Arme Welt

Kürzlich sah ich eine Sendung, in der gesagt wurde, dass allein mit den weggeworfenen (und noch guten) Esswaren aus Deutschland der Welthunger halbiert werden könnte. Heute las ich in einer Zeitung, dass in der (ach so reichen) Schweiz jeder Siebte gefährdet ist, in die Armutsfalle zu tappen. Weltweit gibt es Hunger, weltweit gibt es Menschen, die kein Dach über dem Kopf , nicht die Möglichkeit, für ihre Gesundheit zu sorgen, nicht die Chance, Bildung zu geniessen und nicht das Glück, ihr Leben frei gestalten zu können, haben.

Dies allein ist schon traurig genug, aber noch viel trauriger ist es, dass das alles nicht nötig wäre. Nicht die Bevölkerungsdichte ist schuld, dass es Mangel gibt. Wir haben nicht zu viele Menschen auf einer zu kleinen Welt. Wir haben zu selbstverliebte Besitzende, die nicht bereit sind, einen Teil von ihrem Zuviel abzugeben, damit die, welche zu wenig haben, ein menschenwürdiges Leben führen können. Klar liest man immer wieder von grosszügigen Spenden von Reichen an Bedürftige oder Organisationen. Schaut man dahinter, ging es vielfach nicht um Nächstenliebe, sondern um einen Steuertrick. Das alleine wäre nicht verwerflich, das gespendete Geld hilft ja trotzdem und ist nicht schlechter, nur weil es aus Eigennutz gespendet wurde. Meist ist es aber ein Bruchteil dessen, was abgegeben werden könnte und noch viel öfter nur ein Tropfen auf den heissen Stein, der nur hilft, dass die von Armut geplagten nicht gleich verhungern, sondern Aufschub erhalten.

Die Thematik ist lange bekannt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist klar, dass niemand hungern müsste, würde man es wirklich ändern wollen. Es ist offensichtlich, dass es von allem genug hätte, würde man es gut verteilen. Ich sage damit nicht, dass man den Reichen jeden Luxus nehmen müsste, Gott bewahre, sie sollen in Saus und Braus weiter leben, viele von ihnen haben sich diesen Saus auch erarbeitet. Verdient im wortwörtlichen Sinne vielleicht nicht, aber immerhin etwas dafür getan.

Stellen wir uns mal vor: Morgen käme jemand und würde uns eine Million bieten, damit wir etwas tun für ihn. Wir könnten arbeiten und hätten dieses Jahressalär, das von vielen angeprangert wird als nicht mehr leistungsorientiert, als unverhältnismässig. Würden wir ablehnen? Würden wir sagen, dass wir das gar nicht verdienen und darauf verzichten, stattdessen für 100’000 arbeiten wollen? Oder gar für 72’000? Oder für wieviel eigentlich? Ich denke nicht. Wie können wir es von denen verlangen, die soviel verdienen? Freiwilligkeit scheint bei diesem Fall schwer zu sein, es müsste also von aussen kommen. Staatsgewalt? Ein Gesetz, das eine Höchstlohnstufe einführte? Oder sollte es ab einem gewissen Betrag eine Spendensollquote einführen? Das käme einer Steuererhöhung gleich. Und wem soll die zugute kommen? Armen im eigenen Land? Was passiert dann mit all den Hungernden in fremden Ländern, die keine so reichen Menschen haben, die ihren Anteil abgeben können? Zählen die nichts? Oder müssen wir in unserem Land dafür sorgen, dass andere Länder genug haben?

Kommt man dabei nicht in einen Konflikt mit der Souveränität? Wenn ich von aussen etwas über ein Land stülpe, übergehe ich dessen Souveränität. Sicher in einem Fall, den dieses Land nicht will. Nun kann man sagen, dass kein Land Hunger haben will. Allerdings hungern nie alle und meist die nicht, die das Geld in die Hände bekommen… Und schon sitzen wir wieder mittendrin.

Ein auswegloses Problem? Ist der Mensch einfach so, dass er hortet, hortet wie ein Eichhörnchen, ohne je den Hals voll genug zu kriegen? Wo könnte man den Hebel ansetzen, um diese selbstgerechte Welt aus den Angeln zu heben?

Mein Sohn meinte kürzlich, dass die Welt ungerecht wäre. Das allein ist keine neue Erkenntnis, wenn auch für einen bald 11 Jährigen nicht ganz selbstverständlich. Er machte diese Einsicht daran fest, dass er fand, dass ein Bauer viel mehr für die Menschen täte, indem er ihr Überleben durch Nahrungsmittel sichere als ein Anwalt. Trotzdem verdiene ein Anwalt viel mehr als ein Bauer. Er fand das ungerecht. Und bei Lichte betrachtet hat er damit einen wichtigen Punkt angeschnitten. Wir achten heute so viele Berufe mehr, die in abstrakten und abgehobenen Bereichen tätig sind, dass wir die, welche mit ehrlichem Handwerk für ihr Auskommen und auch für das Überleben (Bauer), das Hausen (Maurer), das Wohnen (Schreiner) sorgen, herabsetzen. Ihr Bildungsweg war ein geringerer, das macht sie in unserer Werte- (und Lohn-) Bemessung minderwertig. Wir messen Wert an abstrakten Grössen und vergessen dabei oft die Lebensnotwendigkeiten. Diese sehen wir erst, wenn sie fehlen. In der Armut. Und dagegen tun wir nichts, weil wir sie nicht sehen wollen. Ein Perpetuum Mobile, das in den Abgrund führt?

Vertrauen

Schenkt man Vertrauen im Voraus? Muss Vertrauen erst verdient werden? Kann man Vertrauen aufbauen? Zerstören kann man es. Was dann? Ist es dann weg? Für immer oder nur bei diesem einen Menschen? Machen schlechte Erfahrungen das Vertrauen in andere schwerer? Ist das fair? Lässt man dann nicht Menschen für etwas zahlen, das andere verbrochen haben? Was ist Vertrauen überhaupt? So etwas wie der naive Glaube an das Gute im Leben und im Menschen? Ist Naivität gut? Oder vielleicht auch dumm?

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

Wo ist das Vertrauen noch, wenn man denkt, kontrollieren zu müssen? Oder ist blindes Vertrauen dumm? Wäre dann Liebe auch dumm, da sie ja blind macht. Und Vertrauen soll – so sagt man – die Basis von Beziehungen sein, welche – im besten Falle – auf Liebe basieren. Wenn ich nun also nicht in den anderen vertraue, was liebe ich dann? Etwas, dem ich nicht traue? Oder denke ich, etwas nicht zu kennen, liebe aber das, was ich kenne? Oder kenne ich vielleicht die kritischen Punkte, habe darum Mühe mit Vertrauen?

Was ist Misstrauen? Selbstschutz, weil man zu oft auf die Nase fiel? Oder eine evolutionäre Massname zum Überleben, die schon ohne Vorerfahrungen da ist? Lässt uns Misstrauen nicht ständig auf der Hut und in Anspannung sein? Wie verträgt sich das mit Liebe, in der man sich einfach mal fallen lassen müsste? Oder ist die Welt vielleicht doch nicht ganz so einfach, dass Liebe auf Vertrauen baut, alles rosig und im Lot ist? Hat überhaupt jemand gesagt, es sei einfach?

