„Mitgefühl ist unser bestmöglicher Schutz, und wie die großen Meister der Vergangenheit immer schon wussten, ist es auch die größte Quelle der Heilung.“(Sogyal Rinpoche)

Dass Mitgefühl nicht nur ein schöner Gedanke von einigen weltfremden buddhistischen Mönchen ist, erfährt sicher jeder, der sich in der Kunst des Mitgefühls übt. Auch die Forschung interessiert sich aber mehr und mehr für das Mitgefühl, und sie hat interessante Dinge herausgefunden:

  • Mitgefühl ist uns als Fähigkeit angeboren. Erst durch die Sozialisation lernen wir, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen wir es zuteil werden lassen, und denen, welchen nicht.
  • Wer selber Mitgefühl lebt, kann in Stresssituationen grösseren Nutzen aus der Hilfe und dem Wohlwollen anderer ziehen.
  • Soziales Engagement und Mitgefühl verzögern den Alterungsprozess
  • Mitfühlende Menschen sind insgesamt optimistischer
  • Mitgefühl ist eine sinngebende Kraft, weil wir uns als selbstwirksam erleben.
  • Mitgefühl ist ein gutes Mittel gegen Einsamkeit, welche man in unserer Gesellschaft schon fast als Volkskrankheit bezeichnen kann mit enormen Auswirkungen.
  • Mitgefühl ist eine Art der Bestätigung – der andere fühlt sich wahrgenommen und geschätzt.
    Die Liste liesse sich weiter fortsetzen, aber: Reichen die Gründe nicht schon, um noch heute damit zu beginnen, mehr Mitgefühl in unserem Leben zu praktizieren?

„Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.“ (Mahatma Ghandi)

Wenn der andere nur ein wenig anders wäre, wenn er sich nur ein bisschen ändern könnte, wäre das Zusammenleben viel leichter. Wer hat nicht schon so gedacht und sich gleich daran gemacht, Änderungswünsche anzubringen. Leider ist es eine alte Weisheit, dass man andere kaum ändern kann – ändern kann man nur sich selber.

Änderungswünsche an andere Menschen bringen meist nur Unfrieden und vergiften das Klima. Der andere denkt, er sei so, wie er ist, nicht in Ordnung, was ihn sicher nicht in Freudentaumel ausbrechen lässt. Zudem ist man selber immer mehr enttäuscht, wenn trotz mehrfacher Aufforderung keine Veränderung sichtbar wird.

Was also tun? Veränderungen fangen bei einem selber an. Statt beim nächsten Streit Veränderungen beim Gegenüber zu fordern, könnte man sich auch fragen, was man selber ändern könnte, um zukünftig Streitigkeiten zu vermeiden. Meist tragen immer zwei zu einem Streit bei – was ist der eigene Anteil? Und: Kann ich daran etwas ändern? Dabei geht es nicht um Komplettveränderungen oder gar das Verleugnen ganzer Wesenszüge. Oft sind es eigene Seiten, die man selber an sich nicht mag, unbewusste Verhaltensmuster, die uns auf eine Weise reagieren lassen in Situationen, die weder der Situation angemessen noch einem friedlichen Miteinander zuträglich sind.

Wenn ich also wieder einmal die Welt verändert sehen möchte, frage ich mich: Lebe ich selber so, wie ich es mir von den anderen Menschen auf dieser Welt wünsche?

„Freude an der Freude und Leid am Leid des Anderen, das sind die besten Führer der Menschheit.“ (Albert Einstein)

Hast du auch schon mal neidisch auf den anderen geschaut, weil er etwas hatte, das du auch gerne gehabt hättest? Hast du dich gefragt, wieso er hat, was du nicht hast, oder noch mehr: Was eigentlich dir zustünde?

Neid ist weit verbreitet in unserer Welt, in welcher wir uns oft mehr über das Haben als über das Sein definieren. Nur, was bringt er uns? Wenn wieder einmal ein Gefühl von Neid aufkommt, weil du denkst, der andere hätte mehr als du, gehe in dich:

  • Wieso gönne ich ihm das nicht?
  • Ginge es mir besser, wenn er es nicht hätte?
  • Brauche ich überhaupt mehr als ich habe?

