Am Anfang steht das Zeichnen

Ich erinnere mich, dass ich als Kind mit meinen Eltern nach Bern an die grösste Picasso-Ausstellung ging, die bis dahin (zumindest in der Schweiz) je gezeigt worden war. Das Erlebnis blieb mir wohl im Gedächtnis (wenn sicher auch nicht nur), weil es nicht oft vorkam, dass wir ins Museum gingen – also eigentlich nie ausser dieser Ausnahme. Im Nachhinein ist das umso erstaunlicher, als mein Vater doch eigentlich sehr kunstaffin war.

So oder so: Die Ausstellung war gut besucht, nur ein Saal war seltsam leer. Diesen steuerten wir an. In ihm waren Skizzen, Skizzenbücher und Zeichnungen Picassos ausgestellt. Teilweise zeigten sie dasselbe Motiv in immer neuer grösserer Reduktion. Mein Vater erklärte mir, dass vor dem fertigen Bild oft Vorzeichnungen stünden, er erklärte mir den Weg Picassos vom realistischen Abbild hin zur Abstraktion und noch so vieles mehr. Diese Erklärungen liessen mich nachher die Bilder in einem ganz neuem Licht sehen.

Am Anfang steht das Zeichnen. Das sagt auch Henri Matisse, weswegen er seine Schüler zuerst zeichnen liess:

„Ja, ich habe eine Klasse von sechzig Schülern, und ich lasse sie mit peinlicher Genauigkeit zeichnen, wie Studenten es am Anfang immer tun sollten.“ Henri Matisse

Dass auch Cezanne ein begnadeter Zeichner war, blieb lange verborgen, stellte er doch zu Lebzeiten nie eine seiner Zeichnungen aus. Erst nach seinem Tod kamen sie ans Licht, viele davon sind heute im Kunstmuseum, da leider auch mehrheitlich unter Verschluss. Trotzdem lohnt es sich, sie zu studieren, zum Glück gibt es Bücher (wenn sie auch nie das direkte Anschauen ersetzen können), mit denen das gelingt, zum Beispiel das Buch „Der verborgene Cezanne. Vom Skizzenbuch zur Leinwand“.

In diesem Buch lassen sich teilweise Cezannes Wege von der Idee, hingeworfen in einer Skizze, über eine ausgearbeitete Zeichnung, die selbst schon ein Kunstwerk ist, hin zum Bild auf der Leinwand nachvollziehen. Es zeigt aber auch viele wunderbare Zeichnungen dieses Ausnahmetalents (nicht umsonst schwärmten viele heute selbst grosse Namen wir Matisse oder Picasso von ihm).

Hier findet ihr die Rezension zum Buch: Der verborgene Cezanne

Alles neu macht das neue Jahr?

Guten Morgen
Nun ist es da, das neue Jahr. Lange steuerten wir drauf zu, um nun angekommen zu sein und doch noch am Anfang zu stehen. So viele Möglichkeiten, so viele Chancen, Risiken stehen vor uns und wir nehmen den Weg durch all das auf.

Ich verzichte dieses Jahr auf einen Jahresrückblick. Es war ein gutes Jahr, ein Jahr voller Umbrüche, weil es auch ein Jahr voller Erkenntnisse war. Das ist wertvoll, von da aus gehe ich ins neue Jahr und mache es zu meinem Jahr der Kunst. Es ist ein Jahr eines (Wieder-)Neuanfangs und ich freue mich drauf. Es ist genau das: Ein Gefühl des Angekommenseins im Wissen, nun liegt ein Weg vor mir, den ich gehen will.

Was dabei sicher nie fehlen wird, sind meine Spielereien in den Skizzenbüchern. Sie sind meine Spielwiese, mein Tummelplatz, sie sind ein sicherer Ort für Erkundungen. Ich freue mich aber auch, wieder gross zu werden, die Farbe auf die Leinwände zu bringen, neue Welten entstehen zu lassen. Dabei wird die Natur meine Inspiration sein.

„Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.“ Henri Matisse

Ich freue mich zudem darauf, in die Bildwelten grosser Maler einzutauchen, mich in diese einzufühlen und einzulesen. Wie viel doch in einem einzelnen Bild stecken kann – es begeistert mich immer wieder.

Habt ihr Vorhaben/Pläne/Wünsche fürs neue Jahr?

Habt einen schönen Tag, er ist der Beginn vom Rest eures Lebens. 💕

Kreativität: Neues probieren

Guten Morgen

„Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer der, der er schon ist.“ Henry Ford

Es ist so verlockend, in sicheren Gewässern zu schwimmen. Man geht kaum Risiken ein, das Resultat wird ziemlich sicher gut. Ich mag das eigentlich, da ich mit Misserfolgen und Fehlern Mühe habe (wie wohl so viele). Und doch reizt es mich immer wieder, Neues auszuprobieren, neue kreative Welten zu entdecken. Gestern kochte ich zum Beispiel etwas, das ich noch nie gemacht hatte, es war eine Herausforderung, doch es hat sich gelohnt. Dasselbe versuche ich auch beim Malen. Ich habe mir vorgenommen, alle möglichen Medien auszuprobieren und zu sehen, wie sie sich anfühlen, was sich damit bewerkstelligen lässt, wie ich damit auch kreativ spielen oder sie sogar kombinieren kann. herausgekommen sind schon viele kleine Freuden, die mich bestärken, den Weg weiterzugehen und die gewohnten Gewässer hinter mir zu lassen.

Ganz schwer für mich ist immer, loszulassen, lockere zu werden, sprichwörtlich über den Rand hinauszumalen. Was für ein Gewühl. Wieviel Freiheit da plötzlich auskommt.

Dies war ein Versuch mit einfachen Neocolors im Skizzenbuch – meiner Spielwiese für alles momentan. Klecksereien, Aquarell, Filz- und Farbstifte, Collagen finden hier ihren geschützten Raum. Das Buch sieht schlussendlich nicht so perfekt durchgestylt aus wie viele, die man so sieht, aber ich liebe es genau so: mein Raum, meine Spielwiese.