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
(Berthold Brecht: Der gute Mensch von Sezuan)

Martin Felder: Meine Nachbarin, der Künstler, die Blumen und der Revolutionär

Autoren und andere Ungereimtheiten

Ein Autor, der einzelne Sätze schreibt, eine Nachbarin mit schönen Blumen, ein Künstler, der die Sätze des Autoren liest und ein Revolutionär, der gegen das System kämpft. Dann zieht die Nachbarin weg, der Autor will  sie suchen und fährt dabei über Hamburg und Berlin bis nach Paris.

Das als Roman ausgewiesene Werk von Martin Felder, Meine Nachbarin, der Künstler, die Blumen und der Revolutionär handelt von wenig anderem als schon im Titel ersichtlich ist. Versteht man unter einem Roman eine längere, zusammenhängende Erzählung um einen oder mehrere Protagonisten, die im Laufe dieser Erzählung eine Entwicklung durchmachen, so fehlt es dem vorliegenden Buch sowohl an der Länge wie auch an der Entwicklung. Der Künstler, dessen Kunst darin zu bestehen scheint, dass er seine gewollte Kunst, nämlich Romane zu schreiben, nicht ausüben kann, steht am Schluss der Geschichte noch am selben Ort wie davor. Er schreibt noch immer Einzelsätze, hat noch immer nicht gefunden, was er wirklich will und sucht – suchen tut er wohl am ehesten einen Inhalt für sein Leben.

Es scheint, als ob es Felder genauso geht wie seinem Protagonisten. Der Leser ist konfrontiert mit Einzelsätzen, die von Menschen und Situationen handeln, die den Alltag in der Stadt zeichnen. Man sieht Menschen Blumen giessen, sieht Rollläden hoch und runter fahren, Kaffee wird getrunken, nachbarschaftliche Gespräche geführt. Ad hoch-Poesie des Alltags quasi, die als Roman verkauft wird. Das Buch geht inhaltlich nicht über das hinaus, was schon im Titel versprochen wird. So gesehen ist der gut gewählt, lässt aber wenig Platz für Überraschungen.

Felders Figuren, der Autor, der Künstler, der Revolutionär und die Nachbarin, bleiben seltsam farblos. Sie haben weder Namen noch Aussehen, man erfährt nur durch die kurzen Sätze, was sie sagen oder tun. Es sind Sätze, die teilweise Hintergrund und Wiedererkennungswert aus dem eigenen Alltag haben, schliesslich trinkt jeder mal Kaffee, redet mit Bekannten oder macht sich Gedanken über die rauf und runter gehenden Rollläden und was sich wohl dahinter abspielt. Felder zeigt sich dabei feinfühlig und mit Blick auf die kleinen Details des alltäglichen Lebens, verpackt diese ab und an auch in subtilen Humor.

Wieso Friseursalons nicht Friseursalons, sondern Schnittstelle oder Rasenmäher hießen, frage ich die Frau mit der Schere und den Haaren unter der Achsel.

Die Alltagsbeobachtungen werden durchsetzt mit Sätzen, die teilweise zusammenhangs- und sinnlos erscheinen

Das Walross watschelt bergauf. Der Seehund humpelt bergab.

oder den Schreibprozess des Autors darstellen:

Einen Satz ohne Satzzeichen wünsche ich mir und erfülle mir den Wunsch gleich selbst

 Als Leser sieht man sich so dem Alltag des Autors ausgesetzt, welcher nicht erzählt, sondern nur beschrieben wird. Man bleibt an der Oberfläche eines staccatohaft dargestellten Daseins. Als Folge dieses Sprachstils, der an die moderne Kommunikation aus Social Media Plattformen erinnert, bleibt das Buch mit seinen Protagonisten gesichts- und konturlos. Auch darin erinnert es an die anonyme Welt des Internets. Es liegt am Leser, diese Welt zu entschlüsseln und einen Sinn darin zu erkennen.

Fazit:
Eine neuartige Form von Literatur, sprachlich gekonnt umgesetzt. Wer neue literarische Wege erkunden will, ist bei diesem Buch sicher an der richtigen Adresse, wer allerdings einen Roman im herkömmlichen Sinne und Figuren mit Wiedererkennungswert und Identifikationspotential erhofft, wird enttäuscht werden.

Zum Autor
Martin Felder
Martin Felder wurde 1974 in Rheinfelden geboren, studierte in Genf Philosophie, Spanisch und Deutsch und absolvierte die Drehbuchwerkstatt der HEF München. Er ist Mitglied der Autorengruppe index, Zürich und des Forums Hamburger Autoren und lebt in Luzern. Wichtigste Auszeichnungen sind der Werkbeitrag für Literatur von Stadt und Kanton Luzern, Prix Jeanne Hersch en Ethique ou Philosophie Morale sowie ein Stipendium der Österreichischen Nationalbank anlässlich der „Tage deutschsprachiger Literatur, Klagenfurt.

FelderNachbarinAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 263 Seiten
Verlag: Salis Verlag AG (4. März 2013)
ISBN-Nr.: 978-3905801842
Preis: EUR  24.95 / CHF 38.90

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Sophie McKenzie: Seit du tot bist

Verratenes Vertrauen

Als Gen ihr Kind durch eine Totgeburt verliert, hört auch ihr Leben ein Stück weit auf, der Schmerz hüllt es ein und legt es lahm. Zwar führt sie eine gute Ehe mit Art, einem erfolgreichen Unternehmer, doch sie selbst bringt neben ein paar Kursen in kreativem Schreiben nichts mehr auf die Reihe. Alle Versuche, wieder schwanger zu werden, sind erfolglos, Gen ist nicht mal mehr sicher, ob sie noch weiter machen will. Acht Jahre ist der Verlust her, als plötzlich eine Frau vor Gens Tür steht. Ihre Behauptungen sind ungeheuerlich.

„Es…“ Die Frau holt tief Luft. „Es geht um Ihr Baby.“
Ich starre sie an. „Wie meinen Sie das?“
Sie zögert. „Es lebt.“ Ihre dunklen Augen scheinen mich zu durchdringen. „ Ihr Baby, Beth, ist am Leben.“

Der Boden unter Gens Füssen scheint sich aufzutun. Nicht nur soll ihr totgeglaubtes Kind noch am Leben sein, sie weiss nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Spricht die Frau die Wahrheit oder geht es ihr nur um Geld? Wer hat davon gewusst? Wieso will sie niemand verstehen, wenn sie der Sache nachgehen will?

Gens Mann Art macht sich Sorgen um Gen, er denkt, sie habe den Verstand verloren, will ihr helfen, will nach vorne schauen mit ihr, der Frau, die er über alles liebt. Kann sie ihm trauen oder ist auch das nur eine Masche? War sein Schmerz nicht echt damals?

