, erinnere mich an die schönen Momente da. Weiss zwar auch, wieso ich da weg ging, es hatte Gründe, gute. Und doch. Nun sitz ich hier…

War es früher, als ich den einen Mann abwies? Ich denke zurück an gemeinsame Unternehmungen, an sein Lachen, an meines, an die gemeinsame Reise, ein Essen, ein Blick. Ich erinnere mich auch an die schwierigen Seiten, die Eifersucht, die ungerechtfertigten Vorwürfe. Ich weiss, wieso es nicht klappte, und doch sitze ich nun hier und frage mich: Wieso?

Ich denke zurück an die Schule, mein Studium, den Weg danach, frage mich, ob ich falsch entschieden habe. Hätte ich besser etwas anderes studiert, mehr leisten müssen, hartnäckiger den Weg verfolgen müssen, den ich wollte, auch auf Kosten des Kindes, des Familienmodells, das ich mir mal wünschte? Oder hätte ich mehr auf dieses setzen müssen und die Ambitionen in der Wissenschaft von vornherein abhaken? Weil einfach nicht alles geht und vor allem nicht mit den Ergebnissen, die genügen – mir selber?

Wo lief ich falsch? Wieso sitze ich hier? Zurück kann ich nicht. Das Studium ist gemacht, der Weg danach gegangen. Das Modell gewählt, wie es eben ist. Ausbrechen ist schwer. Wie sollte es aussehen? Koffer packen, gehen? Und dann? Im ersten Moment wäre es Befreiung, wäre es Erlösung. Die getroffenen Entscheidungen würde es nicht umstossen. Und wenn ich dann wieder in einem neuen Leben sässe, käme vielleicht wieder das Gefühl: Das passt so nicht, ich möchte frei sein. Denn sobald man sich auf etwas einlässt, baut man langsam und stetig eine Art Käfig. Durch die Pfeiler, die man setzt, durch die Haken, die man einhängt, um überhaupt leben zu können. Wohnung, Wege, Alltag – alles Haken, alles Wände. Würden sie fehlen, fühlte man sich wohl haltlos, hilflos. Und so bleibt wohl nur:

Ich wurde frei geboren, ich legte mich in Ketten, weil ich lebe.

Oder gäbe es einen anderen Weg?

Perfektes Leben…

Anhand einer Blutuntersuchung kann man neu herausfinden, ob das erwartete Kind das Downsyndrom hat. Schon die Meldung dieses Tests stiess auf weit auseinander klaffende Meinungen, die Aufschreie waren laut. Mittlerweile sollen sogar Menschen aus anderen Ländern in die Schweiz, nach Bern, kommen, um den Test zu machen – so lässt es sich in einem Schweizer Boulevardblatt nachlesen. Was soll man davon halten? Ist das gut? Ist das verwerflich? Was daran wäre verwerflich? Wo liegt das Problem?

Die Hauptproblematik liegt wohl in einer Wertung des Lebens. Leben, das einwandfrei ist, frei von Krankheiten und Gebrechen, gar Behinderungen, ist lebenswert, das andere wird aussortiert. Dies die sehr krasse, harte aber durchaus im Kern zutreffende Analyse. Ist das moralisch vertretbar? Hat der Mensch nicht die Konsequenzen seines Tuns zu tragen, kann er sich so aus der Affäre ziehen? Ist das feige? Gar Mord?

Die Problematik ist heikel. Die beiden Lager – Befürworter und Gegner von pränatalen Tests – liegen weit auseinander, es gibt kaum Berührungspunkte. Dazu kommt, dass Abtreibung per se ein schwieriges Thema ist. Die Grundfrage ist doch: Wozu ist so ein Test gut? Man kann damit herausfinden, ob das Kind das sogenannte Downsyndrom hat oder nicht. Wenn man sich für einen solchen Test entscheiden will, muss einem klar sein, dass er unter Umständen eine Entscheidung fordert: Was mache ich, wenn der Fall eintritt? Wie reagiere ich, was will ich? Aber auch: Was kann ich? Man kann nicht einfach mal hingehen zu dem Test, um zu schauen, was ist, das geht tiefer. 

Wenn man sich für so einen Test entscheidet, steckt sicher eine Angst dahinter. Die Angst, das Kind könnte „behindert“ (dieser Begriff ist umstritten, alltäglich aber immer noch in Gebraucht. Eine Behinderung soll hier nicht als Stigma oder gar als Abwertung gesehen werden, sondern schlicht als das, was das Wort ausdrückt: Das Leben ist in gewissen Bereichen mit Hindernissen ausgestattet. Diese Hindernisse sind ausgelöst durch die eigenen Lebensumstände, werden aber auch von der Umwelt gesetzt durch ebendiese)  zur Welt kommen. Diese Angst löst eine innere Abwehr aus, sicher auch die Angst, damit nicht klar zu kommen. Aus verschiedenen Gründen: Werde ich selber die Kraft haben, das zu tragen? Werden wir als Familie das tragen können? Wie wird unser Leben sein? Kann ich damit umgehen? Überfordert es mich nicht? Zerbreche ich daran, weil ich tagtäglich damit konfrontiert bin? Nicht nur einfach mit dem Umstand, dass das eigene Kind nicht gesund ist, sondern auch mit der Reaktion der Gesellschaft darauf. Dazu kommt die Wehmut über all das, was dem Kind verwehrt sein wird. Die Trauer über all die Dinge, die nicht möglich sind. Für das Kind und für einen selber. Wird man das packen? 

