Eine Geschichte: Nun ist alles gut (XXXVII)

Lieber Papa

Kürzlich las ich ein Buch von Paul Auster. Darin schrieb er diesen Satz:

„…weil du immer geglaubt hast, er würde ein hohes Alter erreichen, hat es dich nie gedrängt, den zeitlebens zwischen euch hängenden Nebel zu lichten.“

Ich dachte an dich. An uns. Wir haben auch geschwiegen. Sassen im Nebel und sahen nicht hindurch. Wir dachten wohl nicht, uns bliebe noch Zeit. Das Schweigen war unsere Heimat, der vertraute Ort, an dem wir uns immer trafen.

Die Sprachlosigkeit war ein eingeübtes Verhalten, ein antrainiertes, vereinbartes Miteinander. Sie entsprach nicht meinem Naturell. Ich musste sie annehmen. Akzeptieren. Anwenden. Sie wurde aus der Erfahrung geboren, dass du keine Worte hören willst. Zumindest keine Widerworte. Oder unangenehmen Worte. Oder unbequemen Worte. All die hatten auszubleiben. Versuchte ich es anfangs noch, gab ich bald auf.

„Heute reden alle ständig und zu viel. Darum gibt es so viel Streit.“

So dachtest du. Und schwiegst. Ich wollte keinen Streit. Nicht zwischen uns. Früher nicht, jetzt erst recht nicht. Wenn ich doch ab und zu wieder einen Versuch unternahm, etwas Schwieriges ansprach, etwas erwähnen und besprechen wollte, das nicht gut gelaufen war, kam die immer gleiche Antwort von dir:

„Wir hatten es gut.“

Und:

„Alles war schön.“

Damit war alles gesagt. Das Thema war beendet, bevor ich es richtig angesprochen hatte.

Nun konnte ich nicht mehr schweigen. Ich schrieb dir all diese Briefe. Und immer wieder fragte ich mich, ob es richtig ist. Was bringt es, dir nun noch sagen zu wollen, dass es eben für mich nicht nur gut und schön war? Wieso soll ich dir deine Sicht nehmen? Aber ja, manchmal frage ich mich auch, ob du das wirklich glaubst. Dass alles gut war. Ich kann es kaum glauben. War das nicht nur dein Schutzschild, um nicht hinschauen zu müssen? Vielleicht sogar Fehler zugeben zu müssen?

Und dann denke ich wieder: Was soll’s. Es ist vorbei. Es war, wie es war. Und nun ist es gut.

Ende Teil 1

(„Alles aus Liebe“, XXXVII)

Kreatives: Neue (alte) Wege gehen

„Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann.» Henri Matisse

Geistesarbeiter und Literaten, in diese Reihen habe ich mich über lange Zeit eingeordnet und bin als solche auch aufgetreten. Ab und zu kam etwas anderes hoch, was ich aber nach kurzer Zeit wieder ignorierte. 

«Ich fand heraus, dass ich mit Farben und Formen Dinge ausdrücken konnte, die ich auf andere Weise nicht sagen konnte – Dinge, für die ich keine Worte hatte.» Georgia O’Keeffe

Und da sass ich plötzlich. Die Worte schienen mir ausgegangen. Das ist mir schon ein einige Male passiert und immer wandte ich mich den Farben und Formen zu, blühte darin auf. 

Bis ich alles wieder abstellte, in den Keller verbannte, weil ich mir selbst nicht traute und die alten Glaubenssätze «du bist nicht gut genug», «was werden auch die anderen denken», und dergleichen mehr als Mantras nutzte, die mich behinderten. Ich hoffe, ich kann die Hürde dieses Mal überwinden. 

«Ein Bild soll für mich immer dekorativ sein. Wenn ich arbeite, versuche ich nie zu denken, nur zu fühlen.» Henri Matisse

Es wird hier einen Wechsel geben, der nicht allen zusagt. Ich habe lange überlegt, ob ich eine neue Seite eröffnen soll, mich aber dagegen entschieden nun. Dann müsste ich zwei führen und das kann ich nicht. So freue ich mich über jeden von euch, der bleibt. Den anderen danke ich für die gemeinsame Zeit. 

Meine Geschichte wird noch bis am 31. Dezember weiterlaufen, mit dem alten Jahr nimmt auch sie ein Ende. Ich werde schon bis dahin dann und über Kunst und Kreativität schreiben. Mal sehen, wohin die Reise führt und wer sie begleitet. Sollte sich jemand von der Mailliste austragen wollen, bitte keine Mail oder Kommentare schreiben, weil ich das nicht machen kann. Bei WordPress kann man in der Verwaltung der eigenen Einstellungen die abonnierten Blogs anpassen.

Habt einen guten Tag!

Eine Geschichte: Weiterleben (XXXVI)

Lieber Papa

Kürzlich las ich in einem Buch dieses Zitat:

«Ich war so traurig an diesem Abend; ich begriff mit einer Klarheit, wie nur zu wenigen anderen Zeiten meines Lebens, dass die Isolation meiner Kindheit, die Angst und die Einsamkeit, mich nie ganz loslassen würden. Meine Kindheit war ein einziger Lockdown gewesen.»
Elizabeth Strout

Weisst du, wie einsam ich mich oft fühlte als Kind? Von klein an? Immer jemandem im Weg. Immer von jemandem nicht gewollt. Da gab es diesen Tag, als Mama mir sagte:

«Ich weiss, dass Papa dich lieber hat als mich.»

Das kam aus dem Nichts. Es war eine einzige Anklage. Ich stand da. Wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte. Wie mir geschieht. Ich fühlte mich schuldig. Und traurig. Und allein. Ich hatte ihr etwas weggenommen. War das der Grund, dass sie mir gegenüber immer so distanziert war? Konnte sie mich drum nicht lieben? Weil ich ihre Feindin war? Nahm sie mich darum nie in den Arm? Fühlte sich darum alles, was sie tat, an, als erfülle sie eine Pflicht? Ich meine: Äusserlich ging es mir immer gut. Ich war warm angezogen, hatte zu essen, sie «kümmerte sich». Sie war eine Kümmermutter, keine liebende.

