Gedankensplitter: Von Entschlüssen und Gewohnheiten

Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, von gewissen Dingen zu lassen, mich nicht mehr zu sehr unter Druck zu setzen, mein übersteigertes Pflichtgefühl, das nur aus mir selbst entspringt, zu mässigen, wenn schon nicht abzulegen. Und immer wieder ertappe ich mich dabei, nach einer kurzen Zeit des Gelingens langsam wieder ins alte Fahrwasser zu geraten. Lernresistent? 

Da ich die Dinge nicht nur ablegen will, weil sie unnötig sind, sondern weil ich merke, dass sie mir schlicht nicht gut tun, was sich einerseits psychisch in einer Angespanntheit, Deprimiertheit, Melancholie ausdrückt, andererseits aber auch körperliche Folgen hat, ist es umso ärgerlicher, dass ich daran festhalte. Masochistin?

Und so bin ich wieder an einem Punkt, an dem ich von Neuem denke, dass ich es nun endlich tue: Raus aus dem Leben mit all dem, was nicht gut tut und nicht zwingend darin sein muss. Und ja, dieses Mal wird das gelingen. Wirklich! Utopistin?

Ach, vielleicht einfach ich. 

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Die Wahl, wie man leben will

«Jede Zeit wie jeder Mensch hat ein gewisses Gedankenfeld, über das hinaus nichts wahrgenommen wird.» Bertha von Suttner

Eigentlich ist es schon lange bekannt: Wir nehmen nur einen kleinen Bruchteil dessen wahr, was ist. Vor allem was einen selbst betrifft, hat man oft blinde Flecken, Dinge, die von aussen offensichtlich sind, die man selbst nicht sieht. Diese blinden Flecke bei sich und in der Wahrnehmung des Aussen sind vielem geschuldet: Der Zeit, in der wir leben, der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, und verschiedenen anderen Prägungen aus Erfahrungen und Erlebnissen. Wir sind geprägte Menschen und agieren aus diesen Prägungen heraus. Sind wir ihnen ausgeliefert?

Teilweise wohl schon, zumindest so lange, bis wir uns bewusst werden, dass wir sie haben und sie zu ergründen suchen. Dass dies nicht immer angenehm ist, liegt auf der Hand. Wer im Dunkeln buddelt, kann auf Dreck stossen. Den wollen wir oft nicht sehen, wollen uns die Hände nicht schmutzig machen. 

«Bedenke, was du bist: vor allem ein Mensch, das bedeutet, ein Wesen, dass keine wesentlichere Aufgabe hat als seinen freien Willen.» Epiktet

Im Buddhismus heisst es, dass die schönste Lotusblume aus dem Sumpf kommt. Es braucht wohl immer beide Seiten, um Leben zu kreieren. Die dunklen, düsteren Seiten zu verneinen, zu verurteilen, wird an keinen guten Ort führen, denn das macht uns zu Sklaven dieser Arbeit. Sie anzunehmen, hinzusehen, ihre Funktion anzuerkennen, aber ihnen dann nicht mehr Macht zu geben, sondern unser Sein und Tun aktiv dem Guten hinzuwenden, wäre die bessere Alternative. So würden wir zu den Menschen, die wir sein wollen, im Wissen, dass alles in uns steckt, aber wir die Wahl haben, was wir leben wollen. 


Gedankensplitter: Schokoladenseiten des Lebens

Kürzlich dachte ich so mir, ob nicht oft die Ferien, die wir verlebten, in den Erzählungen im Nachhinein am schönsten sind. Sind wir nicht oft darauf bedacht, ein möglichst strahlendes Bild von uns selbst zu zeichnen, um in den Augen der anderen gut dazustehen? Alles, was nicht schön ist, was schief geht, werten wir als persönliche Niederlage, die wir nicht zeigen wollen. Es wird aber auch von uns erwartet: Wenn wir schon das Glück haben, in die Ferien gehen zu dürfen (und Ferien sind immer positiv konnotiert, Arbeit als Pflicht und Muss – dass es auch Menschen gibt, die das anders sehen, kann und will man nicht verstehen), dann sollen wir uns gefällig auch freuen, dankbar sein und das zeigen. Es gab einen Auslöser für diese Gedanken:

Ich bin seit einiger Zeit in Spanien, an einer wirklich traumhaften Lage in einem ebensolchen Haus. Das Wetter war die ganze Zeit bewölkt, es regnete sogar viele Tage und auch der Wind trieb sein stürmisch-himmlisches Spiel. An den kühlen Tagen sass ich bei 16 Grad in meinem Arbeitszimmer, da dieses schlecht isoliert ist – für eine Frostbeule wie mich nicht ganz leicht.

