Engel auf Erden

Vor zwei Monaten starb meine über alles geliebte Katze. Die Trauer schon während seines Leidens war enorm, nach seinem Tod taten sich ganze Trauertäler, Schluchten gar auf. Das Weinen wollte kein Ende nehmen, an Essen war nicht zu denken, Schlaf fand ich keinen mehr. Langsam kam der Alltag wieder näher, die sonst üblichen Dinge gingen wieder. Nur ab und an kamen Einbrüche, Wasser floss, in Bächen. Versiegten, bis sie wieder kamen.

Es gibt den Spruch „Das Leben geht weiter.“ Im ersten Moment nervt er, man denkt: Was wissen die denn, die solchen Mist erzählen? Dass das Leben weiter geht, ist klar, aber wie… das ist die Frage. Und dann heisst es „Die Zeit heilt alle Wunden“. Und man denkt wieder: Was wollen die mir erzählen, schweigen sollen sie, haben keine Ahnung. Und irgendwann sitzt man da, die Tränen sind getrocknet, der Alltag ist wieder normal. Man sieht den fehlenden Teil des Lebens nicht mehr auf jedem Stuhl, auf jedem Sofa. Denkt nicht mehr bei jeder Handlung, was gerade passiert wäre, wäre der Abwesende noch da.

Plötzlich kommt der Gedanke: Tue ich ihm unrecht? Habe ich zu schnell vergessen, was war? Trauere ich zu wenig nach so kurzer Zeit schon? Müsste ich ihn mehr präsent halten? Klar ist er immer präsent, der Name fällt sicher täglich mal. Und doch – es ist so weit weg alles. Jetzt schon. Ist das fair? Dieser Kater hat mich getragen durch 8 Jahre, die alles andere als einfach waren. Er hat mich aufgefangen im Leid, hat mir Kraft gegeben im Schmerz, hat getröstet bei Trauer. Und nun ist einfach Alltag ohne ihn. Darf das sein?

Was wäre die Alternative? Tägliche Tränen, Trauer? Nie mehr zum Alltag zurückfinden? Was wäre der angemessene Trauerrahmen? Wie trauert man richtig? Was muss man tun? Bin ich herzlos? Ich habe keine Antwort. Es ist in meinem Leben der zweite Todesfall, der mir wirklich nah ging. Der erste war eine grosse Liebe. Mein Kater war eine ebensolche. Mensch, Tier… die Nähe ist es wohl, die zählt und näher als mein Kater war mir kaum jemand in den letzten Jahren.  Wer uns kannte, uns erlebte, sah das, wusste das. Wer es nicht verstand, war eh nicht in der Lage, mich zu verstehen, er kannte mich nicht und das war wohl auch gut so.

Aus meinem Umfeld habe ich oft gehört, ich trauere zu heftig, zu lang. Damals habe ich mich hinterfragt, ob sie wohl alle recht haben, ich „falsch trauere“. Ich habe mich gefragt, ob ich übertreibe, nicht normal bin. Ich habe mich gefragt, ob die Trauer endlich fertig sein müsste. Heute habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich vielleicht zu wenig trauerte, ihm damit nicht den Tribut zollte, den er verdient hätte. Und er hätte alles verdient. Er war der Beste!

Gibt es richtig oder falsch bei Gefühlen? Sind sie nicht einfach da und wenn sie sind, wie sie sind, genau richtig, weil echt? Kann man Gefühle an ihrer Dauer, ihrer Intensität auf Richtigkeit prüfen? Gibt es Skalen für Gefühle, die anzeigen, ob es reicht oder nicht? Wohl nicht. Deswegen ist es wohl auch nicht statthaft, anderen zu sagen, wie sie trauern sollen. Man kann Gefühle nicht von aussen messen, man weiss nur von innen, ob sie echt sind. Und jeder hat eine andere Art, damit umzugehen. Keiner kann aus seiner Haut.

Ab und an kommt mir ein Gedanke. Ich denke, dass Pascha – mein Kater – vielleicht zu mir kam, um mich durch die schweren Jahre meines Lebens zu begleiten. Durch eine Trennung, Gewalt, Scheidung, Schmerz, Todesdiagnose, Verlust einer Liebe, Enttäuschungen, Verletzungen. Und als mein Leben in die richtigen Bahnen zu kommen schien, konnte er gehen. War das seine Aufgabe bei mir? War er mein Engel? Und ist es noch als Schutzengel irgendwo über dem Regenbogen?

