Lieblingsbücher zum Zweiten

Gestern schrieb ich über Lieblingsbücher und zitierte eine Liste der 100 liebsten Bücher der Deutschen. Heute möchte ich die Liste von BBC nachreichen. Das Projekt hiess The Big Read und BBC ermittelte dabei die liebsten Romane der Nation.

1. The Lord of the Rings, JRR Tolkien
2. Pride and Prejudice, Jane Austen
3. His Dark Materials, Philip Pullman
4. The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, Douglas Adams
5. Harry Potter and the Goblet of Fire, JK Rowling
6. To Kill a Mockingbird, Harper Lee
7. Winnie the Pooh, AA Milne
8. Nineteen Eighty-Four, George Orwell
9. The Lion, the Witch and the Wardrobe, CS Lewis
10. Jane Eyre, Charlotte Brontë
11. Catch-22, Joseph Heller
12. Wuthering Heights, Emily Brontë
13. Birdsong, Sebastian Faulks
14. Rebecca, Daphne du Maurier
15. The Catcher in the Rye, JD Salinger
16. The Wind in the Willows, Kenneth Grahame
17. Great Expectations, Charles Dickens
18. Little Women, Louisa May Alcott
19. Captain Corelli’s Mandolin, Louis de Bernieres
20. War and Peace, Leo Tolstoy
21. Gone with the Wind, Margaret Mitchell
22. Harry Potter And The Philosopher’s Stone, JK Rowling
23. Harry Potter And The Chamber Of Secrets, JK Rowling
24. Harry Potter And The Prisoner Of Azkaban, JK Rowling
25. The Hobbit, JRR Tolkien
26. Tess Of The D’Urbervilles, Thomas Hardy
27. Middlemarch, George Eliot
28. A Prayer For Owen Meany, John Irving
29. The Grapes Of Wrath, John Steinbeck
30. Alice’s Adventures In Wonderland, Lewis Carroll
31. The Story Of Tracy Beaker, Jacqueline Wilson
32. One Hundred Years Of Solitude, Gabriel García Márquez
33. The Pillars Of The Earth, Ken Follett
34. David Copperfield, Charles Dickens
35. Charlie And The Chocolate Factory, Roald Dahl
36. Treasure Island, Robert Louis Stevenson
37. A Town Like Alice, Nevil Shute
38. Persuasion, Jane Austen
39. Dune, Frank Herbert
40. Emma, Jane Austen
41. Anne Of Green Gables, LM Montgomery
42. Watership Down, Richard Adams
43. The Great Gatsby, F Scott Fitzgerald
44. The Count Of Monte Cristo, Alexandre Dumas
45. Brideshead Revisited, Evelyn Waugh
46. Animal Farm, George Orwell
47. A Christmas Carol, Charles Dickens
48. Far From The Madding Crowd, Thomas Hardy
49. Goodnight Mister Tom, Michelle Magorian
50. The Shell Seekers, Rosamunde Pilcher
51. The Secret Garden, Frances Hodgson Burnett
52. Of Mice And Men, John Steinbeck
53. The Stand, Stephen King
54. Anna Karenina, Leo Tolstoy
55. A Suitable Boy, Vikram Seth
56. The BFG, Roald Dahl
57. Swallows And Amazons, Arthur Ransome
58. Black Beauty, Anna Sewell
59. Artemis Fowl, Eoin Colfer
60. Crime And Punishment, Fyodor Dostoyevsky
61. Noughts And Crosses, Malorie Blackman
62. Memoirs Of A Geisha, Arthur Golden
63. A Tale Of Two Cities, Charles Dickens
64. The Thorn Birds, Colleen McCollough
65. Mort, Terry Pratchett
66. The Magic Faraway Tree, Enid Blyton
67. The Magus, John Fowles
68. Good Omens, Terry Pratchett and Neil Gaiman
69. Guards! Guards!, Terry Pratchett
70. Lord Of The Flies, William Golding
71. Perfume, Patrick Süskind
72. The Ragged Trousered Philanthropists, Robert Tressell
73. Night Watch, Terry Pratchett
74. Matilda, Roald Dahl
75. Bridget Jones’s Diary, Helen Fielding
76. The Secret History, Donna Tartt
77. The Woman In White, Wilkie Collins
78. Ulysses, James Joyce
79. Bleak House, Charles Dickens
80. Double Act, Jacqueline Wilson
81. The Twits, Roald Dahl
82. I Capture The Castle, Dodie Smith
83. Holes, Louis Sachar
84. Gormenghast, Mervyn Peake
85. The God Of Small Things, Arundhati Roy
86. Vicky Angel, Jacqueline Wilson
87. Brave New World, Aldous Huxley
88. Cold Comfort Farm, Stella Gibbons
89. Magician, Raymond E Feist
90. On The Road, Jack Kerouac
91. The Godfather, Mario Puzo
92. The Clan Of The Cave Bear, Jean M Auel
93. The Colour Of Magic, Terry Pratchett
94. The Alchemist, Paulo Coelho
95. Katherine, Anya Seton
96. Kane And Abel, Jeffrey Archer
97. Love In The Time Of Cholera, Gabriel García Márquez
98. Girls In Love, Jacqueline Wilson
99. The Princess Diaries, Meg Cabot
100. Midnight’s Children, Salman Rushdie

Was mir auffällt ist, dass hier keine Titel deutscher Autoren vertreten sind, auch die Franzosen fehlen. Während die Deutschen doch einige Bücher aus fernen Ländern und anderen Sprachen zu lieben scheinen, bleiben die Engländer ihrem Sprachkreis treu. Ob es dafür eine Erklärung gibt?

Wie sieht es bei euch aus? Lest ihr lieber deutsche Autoren oder englische oder kann man das nicht sagen? Wenn ihr fremdsprachige Autoren lest, bevorzugt ihr die Originalsprache oder lest ihr doch lieber die Übersetzung?

Lieblingsbücher

Immer wieder stösst man auf Fragen wie:

Was ist dein Lieblingsbuch? Welches Buch hat dich am meisten berührt, inspiriert im Leben?

Ich kann die Frage nicht beantworten, denn es sind zu viele Bücher, die ich liebe und liebte. Auch gibt es Bücher, die ich zu gewissen Zeiten liebte, später nicht mehr – und auch umgekehrt.

Zeitungen haben Ranglisten der besten Bücher der Woche, des Monats, des Jahres, es gibt einen Literaturkanon mit Büchern, die man gelesen haben muss. Kürzlich stiess im im Netz auf die Liste der 100 liebsten Bücher der Deutschen. Auch wenn ich eigentlich wenig von Listen halte, da ich immer finde, dass Literatur Stimmungs- und Geschmackssache ist, so mag ich diese Listen auch wieder. Sie zeigen, was andere Menschen gerne lesen, geben vielleicht auch den einen oder andern Tipp, was man selber noch lesen könnte – wobei ich dafür keine Anregung bräuchte, meine Liste der noch zu lesenden (oder wieder zu lesenden) Bücher wächst sowieso ins Unermessliche.