Was ist die Alternative? Abtreibung. Doch dann setzt man sich all den Verurteilungen aus, die da sagen, dass das nicht geht, dass man damit Mord begeht, unmoralisch handelt. Doch haben all die, die laut schreien, ein Recht, das zu tun? Wer gibt es ihnen? Von aussen ist es einfach zu richten, tragen müssen es dann die, über die man entschieden hat, was geht und was nicht. Niemand nimmt ihnen ihre Trauer ab. Niemand die zusätzlichen Anstrengungen im Alltag. Niemand ist da, sie zu halten, sie zu stützen. Im Vorfeld waren sie alle laut. Danach still und weg. 

Ich möchte nicht entscheiden müssen, wer ein Kind bekommen soll und wer nicht. Welches Kind auf die Welt kommen kann und welches nicht. Ich ziehe es nachher nicht auf. Das tut nur der, welcher es kriegt. Niemand lebt das Leben des anderen, wieso also will man sich anmassen zu sagen, wie er es zu tun hat? 

Man liest in diesen Debatten immer wieder die schönen Berichte davon, wie viel man von Kindern, Menschen mit Downsyndrom erhält an Liebe, an Freude, an Glück auch. Das sind berührende Berichte, Berichte, die einem das Herz aufgehen lassen. Es sind Berichte, bei denen man Freude verspürt, dass es Menschen so gut geht, dass alle mit der Situation so gut klar kommen, diese Kinder das Glück hatten, in eine solche Familie geboren zu werden. Was aber, wenn es eben nicht so aufgeht? Die Familie an der Belastung zerbricht? Die Fröhlichkeit und Liebe des Kindes die Trauer nicht vergessen macht? Wem wäre gedient? Ich denke, niemandem. 

Die konsequente Alternative wäre wohl, auf Sex zu verzichten, wenn man ein behindertes Kind nicht tragen will. Die ist aber wohl unrealistisch, der Mensch ist nicht dazu geschaffen, enthaltsam zu leben – zumindest nicht die Mehrzahl. Und so müssen wir wohl  oder übel mit den Konsequenzen leben, die da heissen: Was tun, wenn die Natur nicht so will, wie man sich das ausgemalt hat. 

Diane Broeckhoven: Kreuzweg

Nach fünfunddreissig Jahren kennt Theo Jesper jede noch so kleine Unebenheit, jede Mulde auf dem Bahnsteig, und doch geht er heute Morgen wie auf Eiern.

Auf einem Bahnhof in einem kleinen Ort beginnt die Geschichte und endet ebenda. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau, welche auf die Geheimnisse ihres Lebens zurück blickt. Es ist ein Leben voller Schmerz, voller Tragik. Ein Leben, in welchem ihre Worte nicht gehört wurden und in dem sie bald keine Worte mehr findet für das, was ihr geschah.

 Alles wirkte so schrecklich alltäglich. Also beschloss ich, dass das alles überhaupt nicht passiert war. Dass ich das bloss geträumt hatte. Ich zog einen schweren Vorhang vor den Albtraum, der mich mit Scham erfüllte, und kehrte ihm den Rücken.

Sie zieht sich zurück, igelt sich ein, versteckt sich vor ihrer Umwelt und trägt ihre Geheimnisse selber aus. Später flieht sie vor ihrem Leben, bricht auf in ein neues, welches mit Erfolg und vor allem mit Vergessen gekrönt ist. Erst als der Vater alt und krank ist, kehrt sie zurück, stellt sich ihren Erinnerungen und merkt, wie diese langsam ihre Macht verlieren, dass sie die Vergangenheit ruhen lassen kann, sich nicht mehr davor fürchten muss.

Diane Broeckhoven erzählt mit sparsamen Worten einfühlsam den Weg einer jungen Frau, die versucht, ihr Leben von den Geistern zu befreien, die andere diesem aufgeladen haben. Dabei gelingt es, die Sprachlosigkeit der Protagonistin literarisch umzusetzen, sie den Leser fühlen zu lassen. Immer schwebt ein Geheimnis über dem Buch, welches zwar durchschaut werden kann, nie aber erzählt wird. So weiss der Leser zwar bald, was passiert ist, er sieht aber nur die Folgen davon und trägt sie lesend mit.

Fazit:

Ein berührendes, beklemmendes Buch über eine Frau, die versucht, ihren eigenen Erinnerungen zu entkommen. Ein herausragendes Werk, das ich jedem nur ans Herz legen kann.