Als ich an einem frühen Morgen rausschaute, ging die Sonne hinter dem Berg auf, der Himmel war blau, das Meer lag malerisch still drunter. Ich machte ein Foto und stellte es ins Netz. Dieses Bild vor meinem Fenster hielt genau 10 Minuten an, danach kamen Wolken, Nebel, Regen und Sturm. Aber das war das Bild, das ich von meinem Tag postete. Ist es auf den Sozialen Medien nicht oft so? Es wird der Schein eines Glücksmoments ins Licht gerückt und die Summe solcher Momente als ganzes Leben verkauft. Der Betrachter sitzt vor seinem Bildschirm und denkt an die eigenen vielen weniger glitzernden Momente und fühlt sich der Ungerechtigkeit des Lebens ausgesetzt. Würde man all die ins Netz stellen, würde man damit kaum 1000e von Likes erhalten, ausser, man verpackt auch die in eine im Grossen und Ganzen sehr privilegiert aussehende Bilderwelt.

Vor einigen Tagen wurde ich gefragt, wie es mir ginge, wie es in Spanien sei, sagte ich, dass es mir ausser einer verlebten Lebensmittelvergiftung sehr gut gegangen war und noch ging, nur das Wetter hätte nicht ganz mitgespielt. Ich erzählte von den Stürmen und den Regenschauern, nicht als Klage, doch ich war gefragt worden und das war die Realität. Da hörte ich: «Du sitzt an einem so schönen Ort und beklagst dich?» Nein, tue ich nicht, aber soll ich wirklich eitel Sonnenschein erzählen, wenn Regen fliesst?

«Es geht mich nichts an, was andere über mich sagen und denken.» Anthony Hopkins

Vermutlich ist es ja so: Wer an mir etwas Negatives finden will, der wird das wohl ohne Mühe tun. Wie viel Zeit habe ich in meinem Leben damit verbracht, Menschen beweisen zu wollen, wer ich bin und dass das in Ordnung ist. Es reicht, wenn ich es weiss, und es gibt viele, die das auch so sehen.

Gedankensplitter: Der sichere Ort

„In der Trostlosigkeit der Provinz muss man sich etwas schaffen, das wir… ‘Querencia’ nannten, einen Ort, an dem man sich gegen alles gesichert fühlt.» Simone de Beauvoir («In den besten Jahren)

Im Spanischen gibt es den Begriff „querencia“. Er bedeutet, sich einen Ort zu schaffen, an dem man sich geborgen und sicher fühlt, ein Zuhause für die eigene Seele quasi. Ich mag dieses Bild. Es trägt in sich die Sehnsucht nach der Geborgenheit und auch die Möglichkeit, die für sich selbst zu schaffen, selbst – und gerade, wenn – es im Aussen unangenehm, gefährlich, betrüblich scheint. Das kann das eigene Bett sein, das Sofa, ein Stuhl am Küchentisch, ein Baum im Wald – es ist ein Ort, den man für sich dazu bestimmt, dieser Zufluchtsort zu sein. Manchmal baut man ihn sich auch im Innern. Man bildet Mauern, hinter denen man sich verschanzt, so dass nichts von all dem, was einen traurig macht, stört, verunsichert, mehr durchdringt. Leider dringt dann auch viel Schönes nicht mehr durch, wir werden verschlossen, undurchdringlich, sind abgekapselt vom wirklichen Empfinden dessen, was ist und was gut ist, guttun könnte. 