Habt einen schönen Tag
Sandra 💕

Kreativität: Fehler machen

«Den grössten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.» Dieter Bonhoeffer

Angefangen hat alles als nett gedachter Blumenstrauss. Ich legte los, es fühlte sich nicht gut an. Ich dachte, das werde dann schon – wurde es auch, nämlich schlimmer. Und so unglaublich brav, dass mir selbst das Gesicht einschlief beim Betrachten. Also brachte ich wild Farbe rein. Und schaffte es tatsächlich, es noch schlimmer zu machen. Ich liess es liegen. Kam zurück, schaute es an, malte hier und da etwas, ohne dass es viel Gutes gebracht hätte. Und plötzlich. Der Impuls. Da muss was Neues her. Das war erst der Anfang. Was soll ich sagen. Ich liebe es. Es wäre nie entstanden ohne die kläglichen Anfänge, die ich als Fehler deklariert hatte.

Was man so alles lernt beim Malen – nicht nur für die Malerei. Fehler sind was Wunderbares, sie öffnen neue Wege. Und manchmal ist etwas nur auf den ersten Blick ein Fehler, auf den Zweiten der Anfang von was Gutem.

Ich wünsche euch einen schönen Tag! 💕

Jedes Kind ist ein Künstlern – Kindern die Welt der Kunst zeigen

„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ (Pablo Picasso)

Wenn ich als Kind mit meinen Eltern unterwegs war, wussten sie, dass ich still und zufrieden bin, wenn ich ein Blatt Papier und Stifte hatte. Ich liebte es, zu zeichnen. Ich zeichnete alles, was ich um mich sah: Häuser, Tiere, Menschen, Blumen. Es entstanden die wohl typischen Bilder, wie sie Kinder. oft zeichnen. Ich kannte nichts anderes, schuf die Bilderwelten quasi aus mir selbst. Das hat durchaus viel für sich, doch wie viel grösser und bunter wären meine Bilderwelten vielleicht geworden, hätte ich gesehen, welche vielfältigen Möglichkeiten es noch gibt, Dinge zu malen oder zeichnen? Leider erschloss sich mir die Welt der Kunst erst spät. Schade eigentlich.

Gerade Kinder lieben es, in neue Welten einzutauchen. Sie sind neugierig, phantasievoll und offen für neues. Wie leicht lassen sie sich begeistern und inspirieren. Heute weiss man, wie wichtig Kunst für Kinder sein kann. Sie fördert nicht nur Kreativität und Ausdrucksfähigkeit, beim Malen, Basteln und Kreieren lernen Kinder auch viel über ihre Emotionen und Gefühle kennen, sie lernen, einen Ausdruck dafür zu finden. Und: Sie üben sich ohne Anstrengung in Genauigkeit und Ausdauer, da es mitunter eine Weile dauert, bis ein Kunstwerk fertig ist. Dass auch die Feinmotorik geschult wird, ist noch das Sahnehäubchen.

Zum Glück gibt es heute wunderbare Bücher, die Kindern die Welt der Kunst altersgerecht eröffnen. Ein paar Beispiele möchte ich hier nennen:


Monica Brown, John Parra: Frida Kahlo und ihre Tiere
4-6 (Nord Süd Verlag 2017)

Dieses wunderbare Buch gibt Einblicke in das Leben und Malen einer der bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwart: Frida Kahlo. Nicht nur malte sie immer wieder sich selbst, auch ihre Tiere, die ihr sehr wichtig waren, fanden Eingang in ihre Bilder. Die Farben des Buches nehmen die Farben aus Fridas Welt auf. Ein Buch, das dazu anregt, gleich selbst einen Pinsel oder Stifte in die Hand zu nehmen und die Welt rundherum auf Papier zu bringen.

Christine Ziegler, Stephanie Marian: Kunstfresser – aus dem Leben einer Museumsmotte,
5-9, (Südpol Verlag GmbH 2021).
Die Museumsmotte Heribert macht mit seiner Nichte Jolinde einen Ausflug ins Museum und zeigt ihr, wie spannend die Welt der Kunst ist. Er erklärt ihr, was Kunst ist und wie sie entsteht. Er führt sie dafür durch die Räume des Museums und die Geschichte der Kunst. Und immer wieder gibt er Hinweise, wie Jolinde selbst solche Kunstwerke schaffen könnte. Eine schöne Inspiration für Kinder, es auch auszuprobieren.

Samantha Friedman, Cristina Amodeo: Matisse und sein Garten
5-7, (Diogenes Verlag 2017)

Matisse war schon alt und krank, lag mehrheitlich im Bett und das Malen fiel im schwer. Da kam er auf die Idee, Silhouetten aus farbigem Papier auszuschneiden. Eine neue Kunst war entstanden. Das Buch erzählt die Geschichte von Matisse und dessen Kunst auf eine kindgerechte Weise. Die liebevollen Illustrationen erinnern mit ihren klaren Formen an die Bilder von Matisse. Eine schöne Anregung für Kinder, gleich selbst zur Schere zu greifen und eigene Kunstwerke zu machen.

Michael Bird, Kate Evans: Vincents Sternennacht (Kunst für Kinder): Eine Kunstgeschichte für Kinder,
10+ (Midas Verlag 2023)

Seit es Menschen gibt, gibt es wohl auch Kunst. Es gibt Funde, die tausende Jahre alt sind und davon zeugen. Doch: Was ist Kunst und wie hat sie sich in den vielen Jahren verändert? Dieses Buch bietet einen gut verständlichen Überblick über die Geschichte der Kunst, es erzählt von einzelnen Künstlern und ihrem Schaffen. Dabei liefert der Kunsthistoriker Michael Bird aber nicht nur trockene Fakten, sondern immer auch lebendige Geschichten aus dem Alltag einzelner Künstler. Begleitet werden die informativen Texte durch die liebevollen Illustrationen von Kate Evans. Die schöne und hochwertige Buchgestaltung rundet das Ganze ab und macht, dass das Buch nicht nur für Kinder und Jugendliche ein Hingucker ist.