(Diane Broeckhoven: Kreuzweg, übersetzt von Isabel Hessel, C.H.Beck Verlag, München 2012.)

Bild Angaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 124 Seiten

Verlag: Beck Verlag (23. August 2012)

Übersetzung: Isabel Hessel

Preis: EUR: 14.95 ; CHF 21.90

 

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Alltagstrott

Oft hört man bei Paaren, sie hätten sich getrennt, weil der Alltag eingekehrt sei, Langeweile herrschte, man sich in dieser Langweile wohl auch nach mehr Spannung sehnte und die im Aussen suchte. Wenn man in einer Gewohnheit drin steckt, kann die gut und gerne mal eingerostet erscheinen, man selber denkt, der Rost greife auf einen über, man fühlt sich erstarrt, eingeschlafen, nicht mehr lebendig. Findet man dann eine Herausforderung, ein kleines Aufblitzen von etwas Neuem, etwas Spannendem, dann erwachen die vorher noch so starren Sinne und Glieder, man fühlt sich wieder am Leben, voller Tatendrang, voller Freude, voller Aufbruchsstimmung. Der Weg dahin, das alte und gewohnte Leben als noch langweiliger und noch festgefahrener zu sehen, ist nicht weit. Noch weniger weit ist das Gefühl, in eben diesem Leben gefangen zu sein.

In den buntesten Farben malt man sich aus, was alles auf dieser Welt nur darauf wartet, von einem gesehen, erfasst, gelebt zu werden. Man sieht all die Chancen, die im momentanen Leben nicht möglich sind. Man sieht die Träume, die man noch verwirklichen möchte. Man sieht die Schlösser, die man bauen könnte und sieht sich drin sitzen als Prinzessin im Reich der eigenen Wünsche. Man hört als verheiratete Frau zum Beispiel von Singles, die ein abenteuerliches Leben führen, die Männer kennen lernen, in den Ausgang gehen, das Leben geniessen. Man hört von witzigen Flirts, bereichernden Kontakten. Man hört von einem Leben ohne Alltagstrott, ohne die Fehler des anderen, ohne Socken am Boden und ungebügelte Hemden. Die Welt ausserhalb des eigenen Trotts wirkt so verlockend. Man bricht aus. 

Zuerst das Aufatmen. Alles ist neu zu organisieren, alles ist frisch. Befreiung pur. Wo sind nun aber all die netten Männer? All die witzigen Kontakte? Wo die Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden? Wo die geselligen Abende in grosser Runde? Irgendwie hat man sich das alles anders vorgestellt. Und neben der ganzen Umorganisation des eigenen Lebens macht sich langsam Einsamkeit breit. Die vorher so interessant wirkenden Möglichkeiten scheinen sich in Luft aufzulösen, die vorher attraktiven Männer haben alle eine Macke (oder mehrere), die Welt ist auch als Single nicht nur locker, flockig und rosarot und überhaupt – das alte Leben war im Nachhinein gar nicht so übel. Die ach so langweiligen Werte wie Beständigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung hatten ihre sehr guten Seiten. 

Ich kenne diese Welt auch, allerdings kenne ich auch die umgekehrte: Ich liebe Alltagstrott. Ich liebe all die verlässlichen und beständigen Dinge, die täglich wiederkehren. Ich mag es, wenn ich weiss, wie alles ist, wie es wird, wenn ich weiss, was die Tage mir bringen. Neues macht mich unruhig, liegt mir nicht. Ich mag die mir vertrauten Dinge um mich, weiss, wo alles ist, weiss, dass es da ist. Ferien sind mir ein Graus. Nie habe ich all das dabei, was mir irgendwann im Laufe der Zeit fehlt. Nie habe ich meine Ruhe für mich, kann einfach nur in den Tag hinein leben, der mir vertraut ist, wo alles seinen Platz  hat. Es sind schliesslich Ferien, man muss was erleben, muss etwas sehen, muss die Welt erkunden und Freizeitbeschäftigungen abhaken. Dazu hat man ja Ferien.

Neuerungen im Alltag sind  mir ein Gräuel. Termine, die meinen Alltagstrott durchbrechen und über den Haufen werfen eine Plage. Ich werde giftig. Unleidlich. Schimpfe, tobe. Bis das Neue da ist, durch ist und ich sehe: ging ganz gut. Und dann kehrt wieder Zufriedenheit ein. Bin ich sonderbar? Mag sein. Vielleicht auch borniert, verkalkt, langweilig. Möglich. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich mag den Trott, ich schick mich drein und wenn man mich da lässt, bin ich absolut pflegeleicht, zufrieden und fröhlich. 

Ok, meistens. Ab und an sehe ich in der Welt draussen Dinge. Die sehen neu und spannend aus. Und machen Lust, sie zu erkunden, sie zu ergreifen. Und ich sehe die andern, die sie ergreifen, höre, wie sie davon sprechen und denke, es wäre genau das, was ich auch wollte, damit ich auch wäre, wie sie, hätte, was sie haben. Spüre die Unzufriedenheit aufsteigen. Stelle mir vor, wie alles wäre, wäre ich genau da, hätte genau das, denke mir, was das für mich bedeuten würde – und bin schlagartig geheilt. Gehe zurück in meinen Alltagstrott, bin dankbar, ihn zu haben. Er ist mein Stück Heimat, mein Stück Geborgenheit, mein Halt und mein Leben. Und das ist gut so, genau so brauche ich es – für mich. 