Hier die 100 liebsten Bücher der Deutschen:
1. Der Herr der Ringe, JRR Tolkien
2. Die Bibel
3. Die Säulen der Erde, Ken Follett
4. Das Parfüm, Patrick Süskind
5. Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry
6. Buddenbrooks, Thomas Mann
7. Der Medicus, Noah Gordon
8.Der Alchimist, Paulo Coelho
9. Harry Potter und der Stein der Weisen, JK Rowling
10. Die Päpstin, Donna W. Cross
11.Tintenherz, Cornelia Funke
12. Feuer und Stein, Diana Gabaldon
13. Das Geisterhaus, Isabel Allende
14. Der Vorleser, Bernhard Schlink
15. Faust. Der Tragödie erster Teil, Johann Wolfgang von Goethe
16. Der Schatten des Windes, Carlos Ruiz Zafón
17.Stolz und Vorurteil, Jane Austen
18. Der Name der Rose, Umberto Eco
19. Illuminati, Dan Brown
20. Effi Briest, Theodor Fontane
21. Harry Potter und der Orden des Phönix, JK Rowling
22. Der Zauberberg, Thomas Mann
23. Vom Winde verweht, Margaret Mitchell
24. Siddharta, Hermann Hesse
25. Die Entdeckung des Himmels, Harry Mulisch
26. Die unendliche Geschichte, Michael Ende
27. Das verborgene Wort, Ulla Hahn
28. Die Asche meiner Mutter, Frank McCourt
29. Narziss und Goldmund, Hermann Hesse
30. Die Nebel von Avalon, Marion Zimmer Bradley
31. Deutschstunde, Siegfried Lenz
32. Die Glut, Sándor Márai
33. Homo faber, Max Frisch
34. Die Entdeckung der Langsamkeit, Sten Nadolny
35. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Milan Kundera
36. Hundert Jahre Einsamkeit, Gabriel Garcia Márquez
37. Owen Meany, John Irving
38. Sofies Welt, Jostein Gaarder
39. Per Anhalter durch die Galaxis, Douglas Adams
40. Die Wand, Marlen Haushofer
41. Gottes Werk und Teufels Beitrag, John Irving
42. Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel Garcia Márquez
43. Der Stechlin, Theodor Fontane
44. Der Steppenwolf, Hermann Hesse
45. Wer die Nachtigall stört, Harper Lee
46. Joseph und seine Brüder, Thomas Mann
47. Der Laden, Erwin Strittmatter
48. Die Blechtrommel, Günter Grass
49. Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque
50. Der Schwarm, Frank Schätzing
51. Wie ein einziger Tag, Nicholas Sparks
52. Harry Potter und der Gefangene von Askaban, JK Rowling
53. Momo, Michael Ende
54. Jahrestage, Uwe Johnson
55. Traumfänger, Marlo Morgan
56. Der Fänger im Roggen, Jerome David Salinger
57. Sakrileg, Dan Brown
58. Krabat, Otfried Preußler
59. Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgren
60. Wüstenblume, Waris Dirie Will
61. Geh, wohin dein Herz dich trägt, Susanna Tamaro
62. Hannas Töchter, Marianne Fredriksson
63. Mittsommermord, Henning Mankell
64. Die Rückkehr des Tanzlehrers, Henning Mankell
65. Das Hotel New Hampshire, John Irving
66.Krieg und Frieden, Leo N. Tolstoi
67. Das Glasperlenspiel, Hermann Hesse
68. Die Muschelsucher, Rosamunde Pilcher
69. Harry Potter und der Feuerkelch, JK Rowling
70. Tagebuch, Anne Frank
71. Salz auf unserer Haut, Benoîte Groult
72. Jauche und Levkojen , Christine Brückner
73. Die Korrekturen, Jonathan Franzen
74. Die weiße Massai, Corinne Hofmann
75. Was ich liebte, Siri Hustvedt
76. Die dreizehn Leben des Käpt’n Blaubär, Walter Moers
77. Das Lächeln der Fortuna, Rebecca Gablé
78. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Eric-Emmanuel Schmitt
79. Winnetou, Karl May
80. Désirée, Annemarie Selinko
81. Nirgendwo in Afrika, Stefanie Zweig
82. Garp und wie er die Welt sah, John Irving
83. Die Sturmhöhe, Emily Brontë
84. P.S. Ich liebe Dich, Cecilia Ahern
85. 1984, George Orwell
86. Mondscheintarif, Ildiko von Kürthy
87. Paula, Isabel Allende
88. Solange du da bist, Marc Levy
89. Es muss nicht immer Kaviar sein, Johanns Mario Simmel
90. Veronika beschließt zu sterben, Paulo Coelho
91. Der Chronist der Winde, Henning Mankell
92. Der Meister und Margarita, Michail Bulgakow
93. Schachnovelle, Stefan Zweig
94. Tadellöser & Wolff, Walter Kempowski
95. Anna Karenina, Leo N. Tolstoi
96. Schuld und Sühne, Fjodor Dostojewski
97. Der Graf von Monte Christo, Alexandre Dumas
98. Der Puppenspieler, Tanja Kinkel
99. Jane Eyre, Charlotte Brontë
100. Rote Sonne, schwarzes Land, Barbara Wood

Was haltet ihr von dieser Liste? Gibt es Bücher, die in euren Augen dringend noch mit drauf müssten? Oder Bücher, welche ihr ganz schlimm findet und nicht versteht, wieso sie drauf sind?

Ich bin gespannt!

Rezension: Stefan Zweig: Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung

Halt in einer kalten Welt

Jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.

Ein Kunstantiquar reist zu Kriegszeiten aus Berlin in ein kleines Dorf, wo er einen Sammler alter Zeichnungen besucht, um ihm eventuell die eine oder andere abkaufen zu können. Er trifft einen alten Mann, der mittlerweile erblindet ist, dessen grösste Freude im Leben aber immer noch seine Kunstsammlung ist. Wer denkt, dass er diese wegen seiner Blindheit nicht mehr geniessen kann, der irrt, denn: Er kann sie gerade deswegen noch geniessen.

Jakob Mendel ist Buchtrödler mit Leib und Seele. Er kennt alle Bücher mit Namen, Seitenzahlen, Erscheinungsdatum- und Ort und mehr. Er wird mitunter auch „Magier und Makler der Bücher genannt“ und wer ihn sieht, der sieht einen alten Mann, der ganz im Lesen aufgeht – so wie andere Menschen im Beten.

Er las mit einer so rührenden Versunkenheit, dass alles Lesen von anderen Menschen mir seither immer profan erschien.

Von morgens bis abends sitzt Jakob Mendel im Hinterzimmer des Café Gluck in Wien und liest und empfängt die verschiedensten Menschen, die auf ihn hoffen in ihrer Büchersuche – bis er eines Tages von der Polizei abgeholt wird.

Stefan Zweig ist ein Meister der Personenbeschreibungen sowie der Beschreibung von Stimmungen. Dabei nennt er die Dinge nicht einfach profan beim Namen und stösst den Leser drauf, nein, er lässt den Leser die Geschichte erleben, indem er sie ihm plastisch macht in seiner wunderbar blumigen, von Metaphern durchsetzten Sprache. Man taucht ein in neue Welten, sitzt dabei, wenn was geschieht. Die Menschen der Geschichten werden einem vertrauter und man glaubt, sie zu kennen, sie zu erleben.

In diesen beiden Novellen zeichnet Stefan Zweig das Bild von zwei Liebhabern: einer liebt die Kunst, einer die Bücher – und beide tun sie das mit einer Hingabe, die ihresgleichen sucht. Sie finden ihr Glück, sie versinken in ihrem Tun und tauchen so selber in eine Welt ein, die ihnen Zuhause ist, Geborgenheit – selbst (oder gerade) wenn das Leben äusserlich wenig davon spüren lässt.

In einem Nachwort erfährt der Leser mehr über Stefan Zweigs Leben im Exil und seinen selbstgewählten Abschied von dieser Welt.

Begleitet werden die Geschichten durch Illustrationen von Joachim Brandenburg und Florian Arnold. Es ist ihnen auf ihre je eigene Weise gelungen, die Stimmung der Erzählung einzufangen und sie durch eine weitere, bildhafte Ebene zu erweitern. Dass das Buch selber sehr kunst- und liebevoll gestaltet ist, macht dieses Buch zu einer wahren Freude.

Fazit
Feinfühlige Personenbeschreibungen, philosophische Betrachtungen und Sprachschönheit verbunden mit wunderbaren Illustrationen, kunstvollem Layout und hochwertigen Materialien. Ein Fest für alle Sinne. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor und den Illustratoren:
Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien als Sohn des Textilindustriellen Moritz Zweig geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Wien 1891-1899 studierte er Germanistik und Romanistik und wurde mit einer Arbeit über Die Ursprünge des zeitgenössischen Frankreich 1904 in Wien zum Dr. phil. promoviert. Unter dem Einfluß Hofmannsthals schrieb er früh Gedichte (Silberne Saiten, 1901). Seine ersten Novellen (D) erschienen 1904. Weitere Novellenbände (Brennendes Geheimnis, 1911, Amok, 1922, Sternstunden der Menschheit, 1927) folgten und machten ihn weltberühmt wie auch seine großen Biographien (Romain Rolland, 1921, Joseph Fouché, 1929, Maria Stuart, 1935,Magellan, 1938, Balzac, postum 1946). Viele Studien- und Vortragsreisen führten ihn nicht nur in die westeuropäischen Länder, sondern auch nach Indien 1910, Nord- und Mittelamerika 1912, die Sowjetunion 1928 und ab 1935 mehrfach nach Südamerika. 1938 war seine erste Ehe geschieden worden, 1939 heiratete er Lotte Altmann. Er lebte kurze Zeit in New York und siedelte 1941 nach Petropolis (Brasilien) über, wo er am 22. Februar 1942 zusammen mit seiner zweiten Frau den Freitod suchte.

Der 1979 in Günzburg geborene Joachim Brandenberg legte mit seiner Comic-Bearbeitung einer Kurzgeschichte von O. Henry („Tobisch“) eine visuell unverkennbare Visitenkarte seines Könnens als Illustrator vor. Das Buch erschien 2015 im Jaja Verlag, Berlin. Auf dem Comicsalon 2016 wurde „Tobisch“ mit dem ICOM Independent Comic Preis als „Bester Independent Comic 2015“ ausgezeichnet und für den „Max und Moritz Preis“ nominiert.

Florian L. Arnold wird 1977 in Ulm/Do. geboren und hat Kunstwissenschaften studiert.
Der Nachtarbeiter mit österreichischen Wurzeln arbeitet als freier Zeichner, Schriftsteller und Sprecher. Nach den satirisch-sprachspielerischen Publikationen „A biß Z! Handwörterbuch zur Beseitigung der modernen Ratlosigkeit“ (2012) und „Würstelessen mit Aliens“ (2013) erschien im Frühjahr 2015 die Novelle „Ein ungeheuerlicher Satz“ im Mirabilis Verlag. Das Buch wurde 2015 vom Kuratorium der Hotlist unter die besten 30 Bücher aus unabhängigen Verlagen gewählt.
Seit 2016 ist Florian L. Arnold zudem Mitbegründer des Literaturverlags „Topalian & Milani“.Florian L. Arnold lebt in Ulm und Leipzig.

Angaben zum Buch:
zweigbuchmendelGebundene Ausgabe: 152 Seiten
Verlag: Topalian & Milani Verlag (20. September 2016)
ISBN: 978-3946423058
Preis: EUR: 23 ; CHF 31.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE

Rezension: Rüdiger Görner: Hölderlin und die Folgen

Zwischen Wahnsinn und grosser Poesie

Seine Dichtung sanktioniert nichts, was wir heute tun. Was sie „stiftet“ ist die Anforderung, sich mit einer unerhörten Sprache auseinanderzusetzen, sprich: mit dem, was im Deutschen an poetischer Unerhörtheit möglich ist.