„Auch der grösste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt.“ Laotse

Wo ist die Grenze? Wo kann ich Mauern einreissen, wo brauche ich sie? Welche Mauern haben ihre Funktion erfüllt und ich brauche sie nicht mehr, welche sind noch immer dringend nötig? Manchmal hilft es vielleicht, zuerst ein Fenster in die Mauer zu schlagen, aus dem man rausschauen kann. Vielleicht ist es manchmal der erste kleine Schritt, der hilft, weitere zu gehen. Es muss nicht alles aufs Mal sein, nicht immer von jetzt auf gleich. Auch kleine Schritte führen zum Ziel. Manchmal sogar nur die. 

Kleine Deutung: Else Lasker- Schüler: Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.

Du, wir wollen uns tief küssen…
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.

Es gibt Gedichte, die finden immer wieder eine Zeit, in die sie passen, sie weisen über den eigenen Zeitrahmen hinaus in die Ewigkeit, in der sich wiederholt und immer wiederholen wird, was im Menschen angelegt ist. Wir können noch so hehre Wünsche und grosse Theorien haben, der Mensch wird sie durchbrechen und seinen (An-)Trieben folgen, die nicht selten auch Verderben und Krieg mit sich bringen.

Else Lasker-Schüler weist auf das Grauen in der Welt hin, in der wir leben, sie zeigt aber auch, dass gerade in einer solchen Welt die Liebe und der geliebte Mensch einen Halt darstellen können. Das eigene Überleben hängt am Miteinander, nur durch dieses findet man Halt, findet man das Schöne, kann man die tiefsten Sehnsüchte leben, während da draussen die Welt wartet, an der wir einmal sterben werden.

Ein trauriges Gedicht, umso trauriger, weil es keine Phantasie, sondern bittere Wahrheit transportiert. Aber auch ein Aufruf an den Einzelnen, in seinem eigenen Umkreis auf das Gute und die Liebe zu bauen, um wenigstens diesen Kreis zu einem besseren Ort zu machen.

Gedankensplitter: Leben und Schreiben

Du fragst, warum mein Leben Schreiben ist?
Ob es mich unterhält?
Die Mühe lohnt?
Vor allem aber, macht es sich bezahlt?
Was wäre sonst der Grund? …
Ich schreib allein
Weil eine Stimme in mir ist, Die will nicht schweigen.
Sylvia Plath

Schon früh fand sie ihre Bestimmung und haderte doch ein Leben lang damit: Dem Schreiben. War es ihr einerseits das wichtigste, beklagte sie andererseits, dass sie dadurch ihre anderen Rollen im Leben nicht nach den eigenen Massstäben der Perfektion ausfüllen konnte. Dieser Zwiespalt zwischen Leben und Schreiben durchdringt auch ihr Werk, es ist so also das zentrale Thema ihres Schreibens und ihres Lebens.

Ich denke, jeder, der sein Leben dem Schreiben widmet, kennt diesen Drang, schreiben zu wollen. Und es gelingt mal besser, mal schlechter, ihm nachzukommen, ohne dabei zu viel zu vernachlässigen. Nur: Ohne zu schreiben fehlte so viel vom eigenen Sein und Sinn, dass dadurch die Kraft für den Rest auch abhanden kommt. Ein Konflikt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

***

Buchtipp:
Simone Frieling: Sylvia Plath. Jeder sollte zwei Leben haben, erbersbach & simon 1922.

Ein gelungener Einstieg in das Leben und Schaffen einer grossartigen, melancholischen, tiefgründigen, vielschichtigen Schriftstellerin. Simone Frieling beschreibt mit vielen Tagebucheinträgen, Briefen und Zitaten Plaths Beziehung zu ihren Eltern, die komplizierte Beziehung zu ihrem Ehemann Ted Hughes wie auch ihre immer wiederkehrenden Zweifel und inneren Konflikte.