 

Was es ist

Claudia stand am Bahnhof und wartete. Um sie herrschte emsiges Treiben, Leute gingen, Leute kamen, alle stürmten sie an Claudia vorbei, ohne sie zu bemerken, in sich versunken, ohne Zeit, ohne Ruhe, nur dem eigenen Ziel zugewandt, den Moment missachtend. Claudia hatte Zeit. Sie war zu früh. Sie war immer zu früh. Das hatte sie von ihrem Vater geerbt. Ihr Vater war sehr streng und tolerierte keine Unpünktlichkeit. Sie erinnerte sich an einen Vorfall, als sie 10 Minuten zu spät heim kam und er mit ihr schimpfte, als ob sie ein Kapitalverbrechen begangen hätte. Er liess sie nicht mal erklären, wie es dazu gekommen war. Es war auch nicht aus Sorge, weil er dachte, ihr hätte was passiert sein können, es war einfach nur der Umstand, dass sie ihn 10 Minuten hatte warten lassen. Respektlos nannte er sie. Gedankenlos. Eigensüchtig. Das tat weh. Sie wollte es immer recht machen. Allen. Das schien unmöglich. Sie wusste es. Und doch versuchte sie es weiter.

Es zog am Treffpunkt im Bahnhof. Sie blickte die Rolltreppen hinauf und sah den dunklen Himmel über sich. Anfangs Januar wurde es früh dunkel, die Tage waren kurz. Ungeduldig blickte sie zur Uhr. Noch 15 Minuten. Dann musste er kommen. Sie freute sich sehr. Vor zwei Monaten hatte sie Thomas kennen gelernt. Sie hatte einen Beitrag im Internet von ihm gelesen, der ihr Herz berührt hatte mit der Tiefe und dem Wissen, die darin steckten. Sie hatte nicht umhin gekonnt, ihm zu schreiben und ihm das zu sagen. Nach dem Abschicken ihrer Nachricht hatte sie sich gescholten, gedacht, sich lächerlich gemacht zu haben. Und doch – sie hatte nicht anders gekonnt. Thomas fühlte sich aber gar nicht gestört und sie auch nicht lächerlich. Im Gegenteil, er hatte eine sehr liebenswürdige Mail zurück geschrieben. Und bald folgte eine Mail der anderen, sie tauschten sich aus, über München, wo er wohnte, über Literatur, über Kunst, Philosophie, sich selber. Das Leben schlechthin. Sie ertappte sich, wie sie täglich mehrmals die Mailbox anschaute, ob etwas von Thomas gekommen war. Wie gross die Freude, wenn es so war. Wie gross die Enttäuschung, wenn nicht. Und wie gross die Ungeduld bis zum nächsten Nachschauen.

Die Mails flossen bald täglich mehrmals zwischen Zürich und München hin und her. Thomas war Galerist in München. Er schrieb daneben an einem Lebenswerk über die Löcher in Menschenseelen und deren Ursachen. Jeder hat ein Loch im Leben. Das war auch Claudias Überzeugung. An einem Punkt kranken Menschen und oft ist es mangelnde Liebe, mangelnde Aufmerksamkeit. Daraus resultiert die oft verzweifelte Suche danach – oft bis hin zur Selbstaufgabe. Claudia war von Thomas in den Bann gezogen. Ihr ganzes Denken drehte um ihn. Als er sie eines Abends das erste Mal anrief, fügte sich dem Bild noch ein Teilchen hinzu. Seine Stimme war weich, warmherzig und sein Dialekt herzerwärmend. Sie liebte den Münchner Dialekt schon lange, seinem war noch ein Stück Wien beigemischt, was dem Ganzen eine spezielle Note gab. Claudia telefonierte eigentlich nicht gerne. Früher hatte sie ihr Vater ausgelacht, weil sie gleich nach der Schule mit Schulfreundinnen telefoniert hatte, was ihm ein Rätsel gewesen war, da sie sich ja eben erst getrennt hatten. Seit sie erwachsen war, telefonierte sie kaum noch. Sie wüsste nicht, wen sie anrufen sollte. Zudem kamen Anrufe meist dann, wenn man beschäftigt war. Selten sitzt man nur da und tut nichts, selten ist man bereit, einen Anruf entgegen zu nehmen, weil sonst grad nichts läuft.