Gen macht sich auf die Suche nach Anhaltspunkten, niemand will etwas wissen, alle damals involvierten Personen sind verschwunden, tot oder kommen unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Sophie McKenzie ist mit Seit du tot bist ein packender Thriller gelungen, der einen von der ersten Seite an nicht mehr loslässt. Ein sauber gestrickter Plot, geschickt platzierte Cliffhanger, plastisch gezeichnete Figuren lassen das Buch zum Lesegenuss werden. Als Leser leidet man mit Gen mit, wird man immer wieder in Zweifel gestürzt, wer wirklich die Wahrheit spricht, wem man trauen soll, worauf man hoffen darf.

Fazit:
Spannung und Tiefe in eine packende Form gebracht. Ein Thriller, der seinem Namen alle Ehre macht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sophie McKenzie

Sophie McKenzie wurde in London geboren und wuchs auch da auf. Sie arbeitete als Journalistin und als Herausgeberin eines Magazins, entdeckte als sie arbeitslos wurde die Liebe zum Schreiben und meldete sich in einem Kurs über Kreatives Schreiben an. Sophie McKenzie hat bereits mehr als fünfzehn Romane geschrieben, darunter die preisgekrönten Teenage-Thriller Girl, Missing, Sister, Missing und Missing Me. Sie erhielt zahlreiche Preise und stand zwei mal auf der Longlist für die Carnegie Medal. Sophie McKenzie lebt mit ihrem Sohn in London. Von ihr erschienen sind unter anderem Lauren vermisst (2013), Seit du tot bist (2013).

McKenzieTotAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (13. Mai 2013)
Übersetzung; Ursula Pesch und Friedrich Pflüger
ISBN-Nr.: 978-3453410442
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

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Salman Ansari: Rettet die Neugier!

Kindern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung lassen

Kinder werden immer noch früher in Schubladen gepresst, welche einzig dazu dienen, die von Erwachsenen als relevant erachteten Wissensinhalte zu lernen, möglichst nach vorgegebenen Zeitplänen. Dabei wird die Kreativität, die Neugier von Kindern, die Fähigkeit, selber zu denken und Dinge zu entdecken nach und nach unterdrückt und kaputt gemacht. Die heutigen Bildungsinhalte und Vermittlungsstrategien sind alles andere als kindgerecht, im Gegenteil, sie ignorieren das kindliche Wesen.

Die Möglichkeiten für Kinder, eigene Erfahrungen zu machen, werden immer weiter eingeschränkt. […] Auf der anderen Seite wächst der Druck auf sie, Kompetenzen zu erwerben, die aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht altersgemäss sind.

Schaut man auf Hirn- und Lernforschung, zeigt sich deutlich, dass die Inhalte, die man selber erfahren kann, die mit der eigenen Neugier erforscht werden und zu denen man eine Beziehung aufbaut, Früchte tragen. Bietet man dem Kind eine kindgerechte Lernumgebung, unterstützt es in seinem kindeigenen Weg, Erfahrungen zu machen und die Welt zu entdecken, wird ihm das nicht nur in Hinsicht auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung helfen, sondern es auch zu einem selbstbewussten, lebensfähigen Menschen ausbilden, der sich durch Kreativität und Neugier im Leben zurechtfindet.

Das Entlang-Gejagtwerden längs den Gleisen des Systems bildet nicht. Wir wollen Gleisleger erwecken, nicht Gleisfahrer machen.
(Martin Wagenschein)

Salman Ansari weist in diesem Buch auf die Schwächen der heutigen Bildungs- und Erziehungsstrategien hin und zeigt neue Wege auf, die dem Kind und dessen Entwicklung angepasst sind und mithelfen, dem Kind den Freiraum und die Möglichkeiten zu bieten, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszubauen. Bildung soll, so Ansari, nicht blosses Faktenpauken sein, das von Erwachsenen auf die Kinderseele gedrückt wird und diese so unterdrückt, sondern eine Erfahrung auf einer Ebene, die das Kind seine eigenen Wege finden lässt. Kinder lernen besser und freudiger, wenn man sie bei ihrer Neugier packt und ihnen nicht alles vorgefertigt und abstrakt überstülpt.

Anhand von anschaulichen Beispielen zeigt Ansari Mittel und Wege, wie man Kinder nicht zu abgestumpften Lernmaschinen, sondern zu lernfreudigen und selber denkenden Wesen erziehen kann. Das trägt dem Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention Rechnung, welcher fordert, dass Bildung darauf ausgerichtet sein soll,

die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen […und] das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geiste der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten [sowie] dem Kind die Achtung vor der natürlichen Umwelt zu vermitteln.

Es gilt, so Ansari, Kindern nicht vorgefertigte Antworten zu liefern, sondern sie sollen selber Antworten auf das Leben und die Umwelt finden, die sie umgeben. Auf diese Weise benutzen sie ihre Kreativität und entwickeln eigenständige Ideen. Dazu bedarf es keines herausragenden IQs, sondern stimulierender Herausforderungen.

Fazit:
Ein Buch, das Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher an Institutionen sein sollte. Ein Buch, welches Kinder in ihrer Persönlichkeit respektiert, schützen will und Möglichkeiten aufzeigt, aus ihnen selbstbewusste, kreative und lebenstüchtige Erwachsene zu machen, sie aber auf diesem Weg Kinder sein lässt .

Zum Autor
Salman Ansari
Salman Ansari wurde 1941 in Indien geboren. Er ist promovierter Chemiker und Lernpädagoge. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Odenwald-Schule arbeitet er am Kieler Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Entwicklung von Unterrichtsmodellen und professionalisiertem Lehrerhandeln mit. Seit mehreren Jahren arbeitet er auch im Elementarbereich. Er ist Dozent und Buchautor. Von ihm erschienen sind unter anderem Schule des Staunens (2009) und Rettet die Neugier (2013).

AnsariNeugierAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (25. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3810501929
Preis: EUR  18.99 / CHF 31.90

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Frank Schmitter: Der Tote von der Isar

Geschichten unter der glatten Oberfläche

Die Leiche eines offensichtlich obdachlosen Mannes wird am Isarufer gefunden. Steckt die selbsternannte Quartierpolizei dahinter, die sich von der Polizei im Kampf gegen die überhand nehmenden Obdachlosen im Stich gelassen fühlt? Als herauskommt, dass die Leiche nur in zerrissenen Kleidern dalag, es sich beim Toten aber um einen Münchner Anwalt handelt, treten neue Verdächtige auf den Platz. Die beiden Ermittler Gerald van Loren und Batzko stehen vor immer neuen Erkenntnissen, die immer noch mehr Fragen aufwerfen statt sie zu beantworten. Dass Gerald neben seiner Arbeit noch mit Beziehungsproblemen belastet ist, bei denen sein Kollege Batzko eher unerwünschte Ratschläge platzieren will, runden die Geschichte ab.

Frank Schmitter ist ein solider Krimi gelungen, der von seinen menschlichen Figuren, dem Lokalkolorit Münchens und einer nicht gleich durchschaubaren Haupthandlung lebt. Es werden am Rande Gesellschaftsprobleme angesprochen, gewisse Psychologisierungen wirken ein wenig gesucht, sind dadurch aber nicht störend oder wirklich fehl am Platz. Alles in allem genau das Richtige für einen leichten und unterhaltenden Lesegenuss.