Sarah Hull: Ist das Kunst?
9+ (Usborne Publishing 2021.)
Was ist eigentlich Kunst und wie arbeiten Künstler? Wieso gefällt mir ein Bild und ein anderes nicht? Ist das überhaupt wichtig? Fragen wie diesen geht Sarah Hull in ihrem Buch nach. Sie zeigt, dass Kunst nicht nur Bilder, sondern auch Skulpturen und weitere Formen beinhaltet. Es bietet Einblicke in eine vielfältige Welt, die nicht immer einfach zu durchschauen ist. Sehr empfehlenswert.

Monica Foggia, Giovanni Gastaldi: David Hockney. Der letzte Maler
10+ (Midas Verlag 2023)

David Hockney ist einer der wohl bekanntesten gegenwärtigen Künstler. Nicht nur seine früheren Bilder sind vielen bekannt, auch seine neuen Kunstwerke, die auf dem iPad entstehen, deuten auf einen kreativen und Neuem gegenüber aufgeschlossenen Künstler hin. In dieser Graphic Novel erzählt ein fiktiver Museumswärter David Hockneys Leben und Schaffen im Zusammenspiel mit dessen Werken, die in einer Retrospektive Tags darauf gezeigt werden sollen. Ein informatives, spannendes Buch nicht nur für junge Lesende.

Nun steht auch dem nächsten Museumsbesuch mit den kleinen Kunstexperten nichts mehr im Weg. Wie toll ist es doch, die Bilder, die sie aus Büchern kennen, plötzlich an den Wänden zu entdecken.

Kreatives: Neue (alte) Wege gehen

„Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann.» Henri Matisse

Geistesarbeiter und Literaten, in diese Reihen habe ich mich über lange Zeit eingeordnet und bin als solche auch aufgetreten. Ab und zu kam etwas anderes hoch, was ich aber nach kurzer Zeit wieder ignorierte. 

«Ich fand heraus, dass ich mit Farben und Formen Dinge ausdrücken konnte, die ich auf andere Weise nicht sagen konnte – Dinge, für die ich keine Worte hatte.» Georgia O’Keeffe

Und da sass ich plötzlich. Die Worte schienen mir ausgegangen. Das ist mir schon ein einige Male passiert und immer wandte ich mich den Farben und Formen zu, blühte darin auf. 

Bis ich alles wieder abstellte, in den Keller verbannte, weil ich mir selbst nicht traute und die alten Glaubenssätze «du bist nicht gut genug», «was werden auch die anderen denken», und dergleichen mehr als Mantras nutzte, die mich behinderten. Ich hoffe, ich kann die Hürde dieses Mal überwinden. 

«Ein Bild soll für mich immer dekorativ sein. Wenn ich arbeite, versuche ich nie zu denken, nur zu fühlen.» Henri Matisse

Es wird hier einen Wechsel geben, der nicht allen zusagt. Ich habe lange überlegt, ob ich eine neue Seite eröffnen soll, mich aber dagegen entschieden nun. Dann müsste ich zwei führen und das kann ich nicht. So freue ich mich über jeden von euch, der bleibt. Den anderen danke ich für die gemeinsame Zeit. 

Meine Geschichte wird noch bis am 31. Dezember weiterlaufen, mit dem alten Jahr nimmt auch sie ein Ende. Ich werde schon bis dahin dann und über Kunst und Kreativität schreiben. Mal sehen, wohin die Reise führt und wer sie begleitet. Sollte sich jemand von der Mailliste austragen wollen, bitte keine Mail oder Kommentare schreiben, weil ich das nicht machen kann. Bei WordPress kann man in der Verwaltung der eigenen Einstellungen die abonnierten Blogs anpassen.

Habt einen guten Tag!

Über Kunst: Eintauchen

Guten Morgen

«Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters.» Khalil Gibran

An grauen Tagen müssen es einfach ein paar Blumen sein – für mehr Farbe im Leben. Im Moment schweigen die Worte bei mir, die Lust an ihnen scheint im Winterschlaf. Die Welt der Farben und Formen scheint mir die tröstlichere, sie erscheint mir wie ein wärmender Ort, an den ich zurückkehren kann. Von hier aus träume ich mir die Welt bunt und niste mich in ihr ein. 

Picasso sagte einst, Kunst wasche den Staub des Alltags von der Seele. Das empfinde ich beim Malen und Zeichnen, aber auch, wenn ich mich mit Kunst beschäftige. Kunst bedingt ein Einlassen. Beim einfachen Vorbeistreifen kommt man über ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ nicht hinaus und verpasst dabei so viel. Man verpasst es, neue Sichten auf die Welt kennenzulernen, aber auch, die eigene zu erkennen.

Das nächste Jahr wird für mich der Kunst gewidmet sein in all den Formen, die sie für mich annehmen kann und wird. Ich freue mich, wenn ihr mich auch auf diesem Weg begleitet.

Habt einen schönen Tag!

Über Kunst: Matisse hat heute nicht Geburtstag

«Kreativität braucht Mut.» Henri Matisse

Heute Morgen stand ich vor meinem Bücherregal mit den Kunstbänden und überlegte, welches Buch ich offen hinlegen soll. Ich mag das, Immer, wenn ich vorbeigehe, schaue ich hin, freue mich. Manchmal entstehen ein paar Gedanken, manchmal bleibe ich stehe, blättere, lese hier und da kleine Häppchen, und gehe weiter. Die Entscheidung fiel heute schnell: Matisse sollte es werden. Einerseits mag ich diesen Künstler sehr, so dass er oft meinen Tag begleitet, andererseits hatte ich irgendwie Lust auf seine Bilder. 