Wieso kann ich mich nicht einfach mit dem anderen freuen? Gerade, wenn ich einem anderen Menschen zugetan bin, könnte ich ihm doch aus tiefstem Herzen gönnen, was ihm Gutes widerfährt. Genauso wie ich Anteil nehme an seinem Leiden, könnte ich dies auch an der Freude tun.

Mitfreude und Mitgefühl lassen uns mit einem offenen Herzen durchs Leben gehen. Wir lassen uns von diesem Herzen leiten, statt rational Güterabwägungen zu machen und diese zum Massstab unseres Gefühls nehmen zu wollen. Eine solche offene Herzenshaltung brächte Heil in eine Welt, in welcher Neid und Ignoranz vielerorts regieren. Und zudem: Sich mit jemandem freuen zu können, ist nicht nur heilsam für die Beziehung zwischen beiden, es ist auch für das eigene Wohlbefinden heilsam.

 

„Gehen wir voller Mitgefühl auf andere zu, setzen wir der Einsamkeit ein Ende.“ (Dalai Lama)

„Wieso immer ich?“ „Wieso muss das ausgerechnet mir passieren?“

Hast du auch schon mal gedacht, dass es immer dich trifft, wenn etwas passiert? Hast du dich auch schon einmal als Opfer der Umstände gesehen, dich allein gefühlt mit all dem, was um dich ist, was dir zustösst? Was machst du dann? Haderst du mit dem Schicksal? Denkst du, das Leben ist ungerecht und Glück haben nur die anderen?

Gerade in schwierigen Zeiten fühlen wir uns oft allein. Wir sehen rundherum zufriedene Menschen und selber leiden wir. Wir fühlen uns getrennt von ihnen, weil sie in einer ganz anderen, helleren Welt zu leben scheinen.

Die Wahrheit ist, dass alle Menschen leiden. Kein Mensch hat nur helle Tage, in jedem Leben kommen auch die dunklen vor. Gerade dieses eigene Leiden macht uns aber mitfühlend. Gerade weil wir alle leiden, können wir uns in andere hineinversetzen, fühlen ihr Fühlen und können ihnen mit Mitgefühl zur Seite stehen. Und wenn wir uns gegenseitig mitfühlend begegnen, ist keiner mehr allein. Wir fühlen uns als Teil einer Gemeinschaft, das Gefühl des Getrenntseins, die Einsamkeit hat ein Ende.

Ich hab mein Glück auf Sand gebaut
nun ist es arg am Wanken.
Es fehlen Pfeiler, Fundament,
und die sichern Planken.

Mit dir schien alles mir vertraut,
ich wollt dem Himmel für dich danken.
Nun fiel dein Stern vom Firmament,
mir kreisen die Gedanken.

Ich hab mal sehr an uns geglaubt,
das alles ist am Kranken.
Es fehlen Glaube und auch Halt,
weil plötzlich Zweifel ranken.

©Sandra Matteotti

„Es gibt im anderen Menschen nichts, was es nicht auch in mir gibt. Dies ist die einzige Grundlage für das Verstehen der Menschen untereinander.“ (Erich Fromm)

Mögen sich die Lebensumstände im den letzten Jahren und Jahrzehnten auch verändert haben, mögen wir äusserlich unterschiedlich sein, tief drin sind wir alle gleich. Wir haben die gleichen Sehnsüchte, die gleichen Hoffnungen, suchen das Glück und hoffen, möglichst wenig zu leiden.

Während wir uns also so oft mit den Unterschieden des Aussen aufhalten, uns daran aufreiben, und uns dadurch voneinander abgrenzen, könnten wir auch zu jeder Zeit sehen, wie viel uns verbindet. Und aus dieser Sicht könnte eine Verbundenheit wachsen, könnte Mitgefühl wachsen und das tiefe Verstehen des Anderen als Mensch unter Menschen – so wie wir auch selber einer sind.