Der Zeiger der grossen Bahnhofsuhr rückte nur langsam vorwärts. Es war ja immer so: Wenn man was erwartet, geht es umso länger, bis es eintrifft. Neu war diese Erkenntnis wahrlich nicht. Eigentlich mochte Claudia keinen solchen Sprüche. Sie waren zwar wahr, aber wenig originell. Doch was war heutzutage noch neu? Alles war schon mal dagewesen. Jeder Gedanke schon mal gedacht. Der Mensch erlebt selten mehr was Neues – je älter er wird, desto mehr Erfahrungen hat er schon und wiederholt sie nur noch in wechselnder Besetzung. Eigentlich eine trübe Sicht und Claudia wollte nicht Trübsal blasen, denn sie freute sich. Trotzdem konnte sie selten aus ihrer Haut. Sie war ein nachdenkliches Gemüt und alles, was ihr begegnete, regte immer zu 100 neuen Gedanken an. Und so konnte es kommen, dass sie vom einen zum andern floss gedanklich, ohne Unterlass, oft sprunghaft, so dass ihr niemand mehr folgen konnte. Oft sie sich selber nicht.

18.05 – nun musste der Zug angekommen sein. Claudia merkte, wie ihr Herz unruhiger schlug. Sie spähte neugierig in die Masse. Dann wieder zwang sie sich, wo anders hinzusehen. Sie wollte nicht allzu erwartungsvoll erscheinen. Sie könnte jemanden beobachten, dass es fast so aussah, als ob sie gar nicht wirklich wartete, sondern beschäftigt wäre. Das würde cool wirken. Aber sie musste nicht cool sein. Thomas war es auch nicht. Endlich mal ein Mann, der eben nicht cool war, sondern echt. Sie hatte in ihrem Leben genug andere kennen gelernt. Und ja, sie gab es zu, die hatten ihren Reiz. Sie konnten so schön blenden und sie liess sich viel zu oft und zu schnell blenden. Nicht weil sie geblendet werden wollte, im Gegenteil, sondern, weil sie eben nie davon ausging, dass etwas nicht wahr sein könnte. Vermutlich war sie naiv. Ihr Vater warf ihr das immer vor. Sie hörte innerlich seine Stimme: „Kind, du bist sonst so intelligent, wieso menschlich so dumm? So dumm kann man doch nicht sein.“ Offensichtlich doch…

Die coole Masche lag ihr nicht. Sie blickte doch wieder in die Richtung der Gleise, hoffnungsvoll. Sie sah in ein Meer von Köpfen, blonde, braune, schwarze, weisse, herausragende, untergehende – und in den einen herausragenden. Nicht weil er besonders gross wäre oder sonst auffällig, sondern, weil er es war. Er sah genau so aus wie auf dem Bild. Dick eingemummt – es war bitterkalt –  kam er ihr entgegen. Er umarmte sie zur Begrüssung. Wie alte Freunde. Irgendwie waren sie das. Oder was waren sie eigentlich?

Was war es, das sie verband? All die Mails, die Telefonate? Das schönste Telefonat war vor einem Tag gewesen. Sie war zum Silvester eingeladen gewesen und Punkt Mitternacht klingelte ihr Handy: Thomas. Er wünschte ihr einen guten Rutsch, sagte, wie sehr er sich freute auf ihr Treffen, auf seinen Besuch in Zürich. Claudia freute sich ebenso.

Nun war er also da. Sie liefen Seite an Seite durch die Gassen Zürichs zum Hotel, in dem Thomas ein Zimmer reserviert hatte. Er wollte nur schnell die Koffer abgeben, danach wollten sie essen gehen. Es war alles vertraut. Sie sprachen, als ob sie sich ewig kennen würden. Irgendwie taten sie das auch. Sie hatten über so viel geredet, über so viel geschrieben. Beim Essen ging das Gespräch weiter. Sie lachten, scherzten, schauten sich in die Augen. Er hatte liebe Augen. Wie auf dem Bild. Sie fühlte sich so nah, so aufgehoben, so geborgen. Sie fühlte, da sass ein Mann, ein Mensch, der sie wahrnahm. Wie sie war. Der sie so akzeptierte und toll fand. Sie kannte das nicht. Bislang kannte sie nur das Gefühl, nicht zu genügen. Es war immer zu wenig oder zu viel. In allem. Zu dumm, du gescheit, zu gross, zu klein, zu laut, zu leise. Einfach immer zu. Nie gut. Zumindest empfand sie es so. Bei Thomas war das anders.

Der erste Anruf nach dem Besuch war schön. Aber wehmütig. Die Stimme so nah, der Mensch so fern. Und doch so nah. Die Nähe zwischen Claudia und Thomas wuchs ständig. Sie hatten eine innere Verbundenheit, weil jeder beim anderen fand, was er im Leben sonst vermisst hatte. Verständnis, Zuneigung, Echtheit, Tiefe. Claudia war traurig, dass Thomas schon wieder weg war, vor allem, weil sie nun ihren Geburtstag alleine verbrachte. Er hatte ihr ein Geschenk dagelassen, einen Gedichtband von Erich Fried. Ein wunderbares Buch, es hiess „Was es ist“ – was war es? Was war es, das Thomas und Claudia verband? Liebe? Es fühlte sich so an. Was sollte es sonst sein? Was spräche gegen Liebe?