Hölderlin interessierte sich für die griechische Kultur, allen voran Sophokles und Pindar – letzteren übersetzte er auch. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich in frühen Jahren als Hauslehrer, wo er seine grosse Liebe, die Frau seines Auftraggebers kennenlernte und sie zu Diotima machte in seinem Roman, er selber war Hyperion. Eine Zerreissprobe von Altem und Neuem, Antike und Moderne treffen aufeinander und Hölderlin hält die Fäden.

Zerrissenheit könnte man denn auch als Leitthema seines Lebens sehen. Die stete Sehnsucht, wegzugehen, abzubrechen im Kampf mit der Suche nach und der Verklärung der Heimat, das Fremde und das Eigene – in sich und in anderen, das Sein und das Werden..

Hölderlin liebte die Sprache. Wie kaum ein anderer vermied er alles Nichtssagene, alles Belanglose. Er suchte nach Werten in den Worten, durchleuchtete Metaphern und setze sie so ein, dass sich aus ihnen ein tieferer Sinn ergab.

Diese Gedichte sind keine Wegbegleiter, sondern ein schwindelerregender Gratwandel für jeden Leser.

Zu Hölderlins Lebzeiten wurde nur ein Teil seines Werks veröffentlicht, vor allem sein Spätwerk erschien erst posthum, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diesem Umstand ist wohl auch die bis heute nicht eindeutige Auslegung seines Werkes geschuldet, das nicht einheitlich festgelegt ist, sondern aus zahlreichen Texten besteht, die noch ihre Einordnung suchen.

Rüdiger Görner gelingt es im vorliegenden Buch, die Themen Hölderlins, dessen Sprache und auch Inhalte darzulegen. Er referiert die verschiedenen Ansätze der Rezeption u verschiedenen Zeiten, verweist auf die grossen Werke verschiedener Biographen, Philosophen und Literaturwissenschaftler ebenso wie er Hölderlin selber sprechen lässt durch dessen Texte. So arbeitet er sich quasi auf den Wortspuren durch Hölderlins Denken und Dichten und führt den interessierten Leser in dieses ein. Dank der wirklich fundierten Darlegung der relevanten Sekundärliteratur steht einem noch tieferen Eintauchen ins sprachlich wie auch inhaltlich grosse Werk Hölderlins nichts im Weg.

Lobenswert ist zu erwähnen, dass es Rüdiger Görner gelingt, all das in einer gut lesbaren Sprache zu vermitteln – eine wunderbare Ausnahme im sonst sprachlich eher abgehobenen literaturwissenschaftlichen Schreiben.

Fazit:
Eine kompetente, informative und weiterführende Lektüre zum Schaffen Hölderins und dessen Rezeption. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Rüdiger Görner
Rüdiger Görner lehrt als Professor für Neuere deutsche und vergleichende Literatur an der Queen Mary University of London. Er ist außerdem Schriftsteller und Kritiker und Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie Träger des Deutschen Sprachpreises (2012) und des Reimar Lüst-Preises der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Angaben zum Buch:
gornerhoelderlin_und_die_folgenGebundene Ausgabe: 157 Seiten
Verlag: J. B. Metzler (8. September 2016)
ISBN-Nr.: 978-3476026514
Preis: EUR 16.95 / CHF 19.90

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In derselben Reihe erschienen sind:

schiller_und_die_folgenHelmut Koppmann: Schiller und die Folgen

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heine_und_die_folgenJoseph A. Kruse: Heine und die Folgen

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Rezension: Susan Sontag – Tagebücher 1964 – 1980

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

Gefühl mangelnder Einheit der Persönlichkeit. Meine verschiedenen Ichs – Frau, Mutter, Lehrerin, Geliebte, etc. – wie fügen sie sich zusammen?

David Rieff , der Sohn von Susan Sontag, leitet die Tagebücher mit persönlichen Worten über seine sensible, oft melancholische, nachdenkliche Mutter ein. Er verweist auf die Widersprüche in ihrem Denken, ihre Natur als lebenslang Lernende. Liest man die Tagebücher, zeigt sich eine Frau, die kein Glück in der Liebe hat, die über die gescheiterten Beziehungen nachdenkt, sich hinterfragt, die anderen hinterfragt. Die Erfüllung ihres Lebens ist ihr das Schreiben. In ihm findet sie sich, erkennt sie sich, kann sie ihr Denken strukturieren.

[…]die Tatsache, dass sie kein Glück in der Liebe erlebte, [ist] meines Erachtens genauso sehr Teil ihrer Persönlichkeit wie die tiefe Erfüllung, die sie im Schreiben fand, un die Leidenschaft, mit der sie, wenn sie gerade nicht schrieb, ihr Leben als ewig Lernende anging, als eine Art ideale Leserin bedeutender Literatur, ideale Liebhaberin bedeutender Kunst, ideale Betrachterin beziehungsweise Hörerin bedeutender Theaterstücke, Filme, Musik.

Susan Sontag ist sehr ambivalent in ihrem Denken. Einerseits sieht sie sich anderen an Intelligenz überlegen, andererseits genügt sie oft ihren eigenen Ansprüchen nicht. In ihrem Tagebuch betreibt sie nicht nur Selbstanalyse und analysiert ihre Lieben, sie schreibt über Bücher, die sie las, Filme, die sie sah, Theater, die sie besuchte. Sie macht Listen von Wörtern, um ihren Wortschatz zu erweitern, hält Ideen für neue Texte fest, lässt Gespräche, die sie geführt hat, nochmals Revue passieren.

David Rieff nennt das vorliegende Buch einen

 Roman der tatkräftigen, erfolgreichen Erwachsenen.

Er folgt chronologisch auf den Band Wiedergeboren, in welchem sich die junge Susan Sontag

ganz bewusst damit beschäftigt, sich selbst als die Person, die sie sein wollte, zu erschaffen oder vielmehr neu zu erschaffen, eine Person fernab der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke ist das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft von sich und dem Leben enttäuschten, es aber immer wieder hinterfragenden und anpackenden Frau. Stets erfindet sie sich neu in der Überzeugung, dass man das, was man sein will, sein kann, weil man selber das Produkt der eigenen Vorstellung ist. Eine Frau, die Kunst und Kultur liebt, die Grossen verehrt, selber bedeutend sein und neben ihren Idolen stehen will, sich aber doch oft nur als ihre Schülerin glauben kann, ihnen untergeordnet. Sie schwankt zwischen dem Gefühl eigener Grösse und der Frustration, nicht gross genug zu sein, meidet Gesellschaft und fürchtet doch die Einsamkeit. Eine Frau voller Widersprüche: spannend, einnehmend, inspirierend.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefes, persönliches, menschliches Buch von einer grossartigen Frau und klaren Denkerin. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Susan Sontag
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, war Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin. Sie erhielt u.a. den Jerusalem Book Prize 2001, den National Book Award und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt Das Leiden anderer betrachten (2003), Worauf es ankommt (2005), Zur gleichen Zeit (Aufsätze und Reden, 2008), Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963 (2010) und Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964-1980 (2013). Susan Sontag starb 2004 in New York. Über ihr letztes Lebensjahr berichtet ihr Sohn David Rieff in Tod einer Untröstlichen (Hanser, 2009).

Angaben zum Buch:
SontagSchreibenTaschenbuch: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. September 2013)
Übersetzung: Kathrin Razum
ISBN: 978-3446243408
Preis: EUR 27.90/ CHF 39.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Harry Mulisch – Zwei Frauen

Wenn der Tod das Leben in Erinnerung bringt

Vor drei Monaten hatte ich sie zum letztenmal gesehen, ohne Abschied voneinander zu nehmen, waren wir auseinandergegangen. Was sich damals zugetragen hat, muss der Beginn ihres Todes gewesen sein, der nun gekommen war, als wollte er dies besiegeln.

Laura will nach einem langen Tag und einer Flasche Wein ins Bett, als ein Anruf ihr den Tod ihrer Mutter verkündet. Sofort setzt sie sich ins Auto und macht sich auf den Weg nach Nizza, wo ihre Mutter lebte – und nun gestorben war. Auf der langen Fahrt lässt sie ihr Leben Revue passieren, denkt an ihre Kindheit, an ihre Ehe, vor allem aber an ihre Beziehung zu Sylvia. Es ist eine Beziehung, die Emotionen auslöst, Laura in ein inneres Chaos von Schuldgefühlen, Sehnsüchten, innerer Freiheit und Leidenschaft stürzt.

Zwei Frauen ist ein Roman über Kunst, über das Leben und das Spiel. Wo hört das Leben auf, wo fängt das Spiel an? Spielen wir alle Rollen und wann sind wir echt?

[…] ich glaube, jeder Mensch hat eigentlich das Gefühl, dass er nicht dazugehört, zum Leben anderer Menschen. Dass er irgendwie etwas anders ist, ein Gast, und er gibt sich alle nur erdenkliche Mühe, um dafür zu sorgen, dass die anderen es nicht merken.

Es ist ein Roman über die Liebe, über Beziehungen und die Menschen, die sie eingehen. Über allem schwebt immer der Tod, der Abschied. Vielleicht steht eine Kindheitserinnerung Lauras genau dafür:

Weg wollte ich, weg. Aber wann kam ich endlich dort an? Ja, ich glaube, dass ich damals irgendwie dachte, in „Weg“ könnte man ankommen.