Fazit:

Ein kurzweiliger Krimi mit menschlichen Figuren, einem interessanten Plot und einigen unerwarteten Wendungen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Frank Schmitter
Frank Schmitter wurde 1957 in Krefeld NRW geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und versuchte sich nach dessen Abbruch in diversen Jobs. Es folgte das Studium in Bibliothekswesen in Stuttgart, nach dessen Abschluss er in dem Beruf arbeitete. Nach einem Abstecher zu Kirch-Media in München als Dokumentar und Medien-Redakteur arbeitet er seit 2005 für das Literaturarchiv der Monaccensia. Frank Schmitter ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in München. Von ihm erschienen sind unter anderem neben Lyrik und Prosa in Anthologien und Zeitschriften Das leichte Leben (2004), Späte Ruhestörung (2006), Der Tote von der Isar (2013).

SchmitterIsarAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: btb Verlag (10. Juni 2013)
ISBN-Nr.: 978-3442745449
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.20

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Mann und Frau – Bilder in Köpfen

Kürzlich schrieb ich bei Facebook, dass ich mir überlege, einen zweiten Hund in die Familie zu holen. Neben vielen sachlichen und auch gefühlvollen Argumenten dafür und dagegen erhielt ich eine private Nachricht, in der mir ein Mann sagte, dass ich das unbedingt sein lassen müsse, da ich sonst, wenn ich neben Kind, Hund und zwei Katzen noch einen zweiten Hund hätte, erst recht keinen Mann fände.

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Vor ein paar Tagen schnitt ich meine Haare von relativ lang zu knapp kinnlang ab. Ich stellte das Bild als Profilfoto in meinen Messenger und erhielt kurz darauf eine Nachricht, die weder Anrede, noch sonstiges erhielt, nur das: NEEEEIIIN!!! Darauf folgte, der Schritt sei zwar wettermässig verständlich, deswegen aber noch lange nicht nachvollziehbar.

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Es gab mehrere Gelegenheiten, bei denen jemand mit mir oder ich mit ihm abmachen wollte. Von grosser Freude über ein Treffen oder Wiedersehen wurde gesprochen, dann aber von Mannes Seite erwähnt, wie eingespannt er sei, er werde sich dann kurzfristig melden. Und prompt kommt eines Tages ein SMS, ich bin nun grad frei, wir könnten uns spontan zum Kaffee treffen.

Bei all diesen Ereignissen stellen sich bei mir die (nun kurzen) Haare auf. Mit welchen Frauenbildern schlagen sich Männer teilweise rum? Denken sie allen Ernstes, wir sitzen hier, richten unser Leben genau so aus, dass es für einen potentiell interessierten Mann passt? Gestalten wir unsere Frisuren nach den gängigen Geschmäckern irgendwelcher Herren, die nicht mal den Anstand und die Umgangsformen einer menschlichen Kommunikation kennen? Sitzen wir wirklich nur auf Abruf da und hoffen auf ein gnädig eröffnetes Zeitfenster im ach so gefüllten Zeitplan des wichtigen Mannes? Wo in der Zeit sind diese Herren stehen geblieben?

Die andere Frage, die sich mir stellt ist, ob es wirklich Frauen gibt, die sich genau so verhalten, wie diese Männer es vorgeben. Von irgendwo müssen die Herren der Schöpfung ja dieses Verhalten haben und es muss schon Erfolg gebracht haben, sonst hätten sie es vielleicht verändert? Sollte das Ergebnis von jahrzehntelanger Emanzipationsbewegung wirklich sein, dass Frau immer noch ihr Leben dem des Mannes anpasst und damit unterordnet, damit sie ja nicht alleine dasteht? Wer hat überhaupt gesagt, dass sie einen Mann sucht und braucht? Zumindest tut sie das nicht mehr als der Mann auch die Frau braucht, sind wir doch alle soziale Beziehungstiere.

Ich habe das nicht immer so gesehen. Es gab durchaus Zeiten in jüngeren Jahren, in denen ich betroffen gewesen wäre ob der Reaktion auf meine Frisur, in der ich gesprungen wäre auf den Pfiff des gnädigen Herrn mit dem Zeitfenster und alles getan hätte, um ja nicht auf der Liste der ungewollten Frau zu landen. Ich war zu wenig sicher, wer ich bin und was ich selber vom Leben wollte. Ich dachte, ich könne doch nicht einfach meinen Weg gehen, müsse mich anpassen. Ich gestand mir selber zu wenig Selbstwert zu und stellte damit die anderen mit ihren Meinungen und Bedürfnissen über mich. Dass dies vor allem im Austausch Mann – Frau passiert, hat eine lange gewachsene Tradition. Diese zu durchbrechen bedeutet nicht, nun in einen sinn- und wahllosen Geschlechterkampf einzusteigen, wie es teilweise geschieht. Es heisst ledigilich, sich selber als Mensch unter gleich würdigen und gleichwertigen Menschen zu sehen und zu sich selber zu stehen. Es heisst, sich ernst zu nehmen und sich dadurch den Wert zuzuschreiben, den man hat und haben sollte – für sich und für andere.

Franz Kafka

Franz Kafka (*3. Juli 1883)

Franz Kafkas Biographie lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: Er wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren, wo er nach fast einundvierzig Jahren auch begraben wird. Kafka bewegt sich in seinem ganzen Leben sowohl lokal wie auch in Bezug auf Menschen in kleinen Kreisen, kommt kaum je aus seinem Wohnkreis heraus:

Hier war mein Gymnasium, dort in dem Gebäude, das herübersieht, die Universität und ein Stückchen weiter links hin mein Büro. In diesen kleinen Kreis – ist mein ganzes Leben eingeschlossen.

Er pflegt nur wenige Kontakte,  nimmt nicht an literarischen Gesprächen teil, lebt sehr zurückgezogen und still. Sein Freundeskreis ist eng, aber langjährig konstant. Es ist nicht viel bekannt von Kafkas Leben. Das ändern auch die zahlreich vorhandenen Briefe und Tagebücher nicht, welche von Max Brod, Freund und Editor Kafkas, herausgegeben wurden, allerdings stark zensiert. Brods Anliegen war es, Kafkas Bild als Heiligen zu bewahren, alles, was dieses Bild trübte, wurde gestrichen.

Kafka besucht in Prag die Deutsche Knabenschule, wechselt dann ans humanistische Staatsgymnasium. Er interessiert sich schon in seiner Jugend für Literatur, schreibt erste Erzählungen. Leider sind diese frühen Werke verschollen, vermutlich mitsamt den frühen Tagebüchern vernichtet – dasselbe Schicksal sollte auch vielen späteren Werken blühen, hätte Max Brod sich nicht gegen den Wunsch Kafkas gestellt und diese veröffentlicht.

Nach dem Gymnasium startet Franz Kafka mit einem Chemiestudium, wechselt kurz darauf zu Jura. Ein kurzer Abstecher in die Germanistik und Kunstgeschichte – einmal der eigenen Neigung und nicht dem Diktat des Vaters folgend – endet bald und Kafka schliesst schlussendlich Jura mit Promotion ab. Nach einem unbezahlten Gerichtspraktikum tritt Kafka – wieder ganz dem Wunsch des Vaters folgend – die Versicherungslaufbahn an. Er arbeitet 14 Jahre als Prokurist einer Versicherung (reiner Broterwerb) und schreibt nebenher: hauptsächlich nachts, allein, diszipliniert und in Stille.