Vielleicht war das die gerechte Strafe für mich. Mich konnte man nicht lieben. Weil ich böse war. Ich stahl anderen die Liebe. Ich hatte keine Ahnung, aber ich versuchte, alles wieder gut zu machen. Ich wollte, dass sie glücklich ist. Und ich wollte, dass sie mich liebt. Ich versuchte, mich von dir fernzuhalten. Das war schwer, denn du warst alles, was ich hatte. Du warst der einzige, bei dem ich dachte, er wolle etwas mit mir machen. Und ich war gerne mit dir zusammen. Ich habe die Aussage nie mehr vergessen. Von da an fühlte ich mich immer zwischen den Stühlen. Ich wusste nicht, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Erinnerst du dich? Wir fuhren zusammen zum Einkaufen. Mama und ich hatten mal wieder Streit gehabt. Keine Ahnung, weswegen. Du hast mir diesen Streit übelgenommen. In deinen Augen war ich dafür verantwortlich. Das war ich immer, wenn irgendwo etwas nicht gut lief. Das war immer nur so, weil ich war, wie ich war.

Ich erinnere mich so gut an alles. Du warfst mir an den Kopf, dass Mama wunderbar sei, dass sie alles für mich mache. Du schimpftest mich undankbar. Ich müsse mich ändern, weil es so nicht weitergehen könne. Und dann sagtest du diesen Satz, der mein ganzes Leben mit einem Schlag in Frage stellte:

«Deine Mutter ist mir das Wichtigste. Wenn du nicht endlich mit ihr klarkommst, kannst du gehen. Dann will ich dich nicht mehr hier haben.»

Kein Schlag, keine Ohrfeige hätte mich mehr treffen können.

Das war der Tag, an dem ich gefühlt alles verloren habe und keinen Sinn mehr sah im Leben. An diesem Abend sammelte ich alle Schlaf- und Schmerzmittel zusammen, die ich im Haus finden konnte. Es waren viele. Ich schluckte sie. Es sollte endlich alles vorbei sein. Ich schlief ein.

Erst viele Stunden später und mit viel Anstrengung habt ihr mich wieder einigermassen wach gekriegt. Mir war übel. Ich stand neben mir. Alles drehte sich. Die Beine wollten mich nicht mehr tragen. Aber ich lebte. Leider. Nur in mir war etwas gestorben.

(«Alles aus Liebe», XXXVI)

Gedankensplitter: Blumen überall

«There are always flowers for those who want to see them.» Henri Matisse

Gestern kam der Schnee und hüllte die Welt in eine märchenhafte Stille. Wo vorher noch Farben und Lärm und Unruhe war, breitete sich eine alles überdeckende Ruhe ein. Durch die Fenster sah ich die Schneeflocken tanzen, die Lichter verwandelten sie in funkelende Sterne, die vom Himmel fielen. Hätte ich nicht gewusst, dass ich später noch heimfahren muss mit dem Auto, hätte ich es noch viel mehr genossen. 

Als ich heute Morgen aufwachte, schaute ich in eine tief verschneite Winterlandschaft. Und selbst wenn ich den Winter nicht wirklich mag, weil er mir zu kalt ist, so verzaubern mich diese Momente doch immer wieder aufs Neue. 

Blumen sieht man draussen keine mehr, zum Glück steht bei mir zu Hause ein wunderbarer Blumenstrauss in den buntesten Herbstfarben, so dass mein Leben doch bunt bleibt. Vielleicht ist es ja immer so: Wenn man das Leben farbig will, muss man selbst zur Farbe greifen. 

Habt einen schönen Tag!

Eine Geschichte: Hoffnung (XXXV)

Lieber Papa

Nun war ich also im Krankenhaus. Du warst gegangen. Ich war allein. Und fühlte mich unsicher, aber voller Hoffnung. Ich hoffte, dass sie mir einen Schlüssel aus meinem Gefängnis geben könnten. Dass sie einen Weg kennen, der hinausführt. In die Freiheit. Wie falsch ich doch lag.

„Sie sind bei uns auf der medizinischen Abteilung. Wir kennen uns leider mit Ihrer Thematik nicht aus.“

Mit diesen Worten begrüssten sie mich und fuhren fort:

„Auf der Kinderabteilung hätten sie wohl mehr Erfahrung, doch die sind voll belegt.“

Sie erzählten noch etwas davon, dass sie etwas versuchen wollen, guten Mutes seien und notfalls in der Kinderabteilung nachfragen würden. Und ich wäre am liebsten rausgerannt. Dann führten sie mich durch einen langen Gang. Durch die offenen Türen hörte ich Menschen husten und stöhnen. Auf dem Gang schoben alte Männer mit offenen Hemden ihren Rollator spazieren. Ich fühlte mich im falschen Film.

Sie wählten die Methode Zuckerbrot und Peitsche. Ich hatte ein Einzelzimmer, Fernsehen, Bücher, Telefon, Radio, Besuch, Essen à la carte und Freigang. Nahm ich brav zu, blieb alles, wie es war, tat ich es nicht, strich man etwas von diesem Angebot. Zuerst den Freigang. Dann den Besuch. Dann das Telefon. Die Bücher. Den Fernseher. Und so sass ich irgendwann allein und ohne nichts in meinem Bett. Mit Magensonde. Eigentlich hätte ich nun spätestens zunehmen müssen. Eigentlich. Aber: Ich hatte gelernt, die Sonde selbst rauszuziehen und wieder reinzuschieben. Ich kam mir so clever vor, dabei beschiss ich mich nur selbst. Sie standen mit Fragezeichen da, ich sass weiter in diesem neuen Gefängnis fest. Irgendwann merkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich nahm bis zu einem Mindestgewicht zu, dass ich mein Telefon wieder bekam. Dann rief ich dich an – erinnerst du dich?