Der Morgen schritt voran, ich eher schleppend mit, da ich mit einer starken Erkältung und Schlaflosigkeit kämpfe, da las ich in den Weiten des Netzes: Henri Matisse hätte heute Geburtstag. Und ich dachte, welch ein Zufall, dass ich ausgerechnet heute sein Buch herausholte. Dann wollte ich mir seine Biografie wieder etwas ins Gedächtnis holen – und siehe da: Er hätte gar nicht Geburtstag. Es zahlt sich doch aus, Dinge nochmals nachzuschlagen, die man so liest. 

So oder so freue ich mich an seinen blauen Bildern und wünsche euch einen schönen Tag – ob mit oder ohne Geburtstag.

„Dass die Menschen besser lernen, im Dialog zu sein“

Für uns als Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass die Menschen besser lernen, im Dialog zu sein, aufeinander zu achten, anderen Meinungen und dahinterstehenden Ängsten und Sorgen offen gegenüberzutreten.

Vor einiger Zeit fragte mich Walter Pobaschnig an, ob ich bereit wäre, ihm für ein Interview ein paar Fragen zu beantworten. Ich war bereit und erzählte über meinen Tagesablauf, meine Gedanken, was ich in unserer Zeit wichtig oder wünschenswert finde und welche Rolle Kunst und Literatur in meinen Augen haben. Herausgekommen ist dieses Interview:

5 Fragen an KünstlerInnen zur Gegenwart – Sandra von Siebenthal

Das Zitat am Ende stammt übrigens von Rilke:

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Werk und Autor

Gehören Werk und Autor zusammen? Ist das Werk vom Autor zu trennen? Solche Fragen tauchen vor allem dann auf, wenn ein Autor ins Visier gerät, durch irgendeine Untat auffällig geworden. Und da wird dann oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, sprich, das Werk soll mit dem Autor untergehen.

Nur: Ist das legitim? Ich erinnere mich an meine Anfänge im Germanistikstudium. Die Biografie was massgeblich entscheidend für das Werk, oft wurde sie in diesem gesucht. Dann kam plötzlich die totale Verneinung. Werke müssen für sich sprechen, hiess es. Man müsse sie für sich lesen und dann – so quasi – was rein- oder rauslesen. Ich halte es mit einem «sowohl – als auch».

Man kann Werke nicht vom Autoren trennen. Werke entstehen in einer Zeit und in einem Kontext. Der Kontext ist weit. Er reicht von den Erfahrungen des Einzelnen bis hin zur kulturellen Stimmung im Land und in der Zeit. Es trägt die Konventionen der Zeit in sich, egal, ob sich der Autor davon distanzieren wollte oder sie mittrug; in einer anderen Zeit hätte er beides nicht müssen – vielleicht anderes. Das darf nicht ausser Acht gelassen werden.

Dieser Punkt zeigt sich grad heute sehr deutlich: Stimmen werden laut, welche die Literatur säubern wollen. Sie wollen alles ausmerzen, was nicht in die heutige Zeit und den heutigen Sprachgebracht passt. Ich schlage selten und höchst ungern mit der Nazikeule um mich, aber: Kennen wir das nicht schon? Was nicht passt, wird passend gemacht? Wird eingegliedert oder ausgemerzt?

Werke werden in einer Zeit geschrieben und die Zeit bestimmt viel von dem, was im Werk steht. Gerade das wäre ja ein Lehrstück: Schaut, wie es war, wir wollen es nicht. Also schreiben wir heutige Werke anders. So wurde das immer getan. Ein Werk auf heutige Konventionen hin umzuschreiben hiesse, es zu töten. Das darf nicht sein. Dieses Vorhaben spricht eher für den mangelnden Glauben an eine mündige Leserschaft, die durchaus in der Lage ist, zu differenzieren.

Zurück zur Ursprungsfrage: Kann oder muss man das Werk vom Autor trennen oder soll es mit diesem untergehen im Zweifelsfall? Ich bin der Überzeugung, dass wir viel verlieren würden mit dem Untergang. Museen wären leer, Bücherregale ebenso, das Fernsehprogramm könnte man wohl praktisch einstampfen. Wieso?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Schöpfer nur gerade sein Werk erschaffen kann (Fälscher können auch die anderer nachahmen, aber das ist keine Schöpfung in meinem Sinne). Insofern hängen Schöpfer und Schöpfung durchaus zusammen. ABER: Ich muss den Schöpfer nicht mögen in seinem Sein und Tun, er kann auf ganz vielen Ebenen ein Mensch sein, mit dem ich nicht in einem Raum sein, geschweige denn engeren Kontakt haben möchte. Und trotzdem kann sein Werk grossartig sein. Ist dieses plötzlich weniger wert, wenn ich das Leben des Urhebers nicht gutheisse? Müssten wir die Erkenntnisse von Hell und Dunkel, von realistischer Darstellung eines Caravaggios ignorieren, weil er ein Mörder und Trunkenbold war? Dürften wir Heideggers Gedanken zum Denken mit Verachtung strafen, nur weil er eine kurze Zeit auf Abwege kam und in einer Rede ein System pries, das so verabscheuenswürdig war? Die Frage, die sich stellt: Wäre die Geschichte anders ausgegangen, würden wir es anders sehen? Wohl schon, ein Glück, ging sie aus, wie sie ausging, wenn auch nach viel zu vielen Opfern. ABER: Was heisst das für Heideggers Gedanken? Macht eine Fehlzündung das ganze Feuerwerk kaputt? Dies sind nur zwei Beispiele, extra weit auseinander gewählt. Es gäbe unzählige.[1]

Ich habe viele Künstlerbiografien gelesen und keiner war so das, was man als angepassten, liebeswürdigen, im Umgang erfreulich leichten Zeitgenossen genannt hätte. Ich hätte die meisten wohl nicht gerne als Lebenspartner, Vater, Mutter, Kind gehabt. Aber als Gesprächspartner wohl schon. Und die Hochachtung vor dem Werk ist geblieben. Ich werde beim Anschauen von Caravaggios Bildern nicht zum Mörder oder dessen Verteidigerin, beim Lesen von Heideggers Gedanken nicht zum Befürworter nationalsozialistischen Gedankenguts. Und wenn  zum Beispiel – Max Frisch in seinen Werken das Wort «Neger» verwendete, kann ich differenzieren, dass dies in einer anderen Zeit geschah, als das Wort entweder anders konnotiert oder unkritischer verwendet wurde. Das wiederum wäre spannend zu erfahren. Das können wir aber nur, wenn wir es im Werk drin lassen.