Harry Mulisch erzählt die Liebe zweier Frauen in der Ich-Perspektive aus der Sicht Lauras. Laura erlebt, analysiert, erzählt. Sylvia ist dabei immer in dritter Person vorhanden, sie ist das Objekt der Erzählung und der Analyse, vordergründig ohne eigene Initiative. Wenn immer sie in der Geschichte doch die Initiative übernimmt, bricht Chaos aus, zerbricht etwas – und Laura wird in das Ganze hineingeworfen. Sie wird quasi das Objekt ihrer eigenen Erzählung.

Zwei Frauen ist ein tiefgründiger Roman, der auf wenigen Seiten ganze Lebenswelten entwirft. Es ist ein philosophischer Roman, ein psychologischer Roman, der trotzdem nie psychologisierend wirkt, sondern lebensnah bleibt.

Fazit:
Ein tiefgründiger, lebensnaher, zum Denken anregender und einnehmender Roman, erzählt in einer lesbaren Sprache. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Harry Mulisch
Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem (NL) als Sohn einer deutschen Jüdin und eines ehemaligen österreichischen Offiziers geboren. 1945 verliess er ohne Abschluss die Schule, 1947 wurde seine erste Kurzgeschichte veröffentlicht. Es folgten Romane, Erzählungen, Gedichte, Dramen, philosophische Bücher und Manifeste. 1961 war Mulisch Beobachter des Eichmann-Prozesses in Jerusalem (Strafsache 40/61). Der internationale Durchbruch gelang ihm mit dem Roman Das Attentat, welcher auch verfilmt wurde.

Angaben zum Buch:
MulischZweiFrauenTaschenbuch: 192 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Dezember 2000)
Übersetzung: Siegfried Mrotzek
ISBN: 978-3499226595
Preis: EUR 7.95/ CHF 11.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Heimo Schwilk – Rilke und die Frauen. Biografie eines Liebenden

Rilke – auf der ständigen Suche nach der Mutter?

Rilke, bekannt für seine wunderbaren und tiefgründigen Gedichte, wurde in seinem Leben und Dichten hauptsächlich von Frauen beeinflusst. Frauen säumen sein Leben, darunter Namen wie Lou Andreas-Salomé, Clara Westhoff, Marie von Thurn und Taxis und viele mehr. Angefangen hat aber alles mit Sophia Rilke – quasi das ganze Übel nahm da seinen Lauf. Eine zu enge Beziehung sei es gewesen, die den kleinen Rilke und später auch den jungen Mann gefangen hielt, prägte bis in die tiefsten Tiefen.

Der Schlüssel zu Rilkes beziehung zum weiblichen Geschlecht ist sein Verhältnis zur Mutter.

Er hätte sich drum nie ganz auf eine andere Frau einlassen können, hätte wenn, dann eher mütterliche Typen gesucht um die Distanz zur Mutter zu überbrücken, nachdem er von ihr weggegangen war.

Rilke sehnt sich lebenslang nach der innigen Liebe, die er als Kind gegenüber seiner Mutter empfand. […] Der junge Dichter suchte eine Ersatzmutter, die nicht einreisst, sondern aufbauen hilft; der er nicht Lebensmut zusprechen muss, sondern zu der er aufschauen darf, um zu lernen und zu wachsen.

Oder:

Rilke liebte die Frauen wie ein Sohn die eigene Mutter. Deshalb erschrak er, wenn es in der Liebe zum Letzten kommen sollte. Er floh vor dem Feuer der Leidenschaft, das seine Briefe und Gedichte entfacht hatten.

Er hätte Frauen mehr dafür benützt, sie in seine Gedichte zu verstricken, denn in sein Leben. Der problemhafte Umgang mit Frauen führe im Grunde darauf zurück, dass Rilke eigentlich selber lieber ein Mädchen wäre. Dies die These von Heimo Schwilk. Und über allem schwebte immer Rilkes Hässlichkeit, die der Autor der vorliegenden Biographie nicht müde wird, zu betonen. Einige Zeugnisse:

Rilke war kein schöner Mann, erst in seinen späteren Lebensjahren gewannen seine weichen, mit den wulstigen Lippen und dem fliehenden Kinn irgendwie auch karikaturhaften Züge einen Anflug reifer Männlichkeit.

[…] dieser blasse Bursche […]

[…] dieser scheue, zur Hingabe bereite, feminin wirkende junge Mann mit dem ungesunden Teint und den suggestiven Augen […]

Zwar habe er ‚seelenvolle Augen’, aber einen dünnen Hals, schmale Schultern und keinen Hinterkopf (zitiert aus Lou Andreas-Salomés Tagebuch)

Rilke mag von unscheinbarem Äusseren gewesen sein und auch kein Adonis, allerdings entbehrt das Buch jeglicher Notwendigkeit, dies so herauszustreichen.

Das Buch verschafft in der Tat einen Überblick über die wichtigen Frauen in Rilkes Leben (es ist nicht vollständig, aber das ist wohl ein Anspruch, der nicht erfüllt werden wollte). Eine wichtige Quelle für dieses Werk waren die vielen Briefe, die Rilke geschrieben hat und die ein gutes Zeugnis abgeben. Das hebt diese Biografien von vielen der grossen Rilke-Biografien ab, die noch vor Erscheinen der zweibändigen, sorgfältig kommentierten Edition seiner Briefwechsel erschienen sind. Schwilke verweist auch immer wieder auf das Werk des Dichters, stellt Bezüge zwischen seinen Frauengeschichten und diesem her, bleibt dabei aber eher blutleer und vor allem immer lieblos. Insgesamt wirkt alles wie zusammengesucht, in eine Reihe gepackt und hingeschrieben. Der Geist des Werkes und des Dichters springt mich aus diesem Buch nicht an.

Fazit:
Solide Biografie mit dem Fokus auf Rilkes Beziehung zu Frauen. Fundiert recherchiert, zeugt von Sachkenntnis des Autors, wirkt aber trotz einiger interessanter Aspekte etwas uninspiriert und lieblos.

Zum Autor
Heimo Schwilk
Heimo Schwilk, geboren 1952 in Stuttgart, Dr. phil., ist Autor zahlreicher Bücher über Politik und Literatur. Seine großen Biografien über Ernst Jünger und Hermann Hesse wurden im In- und Ausland hoch gelobt. Er war lange Jahre Leitender Redakteur der Welt am Sonntag und lebt in Berlin. 1991 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragenden Journalismus ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Schwilkrilke_und_die_frauenGebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056373
Preis: EUR 22.99 / CHF 31.90

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Rezension: W. Somerset Maugham – Silbermond und Kupfermünze

Von einem, der auszog, Künstler zu sein

Charles Stricklands Grösse war echt. Mag sein, dass man seine Kunst nicht schätzt, aber man wird ihr auf alle Fälle Interesse entgegenbringen. Er beunruhigt und nimmt gefangen. Die Zeit, da er ein Gegenstand des Gelächters war, ist vorbei.

Charles Strickland, erfolgreicher Börsenmakler in London, lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in London. Von einem Tag auf den anderen bricht er aus diesem Leben aus und hinterlässt seine Familie mit nichts ausser offenen Fragen. Der erste Verdacht, er sei mit einer anderen Frau ausgebrochen, verfliegen bald und die Wahrheit kommt ans Licht: Strickland ging nach Paris, um Künstler zu sein. In einer schäbigen Absteige malt er einsam, Menschen sind ihm eher lästig. Fast jeder, der seine Bilder sieht, erkennt kaum etwas weniger als Talent. Trotzdem hält Strickland daran fest, Künstler sein zu wollen.

Strickland ist ein Egoist, schaut nur für sich, stösst andere Menschen vor den Kopf, nutzt sie aus, lacht über sie. Er sieht die Welt und die Menschen mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen. Trotzdem trifft er immer wieder auf Menschen, die ihm über die Runden helfen, so dass er sich irgendwie durchschlägt.

Seine Fehler gelten als notwendige Ergänzung seiner Verdienste. Es ist noch möglich, über seinen Platz in der Kunst zu streiten, und die Lobhudelei seiner Bewunderer ist vielleicht genauso unbeständig wie die Verachtung seiner Gegner; aber eines steht ausser Zweifel: er besass Genie.

Somerset Maugham erzählt diesen Künstlerroman, der dem Leben Paul Gauguins nachempfunden ist, aus der Sicht eines Schriftstellers, welcher Strickland über dessen Frau kennengelernt hat und seinen Lebensweg immer wieder kreuzt über die Jahre. Im Gegensatz zum wortkargen Strickland verwendet der Erzähler eine Sprache, welche das Leben und die Umstände des eigenwilligen Malers quasi in Worten malt. Er sieht dessen Grausamkeit, sieht dessen Menschenfeindlichkeit, schwankt aber doch zwischen Abneigung und Anziehung.

Mich interessiert in er Kunst am meisten die Persönlichkeit des Künstlers, und wenn diese einzigartig ist, bin ich gewillt, tausend Fehler zu verzeihen..

Silbermond und Kupfermünze ist ein grossartiger Roman über das Leben eines Künstlers. In einer wunderbaren Sprache, die den Inhalt aufnimmt durch ihre malerischen Beschreibung, wird einerseits eine Lebensgeschichte erzählt und andererseits den grossen Fragen des Lebens nachgegangen: Was ist ein gutes Leben? Wie lebt man es richtig? Was fordert das Künstlerleben und was bedeutet Liebe?