„Papa, hol mich hier raus.“

Es war so schön, deine Stimme zu hören. In ihr lag eine Mischung aus Freude und Erstaunen. So stelle ich mir das vor, ich erinnere mich nicht. Ich weiss nur, dass du fragtest

„Wieso, entlassen sie dich?“

„Nein, aber ich halte das hier nicht mehr aus.“

Du warst nicht begeistert. Ich solle Geduld haben. Sagtest du. Ich müsse ganz gesund werden. Fandest du. Es sei zu früh. Befürchtetest du.

„Ich bin zwar schwerer als beim Eintritt, aber im Kopf geht es mir schlechter. Bitte Papa. Ich schaffe es zu Hause. Ich verspreche es!“

Du hast mir geglaubt. Und du kamst. Und hast dich eingesetzt. Für mich. Du sprachst mit den Ärzten. Sie drohten. Sie malten tausend Teufel an die Wand. Du bliebst stark. Für mich. Und du nahmst mich mit nach Hause.

Auf alle Fälle war ich wieder zu Hause. Und das war gut. Nicht, dass es einfach gewesen wäre. Ich habe mit Verstand und Logik versucht, diese Krankheit zu überwinden. Ich rechnete, plante und organisierte. Essen war dominant. Aber ich nahm nicht mehr ab. Und irgendwann sogar zu. Der Essensplan, den ich mir aufstellte, war rein auf meine Gelüste und Vorlieben ausgerichtet. Gesund war das sicher nicht. Sicher gesünder als verhungern. Du hast mich unterstützt. Du hast mich alles ausprobieren lassen. Erinnerst du dich, wie wir regelmässig ganze Früchtekuchen beim Bäcker holten, die ich dann nach ausgeklügeltem Zeit-Plan ass? Oder wie ich Diäten umkrempelte, weil ich dachte, was zum kontrollierten Abnehmen hilft, müsste auch umgekehrt gehen. Die Kontrolle war wichtig. Die konnte ich nicht loslassen. Aber es ging. Irgendwie. Immerhin hatte ich irgendwann wieder ein Gewicht, das nicht mehr besorgniserregend war.

Papa, ich schreibe dir das und ich weine dabei. Ich denke an dich und wie oft du für mich gekämpft hast. Für mich da warst. Dich für mich eingesetzt hast. Du. Immer du. Du warst mein Fels. Mein Alles. Der starke Papa, auf den ich bauen konnte.

(«Alles aus Liebe», XXXV)

Über Kunst: Eintauchen

Guten Morgen

«Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters.» Khalil Gibran

An grauen Tagen müssen es einfach ein paar Blumen sein – für mehr Farbe im Leben. Im Moment schweigen die Worte bei mir, die Lust an ihnen scheint im Winterschlaf. Die Welt der Farben und Formen scheint mir die tröstlichere, sie erscheint mir wie ein wärmender Ort, an den ich zurückkehren kann. Von hier aus träume ich mir die Welt bunt und niste mich in ihr ein. 

Picasso sagte einst, Kunst wasche den Staub des Alltags von der Seele. Das empfinde ich beim Malen und Zeichnen, aber auch, wenn ich mich mit Kunst beschäftige. Kunst bedingt ein Einlassen. Beim einfachen Vorbeistreifen kommt man über ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ nicht hinaus und verpasst dabei so viel. Man verpasst es, neue Sichten auf die Welt kennenzulernen, aber auch, die eigene zu erkennen.

Das nächste Jahr wird für mich der Kunst gewidmet sein in all den Formen, die sie für mich annehmen kann und wird. Ich freue mich, wenn ihr mich auch auf diesem Weg begleitet.

Habt einen schönen Tag!

Eine Geschichte: Tiefpunkt (XXXIV)

Lieber Papa

Irgendwann hatte ich es geschafft. Ich hatte das Gewicht erreicht, das ich erreichen wollte. War ich zufrieden? Ich weiss es nicht mehr. An einem Abend ging ich zu einer Klassenfete. Ich tanzte den ganzen Abend. Als ich am nächsten Morgen auf die Waage stieg, hatte ich ein Kilo weniger. Das war zwar keine Absicht gewesen, doch es fühlte sich gut an. Ich wollte das Gewicht so halten. Die Angst, wieder zuzunehmen, war gross. Deshalb ass ich noch weniger. Und nahm noch mehr ab. Und wieder fühlte es sich gut an. Ein neues Gewicht, das ich halten wollte und deswegen noch weniger ass. Die Komplimente, die ich für meine schlanke Figur bekam, stachelten mich an. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, war grossartig. Ich fühlte mich so gut. Endlich war ich einmal gut genug. Die Spirale begann, zu drehen. Die Angst vor dem Zunehmen liess mich immer dünner werden. Zu den Komplimenten gesellten sich besorgte Stimmen. Ich brachte sie zum Schweigen.

Tief drin wusste ich, dass ich auf keinem guten Weg war. Nur: Ich konnte ihn nicht verlassen. Ein Teil von mir steuerte ins Unglück, der andere schaute hilflos zu. Da war etwas in mir, das sich wie ein Geschwür ausbreitete. Es nahm alles in Beschlag: Gefühle, Gedanken, Handlungen. Ich sass in einem Gefängnis. Niemand hatte einen Schlüssel. Keiner bewachte die Tür. Und doch gab es kein Entkommen.

Am Schluss bestand mein Ernährungsplan aus Gurke und Hagebuttentee. Dann strich ich die Gurke. Schliesslich reduzierte ich den Tee, weil sich der Bauch danach wölbte. Erinnerst du dich noch an den Sommer, als wir zu einem Alpfest gingen? Es waren 28 Grad und ich fror. Und ich war müde. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Mehr war da wohl auch nicht mehr.