[1] Gerade die #metoo-Kampagne hat viele an den Pranger gestellt. Zu Recht- nur: Diese sollen einem fairen rechtlichen Verfahren ausgesetzt werden, wie ich es mir für jeden gegen geltendes Recht und auch gegen die menschliche Ethik verstossenden wünschen würde. Für ein solches System stehen wir ein und berufen uns darauf, wenn wir uns in unseren Rechten betrogen fühlen.

5 Inspirationen – Woche 12

Diese Woche hat der Frühling leise an die Tür geklopft. Nun hoffe ich, dass er bleibt, dass die Tage hier schön werden. Ich habe diese Woche viel gelesen, recherchiert, Pläne geschmiedet, war aber auch oft einfach sehr müde – die Erschöpfung begleitet mich nun doch schon eine Weile und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Winter ablegen könnte.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich hörte den Podcast „Doppepunkt“ von Radio 1, Roger Schawinski im Gespräch mit Martin Suter. Die Themen waren vielfältig, sie reichten vom Menschen Martin Suter über dessen Lebensstationen in anderen Ländern, sein Schreiben sowie auch seinen Lebensstil und weitere Gedanken zum Leben. Ein Punkt, den ich (neben anderen) für mich mitnehme, ist Martin Suters Abneigung gegen den Spruch (und die Haltung dahinter) „Geiz ist geil“. Wieso? „Wenn ich etwas für weniger kaufen kann, als es kosten müsste, kommt irgendwo jemand zu kurz.“

Wie wahr. Und meist sind das die schwächsten Glieder in der Kette der Gesellschaft. Bewusstes Einkaufen wäre ein erster Schritt hin zu einer bewussteren Konsumkultur, welche so viel hinter sich trägt. Und jeder kann ihn für sich tun.

  • Diese Woche bin ich über das Zitat von Robert Musil gestolpert:

„Was bleibt von der Kunst? Wir als Veränderte bleiben.“

  • Ich bin der Überzeugung, dass es für jede Lebenslage ein passendes Gedicht gibt. Aus diesem Grund habe ich vor einigen Jahren eine lyrische Hausapotheke begonnen, in welche ich Gedichte stellte, die zu einzelnen Lebenslagen passen. Ich denke aber, das gibt es auch bei Romanen. Bücher verändern uns. Wir haben nach einem Buch etwas dazu gelernt, das wir vorher noch nicht wussten. Robert Musil hat das in seinem Zitat schön ausgedrückt.
  • Manchmal merke ich schlagartig, dass schon wieder Donnerstag ist, was bedeutet, dass der Freitag vor der Tür steht und mit ihm meine fünf Inspirationen der Woche stehen müssten. Und dann sitze ich da und frage mich. Und ja, es gab so viel, das inspiriert hat: Der Blick eines Menschen, ein kurzes Gespräch mit der Frau an der Kasse beim Einkauf, ein Buchstabe, ein Graffiti unterwegs, eine Blume, die mich erfreute, die Sonne, die unter- oder wieder aufging. Oft ist es schlicht der ganz normale Alltag, der mich inspiriert. Man muss nur hinschauen.
  • Ich suchte ein Lied von Etta James, weil ich es irgendwo gehört hatte und ihre Lieder früher so geliebt habe. Dabei stiess ich auf diese Playllist auf Spotify: A Sunday Kind of Love Radio Einfach mal wieder da sitzen, zuhören, mitschwingen…. Musik war mir im Leben immer wichtig. In letzter Zeit wurde es weniger… ich hoffe, das kommt wieder mehr.
  • Eine Mücke flog mir um den Kopf. Rundherum und immer wieder, sass kurz ab, kitzelte, flog weiter. Ich habe ihr natürlich was zu Essen und zu Trinken offeriert und mit ihr angestossen – oder so… aber für mich war es ein Zeichen für den nahenden Frühling. Und nur schon der Gedanke an mehr Sonne, Wärme, Farben hat mich froh gemacht. Und im Hintergrund singt Nat King Cole „Unforgettable“ im Andenken an die kleine Mücke… so schliesst sich der Kreis der heutigen Inspirationen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Rembrandt: Sämtliche Zeichnungen und Radierungen

Rembrandt van Rijn wurde 1606 in Leiden (NL) geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule und einem abgebrochenen Studium beschloss er, Maler zu werden. Was für ein Glück. Superlative sind in der Kunst immer so eine Sache, doch gehört Rembrandt wohl durchaus zu einem der grössten Maler aller Zeiten. Dass nicht nur seine Malereien, sondern auch die Zeichnungen grossartig sind, davon kann man sich im vorliegenden Buch überzeugen. Pünktlich zum 350. Todestag 2019 brachte der Taschenverlag diesen monumentalen Band mit 700 Zeichnungen und 313 Radierungen auf den Markt.

Durch die hohe Bildqualität sieht man die Meisterschaft von Rembrandts Zeichnungen deutlich: Sein Spiel mit Licht und Schatten, das er mit gekonnten Schraffuren umsetzt und damit auch eine emotionale Botschaft vermittelt. In seinen Porträts schafft er es, mit gezielten Strichen die Mimik herausarbeiten, welche oft auch Hinweis auf die inneren Vorgänge des Porträtierten ist.