Gedankensplitter: Die eigene Haltung ergründen

«Es hiess…. sie sei ein gefallenes Mädchen… Von gefallenen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.» Emmy Hennings

Hat sich wirklich so viel verändert? Wenn zwei dasselbe tun, ist es wirklich dasselbe im Auge der Gesellschaft? Sind nicht noch immer die Frauen die Beäugten in einer von Männern definierten und von vielen (auch Frauen) weiter verteidigten Welt? Und immer wieder schauen wir weg, weil das Hinschauen die Forderung stellte, aufzubegehren. Und wir fragen uns: Was bedeutet das für uns? So hier und heute? Es ist einfacher, gegen die heute definierten Täter der Vergangenheit zu richten und sich gegen sie zu stellen. Im Hier und Jetzt gehen wir oft den Weg der Norm, den der Anpassung, weil wir denken, keine Wahl zu haben. Die Wahl haben wir wohl, nur gefallen uns die Konsequenzen oft nicht. Und dann sagen wir, dass wir nicht konnten, aber schon gewollt hätten. 

Kann man es verübeln? Muss man es? Ist es feige? Oder einfach lebenspraktisch? Das sind alles Wertungen, die von aussen draufgestülpt werden. Ich glaube, der erste Schritt wäre das Eingeständnis: Ich hätte gekonnt, hatte aber zu viele persönliche Gründe, die mich hinderten. Wenn diese Ehrlichkeit schon mal da wäre, wäre ein zweiter Schritt viel einfacher: Sich anders zu entscheiden, weil ja ganz viele sich eingestehen würden, dass sie eine Wahl hätten. Und ehrlich würden. Und damit vielleicht auch gemeinsam einstehen würden, so dass die Konsequenzen teilweise wegfielen. 

Eine Utopie? Ein Weg?

Gedankensplitter: Die Würde der eigenen Wahl

«Die Würde des Menschen liegt in seiner Wahl» Max Frisch.»

Man meint es ja immer nur gut. Man verschweigt was, weil man denkt, der andere könnte damit nicht umgehen. Man handelt hinter seinem Rücken und fühlt sich gut, weil man das Richtige tut. Aus der eigenen Sicht und für den anderen. Man merkt oft nicht, welche Überheblichkeit in dem «gut meinen» steckt, zu sehr ist man vom eigenen Urteil, von der eigenen Einschätzung überzeugt. Und genau darin liegt sie, die Überheblichkeit. Man nimmt damit dem anderen die Wahl, selbst zu entscheiden, wie er mit etwas umgehen will und kann, da er gar nicht weiss, dass er eine hatte. Er wusste nichts. Von allem. Er wurde übergangen, aussenvorgelassen. Man traute ihm nicht zu, selbst einen Weg zu finden. Man traute ihm zu wenig zu, hielt ihn damit klein. So klein, wie er vielleicht gar nicht wäre, würde man ihn einbeziehen.

Wie oft habe ich schon selbst erlebt, dass ich in Situationen kam, von denen ich vorher dachte, sie nicht bewältigen zu können. Und dann traf etwas ein, ich war mittendrin und ich musste. Und es ging. Emmy Hennings sagte so schön:

«Es geht ja immer, wenn auch manchmal schief.»

Auch das darf sein. Würdevoll einen Irrweg zu beschreiten ist immer noch besser, als entwürdigt zu sein. Das ist auch ein Aufruf an einen selbst: Nicht das Ruder aus der Hand geben. Irrwege heissen nicht, dass man gescheitert ist. Ein Fehler ist kein Niedergang. Das Leben hat Höhen und Tiefen. Und wir bewältigen sie. Nicht dass wir sie uns wünschen. Aber: Wie bewältigen sie. Wenn man uns lässt.

Gedankensplitter: Zur Freiheit verdammt

«Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.» Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoirs Satz wurde oft zitiert – und sehr oft falsch. Dann lautete er wie folgt:

«Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.»

Es sind nur zwei Worte, doch sie implizieren viel. Man betont durch sie die soziale Komponente des Frauseins, der Rollenzuschreibung Frau. So gesehen kommt man zur Welt und wird dann in die Mangel der Gesellschaft genommen wird, welche einen zu dem formt, was man in dieser Gesellschaft als Frau versteht. Die Frau als solche ist damit ein Opfer, das Opfer der bestimmenden Kräfte einer Gesellschaft, welche ihr durch die soziale Prägung eine Rolle zuschreibt.