Kurz darauf ging ich zu unserem Hausarzt und sagte zu ihm:

„Ich kann nicht mehr. Ich komm da nicht mehr raus. Helfen Sie mir. Ich will ins Krankenhaus.“

Er hat mich eingewiesen. Du hast mich hingefahren. Bliebst bei mir, bis sie dich wegschickten. Der Abschied hat uns beiden wehgetan. Weisst du noch? Ich sah es in deinem Blick. Und doch: Wir waren voller Hoffnung. Jetzt würde alles gut.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Gedankensplitter: Das Leben als Fest

«Ich weiss, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest.» Paula Becker

Das schreibt Paula Becker mit gerade mal zwanzig Jahren. Ist es eine Ahnung auf ein wirklich kurzes Leben? Anzeichen dafür kann sie keine gehabt haben. Oder ist es eine Lebensphilosophie? Ähnlich wie Rilke, sie ist mit ihm befreundet, sagt:

«Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.»

Was machte Paulas Leben zu diesem Fest? Ich denke, es war ihr unbeirrtes Einstehen für sich und ihre Kunst. Es war ihre Leidenschaft und die Bereitschaft, alles in Kauf zu nehmen, wenn sie dieser nur Raum geben konnte.

«Ich sehe, dass meine Ziele sich mehr und mehr von den Euren entfernen werden, dass Ihr sie weniger und weniger billigen werdet. Und trotz alledem muss ich ihnen folgen… Ich strebe vorwärts, gerade so gut als ihr, aber in meinem Geist und in meiner Haut und nach meinem Dafürhalten.» Paula Becker

Sich freimachen vom Gefallen-Wollen. Das war wohl schon immer ein Thema, vor allem für Frauen, es ist es aber in der heutigen Zeit wohl noch mehr mit all den Sozialen Medien, in denen es auf Klicks ankommt, die darüber bestimmen, ob man akzeptiert und dazugehörend sei oder eben nicht. Vielleicht ist es da aber wie bei der Lebensdauer: Nicht die Zahl der Klicks zählt, sondern die Menschen dahinter und das Miteinander im Tun und gegenseitigen Sehen und gesehen Werden – gesehen werden als Mensch, der man ist.

Eine Geschichte: Zerstörung (XXXIV)

Lieber Papa

Erinnerst du dich an Käsli? So nanntest du ihn immer. Das war leider das einzige, was mich im Zusammenhang mit ihm zum Lachen brachte. Er war ein Sadist. Und mein Lehrer. Er schikanierte mich, wo er nur konnte. Er demütigte mich. Im Sport kam er auf seine Kosten, denn da bot ich eine perfekte Zielscheibe. Aber er fand auch andere Wege.

Wie oft kam ich weinend nach Hause. Verzweifelt. Wollte nicht mehr in die Schule. Wie oft bist du in die Schule, hast mit ihm gesprochen, weil du mir helfen wolltest. Es half nichts. Im Gegenteil. Es wurde immer schlimmer. Das Schlimmste war, dass er mich vor der Klasse blossstellte. Und alle lachten. Vor allem im Turnunterricht. Er stachelte sie an und sie machten in der Umkleide weiter. Hänselten mich. Ich sei ein Mehlsack.

„“Kein Wunder ist dein Bauch so dick, du bist ja auch ständig am Essen.“

Das sagte das dünnste Mädchen der Klasse. Sie war auch die sportlichste von allen. Wenn ich heue Fotos von damals anschaue, war ich alles andere als dick. Ich war nicht knochig, aber normal. Gross halt. Und mit den ersten Kurven. Gefühlt habe ich mich wie ein Schwabbelkloss nach solchen Aussagen. Und dieses Gefühl breitete sich in mir aus. Ich wollte dünn sein. Die Rundungen mussten weg. Ich schämte mich. Für meinen Körper. Für meine Unsportlichkeit. Für mich. Ich wollte das ändern. Leider wusste ich damals nicht, was ich heute weiss.

Ich fand eine Verbündete und gemeinsam begannen wir, Diäten auszuprobieren. Die erste war, dass man ab 16 Uhr nichts mehr essen darf. Bis dahin kauten wir uns durch alles, was uns schmeckte: Salzstangen, Chips, Brot, Nüsse, Käse, Kekse und wohl so einiges mehr. Punkt 16 Uhr räumten wir zusammen. Euch erzählte ich wohl, ich hätte schon bei Celine gegessen. Ich weiss nicht mehr, wie ihr darauf reagiert habt. So oder so: Der Erfolg dieser Diät blieb aus. Es kamen weitere mit demselben Erfolg.

Blieb nur eines: Ich musste mein Essen reduzieren. Auswärts ass ich nichts mehr, euch erzählte ich, ich hätte schon gegessen. Hatten wir Auseinandersetzungen deswegen? Wie kam ich damit durch? Ich habe es vergessen. Dann wurde ich Vegetarierin. Ausgerechnet ich, die Fleisch immer so geliebt hat. Dadurch konnte ich einen grossen Teil des Essens weglassen. Ein geschickter Kniff, wie ich fand. Was habt ihr gedacht? Ich weiss, dass du es nicht verstanden hast. Du machtest immer wieder entsprechende Bemerkungen. In Humor verpackt. Der Kern war wohl ernst. Dachtet ihr, es sei eine frühpubertäre Flause, die sich wieder gibt?

Erste Erfolge stellten sich ein. Ich kam meinem kurvenlosen Ideal näher, erreichte es aber nicht. Der Blick in den Spiegel zeigte deutlich: Ich musste mehr tun. Fast schien mir, ich sei dicker geworden, obwohl die Waage weniger anzeigte. Merkwürdig, aber: Spiegel lügen nicht.