Zwar lagen Rembrandts Schwerpunkte bei biblischen und historischen Motiven, doch finden sich unter seinen Zeichnungen und Radierungen auch wunderbare Landschaften, Porträts und Tiere. Es ist schwer, bei diesem Buch bescheidenere Worte zu verwenden, da das Können dieses Künstlers aus allen Seiten sticht. Zudem ist das Buch so hochwertig gestaltet, dass man wohl kaum näher an den Genuss der Betrachtung eines Originals käme als auf diese Weise. Für einen Bewunderer grosser Zeichenkunst eine wahre Freude.

Das Buch ist nicht nur haptisch und vom Design her hochwertig gestaltet, es ist mit 36,2 x 8,8 x 42,4 cm auch nicht wirklich klein.

Fazit
Ein wunderschönes, sehr hochwertig gestaltetes Buch, das die Zeichnungen und Radierungen Rembrandts eindrücklich präsentiert. Absolut empfehlenswert.

Zu den Autoren:
Peter Schatborn war Leiter des Rijksprentenkabinet im Amsterdamer Rijksmuseum und Gastdozent am Getty Research Institute in Los Angeles. Er kuratierte unter anderem Ausstellungen der Frick Collection in New York und der Fondation Custodia in Paris. Den Schwerpunkt seiner Forschung bilden die niederländischen Zeichnungen des 17. Jahrhunderts.Erik Hinterding studierte Kunstgeschichte an der Universität Utrecht und promovierte über Rembrandt als Radierer. Er wirkte an zahlreichen Publikationen und Ausstellungen mit, unter anderem für die Fondation Custodia in Paris, die Scuderie del Quirinale in Rom, die Klassik Stiftung Weimar und das National Museum of Western Art in Tokio. Er ist einer der beiden Verfasser des New Hollstein Werkverzeichnisses der Radierungen Rembrandts aus dem Jahr 2013. Seit 2012 ist er Kurator im Amsterdamer Rijksmuseum, wo er die Sammlung frühneuzeitlicher Drucke betreut.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 756 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (19. Mai 2019)
Autoren: Peter Schatborn und Erik Hinterding
ISBN: 978-3836575423
Preis: EUR: 150 ; CHF 204
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. beim TASCHEN VERLAG selber, bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Vitali Konstantinov – ein Blick hinter die Kulissen

Kurze Biografie

Geboren bei Odessa in der UdSSR (jetzt Ukraine). Studium der Architektur, Grafik, Malerei und Kunstgeschichte in der UdSSR und in Deutschland. Arbeit als freier Illustrator in den Bereichen Belletristik für Kinder und Erwachsene, Sachillustration und Editorial für deutsche und internationale Verlage. Zahlreiche Bilderbücher und Illustrationen in vielen Ländern veröffentlicht. Bebilderung der klassischen Texte von Gianni Rodari, Nikolaj Leskov, Daniil Charms, Gebrüder Grimm sowie Mitarbeit mit den zeitgenössischen Bestseller-Autoren Maxim Biller, Wladimir Kaminer, Morten Ramsland, Jens Soentgen, Herausgeben der Texte aus eigener Federführung.

Mehrfache Teilnahme an internationalen Illustrations-Ausstellungen in Belgrad, Bologna, Bratislava, New York, Tokyo. Auszeichnungen: Premio Stepan Zavrel (Italien), Buchmesse Bologna (Italien), Stiftung Buchkunst »die schönsten deutschen Bücher«, 3X3 Children’s Book Show (USA), Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011, The White Ravens 2012.

Lehrtätigkeit: Institut für Bildende Kunst der Universität Marburg (2012-2013), Bauhaus-Universität Weimar (2011), Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (2009-2010); zahlreiche Sommerkurse und Workshops für Illustration und Comic in Deutschland, Italien, Spanien, Schweiz.

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?

Angeblich war ich nicht mal 1 Jahr alt, als ich meine ersten bewussten Linien gezogen habe und von enormer Begeisterung meiner Mutter: Bildhauerin (sic) und Kunsthistorikerin (also!) – überschüttet wurde. Kleine Kinder sind ja bloß Äffchen, die von den Aussenwelteinflüssen gesteuert und geformt werden. Zu früh zu viel positive Verstärkung hat wohl den weiteren Weg bestimmt, seitdem ist das Zeichnen mein Instrument auf der Suche nach Zuneigung, Bestätigung und Bewunderung ;-).

Wie sah Ihr Weg in die Illustration aus?

Zufällig… Oder doch vorbestimmt… Im Elternhaus gab es sehr viele Bücher, Kunstbücher, Bilderbücher, auch Kunstwerke etc. Als Kind habe ich obsessiv gezeichnet, (zu) viel gelesen und natürlich mich beim Illustrieren der Lieblingsbücher versucht. Ich war etwa 14, als meine erste „editorial-Arbeit“ in lokaler Zeitung erschien und meine Illustrationen zu Voltaire’s „Candide“ im professionellen Kontext ausgestellt wurden. Nur habe ich dann doch Architektur studiert, immerhin wurde man dabei fünf Jahre lang in realistischen Zeichnen und Malen exzessiv gedrillt. Als „russischer Architekt“ in Deutschland gelandet, durfte ich meinen Beruf erstmal nicht ausüben, studierte Kunst, freundete mich per Zufall mit einer Design- Firma an, für die ich mal einpaar Motive zeichnete. Diese Motive wurden in Bologna (wichtigste jurierte Illustratoren-Ausstellung und Buchmesse) gezeigt, gleich darauf kamen Verlagsanfragen aus USA, Brasilien, Taiwan und folglich die ersten Veröffentlichungen. Ich war begeistert. Hätte ich bloß damals gewusst, …

Ist eine Ausbildung zum Illustratoren unabdingbar oder lernt man Illustration eher im Stil von learning by doing? Oder anders gefragt: Alles Talent oder kann man es überhaupt lernen?

