Kleine Deutungen – Erich Fried: Heimweg von Delphi

Das Gedicht „Heimweg von Delphi“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier.

Im vorliegenden Gedicht haben wir ein lyrisches Ich, das seine Grösse daran erkennt, dass es die eigene Kleinheit sieht, seine Stärke daran, dass es sich die eigene Schwäche einsieht. Seine Klugheit aber zeigt sich daran, zu vergessen, dass es eben klein, schwach, dumm und vergesslich ist. Aufgrund seiner Ratio, seiner Vernunft neigt das lyrische Ich zu einer Selbstüberschätzung, die das Ich blind werden lässt gegenüber den eigenen Schwächen und Fehlern.

Der Titel weist auf das Orakel von Delphi hin. Die Inschrift am Apollotempel von Delphi lautet „Erkenne dich selbst“ (griech.: gnothi seauton, Γνῶθι σεαυτόν). Ursprünglich gemeint war damit, dass der Mensch seine eigene Begrenztheit erkennen solle (im Gegensatz zu den Göttern). Ziel dieser Erkenntnis sollte sein, nicht zu Selbstüberschätzung zu neigen, sondern bescheiden zu bleiben. Die Forderung zur Selbsterkenntnis wurde von verschiedenen Philosophen aufgenommen. Während die Philosophen vor Platon eher zur Bescheidenheit und zum Akzeptieren des eigenen Platzes in der Welt rieten, sah Platon nur noch den Körper als beschränkt, in ihm aber eine unsterbliche, gottähnliche Seele wohnend.

Das Orakel von Delphi hatte einst Sokrates als weisesten Mann Athens bezeichnet, was dieser nicht verstehen konnte und sich auf die Suche nach jemandem machte, der weiser als er selber wäre – er fand keinen. Im Zusammenhang damit entstand das wohl bekannteste Diktum von Sokrates, dass er wisse, was er nicht wisse. Da er immerhin dieses wisse, könne er vielleicht doch als weiser Mann gelten, so seine Schlussfolgerung – wir kennen sie nur aus Platons Überlieferungen.[1]

Erich Fried hat sich in verschiedenen Gedichten und Texten mit Sokrates beschäftigt. Dabei fällt immer wieder seine Skepsis gegenüber der Vernunft auf. Fried spricht ihr die Fähigkeit ab, die wirkliche, „letzte Wahrheit“ über das Sein zu erkennen. Das zeigt sich auch in diesem Gedicht deutlich: Während die erste Strophe die eigentliche Selbsterkenntnis zeigt, wie sie das Orakel von Delphi mit seinem „Erkenne dich selbst“ fordert, kehrt das lyrische Ich zurück zu seinem Verstand und verschliesst sich gegenüber jeglicher Selbsterkenntnis.

Frieds Aussage: Wir, die wir uns für so klug halten, sehen eigentlich das Wesentliche nicht. Wir verschliessen unsere Augen vor der wirklichen Wahrheit, indem wir uns aufgrund unserer Ration eine zurechtbasteln. Analytisch, kompromisslos, deutlich – ein echter Fried halt!

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[1] Platon: Apologie des Sokrates (21d): Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

Der Lauf der Welt

Wie gern würd ich
mal laut aufschrei’n,
das ganze Leid,
das mich grad drückt,
der Welt mitteil’n.

Wie gern würd’ ich
nur sagen mal,
was Sache ist,
wo Not am Mann,
was wichtig ist.

Wie gern würd’ ich
aufzeigen auch
wo Mangel herrscht
und grosses Leid.
Doch leider nur,

sieht keiner hin,
denn alle sehn,
nur das was sie
grad selber
drückt.

©Sandra Matteotti

 

Auch nur ein Mann

Jodel was, so meinte er,
und sie, sie wunderte sich sehr,
wie er drauf käme, das zu wollen,
solch’ Kamellen, solche ollen,
Stilblüten, die sie gestern waren –
gestern heisst: vor vielen Jahren.

Er schaut’ sie an und meinte schlicht:
Du bist doch Schweizer, oder nicht?
Drum wurd’ aus beiden nie ein Paar,
denn sie, sie fand ihn sonderbar.
Banal war er noch obendrein,
fiel er doch auf Klischees herein.

©Sandra Matteotti

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Für die abc.etüden, Woche 46.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für Textwoche 46.17 kommt von Petra Schuseil (ihren Blog findet ihr HIER), die Wörter lauten: Stilblüte, banal, jodeln.