Der Satz ist nicht nur falsch zitiert, so formuliert widerspricht er auch dem Grundgedanken des Existenzialismus. Im Existenzialismus gibt es zwei wichtige Kerngedanken: Den der Freiheit und den der Verantwortung. Beide wären ausgesetzt, würde man Simone de Beauvoirs Satz so verstehen, wie die falsche Übersetzung oft verstanden wird. Die Frau als Opfer wäre weder frei noch trüge sie die Verantwortung für ihr sein. Dass Simone de Beauvoir das so nicht gemeint haben kann, liegt meines Erachtens auf der Hand. Was also meinte sie wirklich?

Folgt man dem Existenzialismus, haben wir folgende Ausgangslage: Der Mensch wird in eine Welt geworfen, die er sich nicht selbst ausgesucht hat. Diese Welt bestimmt seinen Rahmen, sie bietet ihm die dieser Welt inhärenten Möglichkeiten. Es ist nun am Menschen, diese Möglichkeiten zu nutzen und sich das Leben zu gestalten, das er sich für sich selbst wünscht. Dadurch, dass es diesen Rahmen gibt, wird nie alles für jeden möglich sein. Doch bei dem, was möglich ist, hat er die Wahl. Er hat die Freiheit, sich zu entscheiden – er muss es sogar. Nun kann man einwenden, dass niemand ganz frei ist und wir alle von verschiedenen Prägungen gesteuert werden, die uns unbewusst handeln lassen. Das ist sicherlich richtig, doch ist es durchaus möglich, diesen Prägungen auf die Schliche zu kommen und sie zu umgehen. Nicht dass das leicht wäre in jedem Fall, aber doch möglich.

Dies im Hinterkopf nochmals auf das Zitat geschaut, bietet sich nun folgende Interpretation: Man wird nicht zur Frau geboren, sondern man wird es – weil man sich selbst für diesen Weg entscheidet. Die Frau ist nicht das Opfer der Gesellschaft, sondern sie selbst wählt, in das von dieser gezeichnete Frauenbild zu passen – oder eben nicht. Nun ist es durchaus so, dass dieses Frauenbild problematisch sein kann. Zudem wird es sich auch nicht einfach verändern, nur weil sich eine Frau entscheidet, sich dem Bild zu widersetzen und eigene Wege für sich zu finden. Die Gesellschaft (was immer einzelne Menschen sind im individuellen Fall) ist in der Lage, Steine in den Weg zu legen, Druckmittel bereitzuhalten, das Leben zu erschweren, folgt der Mensch nicht der ihm zugesprochenen Vorbestimmung. Will man daran etwas verändern, kann das nur gelingen, wenn der Mensch einsieht, dass er die Wahl hat, dass er nicht einfach Opfer ist, sondern ein selbstbestimmtes Wesen mit der Verantwortung dafür, was er ist und tut. Und: keiner kann eine Veränderung des Systems allein bewirken.

Um die Gesellschaft zu verändern, braucht es viele. Es braucht das Bewusstsein, dass Muster und Rollenzuschreibungen nur verändert werden können, wenn sich die davon Betroffenen zusammentun und dafür einstehen, dass jeder ein Recht auf Selbstverwirklichung hat – in dem Sinne, sein zu dürfen, wer er ist. Mit den Worten Simone de Beauvoirs:

«Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.» Simone de Beauvoir

Mein Leben – meine Wahl

*Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.» Epiktet

«Was macht das mit dir?» Es gibt kaum einen Satz, der mich immer, wenn ich ihn höre, dermassen nervt. Er impliziert, dass ich das arme kleine Opfer meines Lebens bin und dieses Leben kommt und etwas mit mir macht. Ich muss es still erdulden, habe keine Wahl. Nein! Es ist mein Leben, ich habe eine Wahl.

«Von allem, was existiert, hat Gott einen Teil in unsere Verfügungsgewalt gegeben, den anderen Teil nicht. In unserer Macht steht das Schönste und Wichtigste: der Gebrauch unserer Eindrücke und Vorstellungen.»