Fragen Sie denjenigen, der Illustration nie studiert hat und trotzdem über 100 Bücher in 35 Ländern veröffentlichen konnte und an deutschen Hochschulen Illustration und Comic unterrichten durfte? ;-]

Was macht einen guten Illustratoren aus?

den Text lesen und dem folgen zu können (möglichst auf der Überholspur ;-). „Gute Illustration“ hat nicht viel bzw. gar keinen Platz für künstlerische Selbstsucht, in erster Linie ist sie Kunst der Interpretation und des (Mit)Erzählens.

Ist Illustration Kunst oder Handwerk?

Weiss jemand überhaupt wo das Handwerk aufhört und die Kunst beginnt? …

Haben die elektronischen Medien den Beruf schwerer gemacht oder beflügelt?

die „Medien“ sind selbstverständlicher Bestandteil des heutigen Lebens – wie beheiztes Wasserklosett o.ä. Darauf würden wir jetzt auch ungern verzichten und trotzdem sind wir nicht bei jedem Klobesuch maßlos „beflügelt“, oder? 😉

Was zeichnet Ihren Stil aus?

Habe ich etwa einen „Stil“? „Stil“ wäre etwas Angekünsteltes, Bemühtes. Ich kann bloß meine natürliche Motorik und Sehgewohnheit vorweisen. Nix Stil da.

Haben Sie Lieblingsmedien (welche?) oder passen Sie diese immer dem jeweiligen Thema/ Auftrag an?

mein allerliebstes Medium ist eigentlich meine Ukulele.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Etwa wie bei Fjodor Mischailowitsch Dostojewski, mit dem Unterschied: ich rauche nicht und mache stattdessen viel Sport 😉

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Illustration beschreiben?

Vorfreude – Ahnungslosigkeit – Angst zu versagen – Verzweifeln – zufälliger Einfall – Stolz auf Entstehendes – Enttäuschung. Und alles von vorn.

Wie ist das Klima zwischen Illustratoren? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man netzwerkt?

Die Atmosphäre unter Illustratoren ist von Sympathie, Austausch und Anerkennung geprägt, und das wirklich international über alle Grenzen und Sprachen hinweg. Man kennt sich, man gehört schliesslich zu einer seltenen und stets bedrohten Gattung. Ausserdem ist jeder Künstler so fest in eigener Individualität und Unaustauschbarkeit überzeugt, dass eine Konkurrenz-Gedanke als absoluter Nonsens erscheint.

Was raten Sie jemandem, der Illustrator werden will?

das nochmal zu überdenken und eventuell einen anderen – anständigen und Geld-bringenden Beruf zu lernen. Es sei, Sie taugen für nichts anderes und können sich das Leben ohne Illustrieren nicht vorstellen. Dann drucken Sie Visitenkarten, die Sie als Illustrator/in ausweisen, und legen los. Easy.

Welchen Illustrator soll ich hier noch vorstellen?

hm… nur eine/n? und ausschliesslich deutschsprachige/n? … ich will keine/n vorziehen. Es gibt sehr viele, die ich bewundere, persönlich mag etc.

Staatsgalerie Stuttgart, Ina Conzen (Hrsg.): Francis Bacon. Unsichtbare Räume

Dem Paradoxen einen Raum geben
Francis Bacon gilt als einer der grössten, figurativ malenden Künstler heutiger Zeit. Trotz horrender Verkaufspreise im zwei- und dreifachen Millionenbereich für seine Bilder ist er aber alles andere als unumstritten.
Deformiert, zerfliessend, sich windend, sind es ohne Zweifel höchst vitale Wesen, deren Intaktheit allerdings prekär infrage steht. Bacon lotet existentielle Grenzsituationen aus – Grenzsituationen zwischen Leben und Tod, physischer Präsenz und Auflösung, Mensch und Tier, Lust und Schmerz.

Geschäftsleute, Päpste, Menschenaffen werden in nicht zu entschlüsselnden Käfigen zur Schau gestellt. Meist winden sie sich in abstrusen Posen, sind in ihrer Identität oft nur durch Symbole oder künstlerische Kniffe erkennbar. Es beginnt bei der Betrachtung ein Diskurs zwischen Bild und Betrachter, bei dem nicht sicher ist, wer Objekt, wer Subjekt ist, wer spricht, wer antwortet.

Gewalt, Religion, Tod – das sind die immer wiederkehrenden Themen von Francis Bacons Malerei. Margrit Thatcher nannte seine Kunst verstörend und so mancher kann sich wohl dem Urteil auch nicht entziehen. Trotzdem geht von dem Künstler eine Faszination aus, ist sein Leben und Werken Gegenstand vieler Bücher, Dokumentationen und Filme. Man weiss um die verschiedenen Einflüsse aus Anatomie, dem Studium alter Meister und anderem mehr. Was also gäbe es noch Neues zu sagen?

Das vorliegende Buch (als Katalog zur Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart) hat sich dem Thema der (unsichtbaren) Räume in Francis Bacons Werk angenommen. So offensichtlich sie eigentlich sind, betrachtet man seine Bilder, so wenig beleuchtet wurde dieser Aspekt. Es legt Francis Bacons Sicht auf seine Kunst offen, seine Abneigung gegen Abstraktion ebenso:
Abstrakte Kunst bedeutet freies Fantasieren über nichts. Von nichts kommt nichts. Man benötigt also konkrete Bilder, um die tief liegenden Gefühle und das Mysterium von Zufall und Intuition, das Besondere zu realisieren.

Wie seine Ablehnung von Narration in seinen Bildern. Es wendet sich zudem in Artikeln und auch in den ausgewählten Bildern den Bildräumen und den Räumen in diesen Räumen zu. Es behandelt auf fundierte, tiefgründige und erklärende Weise den Körper im Raum, wie er in Bacons Bildern präsentiert wird. Bei den Räumen wird – wie bei seinen Gestalten – offensichtlich, dass er auch diese verzerrte in Perspektive und Anordnung, so dass sie zu paradoxen Räumen werden, die zwischen Bühne und Käfig schwanken, die Figuren einerseits im Inneren einschliessen, sie andererseits doch dem Publikum präsentieren. Die hochwertige Gestaltung rundet das Buch ab.