Somerset Maugham entführt den Leser in die Zeit um die Jahrhundertwende, lässt ihn teilhaben am Leben eines Künstlers, der zu Lebzeiten verkannt wurde und erst posthum zu Ruhm gekommen ist. Es ist ihm gelungen, ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Maugham entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Somerset Maugham
Somerset Maugham, geboren 1874, war früh von der Literatur angezogen. Er studierte zunächst Medizin, übte den Arztberuf aber nicht aus. Nach anfänglichen Misserfolgen gelangte er als Bühnenautor bald zu großem Ruhm. Seine literarische Bekanntheit erreichte er jedoch als Romancier und Geschichtenerzähler. Zeitweise war er als britischer Geheimagent tätig. Er bereiste zahlreiche Länder, vor allem im Fernen Osten, dem Schauplatz vieler seiner Erzählungen, und starb 1965 in Cap Ferrat an der französischen Riviera.

Angaben zum Buch:
Maughamsilbermond_und_kupfermuenzeTaschenbuch:224 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (18. Dezember 2012)
ISBN-Nr.: 978-3257200874
Preis: EUR 10.90 / CHF 15.90

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Franz Kafka: Die Verwandlung

Keiner steht für sich allein

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Gregor Samsa, Handelsreisender, der mit seinem Gehalt die Familie ernährt, wacht eines Morgens auf und ist ein Käfer. Durch diese Verwandlung verpasst er seinen Zug zur nächsten Geschäftsreise, was den Prokuristen der Firma aus Tapet bringt. Die Familie ist in heller Aufregung ob der ungeheuerlichen Sache. Der vormals träge Vater muss wieder selber in die Stiefel steigen, die verhätschelte Schwester wird fürsorglich und wird erwachsen. Irrungen der Vergangenheit kommen ans Licht, Wandlungen passieren bei allen Figuren, der zum Käfer mutierte Bruder, der vormals die Familie über Wasser hielt, wird langsam aber sicher zur Plage.

Ich will vor diesem Untier nicht den Namen meines Bruders aussprechen, und sage daher bloss: wir müssen versuchen, es loszuwerden.

Die – wie auch immer verursachte – Verwandlung Gregor Samsa führt einerseits zu Wandlungen in seinem ganzen Umfeld und legt andererseits verborgene Mechanismen des vormaligen Zusammenlebens offen. Wie meist in Kafkas Werk sind auch in diesem die autobiographischen Züge offensichtlich. Der Vater-Sohn-Konflikt ist überdeutlich, die Verwandlung in ein Ungeziefer weist eine Verbindung zur Passage in Kafkas Brief an den Vater (der nie abgeschickt wurde) auf:

Ohne ihn zu kennen, verglichst du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand.

Kafkas Roman Die Verwandlung mag schon vor Jahren geschrieben worden sein, die Thematik ist aktuell. Der Roman handelt von Familien und den in ihnen gelebten Rollen. Er zeigt auf, dass die Verwandlung eines Teils einer Familie Auswirkungen auf die ganze Familie hat, er spricht Generationenkonflikte an und thematisiert gewählte Lebenswege und deren Motive.

 

Fazit:
Kafka at his best. Lebensnah und packend liefert er jedem Leser, was er sucht: Leichter Lesespass für zwischendurch, tiefgründige Wahrheiten, wenn man sie sehen will.

 

Zum Autor
Franz Kafka
Franz Kafkas Biographie lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: Er wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren, wo er nach fast einundvierzig Jahren auch begraben wird. Kafka bewegt sich in seinem ganzen Leben sowohl lokal wie auch in Bezug auf Menschen in kleinen Kreisen, kommt kaum je aus seinem Wohnkreis heraus. Mehr zu Franz Kafka findet sich hier.

 

Rezension: Lucie Flebbe – Tödlicher Kick

Puff um einen Kicker

Die Spannung im Stadion steigt, Bochum steht kurz vor dem Aufstieg in die nächste Liga, doch der alles entscheidende Kick des Nachwuchsfussballers Oran Mongabadhi geht daneben. Am nächsten Morgen ist dieser tot, niedergestreckt durch einen Schuss in den Hinterkopf. Die Polizei ermittelt gegen Mongabadhis Freundin, eine Prostituierte mit Lockenkopf, welche kurz nach der Tat blutverschmiert vor der Haustür des Ermittlerduos Lila und Danner steht.

„Ich muss Sie beauftragen“, sagte Curly-Mo ohne Nachnamen. „Ich habe auch Geld“, fügte sie rasch hinzu, als sie meine noch immer gerunzelte Stirn bemerkte. […] „Ich sitze echt in der Scheisse“, gestand Curly […]

Die Suche nach dem wahren Täter gestaltet sich schwierig, da die Verdächtigen zunehmen, die Situationen zunehmend brenzliger werden, Streitereien zwischen Lila und Danner noch erschwerend dazu kommen. Nach einem besonders heftigen Streit nimmt Lila die Nachforschungen in die eigenen Hände und begibt sich dabei in Gefahr. Nicht nur die Aufklärung des Falls, sondern auch ihr Leben steht plötzlich auf dem Spiel.

Tödlicher Kick ist ein solide gestrickter Krimi, der kriminalistische Aufklärungsarbeit mit Beziehungsproblemen, Vergangenheitsbewältigung der Protagonisten und aktuellen Themen wie Homosexualität im Fussball und Prostitution und Frauenhandel zu einem unterhaltsamen Ganzen verwebt.

Man dachte schon nach Das fünfte Foto, dass Lila ihre Vergangenheit aufgearbeitet hätte und nun froh in die Zukunft ginge, allerdings scheint ihre Vergangenheit Stoff für mehrere Bewältigungsschübe zu liefern, so dass sie auch in diesem Buch wieder eines der zentralen Hintergrundthemen ist. Dass Danner ebenfalls mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, macht das Miteinander des Ermittlerteams umso schwerer und die Beziehungsthematik nimmt einen vergleichsweise grossen Stellenwert in der ganzen Geschichte ein. Nichtsdestotrotz ist Lucie Flebbe auch mit Tödlicher Kick ein flüssig zu lesender, unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen. Krimifreunde werden bei dem Buch auf ihre Kosten kommen.

Fazit:
Ein solide gestrickter Krimi, unterhaltsame und spannende Lektüre. Empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Lucie Flebbe
Lucie Flebbe wurde 1977 in Hameln geboren. Bereits mit 14 Jahren verfasste sie ihren ersten belletristischen Text, Die Geschichte eines Rennpferdes, welchen sie in einem spanischen Verlag veröffentlichen konnte. Lucie Flebbe ist Physiotherapeutin und lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Bad Pyrmont. Mit ihrem Krimidebüt Der 13. Brief wurde sie mit dem Friedrich-Glauser-Preis als beste Newcomerin ausgezeichnet. Von ihr erschienen sind bislang unter anderem Der 13. Brief (2008), Hämatom (2010), Fliege machen (2011), 77 Tage (2012), Das fünfte Foto (2013).

Ein Interview mit der Autorin findet sich hier.

Angaben zum Buch:
FlebbeKickTaschenbuch: 285 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (11. März 2014)
ISBN: 978-3894254353
Preis: EUR 10.99/ CHF 17.90

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Arthur Schnitzler: Später Ruhm

Von Talenten und Höhenflügen

Als Eduard Saxberger, langgedienter Beamter, eines Tages nach Hause kommt, erwartet ihn schon ein junger Mann. Dichter sei er und Bewunderer seiner „Wanderungen“, meint Wolfgang Meier. Damit nicht genug, eine ganze Gruppe junger Schriftsteller seien sie und alle bewundern sie Saxbergers Gedichtband, welchen derselbe als längst vergessen geglaubt hat, genauso wie er sein Dichtertum an den Nagel gehängt hat, um Beamter zu sein. Was ihm all die Jahre nie beschwerlich erschien, stellt er nun in Frage.

Das ganze arme Leben, das er geführt, zog an ihm vorüber. Noch nie hatte er so tief empfunden, dass er ein alter Mann war, dass nicht nur die Hoffnungen, sondern auch schon die Enttäuschungen wir hinter ihm lagen. Ein dumpfes Weh stieg in ihm auf. Er legte das Buch weg, er konnte nicht weiterlesen. Er spürte, dass er schon lange auf sich selbst vergessen hatte.

Saxberger lässt sich auf die jungen Menschen ein, die alle hochstrebend sind, an ihr Talent, ihren späteren Erfolg glauben und sich damit wichtig tun. Dass ihnen Ruhm gebührt, die anderen die Talentlosen sind, scheint sonnenklar.

Anfangs genügt uns die eigene Freude am Schaffen und die Teilnahme der wenigen, die uns verstehen. Aber endlich, wenn man sieht, was alles neben einem aufkommt, Namen und selbst Berühmtheit erringt – möchte man doch auch gehört und gewürdigt werden. […] Der Neid der Talentlosen, die Leichtfertigkeit und Böswilligkeit der Rezensenten und dann die entsetzliche Teilnahmslosigkeit der Menge.

Der alte Mann, der sein eigenes Dichten längst der Vergangenheit überlassen hatte, sieht sich neu beflügelt durch die Bewunderung der jungen Dichter und lässt sich mehr und mehr vom Sog des Künstlertums zurückerobern.