Claudia merkte, wie gut ihr Thomas tat. Und auch er sagte, dass sie seinem Leben einen neuen Sinn gebe, einen, welchen er sich immer gewünscht hatte. Beide konnten tiefe Löcher in sich und im Leben stopfen durch die Präsenz des anderen. Die gegenseitigen Besuche waren immer viel zu schnell vorbei, zurück blieben Vermissen und doch Glück über das Wissen, dass der andere auch in der Ferne nah war. Sie hatten schon ein paar Mal darüber geredet, wie es wäre, wenn Claudia nach München käme. Sie könnte in Thomas‘ Galerie arbeiten, wenn sie wollte, in der Hauptsache aber ihre Projekte verfolgen. Einfach zusammen sein, das wäre es, was sich beide wünschten. Zuerst aber stand noch ein Besuch in München an. Thomas hatte eine Vernissage organisiert. Claudia freute sich. Es war das erste Mal, dass sie dabei sein konnte bei so einem Anlass.

Claudia stand am Rand des Geschehens, neben ihr Thomas‘ beste Freundin. Eine sehr nette Frau, die Thomas viel bedeutete. Claudia konnte es verstehen. Die Gäste bestaunten die Bilder, der Künstler sass in der Mitte des Geschehens, lächelte freundlich, sichtlich zufrieden mit seinem Werk und der Wirkung, die es erzielte. Die Gesichter, die ein und ausgingen, sah man sonst in Derrick oder im Alten, alte Bekannte aus dem Wohnzimmer der Kindertage, als die Serien noch häufiger liefen. Unter den Gästen auch ein Schriftsteller mit seiner neuen Freundin. Claudias Nachbarin am Rande beäugte das Paar kritisch und konnte nicht verstehen, was sich ein Mann dabei dachte, sich eine so viel jüngere Freundin zu suchen. Dekadent nannte sie es. Dumm dazu, da sie wahre Gefühle kategorisch ablehnte in solchen Fällen, in seinem Fall Dummheit, in ihrem Geltungsdrang als Motive nannte. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich zumindest. War das wirklich das übliche Bild? Wohl schon. Sie hatte sich die Gedanken auch schon gemacht. Sie war sich nicht sicher, wie sie dazu stand. Aber sie musste sich klar werden.

Thomas war zufrieden mit der Vernissage. Er war sichtlich aufgeräumter Stimmung. Sie sassen im Restaurant bei ihm um die Ecke, tranken ein Glas Wein und liessen den Tag Revue passieren. Thomas nahm Claudias Hand. Er blickte ihr in die Augen. Er dankt ihr, dass sie gekommen war. Es hätte ihm viel bedeutet. Generell bedeute ihr seine Anwesenheit sehr viel. Endlich sei das Loch in seinem Herzen zu. Und er fühle sich wieder ganz. Thomas fragte Claudia, ob sie zu ihm ziehen wolle. Ob sie sich vorstellen könnte, seine Frau zu werden. Und bei ihm zu bleiben. Claudia zuckte zusammen. Unmerklich. Äusserlich. Sie bat sich Bedenkzeit aus. Der Abschied nahte, die Zugfahrt nach Hause war dieses Mal noch trauriger. In Claudias Kopf drehten die Gedanken. Sie fuhren Karussell. Was war richtig, was falsch? Was ist es? Was kann ich? Was soll ich? Was darf ich? Würde sie ja sagen, wäre Thomas der Dumme, sie die Geltungssüchtige. 31 Jahre. Das war eine Menge. Die Welt würde sie anstarren. Verurteilen. Aburteilen. Und mit der Welt Thomas beste Freundin. Thomas würde das nicht gut wegstecken. Das wusste Claudia instinktiv.

Es war die wohl schwierigste Mail gewesen, die sie je geschrieben hatte. Und die Antwort von Thomas war noch schwieriger – zu verkraften. Er brauche Zeit. Das wegzustecken. Abstand. Claudia musste es akzeptieren. Es zerriss sie förmlich. Nun war er weg. Weit weg. So fern. Er, der ihr näher gewesen war als selten jemand. Täglich ferner, in Gedanken täglich nah. Im Herzen sowieso. Sie konnte die Distanz nicht ewig halten. Nach ein paar Wochen schrieb sie ihm. Wollte wissen, wie es ihm ging. Er antwortete prompt. Aus einem Mail pro Tag wurden zwei, wurden Anrufe, wurde ein Besuch – wurde die erneute Frage, ob sie käme. Wurde der erneute Bruch. Der erneute Schmerz. Wurden erneut wieder vereinzelte Mails. Ein Besuch wurde besprochen – er wurde nie realisiert. Dann Schweigen. Tiefes Schweigen. Sie schrieb. Nichts kam. Sie schrieb wieder. Keine Antwort. Dann ein Anruf. Es sei alles in Ordnung. Er sei im Spital. Routine.