Fazit
Ein informatives, tiefgründiges und hochwertig gestaltetes Buch, das sich fundiert mit Bacons Bildern auseinandersetzt und vor allem die Räume innerhalb der Bilder auf gut verständliche Weise erläutert. Absolut empfehlenswert.

Link zur Staatsgalerie Stuttgart: HIER http://www.staatsgalerie.de

Zum Herausgeber:
Die Staatsgalerie Stuttgart gehört mit ihrem reichen Bestand an Gemälden und Plastiken vom 14. bis 21. Jahrhundert zu den meistbesuchten Museen Deutschlands.

Ina Conzen ist Kuratorin für die Kunst der Klassischen Moderne und stellvertretende wissenschaftliche Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart..

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (12. Oktober 2016)
ISBN: 978-3791355764
Preis: EUR: 39.95 ; CHF 52
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Maria Palatini – ein Blick hinter die Kulissen

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?
Ja, genau, ich war ein solches Kind.

Wie sah Ihr Weg in die Kunst aus?
Es waren eher Irrwege. Ich wählte einen Beruf, der mit Phantasie und Farben nichts zu tun hatte: Medizinische Laborantin am KSSG. Nach der Lehre begann ich wieder zaghaft zu malen, meistens am Sonntag.

Wie stehen Sie zum Thema Ausbildung? Unabdinglich, hilfreich, überflüssig? Oder anders gefragt: Alles Talent oder kann man es überhaupt lernen?
Ich war ja nie an einer Kunstschule. Ich habe mir das alleine angeeignet. Ich habe meinen Weg auch so gefunden. Heute bin ich froh darüber. Ich wurde von niemandem geformt. Talent ist aber sicher wichtig.

Ihre Bilder beinhalten immer auch Geschichten. Würden Sie diese eher als Kunst oder als Illustration bezeichnen?
Das geht ineinander über.

Was zeichnet Ihren Stil aus?
Genauigkeit, Feinheiten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Am Morgen wird gemalt. Am Nachmittag muss ich an die frische Luft. Ich bewege mich gerne und liebe es, unterwegs zu sein.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?
Ich arbeite gerne alleine. Es ist ein einsamer Beruf. Ich hatte aber 37 Jahre meine eigene Galerie, die auch als Atelier diente. Dadurch bin ich mich gewohnt, „Besuch“ zu haben und unterbrochen zu werden. Kein Problem für mich. Das gab auch immer wieder neue Impulse.

Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen?
Indem ich die Augen und Ohren offen halte. Das sind meine Empfangsantennen.

Die Protagonisten Ihrer Bilder sind meistens Menschen aus einer anderen Zeit – ich würde sie dem Fin de Siecle zuordnen. Wie kamen Sie auf diese Zeit (die auch ich als sehr reizvolle sehe) und diesen Stil?
Fin de Siècle ist für mich wunderbar. Verziert, verschnörkelt, dekoriert. Kleider, Hüte, Hausfassaden, Auto, Flugzeuge, etc.Der Stil hat sich einfach so entwickelt. Gut, man sagt „einfach so“. Es kommt ja nie von alleine. Das Unterbewusstsein spielt vielleicht durchaus mit. Man könnte auch fragen, wieso man die Handschrift hat, mit der man schreibt. Es passiert irgendwie einfach – aber eben: Irgendwie hat es wohl seinen Grund.

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben?
Der erste Moment ist der Blitz aus heiterem Himmel. Ich arbeite zuerst mit dem Titel. Ich schnappe etwas auf, z. B. „Blue Chips“ oder „Taubenfütterer“ oder „Tafelsilber“. Die Titel gefallen mir. Dann kommt das Suchen: Was mache ich daraus? Ich suche nach einer Lösung oder Idee. Die kann nach 5 Minuten da sein oder auch in einem halben Jahr noch nicht. Wenn sie kommt, dann muss sie zünden. Die Ausführung ist eine andere Sache. Die Hand. muss versuchen, das auszuführen, was sich der Kopf ausgedacht hat. Es muss konkret werden und das ist immer mit Komplikationen verbunden. Man sieht es einem fertigen Bild nicht an, was für Kämpfe und Krämpfe da stattgefunden haben. Ich habe eine Ampel in mir. Grün ist „Das Bild ist gut“, ich bin zufrieden. Orange bedeutet „na ja“ und rot „das Bild sollte vernichtet werden“. Ich höre dabei also auf meine eigene Stimme und verlasse mich auf mich.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt/ein Bild, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?
Ein Lieblingsbild habe ich nicht, aber durchaus Lieblingsbilder. Ich kann mich nicht für eines entscheiden. Es ist auch wieder die innere Stimme, die das bestimmt, wieso oder warm dieses oder jenes meine Favoriten sind. Ich weiss es nicht und es ist mir auch egal. Es ist mehr ein Gefühl und Gefühle kann ich nicht in Worte fassen, da mir das schlicht zu mühsam ist.

Wie erleben Sie das Klima unter Künstlern? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht?
Ich bin ein totaler Einzelgänger. Ich bewege mich nie in der „Szene“.

Was raten Sie jemandem, der Künstler werden will?
Wenn jemand Künstler werden will, soll er unbedingt durchziehen. Ich fände es gut, wenn da aber jemand ist, der den abgehenden Künstler erstmals Steine in den Weg legt. Wenn er diese aus dem Weg räumt, dann ist er auf dem richtigen Weg. Wenn er aber darüber stolpert und nicht mehr aufsteht, dann sollte kein Künstler daraus werden. Man braucht starke Nerven und ein gutes Selbstvertrauen. Auch Selbstzweifel sollten vorhanden sein, aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Beides ist nicht förderlich.

Welchen Künstler soll ich hier noch vorstellen?
Ich bin ein Fan von Otto Forster. Auch Margrith Örtli-Edelmann fidne ich gut. Beide leben in St. Gallen.

Wer mehr von Maria Palatini sehen will: Maria Palatinis HOMEPAGE