Ich brauche zu meinem Schreiben Abgeschiedenheit, nicht ‚wie ein Einsiedler’, das wäre nicht genug, sondern wie ein Toter. Schreiben in diesem Sinne ist ein tiefer Schlaf, also Tod, und so wie man einen Toten nicht aus seinem Grabe ziehen wird und kann, so auch mich nicht vom Schreibtisch in der Nacht. […] Ich kann eben nur auf diese systematische, zusammenhängende und strenge Art schreiben und infolgedessen auch nur so leben.

In seinen Werken erfindet Kafka Träume und schafft Metaphern, er erzählt Geschichten, die oft abstrus klingen, aber sehr tief in die Zustände des Lebens seiner Zeit passen, diese offen legen und auch ein Stück weit Kafkas Leiden an ihnen widerspiegeln. Saul Friedländer schreibt in seiner Biographie über Franz Kafka:

In erster Linie war Franz Kafka ein Dichter seiner eigenen Verwirrung.

Kafka kämpft an vielen Fronten und er leidet. Er leidet an seiner Beziehung zu Frauen, leidet an seinem Gefühl von Scham und Erbsünde, er fühlt sich schmutzig und ist anorektisch. Auch sein Verhältnis zu seinem Vater ist problemgeladen. Es gibt fast keinen Lebensbereich, der keine Leiden generiert. Seine Sicht auf die Welt (ausserhalb seines Geistes) ist denn auch eine düstere:

Es gibt nichts anderes als eine geistige Welt; was wir sinnliche Welt nennen ist das Böse in der geistigen und was wir böse nennen ist nur eine Notwendigkeit eines Augenblicks unserer ewigen Entwicklung.

Im August 1917 erleidet Franz Kafka einen nächtlichen Blutsturz, man stellt bei weiteren Untersuchungen eine Lungentuberkulose fest. Ende desselben Jahres schreibt Kafka:

Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen in etwas Unzerstörbares, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd unbekannt bleiben können.

Kafkas Leben könnte man wohl als dauernde Suche und Sehnsucht nach diesem Unzerstörbaren, nach diesem Vertrauen bezeichnen. Diese Sehnsucht nach Werten und Halt spiegelt sich auch in seinem Werk wieder, wobei seine Figuren bei  ihrem Streben und Suchen immer wieder scheitern.

Nach kurzer gesundheitlicher Besserung holt ihn eine Grippe ein, eine Lungenentzündung folgt und danach gesundheitliche Abbau Jahr für Jahr. Am 3. Juni 1924 stirbt Franz Kafka im Alter von 40 Jahren.

Franz Kafkas Werk:

  • Grosser Lärm (1912)
  • Das Urteil (1913)
  • Die Verwandlung (1915)
  • Der Landarzt (1918)
  • In der Strafkolonie (1919)
  • Der Brief an den Vater (1919)
  • Der Hungerkünstler (1924)

Romanfragmente:

  • Der Process (1925)
  • Das Schloss (1926)

Hermann Hesse (*2. Juli 1877)

Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich weit vorn anfangen. Ich müsste, wäre es mir möglich, noch viel weiter zurückgehen, bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit und noch weit über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft zurück.

Mit diesen Worten beginnt Hermann Hesse seinen Demian und drückt damit ein Verständnis von Sein und Werden aus, das sich durch sein ganzes Werk zieht. Die kindliche Seele, ihre Entwicklung und die Nöte dabei prägen Hermann Hesses ganzes Werk. Kaum ein anderer Schriftsteller hat Themen wie (Persönlichkeits)Bildung und Erziehung so ins Zentrum gerückt wie er.

Hermann Hesse erblickt als Sohn einer christlichen Missionarsfamilie am 2. Juli 1877 in Calw, einer kleinen Stadt im nördlichen Schwarzwald, das Licht der Welt.  1881 folgt der Umzug nach Basel, wo die Familie fünf Jahre bleibt und Hermann Hesse die Internatsschule der Basler Mission, für die seine Eltern tätig sind, besucht. 1886 führt der Weg zurück nach Calw, wo Hermann Hesse die Schule besucht, danach in Stuttgart das Landesexamen besteht und in der Folge in das evangelisch-theologische Seminar in Maulbronn eintritt. Er ist ein rebellischer Student, der mehrfach den Seminarmauern entflieht.

Durch Konflikte mit den Eltern und verschiedenen Schulen belastet, tritt Hermann Hesse in eine depressive Phase ein, welche Suizidgedanken mit sich bringt. Ein gescheiterter Suizidversuch führt zu Hermann Hesses Einlieferung in eine Nervenheilanstalt nahe Stuttgarts. Hermann Hesse fühlt sich unverstanden und verstossen, er distanziert sich von seiner Familie, äussert dies in aggressiven und von Sarkasmus strotzenden Briefen.

Ab 1892 besucht Hermann Hesse das Gymnasium, bricht dann die Schule ab und beginnt eine Buchhändlerlehre, welche er nach drei Tagen hinwirft, um eine Mechanikerlehre zu beginnen und dann erneut in den Buchhandel zu wechseln.

Neben seiner Arbeit und Reisen nach Italien veröffentlicht er immer wieder Gedichte und kleine literarische Arbeiten in Zeitschriften. 1903 lernt Hesse die Basler Fotografin Maria (Mia) Bernoulli kennen und heiratet sie 1904. Im selben Jahr gelingt ihm auch der Durchbruch mit seiner Literatur, Peter Camenzind erscheint beim Fischer Verlag. 1906 erscheint der zweite Roman, Unterm Rad.

Der Erste Weltkrieg bricht aus, Hesse ist kriegsuntauglich und schon bald Gegner der Kriegspolemik, die er rund um sich sieht. 1917 verfasst Hesse seinen Roman Demian, welcher erst nach dem Krieg, 1919 unter Pseudonym erscheint. Ebenfalls 1919 folgt der Umzug ins Tessin. Zu diesem Zeitpunkt liegt Hesses Leben in Scherben. Mehrere Schicksalsschläge stürzen Hesse in eine Krise und auch seine Ehe ist nicht von Glück gesegnet. Die vielen Reisen Hesses, die alleinige Pflicht Mias für Haus und Kinder und die psychischen Probleme beider führen zum Auseinanderleben und zur Scheidung 1923.

Kennst du das auch?
Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen musst?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Heimweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt – kennst du das auch?

Hermann Hesse widmet sich neu inspiriert seiner Schriftstellerei, malt daneben Aquarelle und macht Zeichenskizzen. Der Zweite Weltkrieg lässt seine Produktivität schwinden, zwar entstehen in der Zeit noch Erzählungen und auch Gedichte, aber kein Roman mehr. 1961 erkrankt Hermann Hesse an einer Grippe, man entdeckt zudem eine bisher unentdeckte Leukämie. Hermann Hesse stirbt in der Nacht zum 9. August 1962 in Montagnola.

Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Werke Hermann Hesses:

  • Peter Camenzind (1904)
  • Unterm Rad (1906)
  • Gertrud (1910)
  • Unterwegs (1911)
  • Rosshalde (1914)
  • Demian (1919)
  • Siddharta (1922)
  • Narziss und Goldmund (1939)
  • Morgenlandfahrt (1932)
  • Das Glasperlenspiel (1943)

Kulissen und dahinter

Oft schätzt man die Qualitäten des eigenen Mannes mehr, wenn man genauer hinter die einladend angebotenen Kulissen der anderen Männer schaut.

Je näher man an jemandem dran ist, desto deutlicher fallen dessen Fehler auf. Bei den anderen sieht man nur an die Fassade und selten wirklich dahinter.

Geld regiert den Sport

Stell dir vor, es ist Weltmeisterschaft und alle schauen weg

Bald geht es los mit der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, es wird geplant, gebaut, geklotzt. Tausende von Menschen werden ihrer Häuser beraubt, Schulen geschlossen, Gelder in der Höhe von drei vergangenen Weltmeisterschaften verschwendet. Brasilien ist im Fussballfieber oder besser: Das Fussballfieber macht Brasilien krank? Ist das Irrsinn oder wirklich noch Sport und Freude?

Wenn in einem Land so viele Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, weil Armut um sich greift, ist es ein Hohn an der Menschlichkeit und ein Schlag gegen die Menschenwürde, wenn man so viel in glänzendes Fussballambiente investiert und die ansässigen Menschen gar noch mit Füssen tritt, indem man Ihnen das Zuhause und die Bildungsmöglichkeiten nimmt. Fussball ist zu einem reinen Finanzgeschäft geworden (nicht erst heute, nicht erst seit Brasilien).  Was schon im nationalen Fussball zu sehen ist, indem die zahlungskräftigsten Mannschaften oft die Ranglisten anführen, nimmt international immer haarsträubendere Formen an.

Schon die Weltmeisterschaften in Südafrika schlugen hohe Wellen. Gefahren und Risiken wurden in den schwärzesten Farben ausgemalt. Das ganz grosse Fiasko blieb aus (keine Tausende von Toten und dergleichen), aber von positiven Effekten (für das Land) ist auch wenig zu sehen.  Eine Studie[1], im Auftrag des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks erstellt, zeigt die eher düsteren Auswirkungen der FIFA Weltmeisterschaften auf Südafrika. Als Fazit kann gelten:

Heute ist es offensichtlich, dass sich die Schätzungen von 2003, in denen Südafrika nur  minimale“ Kosten und „signifikante“ materielle Nutzen versprochen worden waren, ins  Gegenteil gedreht haben.

Das Geld, das nun auch in Brasilien investiert wird, könnte in Anbetracht des Mangels in diesem Land (und auf der ganzen Welt) besser eingesetzt werden. Das müsste nicht mal zwingend auf Kosten des sportlichen Wettkampfes gehen, der könnte trotzdem stattfinden, einfach anders und zu menschen- und umweltfreundlicheren Konditionen. Dabei nun das Argument anzuführen, dass es auch andere Gelder gäbe, welche man umverteilen könnte, so dass niemand Mangel leiden müsste, wäre Milchbüchleinverfahren. Wenn man immer das andere Töpflein als das bezeichnet, aus welchem genommen werden soll, das eigene aber nur gefüllt haben möchte, zeugt das von keiner gemeinschaftlichen und vor allem solidarischen Verteilungspolitik. Wenn nun jeder so denkt, was heutzutage der Fall scheint, wird sich nie etwas ändern und die Schere zwischen Arm und Reich immer noch grösser werden. Die, welche Macht über einen Geldtopf haben, werden ihn verschlossen halten, die, welche des Geldes bedürfen, schauen in die Röhre.

Was zählen die eigenen Bedürfnisse?

Mir läuft momentan die eine Zeile aus Ina Müllers Lied nach:

Hätt’ ich nen Hund, hätt ich nen Grund…

Es kommt so locker flockig daher, frech und keck erzählt das Lied vom Singleleben, von den Zwängen von aussen, von Barbesuchen, die man nicht möchte, denen man nicht entkommt – es sei denn: Man hätte einen Hund. Dann könnte man sagen, es ginge nicht, weil eben der Hund da wäre.

Wieso fällt es uns oft so schwer, zu unseren Bedürfnissen zu stehen? Haben wir andere (Tiere, Menschen….) als Entschuldigung, ist alles kein Problem, wenn nur wir selber und unsere Bedürfnisse Grund sind, schrecken wir davor zurück, anderen abzusagen, wenn wir keine Lust zu deren Plänen hätten. Sind wir uns wirklich so wenig Wert, dass jeder andere, jedes Tier wichtiger und gewichtiger wären als Grund? (Nichts gegen Tiere, ich habe einen Hund und ich liebe ihn sehr.)

Wenn ich meinem Gegenüber sage, ich hätte keine Lust mit ihm auszugehen, ist das in unseren Augen eine Affront gegen das Gegenüber. Schiebe ich den Hund vor, kann sich das Gegenüber wohl fühlen, denn es muss die Abfuhr nicht auf sich beziehen. Das ist unsere Sicht. Nur unterstellen wir dem Gegenüber dann, dass es unser Bedürfnis nicht als Wert genug erachten würde, dass es eine Absage rechtfertigt, so dass es diese direkt auf sich selber beziehen müsste.

Mit dieser Sicht setzen wir nicht nur uns selber herab, sondern auch das Gegenüber, indem wir ihm einerseits absprechen, uns beim Wort zu nehmen, sondern andererseits auch sich selber gegenüber so unsicher zu sein, dass eine Abfuhr gleich persönlich genommen würde. Vermutlich tun wir das, weil wir a) selber so gestrickt sind und b) solches schon oft erlebt haben.

Und langsam wird es ziemlich kompliziert, weil so viele unterdrückten und unbewussten Gefühle in einer einfachen Unlustbekundung stecken, dass es wirklich einfacher scheint, einfach einen Hund vorzuschieben.

Es ist verständlich, es ist menschlich, es ist erprobt und für gut befunden – und es funktioniert, ohne auf einer der beiden Seiten schlechte Gefühle zu wecken. Trotzdem wäre es ab und an nicht schlecht, genauer hinzuschauen, wenn man oberflächliche Gründe vorschiebt, was wirklich dahinter steckt. Und was es für einen selber bedeutet, was es über einen selber aussieht. Jeder ist es Wert, ernst genommen zu werden. Jeder ist es Wert, sich selber ernst nehmen zu dürfen. Und jeder ist es Wert, Freunde zu haben, die ein Nein einfach als das respektieren, das es ist: Das Zeigen der eigenen, persönlichen Grenzen.

Facebook

Facebook ist ein schwieriges Pflaster. Es ist vor allem eines mit vielen Fettnäpfchen und  Stolpersteinen. Entweder sind diese sehr ausgeprägt, dass sie grundsätzlich nicht zu vermeiden sind oder aber ich bin in deren Umfahrung eher ungeschickt, fühle mich von den netten Risiken und Gefahren, auf deren Nebenwirkungen mich noch keiner aufmerksam gemacht hat, zu sehr angezogen. So oder so: ich falle drüber und lande drin – immer wieder.