Claudia hörte Alarmglocken. Er hatte immer schon Probleme gehabt. Bauchweh. Unwohlsein. Wollte zum Arzt. Ihretwegen. Weil sie drängte. Und er durch sie einen Sinn sah. Den er dann verloren hatte. Nun war er wohl gegangen. Gut. Er würde sich melden, meinte er. Claudia freute sich drauf. Nur meldete er sich nicht. Ob sie ihm nochmals schreiben sollte? Oder ihn in Ruhe lassen? Sie konnte nicht. Was er wohl machte, womit er sich wohl beschäftigte? Sie suchte im Netz die Homepage seiner Galerie.

Der Boden öffnete sich, schien sie zu verschlingen. Sie fühlte nichts mehr – nur Leere. Ein grosses, gewaltiges Nichts. Das sie erstickte. Sie kriegte keine Luft mehr. Das konnte nicht sein. Das musste ein Irrtum sein. Noch weiter weg. Einfach gegangen. Ohne ein Zeichen. Einfach verlassen hatte er sie. Einfach so. Wobei: Deswegen wohl der Anruf. Doch ein Zeichen. Deshalb das eindrückliche „pass auf dich auf“. Er war weg. Einfach gestorben. Claudia starb ein Stück mit.

Vier Jahre später, Claudia blätterte wieder einmal in Frieds Gedichtband, sah sie sich die erste Seite des Buches an. Und sah, was sie davor noch nie gesehen hatte:

Was es ist…..

In Liebe Thomas

Geschrieben vor seinem ersten Besuch bei ihr. Es war ihm damals also gleich gegangen wie ihr. Sie hatte es nicht gewusst. Hatte die Signatur nie gesehen. Sah sie jetzt. Durchlebte alles noch einmal. War es richtig gewesen? Falsch? Was war es gewesen? Was war es noch? Es ist, was es ist.

© Sandra Matteotti

Nicole Dill: Leben!

Der Weg in den Tod, der ein gewaltsames Ereignis sein wird, ein durch Menschenhand absichtlich herbeigeführtes Sterben, ist ein monströses Ereignis. Wer ermordet wird, kann nicht in Würde sterben, und der nackte Überlebenswille löst bösartig eine unmenschliche Furcht aus.

 

Eingesperrt in einen Kofferraum, vergewaltigt und das Geschoss einer Armbrust in der Brust ist Nicole Dill stundenlang ihren Todesängsten und ihrer Ohnmacht ausgeliefert. Sie ist zudem dem Mann ausgeliefert, der sich in ihr Leben, in ihr Herz gedrängt hatte. Der Mann, den sie geliebt hatte, mit dem sie schöne Momente erlebte, bis nach und nach dunkle Wolken aufkamen. Zuerst noch unbemerkt, dann immer bedrohlicher, bis die Situation eskalierte.

Dass Roland A. ein verurteilter und als gefährlich eingestufter Vergewaltiger und Mörder war, wusste sie nicht. Niemand warnte sie, niemand stand ihr bei. Als sie eine Gefahr fühlte, wurde sie nicht ernst genommen, stand alleine.

Nicole Dill hatte Glück. Sie überlebte, auch wenn sie dieses Überleben lange oft als Strafe empfand. Der Weg zurück ins Leben war lang und steinig, die Einsicht, Opfer zu sein, hart.

Niemand will Opfer sein. Das widerspricht unserer kulturellen Auffassung, wonach wir selbstbestimmt handeln und für unser Glück und unser Unglück selbst verantwortlich sind. Gesellschaftlich ist das Opfer mit einem Stigma behaftet.

Die Einsicht in den eigenen Opferstatus ist aber nötig, um die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie ist nötig, um zu erkennen, dass man selber nicht Schuld ist. Sie ist zudem nötig, da nur durch die Öffnung gegenüber dieser Vergangenheit auch wieder ein Blick in die Zukunft und ein Leben nach der Tat möglich wird.

Ob es für die erlebte Ungerechtigkeit eine wiedergutmachende Gerechtigkeit gibt, ist fraglich. Die Gesetzeslage scheint mehr auf Seiten der Täter als auf der der Opfer zu stehen. Der zwar verständliche, hier aber hinderliche Satz „in dubio pro reo“ verlangt von Opfern Beweise, welche oft schwer bis unmöglich zu liefern sind. Das hilft Tätern und deren Protektoren oft, mit ihrer Fehlhaltung durchzukommen, keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Das Opfer wird dabei ein zweites Mal Opfer. Zumindest fühlt es sich so. Die einzige Möglichkeit, selber aktiv zu werden und nicht in einer passiven Rolle, im Opferstatus zu verharren, ist, über das Geschehene zu reden, es Sprache werden zu lassen. Das hat Nicole Dill getan und sich so selber Schritt für Schritt ihr Leben wieder lebenswert gemacht.

Fazit:

Die erschütternde Lebensgeschichte einer Frau, die sich den Weg in ihr zweites Leben nach ihrer Ermordung erkämpfen musste. Berührend und ergreifend.

(Nicole Dill: Leben! Wie ich ermordet wurde, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012.)