Der Gedanke tröstet und er macht traurig. Und wenn ich ihn habe, bin ich dankbar und die Tränen fliessen wieder. Er fehlt halt doch. Auch wenn der Alltag wieder Einzug hielt. Immer mal. Und ab und an kommt Angst hoch: was, wenn wieder eine schwere Zeit kommt? Das Leben hat viele solche bereit. Was ist dann?

6 Kommentare zu „Engel auf Erden

  1. Wie will man Gefühle an der Allgemeinheit messen? Jeder empfindet anders, jeder geht mit dem erlebten anders um. Bestimmt gibt es Leute, welche etwas übetreiben und einen „schupf“ vom Umfeld brauchen, aber bei dir sehe ich das absolut nicht. Du hast weder zu lange noch zu kurz getrauert, aber du HAST GETRAUERT UND DAS FINDE ICH, IST GUT. Deshalb konntest du dann wohl auch mal loslassen. NICHT VERGESSEN, aber loslassen!
    So soll es schliesslich auch sein. Du wirst, wie du es ja auch beschreibst, Pascha immer im Herzen behalten. Und nicht nur du hattest eine gute Zeit mit ihm, NEIN AUCH ER HATTE EINE MIT DIR!! Und darauf kommt es doch schlussendlich an – oder?
    Ich finde auch den Schlussgedanken von dir schön; ob es seine Aufgabe war UND dass er nun als Schutzengel bei dir ist !!
    Und so nebenbei; könnte Pascha wie ein Mensch dir seine Gedanken mitteilen, so hätte er wohl kaum gewollt, dass du noch länger trauerst, sondern dass du wieder glücklich wirst!!!

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    1. Ich danke dir für deine Worte. Ja, ich denke, er war glücklich bei mir. Das ist, was zählt. Er hatte es so verdient. Er war einfach ein ganz tolles Wesen.

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  2. ich kenne diese gefühle sehr gut. als meine mutter starb, fiel ich drei monate nach ihrem tod in ein totales loch, ein trauertal, wie du auch schreibst. mein damaliger partner meinte auch, ich trauere zu stark. das hat mich ungemein verletzt und war wohl auch einer der gründe, warum ich ging. ich bin heute fest überzeugt, dass man nicht zu sehr trauern kann. es ist ein spiegel der gefühle, die man für ein lebewesen während des lebens hat und ist somit nicht mehr und nicht weniger der ausdruck deiner lebendigkeit.

    danke für deine gedanken und dieses blog!

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    1. Danke dir für diesen persönlichen Kommentar. Ja, Auch Trauer sind Gefühle und Gefühle sind ein Zeichen des Lebens. Sind sie still, ist das Leben still und damit die Lebendigkeit.

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  3. Jeder Mensch hat seine eigene Art zu trauern, mit Verlust umzugehen. Zu „fest“ fände ich es nur wenn die Trauer die Zukunft lähmen würde. Logisch gibt es eine Phase, da geht fast gar nichts. Die kann unterschiedlich Lange sein – es gibt wohl keine „definierte“ Dauer. Die Person, das Wesen worum getrauert wird sollte immer einen Platz behalten – in der Vergangenheit, der Gegenwart und in der Zukunft. Aber dieser Platz sollte nie dominant sein – das war wohl auch nicht in Erwartung desjenigen.
    Ich stelle mir eigentlich nur die Frage: Wie will ich „betrauert“ werden wenn ich mal gehe? Ich fände es wunderschön wenn mein Nachruf auch derart schöne Gedanken enthalten würde und ich hoffe, dass niemand in seinem Leben blockiert wäre durch Erinnerungen oder Trauer – sondern weitergeht und mit einem Lächeln an erlebte Zeiten zurückblickt.
    Hoffe das der Pascha dich mit einem grossen Miau vom Regenbogen grüsst. Wie und wo auch immer – dein Nachruf gefällt ihm sicher!

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    1. Danke Bio für deine Worte. Die Frage, wie man betrauert werden will ist eine gute – und schwer zu beantwortende. Man muss wohl Egoismus von Altruismus trennen. Man muss den Wunsch, erinnert zu werden, nicht umsonst gelebt zu haben, Gutes getan zu haben, das nun fehlt, trennen vom Wunsch für den anderen, dem man nur das Beste wünscht. Und genau so ist es wohl auch mit der Trauer. Sie zeugt ja vom Wert des Weggegangenen für das eigene Leben – und doch muss dieses irgendwie weiter gehen. Die Lücke bleibt. Neues kommt, doch das füllt nie diese Lücke, sondern hilft, diese nicht immer im Auge zu haben.

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