Zuerst mal ist wohl die geschriebene Sprache schon generell eher anfällig für Missverständnisse. Ich sitze hier vor meinem Computer, haue in die Tasten und denke mir etwas bei dem, das ich schreibe (im besten Falle). Ab und an ziehe ich vielleicht die Augenbrauen zusammen, dann wieder lache ich. Meine Mimik widerspiegelt den in die Zeilen gelegten Sinn und die intendierte Konnotation. Hinter einem anderen Computer sitzt ein anderer, den ich mehr oder minder kenne (und er mich), er liest die Buchstaben so, wie sie am Schirm auftauchen, hat dabei seinen Hintergrund an Textverständnis und Erfahrung und liest so unweigerlich etwas aus diesen Zeilen, das nicht wirklich da steht. Zwar weicht seine Interpretation nicht willentlich oder gar bösartig von meinem Text ab, oft bewegt sie sich innerhalb der Wörter, sie unterschlägt diesen einfach eine Stimmung oder eine Meinung oder fügt beides hinzu. Wenn er das Lachen nicht mitdenkt kann etwas humoristisch gemeintes völlig anders wirken, dasselbe passiert auch bei anderen Auslassungen oder Zusätzen. Oft kann man es auflösen, die Welt (die sich sowieso nicht an Dingen wie Facebook aufhängen sollte, was aber wohl auch selten bewusst passiert)geht nicht unter. Ab und an erwachsen daraus grössere Geschichten und das ist sicher eine der Schwierigkeiten von Facebook.

Ein weiteres Problem, blenden wir mal die Interpretationssache aus, liegt in der Informationsflut, die wir täglich zu bewältigen haben und der wir auch andere aussetzen. Plötzlich ist er da, dieser Drang, alles sagen zu wollen. Vom Aufstehen über den ersten, zweiten, dritten Kaffee bis hin zum Klo und anderen Ausflügen wird alles feinsäuberlich geteilt. Nun wäre dies beim Kaffee, vor allem wenn er in der Folge auch real vor dem Empfänger dieser geteilten Welt stünde, sehr angenehm, andere Mitteilungen sind in dieser Hinsicht sicher schwieriger zu bewerten.

Auch als Leser hat man seine Schwierigkeiten: Je mehr Freunde man hat, desto mehr an Mitteilungen wird man von ihnen verpassen. Sie gehen zu schnell unter in dem ewig fliessenden Strom von Bildern, Musik, politischen Äusserungen, Humor, Sinnsprüchen, Essensberichten, Beziehungsständen und Tagesablaufsinformationen. Und wenn es als Leser passiert, dass man Dinge verpasst, kann der Schreiber ab und an doch sehr pikiert reagieren. Er fühlt sich ignoriert, möchte gesehen, gelesen, wahrgenommen werden. Er fühlt sich übergangen und das breitet negative Gefühle aus. Zwar streitet er diese ab, doch scheint es doch nicht ganz so unwichtig zu sein, es wird immerhin zum Thema – auf die eine oder andere Art. Und was, wenn man irgendwo immer kommentiert, der andere aber im Gegenzug nicht bei einem selber? Ist dann die Welt aus dem Gleichgewicht oder ist man nur starr, wenn man drauf hofft, gleich wichtig für ihn zu sein wie er für einen?

Ein weiterer Punkt sind die verschmähten realen Freunde. Sie lesen etwas im FB, was ihnen so noch nicht bekannt war und fühlen sich plötzlich übergangen oder nur noch als einer von vielen Facebookfreunden, statt der reale gute Freund, der sie dachten zu sein. Sie fragen sich und einen, wieso man nichts gesagt, sie nicht eingeweiht hat, stattdessen aber der ganzen (Facebook)Welt davon berichtet. Sie sind traurig, wütend, verletzt. Und man sieht den Punkt, doch fragt man sich, wann man eigentlich in diese Pflicht kam, sich mitteilen zu müssen? Und ob ein Satz im FB schon so tief geht wie eine persönliche Mitteilung zu einem Freund. Und wann genau der passende Zeitpunkt gewesen wäre dafür. Und ab und an weiss man gar nicht, was man zu gewissen Dingen sagen kann, eine Momentaufnahme macht aber einen Satz draus, der in die Facebookwelt passt, aber noch kein Thema für ein Gespräch ist?

Als ob es bis dahin nicht schwierig genug gewesen wäre, kommen nun noch die wirklichen Risiken und Gefahren. Facebook sei ein Beziehungskiller, es knüpfe Bänder zu Menschen, die sonst nie so leicht entstanden wären und lasse dann etwas entstehen, was so nicht hätte sein sollen in Anbetracht des realen Beziehungsstand, welcher sich in der Folge oft drastisch ändern könne – und es auch oft täte. Das mag gut sein. Ich erhielt gerade gestern ein sehr nettes Angebot einer jungen Frau aus Dakar, sie wollte mich gerne kennen lernen, mir Bilder schicken, sie fand mich nett – das auf Deutsch und Englisch und in kurzen Abständen mehrfach mit demselben Text (das sollte wohl die Ernsthaftigkeit des Ansinnens unterstreichen und die Grösse des Wunsches ausdrücken). Ich fühlte mich in der Tat sehr zugetan und geschmeichelt, war man doch mit so ernsthaften Absichten in den Weiten des Facebook ausgerechnet auf mich gestossen. Nun gut, das Geschlecht stimmte hier in meinem Fall nicht ganz, aber es gibt ja auch die Vorstösse des anderen Geschlechts, die teilweise ähnlich klingen wie das der hochverehrten Interessentin von gestern. Manchmal gibt es aber auch schlichte Vorstösse, die mit einer einfachen und deutlichen Sprache daherkommen: „Hi Sexy.“ Die anschliessende Frage nach dem Befinden ist harmlos, der abschliessende heisse Kuss schon eher sehr forsch, aber wir lernen ja, unsere Gefühle auszudrücken, offen und ehrlich zu sein – so war das in dem Falle bestimmt gemeint.

Doch auch ganz im Ernst hilft Facebook natürlich, Menschen über den Globus miteinander zu vernetzen. Man lernt sich über Diskussionen, gemeinsame Themen und Ideen kennen, fühlt sich durch Hobbies verbunden, gerät in einen Austausch und fühlt sich darin verstanden. Das knüpft Bänder, die im realen Leben (vor allem oft über die Distanzen) nicht entstanden wären. Sicherlich kann das eine Gefahr darstellen für bestehende Beziehungen, da man so auf eine grössere Anzahl von Menschen trifft. Trifft der richtige Mensch (davon gibt es ja nicht nur einen) zur richtigen Zeit (auch der Zeiten sind mehrere) auf die richtige Stimmung, könnte da schon etwas entstehen, was so nicht beabsichtigt oder gar gesucht war. Doch meistens steckte wohl tief drin der Wunsch, etwas zu füllen, was genau auf diese Weise gefüllt wird. Was man dann daraus macht, ist aber immer noch die eigene Entscheidung, es passiert nichts einfach so.