Das Leben mag sein, wie es will, ich habe nicht alles in meiner Hand. Leider. Zum Glück vielleicht auch, denn die Konsequenzen, wenn jeder alles in der Hand hätte, wären irgendwie gruselig. Was ich in der Hand habe, ist, was ich daraus mache. Nicht das Leben macht etwas mit mir, ich mache etwas mit meinem Leben. Der erste Schritt dabei ist, dass ich das, was im Leben passiert, interpretiere und bewerte. Aus dieser Interpretation und Bewertung speisen sich dann meine Gefühle, meine Haltung. Finde ich es gut, sehe ich mich als glücklichen Menschen, finde ich es schlecht, als Pechvogel. Aus dieser Einordnung leitet sich meine Stimmung ab. Ist sie gut, empfinde ich die Welt als hell, andernfalls versinke ich in der gefühlten Düsterheit der Welt.

«Nicht wie die Dinge wirklich sind, sondern wie sie in unserer Einstellung und Vorstellung sind, macht uns zufrieden oder unzufrieden.»

So gedacht kann das Leben also nichts mit mir machen. Ich habe die Wahl. Das wird nicht dazu führen, dass es plötzlich nur noch bunte Konfetti vom Himmel regnet und alles ein riesiges Fest wird, aber nur schon das Gefühl, nicht der Spielball sondern der Steuermann meines Lebens zu sein, hilft, mich doch besser zu fühlen. Und wer weiss, vielleicht hat Rilke ja recht, wenn er sagt:

«Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.»

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Ich sein

«Die Person zu werden, die jemand anders sich für uns ausgedacht hat, ist keine Freiheit – sondern eine Hypothek auf das eigene Leben, mit der die Ängste anderer abgetragen werden. Wenn wir uns nicht wenigstens vorstellen können, frei zu sein, so führen wir ein Leben, das nicht das richtige ist.» Deborah Levy

«Das gehört sich nicht.» Oder:  «Das macht man nicht.» Sätze, die viele wohl aus der Kindheit kennen. Leider bleiben sie oft nicht dort, sondern laufen durch die Jahre mit, schleichen sich in die Gegenwart ein, sitzen im Hinterkopf und kommen hervor, wann es ihnen passt. Sie erklären uns als Stimme aus dem Off, wie das Leben zu laufen habe, wie die Gesellschaft einen haben wolle, was angemessenes Verhalten wäre und was nicht. Sie erzählen uns von passendem und unpassendem Tun und Sein, schelten unsere Mängel und fordern Besserung.

«Sei mal normal!»

Ein Satz, den ich als Kind oft hörte. Ich war es offensichtlich nicht. Was soll das auch sein, normal? Wer setzt es fest? Diese Fragen stelle ich mir heute, damals kamen sie mir nicht in den Sinn, denn da überstrahlte die Trauer, nicht zu genügen, alles. Kinder wachsen in eine Welt hinein, in der sie aber genau das sollen: genügen. In Tabellen wird festgelegt, wann sie was können müssen, wie grosse und schwer sie zu sein haben, wie weit sie zählen, wie hoch sie springen und wie schnell sie laufen können sollten, um zu genügen. Die einzelnen Resultate werden dann in weiteren Tabellen festgehalten, in Zeugnissen als Bewertung notiert, damit anderen die Einordnung leichter falle.

Einerseits waren da die Noten für Mathe, Deutsch und Sport, und ja, sie waren schlimm genug. Aber es ging noch schlimmer: die Bewertung bei «Betragen». Von ‘sehr gut’ bis ‘ungenügend’ führte die Treppe nach unten. Sie zeigte den eigenen Stand in dieser Gesellschaft deutlich. Bei den anderen Noten war man vielleicht dumm, aber immer noch ein guter Mensch, ungenügendes Betragen hingegen war der Todesstoss. Da stand dann schwarz auf weiss:

«Du bist nicht gut genug.»

Ein Satz, der lange nachhallt, teilweise ein Leben lang. Ein Satz, der wie ein Messer zusticht und sich immer mal wieder in der Wunde dreht. Ein Satz wie ein Mal, ein Mahnmal, das dich immer wieder zur Vorsicht aufruft: «Pass bloss auf, dass keiner merkt, dass du nicht genügst». Ein Satz, der bremst («Es wird eh nicht gut sein, was ich mache.»), der untergräbt («Das war nur Glück, dass mir etwas gelang.») und verurteilt («Kein Wunder, gelingt das nicht, ich bin einfach nicht gut genug.»).