Er fühlte sich nach wenigen Tagen schon unter den jungen Leuten so zu Hause, als wenn er monatelang mit ihnen verkehrt hätte. ja, sie hatten recht – er gehörte zu ihnen; er verstand alles, was sie sagten und auch er stand eigentlich der Welt gegenüber noch auf demselben Platz wie sie: Er hatte geschaffen und er suchte die Anerkennung, die ihm bisher versagt geblieben.

Später Ruhm ist ein frühes Werk Schnitzlers, das zu dessen Lebzeiten nie veröffentlicht wurde. Bis zu seinen grossen Erfolgen sollte noch viel Zeit verstreichen. Der Aufruhr war gross, als es hiess, man hätte das lange verschollene Werk aufgefunden und es stünde nun dessen Erstpublikation an. In Tat und Wahrheit wurde eine Skizze davon bereits 1977 veröffentlicht (Reinhard Urbachs Nachlassband Entworfenes und Verworfenes) und mit einem Hinweis auf die noch unveröffentlichte Geschichte versehen. So oder so liegt die Veröffentlichung in dieser Form zum ersten Mal vor und darf durchaus als Fundstück Begeisterung erwecken, wenn auch die literarische Qualität eines späteren Schnitzlers bei weitem nicht würdig ist.

Die Geschichte beschäftigt sich mit den Konflikt Bürgertum und Künstlertum, einer Thematik, die dazumal viele Schriftsteller beschäftigte, Schnitzler insbesondere, der mit seinem Arztberuf haderte, den er nur seines Vaters wegen aufgenommen hatte, wollte er doch immer lieber Schriftsteller sein. Allein, von der Schriftstellerei konnte er nicht leben, was sich zeitlebens nicht wirklich besserte.

Dem Stück fehlt das Tempo, der Schreibstil ist schwülstig, anfänglich wird viel zu bemüht Geheimniskrämerei betrieben. Das Buch ist durchdrungen von autobiographisch erscheinenden Zwiespälten Schnitzlers, was als Einblick in die Psyche desselben durchaus spannend ist, als literarisches Werk etwas spannungslos erscheint. Der spätere Schnitzler ist aber durchaus schon erkennbar, allerdings fehlt diesem Frühwerk noch die Brillanz des Spiegels, den er der Gesellschaft vorhält, es fehlt die tiefgründige Entlarvung falscher Moral, welche in den späteren Werken Schnitzlers grosses Talent war.

In einem Brief schrieb Sigmund Freud an Schnitzler, dass dieser von Natur beherrsche, was er (Freud) sich hätte mühevoll erarbeiten müssen: Die Offenlegung der menschlichen Befindlichkeiten, der inneren Kämpfe, das Durchschauen der Mechanismen des menschlichen Tuns und Denkens. All das zeigt sich schon in diesem Frühwerk. Des Weiteren besticht es durch die ironische Darstellung des überheblichen Künstlerjargons:

„Talentlos“, war Meiner in seiner ruhigen Weise ein, „nennen wir im Allgemeinen diejenigen, welche an einem anderen Tisch sitzen als wir.“

Später Ruhm ist kein Meisterwerk Schnitzlers, dass er es nicht veröffentlicht hat, verwundert nicht. Trotzdem ist es lesenswert, ist es ein Zeugnis der Entwicklung von Schnitzlers Schreiben, zeigt es die Anlagen, die er in den späteren Werken voll ausschöpfte und es damit zu recht zu (späterem) Ruhm brachte.

Fazit:
Ein Frühwerk, das als solches wenig meisterlich, aber durchaus interessant zu lesen ist. Für einen Schnitzlerfan ein Muss, für einen, der Schnitzler kennenlernen will eher auf später zu verschieben, wenn er durch die grossen Werke angeschnitzlert ist. Schön, ist es nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht!

 

Zum Autor
Arthur Schnitzler
Arthur Schnitzler wird am 15. Mai 1862 in Wien geboren, besucht da das Gymnasium und studiert anschliessend Medizin. Er arbeitet erst als Assistenzarzt und in Kliniken, später eröffnet er eine eigene Praxis. Schon da ist er der Literatur zugewandt. Sein Leben war bewegt, viele Frauen säumten seinen Weg. Schrieb er anfänglich hauptsächlich Dramen, wandte er sich später mehr Erzählungen zu. Allen gemeinsam war sein Blick auf die Innenperspektive der Menschen, die psychologische Sicht auf ihr Leben. Schnitzler starb am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung. Von ihm erschienen sind unter anderem Der Reigen, Fräulein Else, Das weite Land, ThereseAnatol.

Angaben zum Buch:
SchnitzlerRuhmGebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Paul Zsolnay Verlag (17. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3552056930
Preis: EUR  17.90 / CHF 28.90

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Iwan Turgenjew: Frühlingsfluten

Im Sommer 1840 reist Sanin, ein junger russischer Gutsbesitzer durch Europa, um das Leben noch zu geniessen, bevor er in Russland in den Staatsdienst eintritt. Am letzten Ort seiner Reise, in Frankfurt, kurz vor seiner Rückreise nach Russland, für die er gerade noch so viel Geld hat, wie er eben braucht, trifft er Gemma. Die junge Konditorstochter ist das wohl Schönste, was er je gesehen hat.

Er sass seitwärts, etwas hinter ihr, und dachte bei sich, dass keine Palme, selbst nicht in den Gedichten Benediktows, der damals Mode war – es mit der Schönheit ihres schlanken Wuchses aufnehmen könne; und wenn sie bei gefühlvollen Stellen den Blick erhob, so schien es ihm, als gäbe es keinen Himmel, der sich vor diesem Blick nicht öffnen müsste.

Sanin ist hin und weg, was dem Leser mehr aufzufallen scheint als ihm selber. Dass er erfahren muss, dass die schöne Angebetete bereits einem anderen versprochen ist, betrifft ihn zwar, stürzt ihn jedoch nicht ins Elend.

Auf einem Ausflug, den die jungen Leute, Gemma, deren Bruder, ihr Bräutigam und Sanin, gemeinsam machen, wird Gemma von einem Offizier ungebührlich angesprochen, worauf Sanin ihre Ehre verteidigt – was deren Bräutigam sträflich vernachlässigt (wie so vieles mehr, was sich für einen aufmerksamen und zugewandten Bräutigam gehörte) –, worauf sich Sanin mit einem Duell konfrontiert sieht und der Bräutigam mit der Entlobung. Es kommt, wie es kommen muss, Gemma und Sanin finden zusammen, der Liebesbeschreibungen sind die wohl schönsten zu lesen, die man sich nur vorstellen kann.

…was ich Ihnen jetzt sagen muss – das ist: Ich liebe Sie! Ich liebe Sie mit der ganzen Leidenschaft eines Herzens, das zum ersten Mal liebt! Dieses Feuer hat sich plötzlich in mir entzündet, aber mit einer solchen Macht, dass ich keine Worte dafür finde!

Man ist geneigt zu sagen, dass er sie zum Glück hier doch gefunden hat.

Dass man als mittelloser Russe nicht einfach eine ebenfalls nicht auf Rosen gebettete Konditorstochter heiraten kann, die gerade einen vermögenden Kaufmann in den Wind geschlagen hat, versteht sich von selber. Hilfe naht in Form einer schönen, reichen Frau, die Sanins Gut abkaufen und ihm damit das nötige Geld verschaffen will. Allerdings ist dieses Ansinnen nicht ganz uneigennützig. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, sie ist zum Glück nicht ganz so tragisch, wie sie romantisch war, überleben immerhin alle. Nur wie, das ist die Frage, die hier nicht beantwortet wird.

Turgenjew zieht alle Register des Gefühls, der Beschreibung der Liebe, er legt die Hintergründe der Charaktere, deren Beweggründe ihres Handelns, Fühlens, Denkens offen. Frühlingsfluten ist pure Poesie in Novellenform.

 

Fazit:
Wunderschöne Literatur, poetisch, blumig, wunderbar zu lesen – Genuss pur und absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Iwan Turgenjew
Iwan S. Turgenjew, geb. 1818 in Orel, gest. 1883 in Bougival bei Paris gestorben, stammt aus altem Adelsgeschlecht. Nach dem Studium der Literatur und der Philosophie in Moskau, St. Petersburg und Berlin war er für zwei Jahre im Staatsdienst tätig. Danach lebte er als freier Schriftsteller und verfasste Erzählungen, Lyrik, Dramen, Komödien und Romane. Turgenjew gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus und zählt zu den großen europäischen Novellendichtern. Seine Novellistik bedeutet einen Höhepunkt der Gattung in der russischen Literatur.

 

Angaben zum Buch:
TurgenjewFrühlingsflutenTaschenbuch: 185 Seiten
Verlag: Insel Taschenbuch Verlag (24. Januar 2000)
ISBN-Nr.: 978-3-458-34304-2
Preis: EUR 9.95 / CHF 4.40

 

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Thomas Mann und der Erste Weltkrieg – Sublimation einer Neigung

Heute war ich an einem Anlass der Thomas Mann Gesellschaft zum Thema „Thomas Mann und der Erste Weltkrieg“. Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen standen im Zentrum, seine teilweise sehr kriegsverherrlichenden und seiner nicht würdig scheinenden, misst man ihn an seinen sonstigen Schriften und Meinungsbekundungen – vor allem auch im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg – wurden thematisiert, angeprangert, mit hochgezogenen Augenbrauen bedacht und einzuordnen versucht.