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 208 Seiten

Verlag: Rowohlt Verlag (4. Auflage, Januar 2012)

Preis: EUR: 8.99 ; CHF 38.90

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So bin ich

Wenn alles schläft
und niemand wacht,
Ruh’ sich senkt
und Stille lacht,
erwacht mein Geist
und trägt mich fort
in Welten weg,
die sonst verwehrt,
und warten drauf,
mir Raum zu sein,
der nur entsteht,
Wenn alles schweigt.

Wenn alles schläft,
und niemand wacht,
der Vorhang fällt,
die Zeit erwacht,
die meine ist,
nur mir allein,
ich füll’ sie aus,
nehme sie ein,
erwache selbst,
aus Alltagstrott
und tauche ein
in meinen Hort.

Wenn alles schläft
Und niemand wacht,
Gedanke fliesst,
und Freud’ entsteht,
das Herz mir tanzt
im Busen wild,
der Kopf wird heiss
die Kunst nur spriesst,
entsteht mein Leben,
täglich neu,
ich lebe auf,
ich bleib mir treu.

Ich bin stark

Ich bin sensibel. Sehr sensibel. Das hörte ich schon als Kind, fast wie ein Schimpfwort wurde es mir ins Gesicht gesagt. Hypersensibel wurde ich genannt und kriegte den gut gemeinten Rat, mir ein dickes Fell zuzulegen. Ich solle die Dinge nicht persönlich nehmen, nicht alles so nah an mich heranlassen. Ich ginge unter im Leben, hiess es, die Welt nehme keine Rücksicht auf mich. In der Welt gebe es nie Lob, nur Tadel. In der Welt nehme mich niemand in den Arm. Da müsse ich selber dastehen. Niemand helfe, alle seien neidisch. Und man war wie diese Welt, um mich auf eben diese vorzubereiten. Und vielleicht war man so, weil man es selber nicht anders kannte.

ich blieb sensibel. Dass es nicht immer einfach war, kommt hin. Ich hörte es auch später noch oft. Man sucht sich wohl unbewusst immer Menschen, die die alten Muster erfüllen. ich fand sie zielgerichtet. Suchte den Fehler  immer bei mir. Sie alle sind im Recht. Ich bin nur zu sensibel. Und vielleicht auch sonst schräg gewickelt. Irgendwann liess ich sie alle hinter mir. Ging meinen Weg alleine. Schlussendlich ist man eh immer alleine – vor allem, wenn man sensibel ist. Und ich wurde stark. Liess mir nichts mehr anmerken. Meisterte mein Leben. Meisterte es wohl sogar ganz gut. Hörte von allen Seiten, wie stark ich sei. Bewunderung schwang mit. Ich schwächte ab. Ich bin nicht stark, ich habe nur keine andere Wahl. Irgendwer muss dieses Leben ja leben und niemand nimmt es mir ab. Zudem habe ich Pflichten und Verantwortung. Aber sie blieben dabei: Ich sei stark.

Stark sein erntet also Bewunderung, Sensibilität wird vorgeworfen, verachtet, ausgenutzt.

Sensibel bin ich immer noch, ich zeige es wohl weniger. Zudem hat das Leben halt gezeigt, dass die Dinge funktionieren müssen, man selten eine Wahl hat. Das Kind will essen, die Arbeit will gemacht sein, die Rechnung bezahlt. Daneben noch Haushalt, Nebenjobs, alles alleine, im Kampf gegen Windmühlen verschiedener Art. Und ich habe es geschafft. Ich merkte, am Schluss schafft man alles, selbst wenn es nicht so aussieht. Selbst wenn man zweifelt, fast verzweifelt, jammert – es geht. Aber es kostet Kraft. Immer ein wenig mehr. Und sie geht aus. Und man denkt, ich kann nicht mehr. Man sagt, ich kann nicht mehr. Alle nicken. Verstehen. Man macht weiter. Was würde man sonst tun? Was könnte man tun?

Und dann kommt die nächste Hürde. Man wird sogar gefragt: Packst du das? Klar, kein Thema, ich pack das. Es ist ja gut und richtig, es wird schwer. Aber ich packe es. Zu sagen, es nicht zu packen, wäre sensibel. Wäre unvernünftig. Wäre falsch. Wäre schwach. Und vielleicht auch egoistisch. Andere müssten sich nach mir richten, würde ich es nicht schaffen. Das will ich nicht. Und es wird wahr. Und ich sitze hier. Und ich denke: Ich will das nicht schaffen. Ich will das alles nicht. Klar werde ich auch das wieder schaffen. Bleibt ja nichts. Aber ich will das so nicht. Und nein, ich bin nicht zufrieden damit. Und es geht mir nicht gut damit. Und ich will nicht stark sein. Ich bin nicht stark. Ich muss immer stark sein. Aber ganz tief drin bin ich immer noch sensibel. Und verletzlich. Und das schreit in mir. Und tobt. Und jammert. Bis es wieder schweigt. Und ich nicke. Und sage: „Ja, geht gut, ich pack das. Ich bin ja gross und stark.“