Doch was sagt der Satz eigentlich aus? Doch nur, dass man den Anforderungen des Umfeldes, in dem man sich befindet, nicht entspricht. Man hat sich diesen Anforderungen nicht einfach untergeordnet, sondern ist ausgebrochen. Man hat sich nicht einfach unterworfen, sondern hatte etwas entgegenzusetzen. Sich selbst. Ich will damit nicht sagen, dass es keine Regeln mehr geben und keiner die vorhandenen achten soll. Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass gegenseitige Rücksichtnahme und ein achtsames Miteinander wichtig und richtig sind für ein friedliches Zusammenleben und das Funktionieren von Gemeinschaften. Nur sollten diese Regeln so sein, dass sie den Mitgliedern der Gemeinschaft entsprechen, indem sie diese als Individuen mit Eigenheiten und Besonderheiten annehmen und sie nicht nach von aussen angelegten Massstäben passend zu machen versuchen.

Wo dies nicht der Fall ist, stellt sich vielleicht die Frage, ob man nicht, statt sich selbst zu verbiegen und doch zu hören und zu fühlen, dass man nicht genügt, das Umfeld wechseln könnte. Ob man sich nicht ein Umfeld suchen sollte, in dem eigene Bedürfnisse und äussere Anforderungen und Angebote besser übereinstimmen.

Gedankensplitter: Träume leben lassen

«Es ist unheimlich schwer, die eigenen Wünsche durchzusetzen, und so viel unanstrengender, sich darüber lustig zu machen.» Deborah Levy

Als Simone de Beauvoir ein Mädchen war, wusste sie genau, was sie vom Leben wollte: Sie wollte schreiben, wollte lesen, wollte frei sein. Sie hat alles darangesetzt, dieses Ziel zu erreichen, nichts und niemandem wollte sie sich unterordnen. Sie hat ihr Leben genau so gelebt, wie sie sich dies erträumte. Ganz nach dem Motto:

«Ich möchte vom Leben alles.»

Ich glaube, jeder hat im Leben Träume, jeder wünscht sich eine Zukunft nach seiner Vorstellung. Er (sie) träumt vom Schreiben, Malen, vom Leben in der Ferne, als Zugchauffeur, Stewardesse, Pilot oder Model. Meist wird einem die Erfüllung dieser Träume nicht auf dem Silbertablett serviert, es braucht viel Anstrengung – und Mut. Eierseits ist da all die Arbeit, die in die Erfüllung investiert werden muss, andererseits der Kampf gegen Widerstände. Und nicht selten wiegt der fast schwerer.

Beschwingt von den eigenen Träumen und Plänen erzählt man anderen und stösst auf Reaktionen, die auf einer Skala von skeptisch bis erheitert reichen. Sich davon nicht verunsichern zu lassen, an den eigenen Träumen festzuhalten und an ihrer Erfüllung zu arbeiten, fällt schwer. Umso schwerer, weil wir vieles, was uns von aussen entgegenschlägt, schon von unseren inneren Stimmen kennen, die gegen die (wie wir uns sagen) hochtrabenden Wünsche wettern. Die Reaktionen von aussen fallen also auf einen fruchtbaren Boden, sie können sich da festsetzen und wachsen, stärker werden und so unsere Träume im Keim ersticken. Und wenn sie dann wieder einmal lachen über uns und unsere Ambitionen, lachen wir mit ihnen mit. Wir wollen unser Gesicht  wahren und bestätigen, dass wir natürlich wissen, dass das alles Flausen sind, dass wir natürlich nicht so vermessen oder gar dumm sind, an sowas zu glauben.

Und tief in uns drin stirbt leise ein Traum – und damit ein Stück von uns selbst.