Den ersten Vortrag hielt der ausgewiesene Experte Heinrich Detering. Auf unterhaltsame und offensichtlich bewanderte Weise führte er in das Thema ein, zeigte sein Hintergrundwissen durch vielfältige und vielzählige Zitate. Im zweiten Vortrag bot der Historiker Georg Kreis – auf humorvolle, informative und kompetente Weise – den Kontext der Zeit dar. Eine Podiumsdiskussion schloss den Anlass ab, die Fragen waren eher spärlich und wenig tiefgründig, was wohl auch der anberaumten Zeit einer halben Stunde sowie dem Umstand, dass eine wirkliche Diskussion bei so vielen Menschen, die erfreulicher Weise gekommen waren, sowie dem Zeitpunkt an einem Samstag Morgen geschuldet war. Ein wirklich gelungener Anlass, der ob des durchaus fortgeschrittenen Alters der Besucher ein wenig am Nachwuchs der Thomas Mann-Fans zweifeln lässt, in der Hoffnung, dass die Momentaufnahme kein Bild der allgemeinen Situation sei.

Ein Punkt hat mich beschäftigt (sicher unter andern, dieser aber besonders auch aufgrund meiner eigenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Thomas Mann): Es wurde von Heinrich Detering vermehrt die Diskontinuität Thomas Manns gerade in den Betrachtungen eines Unpolitischen erwähnt. War dieser vorher sehr durchdacht, argumentativ stark, liberal und humanistisch eingestellt, setzte er sich im Zweiten Weltkrieg für die Opfer des Krieges ein und war ein Gegner desselben, so zeigte er sich beim Ersten Weltkrieg als euphorischer Befürworter desselben. Man findet Äusserungen, die das Heldentum, die Vormachtstellung, die ausgewiesene Siegerrolle Deutschlands propagieren, die Unterhundrolle der umliegenden Staaten proklamiert. Mit rassistischen, abwertenden, kriegsverherrlichenden Aussagen ergiesst er sich in seinen Betrachtungen. Er stilisiert das deutsche Volk zum männlich mächtigen, das französische zum weiblich verzärtelten, unterlegenen. Damit hat Detering sicher recht. Was mir aber aufstösst, sind zwei Punkte:

Die Diskontiunität eines Menschen verurteilend stellt sich doch die Frage, welcher Mensch in seiner Meinung über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich und ohne Wandel sei. Liegt der Wandel nicht in der Natur der Dinge, somit auch im Menschen und dessen Denken selber? Ist es nicht naturgegeben, dass das Leben, die Umstände der Zeit und vieles mehr Meinungen wachsen, ändern, umstossen lassen? Ist es also so zu verdenken, dass Thomas Mann durchaus Änderungen in seinem Denken, Schreiben und Sein durchmachte? Wieso ist das im normal menschlichen Leben als natürlich akzeptiert, bei einem Schriftsteller des Kalibers Thomas Manns aber so verwerflich?

Der zweite Punkt, der mir aufstiess ist folgender: Es wurde zwar angetönt, dass Thomas Mann durchaus persönliche Gründe zu seiner Haltung haben könnte, dass er sich durch einige stilistische Mittel selber der Lüge in der nun so hasserfüllten, hitzigen Schreibe bezichtigte und damit entlarvte, allerdings wurde der Zweig nicht wirklich weiter verfolgt, versandete in Andeutungen, worauf wieder die Diskontinuität bemängelt wurde. Nun ist Thomas Mann in all seinen Werken ein durchaus autobiographischer Schreiber, er thematisiert sich und seinen eigenen Prozess als Künstler, Schriftsteller in praktisch jedem Werk, legt seine Tagesabläufe offen dar in seinen Romanen. Man weiss mittlerweile um sein Ringen zwischen Bürgertum und Künstlertum, um seine schreiberische Sublimation der eigenen homoerotischen Ausrichtung, kennt seine Aussprüche, dass er sich an strenge Regeln halten müsse, damit er nicht untergehe, will er doch im Bürgertum verhaftet, zu Hause, akzeptiert sein. Er kann und will sich kein Ausbrechen gönnen. Könnte – ja muss – man also seine Betrachtungen nicht als genau das lesen? Als verzweifelter Versuch, die eigene homoerotische Neigung zu unterdrückende, zu verneinende, zu verfluchende Schreibtirade? Deutschland als das Zuhause, als das Bürgertum quasi, mit Regeln, Macht, Ordnung, Männlichkeit allen voran, das gegen Frankreich, das weibische, künstlerische, freie, ungezügelte Land vorgeht? Kann man nicht in dem (nicht nur bei ihm, sondern im gesellschaftlichen Konnex damaliger Zeit vorherrschende) Bild die eigene Zerrisssenheit erkennen und damit diese Bekenntnisse nicht als Diskontinuität, sondern als Bekenntnis eines zutiefst umgetriebenen Menschen lesen?

Und so komme ich zum Schluss, dass die Betrachtungen eines Unpolitischen zwar einerseits durchaus politisch waren, indem sie auf die Politik damaliger Zeit hinweisen, allerdings genauso (wenn nicht mehr) persönlich waren, zeigen sie doch einen verzweifelten Thomas Mann, der zwischen den Zeilen seine Befindlichkeit offenbart, sie aber in Druckerschwärze überdeckt und eine zutiefst zeitgemässe, kriegsverherrlichende und seiner eigentlich ungebührliche Schrift hinterliess – würde sie man eins zu eins nehmen und lesen und nicht als Versuch, sich im Bürgertum zu verankern, den eigenen Neigungen abschwörend.

Und so komme ich einmal mehr zum Schluss: Das Schreiben Thomas Manns ist ein autobiographisches, das von dessen Leben, Denken und Sein nicht losgelöst zu beurteilen ist, dessen Botschaft immer eine eigene ist, die er in verschiedenen Schichten, Montagen und Kniffen überdeckt, so dass man ganz viel hineinlesen, herausinterpretieren kann und schlussendlich da landet, wo er selber gerne gewesen wäre, wären da nicht seine Neigungen, die er nicht leben, aber immer wieder beschreiben musste.

Ludwig Uhland (26.4.1787 – 13.11.1862)

Am 26. April 1787 wird Johann Ludwig „Louis“ Uhland in Tübingen in eine alte Gelehrtenfamilie hinein geboren. Sein Geburtshaus an der Neckarhalde 24, das er wenige Monate nach seiner Geburt verlässt, ist denkmalgeschützt und so heute noch in seiner ursprünglichen Form erhalten. Den grossen Teil seiner Kindheit und Jugend verbringt Uhland mit seiner Familie im Haus seines Grossvaters väterlicherseits in Tübingen.

Ludwig Uhland besucht von 1793 bis 1801 die Schola Antolica, die Tübinger Lateinschule, und glänzt da vor allem in den sprachlichen Fächern, Mathematik ist ihm zeitlebens ein Gräuel. 1801 erhält Ludwig Uhland ein Stipendium für das Tübinger Stift, wendet sich da zuerst vornehmlich philologischen Themen zu, um dann 1805 mit dem Studium der Rechtswissenschaften zu beginnen. Er ist ein eifriger, ordentlicher, disziplinierter  und auch schweigsamer, zurückhaltender Student. Er freundet sich mit dem Medizinstudenten Justinus Kerner an und unternimmt zusammen mit diesem und anderen Kameraden ausgedehnte Wanderungen, welche Inspiration für viele Gedichte Uhlands aus dieser Zeit sind. Ebenfalls bewegte er sich im Schwäbischen Dichterkreis, zu deren Mitgliedern er einen lebenslangen Kontakt bewahrte, wovon zahlreiche Briefe zeugen.

1810 erfolgt die Promovierung Uhlands zum Doktor der Rechtswissenschaften, er geht danach auf eine Bildungsreise nach Paris, wo er sich altdeutschen und französischen Schriften widmet und nicht, wie sein Vater annimmt, dem romanischen Rechtskreis. 1811 kehrt Uhland nach Tübingen zurück und eröffnet seine Anwaltskanzlei, befasst sich daneben aber intensiv mit der Auswertung seiner Forschungsergebnisse aus Frankreich. Aus dieser Zeit stammt auch Uhlands wohl bekanntestes Gedicht Frühlingsglaube. Obwohl das Gedicht vom Charakter wie auch von der Wahl des Themas sehr romantisch anmutet, zeigt sich Uhlands wortkarge und nüchterne Natur deutlich, so dass seine Lyrik nicht überladen mit Schwärmerei, Gefühl und blumigen Ausschmückungen punktet, sondern auf prägnanten, anschaulichen Darstellungen des Beschriebenen beruht.

1812 schliesst Uhland seine Kanzlei und zieht nach Stuttgart, wo er eine unbezahlte Stelle als zweiter Sekretär des württembergischen Justizministers erhält, die er 1814 verlässt. In diesem Jahr findet sich auch die erste Erwähnung von Emilie Vischer aus Calw, die er später heiratet. In eben diesem Jahr entsteht auch eine von Uhlands bekanntesten Balladen Schwäbische Kunde.

