Es kommt schon gut

Als mein Vater krank wurde, war sein wohl meist gesagter Satz (er sprach generell nicht sehr viel):

Das kommt schon gut.

Und ja, wir wollten das alle glauben. Die Einen wollten mehr, die anderen glaubten mehr. Und er? Glaubte er? Wollte er es glauben? Wollte er uns überzeugen? Man weiss es nicht so genau. Er war nie ein offenes Buch, eher eines mit sieben Sigeln.

Heute sagt meine Mutter den Satz oft – immer mit dem Nachsatz, dass Papa das immer gesagt hätte. Und ja, wieder glauben wir es und wollen es glauben. Die Frage, die sich ja bei allem immer stellt, ist:

Was ist gut?

Und vor allem:

Wann wissen wir, ob es nun gut ist?

Auf Søren Kierkegaard geht der Ausspruch zurück:

„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts; leben muss man es aber vorwärts.“

Menschen sterben, Lieben zerbrechen, Hoffnungen platzen – jeder Mensch durchläuft diese Stadien, meist mehrfach. Und immer geht das Leben weiter, auch wenn man ab und an (anfänglich) denkt, dass es das nun war. Irgendwann blickt man zurück und sieht, dass aus Dingen, die einst als grosses Unglück schienen, auch Gutes entstand oder sie zumindest aus der einen oder anderen Perspektive etwas Gutes in sich trugen: Der Mensch, der starb, hätte unnötig gelitten, mit dem Menschen, der die Liebe aufkündigte, wäre man nicht glücklich geworden, aus den Steinen im Weg konnte man etwas Neues aufbauen.

Es gibt noch so einen schönen Satz:

„Am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, so ist es nicht das Ende.“

Er gründet wohl auf dem Prinzip Hoffnung. Ich denke, die Hoffnung ist es, die einen immer wieder überleben lässt. Es heisst zwar in der Bibel, dass am Schluss Glaube, Liebe, Hoffnung bleiben, die Liebe das Grösste sei. Ich denke auch, dass die Liebe das Grösste überhaupt ist, aber: Ohne Hoffnung würde man wohl vieles nicht überstehen.

Partnerschaften – oder grad nicht?

Sie: „Ich kann nicht mehr, ich habe keine Kraft mehr.“
Er: „Das tut mir leid, kann ich was tun?“
Sie: „Ich weiss nicht, wohl kaum. Ich muss schlicht wieder zu Kräften kommen.“
Er: „Schade, du brauchst mich nie. Ich fühle mich damit schlecht.“
Sie: „Das tut mir sehr leid.“
Er: „Ja, du solltest dich wirklich mal mehr um meine Bedürfnisse kümmern. So kann ein Miteinander ja nicht funktionieren.“

Essen – die neue Religion

Was mich ab und an nervt im Leben – vor allem in den sozialen Medien? Man muss sich entscheiden. Esse ich Fleisch, sind die Veganer empört, überfluten mich mit Bildern von gequälten Tieren und fühlen sich ethisch moralisch korrekt. Esse ich keines, spotten die Fleischesser und finden sich witzig.

Ich kann also essen, was ich will, ich trete damit immer wem auf die Füsse… und werde aufgrund dessen ver-/beurteilt. Ich bin Unmensch oder Esoteriker, grausam oder lebensfremd.

Da die Religionen um Gott so langsam nicht mehr in sind – man führt da die verbohrten Sichten und das Verurteilen Andersgläubiger ins Feld, musste man eine neue Religion schaffen. Man fand sie in der Ernährung.

Achte also gut darauf, was du isst, es könnte dich Freundschaften kosten….

Lebenslicht

Hier brennt ein Licht,
es soll dir leuchten,
den letzten Weg,
den du heut gehst.

Ich bleibe hier,
ich möchte weinen,
ein ganzes Meer
dunkel und tief.

Ich glaube nicht,
dass dieses Leben,
je wieder sein
wird, wie es war.

Hier brennt ein Licht,
es soll mich leiten,
auf meinem Weg,
der vor mir liegt.

©Sandra Matteotti

(geschrieben zum Tag der Einäscherung meines geliebten Vaters)

Time to say goodbye

Max Bachmann (5. 6. 1933 – 10. 5. 2018)

Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kaleko

Wenn ein wunderbarer Mensch geht, bleibt die Dankbarkeit, ihn gekannt zu haben.

In Gedenken an einen wunderbaren Ehemann, Vater (den besten für mich) und Grossvater.

 

Erkenntnisse

Merke:

  • wenn dich die Menschen fragen, wie es dir geht und noch vor deiner Antwort meinen, sie wüssten es genau,
  • wenn andere fragen, was du brauchst, und dir dann sagen, was es sein soll,
  • wenn andere Menschen dir Kraft wünschen, und sie dann für sich beanspruchen,

ist die Zeit grad übel und der Umgang der falsche…

Zweites lernt man meist in ersteren.