Gedankensplitter: Zeig mir, wer ich bin

«Meine eigene Identität ist elementar abhängig von dialogischen Beziehungen zu anderen.» Charles Taylor

Wer bin ich? Was macht mich aus? Oft hört man in Bezug auf die Selbsterkenntnis, man solle in sich gehen, um in der Stille herauszufinden, wer man wirklich ist, was einen im Kern ausmacht. Das setzt in meinen Augen zu spät ein: Wirklich erfahren, wirklich erleben kann ich mich nur im Umgang mit anderen. Erst durch meinen Austausch mit anderen Menschen komme ich mir selbst auf die Spur, durch ihre Reaktion auf mich, aber auch durch meine auf sie.

Diese Begegnungen dann in einem stillen Moment mit mir selbst zu «besprechen», in einem inneren Dialog herauszufinden, was diese Erlebnisse über mich sagen, ist wertvoll und wichtig, vor allem dann, wenn ich merke, dass ich mich immer mal wieder verrenne, in Muster verfalle, die mir nicht gefallen oder gar nicht guttun.  

Hannah Arendt beschreibt den Menschen als sprachliches Wesen, das als Faden im Gewebe sich in das menschliche Miteinander und damit die Welt einwebt. Menschsein heisst, dazugehören. Dies ist auch die tiefe Sehnsucht des Menschen: Als Ich und somit Ganzes ein Teil eines grösseren Ganzen zu sein. Dies ist problematisch in einer Zeit, in der sich Menschen immer mehr zuhause einschliessen und sich hinter dem eigenen Computer verschanzen, wo sie sich zwar als Teil einer virtuellen Gemeinschaft sehen, dabei oft verkennen, dass diese  ein mehrheitlich ideelles Konstrukt ist. Ein wirklicher Dialog kommt selten zustande, zumal die homogen gestalteten Begegnungsräume einen solchen obsolet machen, das zu Sagende fügt sich nahtlos in den Einheitsbrei geteilter Meinungen ein.

Sylvia Plath sagte

«Geh raus und tue etwas. Nicht dein Zimmer ist dein Gefängnis, du bist es.»

Wollen wir uns also auf die Spur kommen, müssen wir in Beziehung treten. Erst wenn wir uns zeigen, können wir uns selbst wirklich sehen.

Uwe Timm: Von Anfang und Ende

Über die Lesbarkeit der Welt

«Am Anfang ist die Lust der Tat, das Beginnen ins Offene – das Ende hat, gerade in seiner gelungenen Geschlossenheit, etwas von jener ‘traurigen Klarheit, in der wir die Welt aus der Distanz sehen, ‘wie mattblaue, starr gewordene Wolken’.»

Wo fängt ein Schriftsteller an, wo hört er auf, wie schuf Gott die Welt und wann war sie wirklich gut? Wann ist ein Buch gut und womit hadert der Schriftsteller bis zum schlussendlichen Gefühl, dass es nun gut sei?

„Welches ist das rechte, das wahre Wort? Und wie und wann kann er von dem Geschriebenen, seinem Werk sagen: „Es ist gut?“

Von der Idee zum Schreiben, vom Hadern mit dem Text, vom Neuschreiben und Umschreiben, von all dem erzählt Uwe Timm in diesem Buch und gibt Einblicke in die Schreibprozesse seiner Bücher.

Ich weiss nicht, ob es allen schreibenden Menschen so geht, dass sie sich für die Schreibprozesse anderer interessieren. Ist es die Selbstvergewisserung des eigenen Tuns und dass man damit nicht allein ist? Ist es die Suche nach den Möglichkeiten des Tuns, die es neben dem eigenen auch gäbe? Ist es die professionelle Neugier, die hofft, für sich selbst etwas zu finden, das eigene Tun zu verbessern – in welcher Form auch immer? Oder ist es schlicht blosse Neugier, der Blick durch die Gardinen in fremde Welten?

Das Thema „Schreibprozesse“ begleitet mich schon eine Weile, in meiner Masterarbeit untersuchte ich den Thomas Manns (und in dem Zusammenhang auch vieler anderer), seine Faszination dafür brach nie ab. Die Reihe der Frankfurter Poetikvorlesungen, in deren Rahmen dieses Buch entstanden ist, ist für mich deswegen eine wahre Fundgrube zum Stillen meiner Neugier.