Ich ass noch weniger. Ich machte Listen mit verbotenem (sehr lange Listen) und erlaubtem (immer kürzer werdende Listen) Essen. Ich war gut. Ich war diszipliniert. Nur manchmal schielte ich sehnsüchtig auf all die verschmähten Dinge. Dann sah ich die Lösung: Im Fernsehen kam ein Film über ein Mädchen, das ass, was es wollte, ohne zuzunehmen. Was für ein Wunder. Immer nach dem Essen kotzte sie sich die Seele aus dem Leib und joggte dann fast bis zum Umfallen. Rennen war Sport, also nicht meins. Ich versuchte es mit dem Kotzen. Bis dahin war Erbrechen mein grösster Horror gewesen, da ich es aus der Kindheit kannte von all den Magen-Darm-Geschichten, für die ich anfällig gewesen war. Das nun freiwillig auszulösen? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber: Was tut man nicht alles. Ich gab mir Mühe. Und kriegte es nicht hin.

Das viele Essen war logischerweise kein Problem, die Probleme fingen danach an: Nun müsste ich den Finger in den Hals stecken. Ich stellte mir vor, wie dann diese saure Sauce über meine Hände plätscherte. Das war zu eklig. Das war unmöglich. Aber dieses ganze Essen musste raus. Was machte ich denn nun? Ich fühlte mich wie ein Klumpen. Fett. Ich war wütend. Ich hätte alles um mich kurz und klein schlagen, alles kaputt machen können. Mich am liebsten mit. In mir wurde eine Stimme immer lauter:

„Nicht mal das kriegst du hin. Nicht mal zu den einfachsten Dingen bist du fähig.“

Diese innere Vernichtung dauerte lange an. Irgendwann hast du mich weinend gefunden. Du hast mich getröstet, auch wenn du nicht verstanden hast, worum es geht. Wie hättest du das auch können? Ich verstand es doch selbst nicht. Ich hatte den Zugang zu mir verloren. Da war nur Leere. Und Trauer. Und Wut. Ich habe dir in dieser Zeit wohl oft weh getan. Das tut mir heute leid. Du hast dir Sorgen gemacht. Das weiss ich. Du fühltest dich hilflos. Auch das weiss ich. Wusste es schon damals. Und kam doch nicht aus meiner Haut. Ich war in etwas geraten, das grösser war als ich.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Eine Geschichte: Es recht machen (XXXII)

Lieber Papa

Ich liebte Bücher. Erinnerst du dich? Ganze Nachmittage konnte ich auf dem Bett liegend mit einem Buch in der Hand verbringen. Ich liebte es, einzutauchen. In Geschichten. In andere Welten. Und vermutlich liebte ich auch, aus meiner flüchten zu können. Du fandest, ich müsse mehr raus. Ich könne mich nicht nur zu Hause einschliessen und lesen. Das sei nicht gut für mich. Also ging ich raus.

Ich fand etwas, das mir Spass machte: Das Eisfeld. Anfangs noch sehr zögerlich auf den Kufen, lernte ich sehr schnell immer schnellere Kurven zu drehen. Die Mädchenschlittschuhe mussten bald Hockeystiefeln weichen. Wir spielten fangen. Ich war schnell. Und gut. Eigentlich merkwürdig. Ich die Sportspfeife.

Aus den Boxen dröhnte Musik. Immer die gleichen Lieder. Ich liebe sie noch heute. Sie bringen mir ein Stück Glück zurück. Ich schwebte übers Eis, fühlte mich frei. Unbeschwert. In meinem Element. Alles andere war weit weg. Ich fand schnell Anschluss. So ungewohnt. So schön. Da war dieser eine Junge. Er war schon älter. Er war der Schnellste und Beste auf dem Eisfeld. Und: Er mochte mich. Mich…

Tagsüber fuhr ich mit dem Rad zum Eisfeld. Ich sehe den Weg noch vor mir. Nach einer kurzen Strecke auf der Strasse führte er über Felder, an Schreibergärten vorbei, durch kleine Quartiersträsschen. Ich bin ihn so oft gefahren. Immer voller Vorfreude. Ich fühlte mich lebendig. Ich gehörte dazu. Das war so neu. Angekommen sprang ich vom Rad, packte meine Sachen, rannte hinein. Ich konnte es kaum erwarten.

Ab und zu durfte ich auch abends aufs Feld, allerdings nicht mehr mit dem Rad. Du fandst das zu gefährlich. Du hast mich mit dem Auto gebracht und später wieder geholt. Ich erinnere mich nicht mehr an diese Fahrten. Nur daran, dass es manchmal eine Predigt gab. Darüber, dass ich zu viel rausgehe. Zu wenig an die Zukunft denke. Zu wenig für die Schule täte. Vielleicht mehr lesen sollte.

Erinnerst du dich an den einen Abend? Ich fragte dich, ob du mich fährst. Du sagtest ja. Doch dann fingst du an. Fandst, ich verschwende mein Leben. An die falschen Leute. Dieser Junge zum Beispiel. Der tauge nichts. Er erinnere dich an die besten Tänzer früher. Mehr Schein als Sein. Die hätten später im Leben nichts erreicht. Du sprachst von falschen Vorbildern und unnützen Freunden, davon, wie man sein Leben vergibt, wenn man die falschen Prioritäten setzt. Und noch viel mehr. Während du so sprachst, zogen wir uns an. Und dann war mir die Lust vergangen

„Du kannst die Jacke wieder ausziehen. Ich möchte nicht mehr gehen.“

Sagte ich.

„Wir haben gesagt, wir gehen, nun gehen wir.“

Sagtest du.

„Aber ich habe keine Lust mehr nach all dem.“

Wir sind gefahren. Und schwiegen. Als wäre alles gesagt.

Während ich das schreibe, kommt mir das Abba-Lied „When all is said and done“ in den Sinn.

(„Alles aus Liebe“, XXXII)

Eine Geschichte: Geheimnisse (XXXI)

Lieber Papa

Ach Papa, wer warst du wirklich? Manchmal denke ich, ich habe dich gar nicht richtig gekannt. Habe ich nicht gut genug hingeschaut? Oder wolltest du dich nicht zeigen? Wieso? Was hast du versteckt? Was war nur Schauspiel? Was echt?

Ich wusste als Kind nichts von deiner Vergangenheit. In späteren Jahren hast du ab und zu etwas erzählt, meist Oberflächliches. Lustiges. Nie Tiefes. Oder Persönliches.