Schöne neue Online-Welt

In einer Welt,
die durch Klicks nur regiert,
zählt nicht mehr der Mensch,
zählt nur noch sein Schein.

Zurück bleiben Wesen,
nach Norm geformt,
die sich

„
likeswirksam
„

in Szene nur setzen
und propagier’n,
dass dies sei das Leben.

Zurück bleiben die,
welche ihr ganzes Sein
daran dann messen und
sich degradiern.

Leben in den sozialen Medien

Ich war eine lange Zeit sehr aktiv in den sozialen Medien unterwegs. Vor allem auf Facebook. Das tat nicht immer gut. Ich bin ein Mensch, der hinschaut, tief geht. Das ist nicht immer gewünscht. Ich bin ein Mensch, dem alles sehr nahe geht, der sich Dinge zu Herzen nimmt. Darunter litt ich sehr. Ich durfte nicht einfach sagen, was ich fühle, ich musste es filtern, da es taxiert wurde. Und verurteilt. Ich merkte oft: Man sucht fast nach Fehlern bei andern und drückt den Daumen rein. Und: Mir gingen all die Schicksale nah, die ich las. Ich nahm Anteil. Und merkte: Viele produzieren sogar ihr so genanntes Leid medienwirksam. Es geht nicht um ein Miteinander, um Mitgefühl, es geht um Likes.

Ich habe mir dann eine Auszeit genommen bei Facebook. Das war für mich das grösste Haifischbecken. Instagram ist viel Schein, aber selten Angriff. Twitter ist kurz und knapp, man kann alles mit der Zeichenzahl begründen oder entschuldigen. Facebook ist gnadenlos. Da leben sie sich aus. Ich mochte Facebook lange. Aber ich merkte, es tat mir nicht gut. Drum diese Nachricht:

Ich war eine Woche raus aus FB. Man glaubt es kaum. Es ging gut. Und es fiel wohl gar nicht vielen auf. Das ist gut. Ich gehe nicht ganz raus aus FB, aber ich werde kürzer treten. Und: Da ich hier freiwillig und zum Spass bin, lösche ich in Zukunft alles, was mir nicht gut tut. Wer nun was von Filterbubble babbeln will, darf sich gerne löschen. Ich mag kontroverse Diskussionen, aber keine Oberlehrer (ich habe zum Glück einen Schulabschluss und meiner reicht mir). Ich mag Kunst, aber es ist nicht alles Kunst, was sich solche schimpft und die Freiheit hat da wie überall eine Grenze, nämlich die, wenn die Freiheit anderer begrenzt wird. Ich mag keine Rassisten, keine Diskriminierer, keine Menschenverachter und keine ach so Lustigen, die auf alles einen doofen Kommentar haben. Ich suche hier keinen Mann, keiner muss sich fragen, wo ich die Zeit für das hernehme, das zu tun, was ich tue, ich werde auch nicht offenlegen, was ich dabei verdiene und wieso.

Ach ja: Den Witz, ob ich aus meinen Yogastellungen wieder raus komme, den hörte ich schon einige Male. Er ist weder originell noch lustig. Ich steh nicht so auf Dummheit und plakative Witze. Wenn jemand meint, sagen zu müssen, dass das schmerzen müsse, muss ich gestehen, dass ich wohl im Leben vieles tat, das schmerzte, wie wohl jeder Mensch. Für ein Foto in den sozialen Medien würde ich keine Schmerzen eingehen. Wozu? Einige verbiegen sich, um die Erwartungen anderer oder des täglichen Lebens zu erfüllen, ich tue es auf der Matte. Ich könnte das andere nicht. Ich bin sehr dankbar, dass ich es nicht muss.

Wer sich nun fragt, wieso ich das alles schreibe? Es hat klar Gründe. Wie sagte schon Heidegger in seiner Schrift „Der Satz vom Grund“:

„Nichts ist ohne Grund“

Ich werde mir kein dickeres Fell zulegen (wurde mir oft geraten), ich stehe zu meinen Schwächen und Problemen (ich bin kein Einhorn, ich bin ein Mensch), ich muss mich hier nicht anpissen lassen – wozu? Dazu gibt es das Leben, das tut es schon gut. Man sollte sich daneben Räume schaffen, die gut tun.

Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Aber: Sie sind eigentlich nicht wichtig. Menschen, die an mir als Menschen interessiert sind, die möchte ich nicht verlieren. Davon gibt es einige auf Facebook. Und: Sie mag sie als Menschen und nehme Anteil. Und das möchte ich weiter tun können. Der Rest hat sicher genug Plattformen, sich zu produzieren. Vermutlich geht es bei den sozialen Medien im Grunde darum. Ich suche Menschen. Und Menschlichkeit. Ich habe wenige Mittel, etwas in der Welt zu verändern. Ich kann nur im Kleinen anfangen.