Der Ursprungspost:
365tageasatzaday

Abschied

wie laternen
herbstfarben
bunt
hängen
an ästen
die blätter des
frühlings
zeit los
zulassen

@Sandra Matteotti

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Für die abc.etüden, Woche 43.17: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Worte stammen in dieser Woche von mir und lauten: Laterne, herbstfarbenbunt, loslassen.

Der Ursprungspost: HIER

Jahrbuch der Lyrik 2015 (Rezension)

Jahrbuch15Im Jahr 2015 war es bereits das 35. Jahr, in welchem das Jahrbuch der Lyrik herausgekommen ist. Ziel der jeweiligen Ausgaben ist es, Gedichte aus der aktuellen Zeit zu vereinen und so dem Leser einen Eindruck zu geben vom zeitgenössischen Dichten und Denken der Lyriker.

Es finden sich im vorliegenden Band Gedichte, die sich mit der Zeit und den Menschen, mit den politischen Verhältnissen und dem Leiden unter ihnen auseinander setzen. Es finden sich aber auch Gedichte, welche den Mensch an sich thematisieren mit seinem Leiden, seinem Denken, seinem Sein in dieser Welt.

Aus über 1000 Einsendungen haben Christoph Buchwald und Nora Gomringer einen interessanten Ausschnitt ausgesucht und präsentieren damit eine grosse Bandbreite an Zeitgenössischer Lyrik – thematisch, formal und sprachlich.

Fazit:
Ein breiter Ausschnitt zeitgenössischen Dichtens. Sehr empfehlenswert für jeden Lyrik-Interessierten.

Die Herausgeber
Christoph Buchwald, geboren 1951 in Tübingen, ist seit 1979 ständiger Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik. Nach seinem Studium der Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und experimentellen Komposition war er als Lektor tätig und hat dabei zahlreiche Lyriker begleitet. Heute ist er Verleger des literarischen Verlags Cossee in Amsterdam.

Nora Gomringer, Jahrgang 1980, ist Schweizerin und Deutsche, schreibt Lyrik und für Radio und Feuilleton. Seit 2000 hat sie sechs Lyrikbände und eine Essay-Sammlung bei Voland & Quist veröffentlicht. Sie rezitiert, schreibt und liest preisgekrönt vor. Zuletzt wurden ihr der Joachim-Ringelnatz-Preis (2012) und der August-von-Platen-Preis (2013) zugesprochen. Sie hatte die Poetikdozenturen in Landau, Sheffield und in Kiel inne und lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Deutsche Verlagsanstalt (23. Februar 2015)
ISBN-Nr: 978-3813507850
Preis: EUR 19.99 / CHF 28.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Gleiche unter Gleichen

Stell dir vor, es gäbe keine Länder mehr –
dass kann so schwer nicht sein.
Es gäbe nichts dafür zu töten oder sterben
und auch Religionen gäb es nicht.

Stell dir all die Menschen vor,
sie lebten in Frieden.

Da kannst nun sagen, ich sei ein Träumer,
doch: Ich bin nicht der einzige.
Und eines Tages bist du mit uns
und die Welt wird eine sein.

Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz
Ich frage mich, ob du0s kannst.
Kein Grund für Neid oder Hunter,
die Menschen wären Brüder.

Stell dir die Menschen vor,
sie teilten sich die Welt.

Du wirst sagen, ich sei ein Träumer,
doch ich bin nicht der einzige.
Ich hoffe, eines Tages bist du mit uns
und wir leben in einer Welt, die eine ist.

Das sang John Lennon. Imagine (Übersetzung S.M.). Ein wunderbares Lied mit einer Vision. Die Vision von einer Welt, in welcher alle Menschen miteinander leben – nicht gegeneinander. Die Vision von einer Welt, in welcher die Menschen teilen, nicht einander wegnehmen. Die Vision von einer Welt, in der Friede herrscht.

Unter den Linden
Die Blätter der Bäume fallen
Die herrlichen Linden entlang,
In allen Farben und Formen
Bestreut ist der reizende Gang.

Ihr Blätter und Bäume und Menschen,
Verschieden in Farbe so sehr:
Ein Windstoss weht alles zusammen,
Man merkt keinen Unterschied mehr!

Das hat Friederike Kempner (1882 – 1904) gedichtet. Im Zentrum steht der Gedanke, dass die Menschen im Kern alle gleich sind, sie sind alle Menschen. Würden wir Menschen das erkennen, wäre die Welt eine friedlichere. Dann würden die Menschen die Welt teilen und sich gegenseitig Sorge tragen – als Gleiche unter Gleichen.

Wozu Lyrik?

Ich atme

Ich atme aus,
ich atme ein.
Nehme mich mit,
einfach zu sein.

Ich atme ein,
ich atme aus.
Halte nichts fest,
lass alles raus.