Gotti hat mir ein paar Bruchstücke erzählt. Als deine ältere Schwester kannte sie dich länger. Aber auch sie wusste nur, was man von aussen sah. Ich weiss nicht mehr, wie wir dazukamen. So erfuhr ich von einem düsteren Kapitel aus deinem Leben. Dinge, die du nicht lachend weggesteckt hast. Du hast nie davon gesprochen. Wieso? Hast du dich geschämt? Ging es mich in deinen Augen nichts an? Hast du es verdrängt?

Was sie erzählte und was ich erlebte, passte nicht zusammen. Es liess sich nicht in Einklang bringen. Als ob hinter deiner heutigen Maske ein vergangenes (echtes?) Gesicht verborgen wäre. Verbogen für alle anderen. Auch für mich. So hast du alle auf Distanz gehalten. Auch mich. Das fühlt sich nicht schön an. Ein Teil deiner Maske war das Schweigen. Etwas, das du in deiner Familie gelernt hast.

„Darüber spricht man nicht.“

Was nicht gesagt wurde, existierte nicht. Präsentiert wurde nur die glatte Oberfläche. Die, welche man auf Hochglanz poliert hatte. Was störte, wurde unter den Teppich gekehrt. Stillschweigend. Einvernehmlich. So sollte es sein. Die Teppiche waren geräumig. Ganze Menschen hatten unter ihnen Platz. Zum Beispiel Grossvati. Vom verehrten Familienoberhaupt zur Persona non grata. Von heute auf morgen.

„Wir sprechen nicht mehr über Grossvati.“

Hiess es.

„Was ist passiert?“

„Das tut nichts zur Sache.“

Die Botschaft war klar. Das Thema war durch. Was folgte, war Schweigen. Zu dem Zeitpunkt war er schon viele Jahre tot. Es war ein Sockelsturz post mortem. Er starb quasi zum zweiten Mal. Ich verstand nicht, wie man einen Menschen erst lieben und loben und dann fallen lassen konnte. Ich habe auf all meine Fragen nie eine Antwort bekommen. Es gab ein paar Andeutungen. Ich weiss nicht mehr von wem. Frauengeschichten, Schulden. Alles unzusammenhängend und vage. Ich hatte ihn gerngehabt. Es war, als ob ich das nicht mehr dürfte. Was mir bleibt, ist die Erinnerung. Ich erinnere mich an die Besuche bei ihm. Er sass in seinem Sessel. Schon schlecht auf den Füssen. Ich war noch klein. Ich krabbelte vor ihn, zog ihm seine Finken aus. Ganz schnell. Er schaute runter, als ob er mich vorher nicht gesehen hätte. Und dann lachte er. Er lachte so sehr, dass sein ganzer Körper wackelte. Und da war viel, das wackeln konnte. Ich habe es geliebt. Mehr Erinnerungen an ihn habe ich nicht.

Wer war Grossvati, bevor er Grossvati wurde? Ich weiss es nicht. Es hiess mal, er hätte gerne Geschichte studiert. Das Geld fehlte, also machte er eine Lehre. Als Metzger. Weil man da immer zu essen hätte. Das glaubte er. Der Beruf machte ihm keine Freude. Später wurde er Schlachtermeister am Schlachthof Zürich. Und er litt mit den Tieren mit. Ging jedes Wochenende hin und fütterte und tränkte sie, war bei ihnen. Dann war er Wirt. Hätte die Braunen aus dem Lokal geworfen. Trotz Drohungen. Das habt ihr stolz erzählt, als er noch ein Held für euch war. Auch das zählte nicht mehr.

Wie war er für dich als Vater? Wie war deine Beziehung zu ihm? Ich weiss nur, dass er dich mal mit dem Gürtel verprügelte und du dir dann geschworen hast, dein Kind nie zu schlagen. Das hast du gehalten. Und noch eine Geschichte hast du lachend erzählt. Vom Krieg. Als das Essen knapp war. Eines Tages hättet ihr Kaninchenbraten auf dem Tisch gehabt. Euch gefreut. Bis deine Schwester nach der Katze fragte. Und Schweigen zurückkam. Grossvati hatte die Katze geschlachtet, um euch etwas auf den Tisch zu bringen. Keiner hätte einen Bissen gegessen. Er sei wütend geworden. Ich vermute, auch traurig. War es nicht gut gemeint gewesen? Während ich das schreibe, frage ich mich, wann die Geschichte für dich lustig wurde. Das waren die Geschichten, die du erzählt hast. Es waren wenige. Wie ging es dir mit all dem? Das hast du nie erzählt. Auch später nicht. Wenn ich dich fragte, wie es dir geht, kam zurück:

„Es geht mir gut.“

Du zogst diese Worte morgens an wie eine Uniform und trugst sie durch den Tag. Du warst ein Meister der Tarnung. Du lehrtest auch mich, nie zu zeigen, dass es mir schlecht geht. „Von Menschen, denen es nicht gut geht, wendet man sich ab“, sagtest du. Ich war leider nie so gut in meiner Tarnung wie du. Gute Miene zum bösen Spiel? Lag mir nie. Selbst wenn ich mich bemühte und versuchte, so zu tun, als sei alles gut: Man sah mir das Gegenteil an. Wie oft hast du mich dafür gerügt.

„Trag dein Herz nicht immer auf der Zunge!“

Hast du gesagt.

„So will niemand mit dir zusammen sein!“

Hast du gesagt. Ich habe es geglaubt. Ich glaube dir bis heute. Will es einer doch, hat er nur noch nicht gemerkt, wie ich bin. Spätestens dann ist er weg. Deine Sätze, deine Überzeugungen, deine Lehren, sie begleiten mich durchs Leben.