Uhland begibt sich1815  in die Politik, setzt sich als führender Sprecher der Landstände für das alte Recht ein, das von Friedrich I. durch eine neue Verfassung in Gefahr ist. In dieser Zeit entsteht eine Reihe von Gedichten, die sich mit den Grundsätzen der Verfassung auseinandersetzen und die bei Versammlungen vorgetragen werden. 1819 wird mit der Verkündung des neuen Grundgesetzes Uhlands Drama Ernst Herzog von Schwaben in Stuttgart aufgeführt. Wegen mangelnder Bezahlung quittiert Uhland schon 1817 seine Stellung in Stuttgart und arbeitet wieder als freier Anwalt – allerdings auch nicht finanziell erfolgreich. Geldnot ist sein ständiger Begleiter. Dass er ohne eigenes Zutun 1819 in den Landtag gewählt wird, erscheint als Rettung.

1820 heiratet Uhland Emilie Auguste Vischer, die Hochzeitsreise führt in die Schweiz, wo er sich mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigt. 1826 zieht er sich aus der Politik zurück und wendet sich ganz seinen wissenschaftlichen Studien zu. 1829 wird dieser Einsatz mit Erfolg gekrönt, er wird Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität in Tübingen, so dass das Paar 1830 in Uhlands Geburtsstadt zieht. Uhland vermag die Studenten mit seiner Begeisterung für die vorgetragenen Inhalte zu fesseln.

Trotz allem lässt sich Uhland 1832 dazu überreden, nochmals für den Landtag zu kandidieren, was ihn bald vor die Entscheidung Professur oder Politik führt. Er entscheidet sich für die Politik, was den Verlust seiner Professur zur Folge hat. 1838 scheidet er wieder aus der Politik aus und arbeitet danach als Privatlehrer. 1848 erfolgt ein neuer Versuch in der Politik, welcher 1849 endet und Uhland wieder zum Privatgelehrten werden lässt. Er reist in dieser Zeit viel und betreibt Sagenkunde.

Als Uhland am 26. April 1862 seinen 75. Geburtstag feiert, feiert das deutsche Volk mit ihm. Er hat es in diesem Land zu Bekanntheit gebracht, er wird als Ideal nationaler Einheit und Freiheit verehrt. Allerdings ist Uhland schon da geschwächt von einer Erkältung, die er seit dem Februar desselben Jahres mitträgt. Am 13. November 1862 stirbt Ludwig Uhland. Er ist auf dem Tübinger Stadtfriedhof beigesetzt.

 

Werk und Wirkung

Ins Jahr 1806 fallen die ersten Veröffentlichungen seiner Gedichte in verschiedenen Medien.  1809 verlegt Uhland sein Schaffen mehrheitlich auf Balladen. Sein Themenschwerpunkt liegt dabei auf der Natur- und Liebeslyrik, immer fällt aber Uhlands kurzer und knapper Stil auf, welcher ihn von den sonst oft schwülstigen Gedichten anderer Autoren unterscheidet. Uhland zeichnet eine weitgehend domestizierte Natur, die sich dem gutgesinnten Menschen gütlich zeigt. Es herrscht ein heiterer Unterton, religiöse Grundsymbolik  und der Verweis auf den Tod, welcher nicht als drohender Dämon, sondern als natürlicher Lauf des Lebens auftritt, sind weitere Merkmale der Uhlandschen Lyrik.

 

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor,
Stiller sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.
Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal,
Hirtenknabe, Hirtenknabe,

Dir auch singt man dort einmal.

Uhland versteht es, die vorherrschenden gesellschaftlichen Themen in eine Naturmetaphorik zu übertragen und durch diese darzustellen.  So deutet er zum Beispiel schon in seinem frühen Gedicht Naturfreiheit seine Ideale von Freiheit und bürgerlicher Gleichheit an:

Mit den Lüften will ich streiten,
Rauschend durch den grünen Hain;
Mit den Strömen will ich schweifen,
Schwimmend in des Himmels Schein;
In der Vögel Morgenlieder
Stimm ich frei und freudig ein
Alle Wesen sollen Brüder,
Du, Natur, uns Mutter sein.

Durch die politischen Zustände 1809 inspiriert entsteht Uhlands Gedicht Der gute Kamerad, welches mit einer Melodie von Friedrich Silcher vertont in späteren Jahren oft umgedeutet und im Sinne patriotischen Aufbruchs und Kriegsverherrlichung verwendet wird – was nicht im Sinne des Dichters ist, dem es ausschliesslich um eine Darstellung von Freundschaft in Zeiten des Krieges geht.

Uhlands 1815 erstmals erschienene Sammlung seiner Gedichte wurde in diverse Sprachen übersetzt und trägt massgeblich zu seinem Rang als Dichter bei. Er inspirierte mit seinem Schaffen Dichter wie Grillparter oder Hebbel, die ihn hoch lobten:

Der letzte deutsche Dichter. (Grillparzer)

Der einzige Dichter, von dem ich ganz gewiss weiss, dass er auf die Nachwelt kommt. (Hebbel)

Vor allem nach 1830 war Uhland mit seinem spätromantisch-biedermeierlichen Werk ein Autor, der über die deutschen Grenzen hinaus bekannt war. Heute gehört er zu den vergessenen Lyrikern des 19. Jahrhunderts, es gibt nur wenige Ausnahmen, welche im Bildungskanon deutscher Schulen noch bekannt sind, so zum Beispiel das Gedicht Der gute Kamerad oder die Ballade Des Sängers Fluch.

 Uhlands lyrische Schaffenszeit umfasst die Zeit zwischen 1805 und 1816, danach verstummte er bis 1829 ziemlich. Erst 1829 hört man wieder von ihm, jetzt setzt auch der eigentliche Erfolg ein, seine Gedichtesammlung aus dem Jahr 1815 erreicht bis 1862 43 Auflagen. Heinrich Heine schreibt im Jahrbuch für Literatur 1839 über diesen Sammelband:

Uhlands Gedichtesammlung ist als das einzige überlebende lyrische Denkmal jender Töne der romantischen Schule zu betrachten.

 

Werke Uhlands

Gedichte
Die Kapelle
Der Wirtin Töchterlein
Frühlingsglaube
Der gute Kamerad (heute noch fester Bestandteil militärischer Beisetzungen)
Einkehr
Freie Kunst
Schäfers Sonntagslied
Ulmenbaum (1829)

Balladen:
Des Sängers Fluch (vertont von Robert Schumann)
Der Schenk von Limpurg
Schwäbische Kunde
Das Schloß am Meere
Das Glück von Edenhall

Dramen:
Ernst, Herzog von Schwaben (Trauerspiel in fünf Aufzügen; 1817)
Ludwig der Baier (Schauspiel in 5 Aufzügen; 1819)

Wissenschaftliche Arbeiten:
Walther von der Vogelweide, ein altdeutscher Dichter (Monografie, 1822)
Der Mythos von Thôr nach nordischen Quellen (Studien zur nordischen Mythologie, 1836)
Sagenforschungen (1836)

 

Imre Kertész: Ich – ein anderer

Das geschriebene Ich

Eine Annäherung an Auschwitz ist unmöglich, es sei denn, von Gott aus; Auschwitz ist eines jener grossen Menetekel, die in Gestalt eines schrecklichen Schlags auftreten, um den Menschen hellhörig zu machen – falls er hinhört. Statt dessen werden wissenschaftliche Motive vorgebracht, wird von der Banalität des Mordens geredet, was wie ein Gruss aus der Hölle klingt.

Imre Kertész beschreibt sein Nomadenleben zwischen den Metropolen, fühlt sich als Flüchtiger, nirgends zu Hause ausser im Schreiben und auch das scheint ihm abhanden zu kommen. Viele seiner Gedanken führen nach Auschwitz zurück, zeigen die Präsenz, die dieser Ort und seine Vergangenheit, noch immer haben. Die Vergangenheit entzieht sich seinem Verständnis, er kann sie nicht fassen, nicht einordnen, weiss nur, dass er sie nie los wird und sie sein Leben begleitet, bedrückt, oft unterdrückt.

Die Welt nicht verstehen, bloss weil sie unverständlich sei, ist Dilettantismus. Wir verstehen die Welt nicht, weil es hienieden nicht unsere Aufgabe ist.

Ich – ein anderer ist eine Suche nach der Identität. Imre Kertész reist gedanklich und real durch Zeit und Ort, reiht Erinnerungen, Erlebnisse, Situationen aneinander, versucht sich darin zu finden und bleibt sich doch immer fremd. Die einzig sicheren Merkmale sind sein Judentum, Auschwitz als Vergangenheit und das, was ihn dazu anhält, beides immer wieder zu thematisieren und damit sich selber neu zu finden: Das Schreiben.

Meine einzige Identität ist die des Schreibens. (Eine sich selbst schreibende Identität.)

 

Fazit:

Leicht zu lesen, schwer zu verarbeiten – psychologisch tief, menschlich offen bietet das Buch Einblicke in das Leben eines Menschen, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor

Imre Kertész
Imre Kertész, geboren 1929 in Budapest, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Anfang der 70er Jahre schrieb er seinen autobiographischen Roman eines Schicksalslosen, welcher  zunächst von den Verlagen abgelehnt und nach seiner Veröffentlichung 1975 jahrelang ignoriert wurde. Erst die Änderung der politischen Situation in Ungarn brachte die lange versagte Anerkennung.  2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von Imre Kertesz erschienen sind unter anderem Roman eines Schicksalslosen (1975), Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1989) und Ich ein anderer (1997).

KerteszIchAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (1. Oktober 1999)
Übersetzung: Ilma Rakusa
ISBN-Nr.: 978-3499225734
Preis: EUR  7.50 / CHF 11.60

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