Ich atme aus,
ich atme ein.
Lasse die Ruhe in
mich hinein

Ich atme ein,
Ich atme aus.
Fühle mich in mir
ganz zuhaus’.

©Sandra Matteotti

Ab und an ist das Leben nicht einfach. Ab und an bürdet es uns mehr auf, als wir tragen können. Ab und an sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und was man sieht, ist doch nur die Spitze des Eisbergs. Ab und an… bleibt nur noch eines: Tief durchzuatmen. Innezuhalten. Bei sich zu sein.

Wozu Lyrik? Jeder kennt wohl die meist holprigen Gedichte zu Geburtstagen und anderen Festlichkeiten. Mit Lyrik verbindet man daneben sonst nur die öden Stunden in der Schule oder aber das tödliche Auswendiglernen – alles dazu tauglich, sich die Lyrik ein für alle Mal zu verderben.

Wozu also Lyrik? Wir haben so viele Probleme auf der Welt, es gibt so viel Wichtiges. Gedichte gehören da sicher nicht dazu. Gedichte bringen nicht den Frieden auf die Welt. Sie bekämpfen kein gefährliches Regime. Sie bringen die geliebten Verstorbenen nicht zurück und lösen nicht die Alltagsprobleme. Sie sind – so bei Licht betrachtet – zu nichts gut. Und das ist gut so. Und doch sind sie zu was gut. Und das ist noch besser.

Gedichte lassen innehalten. Sie halten für einen Moment die Zeit an und lassen uns eintauchen. Sie nehmen uns mit auf eine Reise hinein in Worte und Bilder. Sie lassen uns fühlen und erkennen. Sie geben Ruhe. Für diesen Moment. Und damit ein Aufatmen. Ein Durchatmen.

Deshalb lese ich gerne Gedichte. Und deswegen schreibe ich sie. Immer dem Leben entlang. So heisst auch mein Gedichtband (HIER). Verglichen mit Jazzmusik bin ich wohl nicht der improvisierte Wildjazzer, eher so der Swinger, Easy Jazzer oder dem Dixieland Zugewandte. Drum ende ich mit einem Lied.

 

Dem Leben entlang – mein Buch

lebensatem
leben als dichten
wenn rhythmus und reim atmen
im sein

welten bestehen
als verse nur, zeilen in moll und
in dur

dasein in worten
und bildern aus klang von innen
heraus

Letzten Donnerstag klingelte es an der Tür: Der Postbote brachte ein Paket. Nichts ahnend packte ich auf und dann hatte ich es in der Hand: Mein Buch.

Ich habe lange überlegt, ob ich es bei einem Verlag publizieren will oder als Selfpublisher. Ich hatte auch zwei Zusagen von kleinen Verlagen, habe mich dann aber doch fürs Selfpublishing entschieden. Und da war es also: Meine Gedichte zwischen zwei Buchdeckeln, alles selber gestaltet mit einer meiner Zeichnungen als Titelbild. Ein wunderbares Gefühl, das eigene Buch in den Händen zu halten.

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Sonst stelle ich immer andere Bücher vor, dieses Mal mein eigenes.

Meine Gedichte fangen da an, wo das rationale Denken anstösst, weil es die richtigen Wörter nicht mehr findet. Sie hangeln sich dem Leben entlang und tragen nach aussen, was innen passiert, was vorgeht, sich dreht, weiter geht, einen auch zurück lässt: Ahnungslos, haltlos, hilflos, aber immer suchend, staunend, zweifelnd, sich freuend oder auch trauernd.

Meine Gedichte sind Bilder des Lebens in Klänge gepackt, sie sind der pulsierende Atem des Lebens im Rhythmus der Sprache.

Ich bewege mich in der Sprache durchs Leben, schaue hin, gehe tief, suche, finde, schreibe. Zuerst ist die Idee, dann der Rhythmus, es finden sich die Worte. Die Form folgt dem Inhalt, sie ist nie beliebig, sondern die passende Vase für die Blumen der Sprache.

Ich will verstanden werden, weswegen ich nie die Sprache in möglichst gesuchte Wendungen presse. Ich gehe durchs Leben, immer mit einem Fuss auf dem Boden und einer Hand zum Himmel gestreckt. So sind auch meine Gedichte.

Nacht
Aufgewacht,
an dich gedacht
Kaffee gemacht
die Nacht bedacht
vor Glück gelacht
den Tag verbracht
die Sehnsucht wacht
nach dieser Nacht

Das Buch kann man hier kaufen:

Bei mir – wenn gewünscht mit Widmung – via Mail: HIER
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