Wie bist du eigentlich zu dem Schluss gekommen? Dass man Menschen nicht mag, die nicht immer fröhlich sind? Mochtest du sie nicht? Weil sie dich an deine düsteren Stunden erinnerten? Oder interessierte dich schlicht nicht, wie es anderen ging? Weil du an der Oberfläche bleiben wolltest? Fürchtetest du das Aufdecken deiner eigenen Tiefen? Was hat dich in deinem Leben so sehr verletzt, dass du die Entdeckung befürchtetest?

Und so trugst du eine Maske. Schafftest Distanz. Ich hatte Ahnungen, was dahinter versteckt sein könnte. Sicher war ich nie. Ich kam sprichwörtlich nicht an dich heran. So hieltst du alle auf Abstand. Wovor hattest du Angst? Dass Nähe dich verletzbar gemacht hätte? Vor neuen Wunden? Sogar bei mir? Ich habe dich geliebt. Und wäre dir gerne nah gewesen. Ich hätte deine Nähe gebraucht. Und kam nicht zu dir durch. Auch jetzt hast du dich mir wieder entzogen. Darum bleiben mir nur diese Briefe.

(„Alles aus Liebe“, XXXI)

Eine Geschichte: Gemeinsame Momente (XXX)

Lieber Papa

Als ich dir vom Sporttag erzählte, bei dem all das, was ich nicht kann, so zentral war, kam mir auch das Singen wieder in den Sinn. Der Vorfall mit der Mitschülerin, die meinte, mit meiner Stimme könne man nicht singen. Und wie mir das das Singen nachher verleidet hat.

Da dachte ich an dich. Als ich noch kleiner war, hast du manchmal für mich gesungen. Nicht ernst. Es war ein kleiner Spass zwischen uns. Kein In-den-Schlaf-Singen, eher eine Parodie. Wie habe ich es geliebt. Oft war es „Uncle Satchmo’s Lullaby“ von Louis Armstrong. Du hast beide Stimmen gesungen. Zuerst hoch und piepsig:

«Ich sag gute Nacht…»

und dann tief und brummig:

«And I say good night…»

“Die Sonne geht schlafen, der Tag ist vorbei…”

«When Uncle Satchmo sings his lullaby…”

Danach konnte ich mich vor Lachen kaum mehr halten. Du hast nämlich auch den Part der Trompete gesungen. Es war wunderbar. Und ich merke, wie sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht eingenistet hat, während ich das schreibe. Ich würde es gerne nochmals erleben.

Wenn ich Louis Armstrong höre oder ein Bild von ihm sehe, denke ich an dich. Und an Uncle Satchmo. Und an diese wunderben Momente, die nur uns beiden gehörten. Es ist schön, diese Erinnerung zu haben.

Ich möchte hier nicht mehr weiterschreiben. Das soll so stehen bleiben. Weil es so schön ist. Für mich. Erinnerst du dich auch?

(«Alles aus Liebe», XXX)

Eine Geschichte: Danke sagen (XXIX)

Lieber Papa

Sport war generell ein Horror für mich, ich mochte nichts daran. Am schlimmsten waren aber die Sporttage. Vor so vielen Leuten musste ich zeigen, was ich alles nicht kann. Du bist immer gekommen, wenn du es einrichten konntest.

„Dein Vater ist ja alt.“

Und

„Mir wäre es peinlich, wenn mein Vater an den Sporttag käme. Vor allem, wenn er sich so aufführte wie deiner.“

Als ich das von einer Klassenkameradin hörte, war es mir auch plötzlich peinlich.  Es stimmte schon, die anderen Väter waren viel jünger als du. Zudem: Was sollte man bei mir anfeuern? Von Bejubeln wollen wir gar nicht reden. Es war bekannt, dass ich eine Sportniete war. Der Lehrer wurde nicht müde, mir das immer wieder zu sagen. Am liebsten für einen Lacher bei meinen Mitschülern. Die Disziplin war dabei egal. Ich konnte nichts. Es fehlte mir an allem: Kraft, Schnelligkeit und Motivation. Ich hing wie ein Mehlsack an der Kletterstange, machte an Reck und Barren in etwa dieselbe Figur. Der geworfene Speer kam unweit meiner Füsse wieder runter und ich, wenn ich hochsprang, kriegte dieselben kaum vom Boden. Ein gefundenes Fressen für Herrn Käser, meinen Mittelstufenlehrer.

„Ach schaut, das Lama kommt auch noch ans Ziel.“

Das waren seine Worte am Ziel des 100-Meter-Laufs. Er mochte mich nicht. Ich hatte ihn mal im Deutsch korrigiert. Das zahlte er mir nun doppelt und dreifach heim.

Du wusstest, wie schlimm die Sporttage für mich waren. Du wusstest, dass ich mich schämte. Dass ich litt, weil ich all das, was ich nicht konnte, präsentieren musste und gemessen wurde – an anderen und mit Noten. Du wolltest mir beistehen. Nach der Aussage meiner Mitschülerin bat ich dich immer, nicht mehr zu kommen. Den Spott darüber noch obendrauf, das war zu viel.

„Die anderen sind nur neidisch, weil ihre Eltern nicht kommen.“

Das sagtest du und ich konnte es nicht glauben.

Und dann standest du da. Und feuertest mich beim Schnelllauf an, machtest mir Mut beim Hochsprung, jubeltest, wenn ich den Ball weiter warf als letztes Mal. Es war mir so peinlich. Das zog noch mehr Aufmerksamkeit auf mich, wo ich doch am liebsten im Boden versunken wäre. Und doch war da auch noch etwas anderes. Ich fühlte mich nicht ganz allein. Du warst da. Für mich.

Wenn ich nun zurückdenke, denke ich: Ich habe mich viel zu wichtig genommen. Als ob sich die ganze Welt für meine fehlenden Sportfähigkeiten interessieren würde. Die anderen waren sicher mehr mit sich als mit mir beschäftigt gewesen. Ein paar kritische Aussagen konnten mich verunsichern und alles drum herum negativ erscheinen lassen. Ich entdecke den Zug noch heute manchmal an mir.

Habe ich dir damals je gesagt, dass ich insgeheim froh war, dass du bei mir warst? Dass du sogar die kleinsten Erfolge als solche sahst und feiertest? Interessant. Da, wo ich nichts konnte, hattest du auch keine Erwartung. Da war kein Druck, ich habe dich nie enttäuscht. Im Gegenteil: Du hast mich getröstet, wenn es nicht gut gelaufen war. Hast mich aufgebaut, wenn ich niedergeschlagen nach Hause trottete. Nahmst mich bei der Hand und versuchtest, meine Welt wieder in Ordnung zu bringen.

Wenn ich das so schreibe, kommen mir die Tränen. Ich schäme mich für die späte Einsicht. Ich würde dir gerne sagen, dass ich es heute besser weiss. Dass ich dankbar bin für dein Dasein damals. Ich möchte dir sagen, dass es mir tief drin etwas bedeutet hat, ich es nur nicht zeigen konnte. Vielleicht habe ich es damals selbst nicht gespürt, weil alles andere so laut war und die leise Dankbarkeit zudeckte. Ich hoffe, du wusstest es trotzdem. Irgendwie.

(„Alles aus Liebe“, XXIX)

Gedankensplitter: Heimat in der Liebe

«Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.»

Diese Worte schrieb einst Mascha Kaleko, nachdem sie im Leben immer wieder merken musste, dass es Heimat für sie in der Welt nicht zu geben schien. Vertrieben von den Nazis war sie nachfolgend immer auf der Suche nach einem Ort, der dem Gefühl, eine Heimat zu haben, nahekam. Gefunden hat sie es nicht an einem Ort, sondern bei ihrem Mann.

Hannah Arendt ging das gleich. Nach der nicht lebbaren Liebe zu Heidegger heiratete sie, doch die Ehe stand unter keinen guten Stern. Sie sagte selbst einst, sie könnte nicht leben ausserhalb der Liebe, doch immer fürchtete sie auch, sich in dieser selbst verlieren zu müssen. Als sie Heinrich Blücher 1936 kennenlernte, war sie endlich angekommen – in der Heimat und bei sich:

«Immer noch scheint es mir unglaubhaft, dass ich beides habe kriegen können, die grosse Liebe und die Identität mit der eigenen Person. Weiss aber nun endlich auch, was Glück eigentlich ist.» Hannah Arendt

Ihre 34 Jahre dauernde Beziehung war im Grunde ein grosses, intensives Gespräch. Im Miteinander des Sprechens erschufen sie ihre gemeinsame Welt.

«Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten. eine Welt. Die ist dann die Heimat.» Hannah Arendt

Zusammen sprechen heisst gemeinsame Welten schaffen. Das sollten wir vielleicht bedenken, wenn wir wieder dabei sind, uns abzugrenzen, zu sagen: «Mit denen sprechen wir nicht.» Welten entstehen immer zwischen Menschen. Keiner erschafft sie für sich allein.

Habt einen schönen Tag!

Eine Geschichte: Vom Erinnern (XXVIII)

Lieber Papa

Ich bin müde vom Schreiben, vom Erinnern. Vom Schreiben über das, was war. Ich frage mich, wieso ich es tue. Und dann erinnere ich mich an die Energie, die dieses Erinnern und das darüber Schreiben ausgelöst hat. Immer wieder. Als ich damit anfing, war es, als wäre ein Ventil aufgegangen und alles sprudelte aus mir heraus. Und nun steht da dieses grosse «Wozu»? Die Frage nach dem Sinn und dem Zweck eines solchen Unterfangens breitet sich in meinem Kopf aus und nimmt mir die Energie, lässt das Sprudeln versiegen.

Angefangen hat alles damit, dass ich verstehen wollte. Ich wollte verstehen, wer ich bin, wer ich geworden bin und wieso. Woher kommen all die Stimmen und Gefühle in mir? Worauf gründen all die Abwertungen und Selbstbezichtigungen, die ich mir immer wieder an den Kopf werfe?

Anfangs fühlte es sich wie eine Befreiung an, alles aufzuschreiben. Doch dann kam eine Schwere, eine Trauer. Wo habe ich hineingestochen? Welches Wespennest habe getroffen? Zerstöre ich gerade etwas, weil ich durch die Sprache zu viel ans Licht hole? Wäre es ungesagt nicht an einem sicheren Ort verstaut, unsichtbar, quasi ungeschehen und nicht vorhanden? Nur: Das stimmte offensichtlich nicht. Es war ja da. Und trieb mich um. Da war etwas in mir, das mein Tun, mein Sein prägte. Es tat dies teilweise auf eine Weise, die mir immer wieder selbst das Leben schwer machte. Und ich konnte es nicht benennen. Es wütete aus dem Verborgenen heraus und hatte eine Kraft, der ich mich oft nicht widersetzen konnte. Ohne zu wissen, woher diese kam.

Unsere vermeintlich heile Familie hatte ihre Schattenseiten. In unserem Haus gab es einen dunkeln Keller und viele Teppiche, unter die zu viel geschoben worden war. Dinge, über die man nicht sprach. Alles, was nicht genehm war, kam dahin. Ganze Familienmitglieder fanden ihren Platz dort. Das war nicht nur bei uns dreien so. Das war in der ganzen erweiterten Familie so. Und irgendwann wurde auch ich darunter gekehrt. Weil ich nicht mehr ins Bild passte.

So weit bin ich noch gar nicht in meinem Erinnern. Und doch drängt es immer wieder herein. Ich weiss, dass ich dahin kommen werde, wenn ich weiterschreibe. Ich überlege, ob ich es auslasse. Drum herum schreibe. Weil es nicht schön ist. Weil es schmerzt. Weil ich mich schäme. Auch vor mir. Weil ich es verbergen möchte. Weil ich mich nicht vor allen schämen möchte. Doch dann ist es nicht mehr meine Geschichte.  

Schreiben braucht Mut. Es holt ans Licht, macht sichtbar. Ich werde diesen Mut aufbringen. Später.

(«Alles aus Liebe», XXVIII)