So oder so bleibt Facebook, was es ist: Eine witzige Sache, die mit etwas Vorsicht zu geniessen ist, die man nicht ganz unhinterfragt immer für bare Münze nehmen sollte, deretwegen man das reale Leben nicht völlig aufs Abstellgleis stellen sollte. Trotzdem ist es aber schlicht unterhaltend und ab und an auch sehr bereichernd und neue Sichtweisen eröffnend.

Literarische Reise durch die Zeit

Der Abschluss meines Studiums liegt nun einige Zeit zurück. Ich habe gerne studiert, studieren war mein Kindheitstraum. Ich habe mich nur durch all die Schuljahre (teilweise wirklich) gequält, weil ich immer wusste: Ich will studieren. Was genau war nicht immer klar, das schwankte oft je nach gelegtem Fokus – mal überwiegte das Herz, mal die Sinnfrage. Das Herz hat gewonnen, ich habe mich für Literaturwissenschaft und Philosophie (das waren meine persönlichen Schwerpunkte, die Sprachwissenschaft und das Nebenfach Geschichte gehörten zum geforderten Gesamtpaket dazu und waren durchaus auch wichtig, lieferten sie doch immer Grundlagen für die von mir bevorzugten Teile) entschieden.

Wenn ich an meine Studienzeit zurück  denke, gibt es neben einigen wunderbaren Vorlesungen und Seminaren (ich hatte das grosse Glück, Peter von Matt in Aktion zu erleben. Seine Art, mit Literatur umzugehen, von ihr mit einem inneren Feuer, seiner ausgeprägten Liebe und dem unglaublichen Schatz an Wissen und Hintergrund gepaart mit viel Humor zu erzählen, hat mich sicher geprägt und in meinem Weg bestärkt) zwei Studienphasen, die mir die liebsten waren:

–       die Vorbereitung auf die Literaturzwischenprüfung

–       Die Zeit meiner Masterarbeit und die Vorbereitung auf die Literaturabschlussprüfung

In der Zeit meiner Masterarbeit tauchte ich in das Leben und Schaffen Thomas Manns (ich ging förmlich auf in Thomas Mann, saugte alles auf, was ich von und über ihn fand) ein, las dessen gesamtes Werk (wenige Ausnahmen) und daneben die Gesamtwerke Schnitzlers und Goethes. Ich hatte mir viel vorgenommen, aber es war wunderbar. Neben den Gesamtwerken hatte ich das Thema Bildungsroman, auch da gab es einige „dicken Schunken“ und tollen Werke zu lesen. Diese Zeit wurde massgeblich durch meinen menschlich wie fachlich tollen Professor geprägt, Thomas Fries. Er hat es verstanden, mir Mut zu machen, wenn mich meine Selbstzweifel übermannten, er verlor nie die Geduld, wenn ich am Thema zweifelte und stand in allem immer hinter mir. Menschen von dieser Grösse und humanistischem Geist hätte ich mir mehr gewünscht in den universitären Kreisen.

Die andere Zeit, die ich herausstreichen möchte, war die Vorbereitung auf die Literaturprüfung. Es lag mir eine Liste der zu lesenden Werke vor und ich stürzte mich hinein. Lesen im Akkord könnte man es nennen, aber es war eine fruchtbare Zeit, in der ich viele mir noch unbekannte (Literatur)Welten erforschte, in sie eintauchte und ganz viel für mich mitnahm. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mir diese Aufgabe nochmals vorzunehmen. Ich werde die ganze Liste erneut lesen (ohne Zeit- oder sonstigen Druck) und darüber schreiben. Die komplette Liste hat den schönen Namen Selbststudieneinheit Neuere Deutsche Literaturwissenschaft.

Die dazu entstehenden Texte werden auf einer gesonderten Seite mit dem Namen „Literarische Zeitreise“ gesammelt werden.

Viel Spass denen, die mich dabei begleiten, ich freue mich drauf!

Riikka Pulkkinen: Wahr

Das Leben und die Liebe leben

Neben ihm schlief Elsa. Sie atmete ein wenig stockend, aber nicht anders als Gesunde. Martti war also doch eingeschlafen, auch wenn er am Abend befürchtet hatte, aus Sorge kein Auge zutun zu können. Es war Elsas erste Nacht zu Hause, seit zwei Wochen. Anfangs hatte Marti sich gegen ihre Heimkehr gesträubt. Nicht, weil er seine Frau nicht gerne um sich hätte, im Gegenteil. Elsas Platz war hier, seit über fünfzig Jahren schon gehörte sie hierher. Aber er hatte Angst, sie eines Morgens tot neben sich zu finden, mit erkalteten Beinen.

Elsa, eine emeritierte Psychologieprofessorin, und Martti, erfolgreicher Künstler, sind seit über 50 Jahren ein Paar, haben eine gemeinsame Tochter, Eleonore, und zwei Enkelinnen, Maria und Anna. Die Krebsdiagnose Elsas und ihr bevorstehender Tod bringt das Leben aller Familienmitglieder ins Wanken. Elsa hat das Bedürfnis, vor ihrem Tod die Wahrheit über die Vergangenheit loszuwerden und damit die Verstrickungen in der Familiengeschichte offenzulegen. Zentrale Figur in dieser Geschichte ist Eeva, ehemaliges Kindermädchen Eleonores und grosse Liebe von Martii. Elsa wählt Anna, um ihr von Eeva zu erzählen, vielleicht, weil Anna Eeva in gewissen Belangen ähnlich ist. Anna macht sich auf die Suche nach Eeva, sie will mehr über sie erfahren, denn auch sie erkennt sich in ihr wieder und möchte wohl durch Eevas Geschichte ihrer eigenen auf die Spur kommen. Im Zentrum von allem steht die Frage nach der Liebe.

„Ich würde es eher so sehen: Deine Liebe gehört dir, dir allein. Sie ist kein Gefängnis oder etwas, das deiner Freiheit im Weg steht. Eeva hat das nicht erfasst und das hat sie zu einem traurigen Menschen gemacht. Möglicherweise war sie von Anfang an trauriger als alle, die wir kennen. Anna, niemand kann dir deine Liebe wegnehmen, aber genauso wenig die Welt. Beide gehören dir.“

Riikka Pulkkinen erzählt eine Familiengeschichte und deren Hintergründe in sehr philosophischer und poetischer Weise. Es gelingt ihr, mühelos zwischen verschiedenen Zeiten und Erzählsträngen hin und her zu wechseln, den Strang der vergangenen Liebe von Martii und Eeva und die gegenwärtige Abschiedszeit miteinander zu verweben. Wahr erzählt von der Liebe, von den Menschen, die sich in ihr finden oder verlieren. Es ist eine Geschichte, die vom Leben ausgeht und alle seine Belange hinterfragt, ohne dabei in Stein gemeisselte Antworten zu finden. Man findet sich als Leser philosophischen Gedankengängen gegenüber, die nie dogmatisch sind, nicht trocken oder aus dem Lehrbuch, sondern lebensecht und tief.

Wahr zieht einen als Leser in den Bann. Man fühlt mit, will wissen, wie die Geschichte ausgeht. Die Ahnung, wie das Ende aussehen wird, gewinnt an Gewissheit im Zuge des Lesens, das Vertrauen, dass genau dieses Ende das einzig passende ist, ergibt sich aus der Erzählsicherheit, der man sich in diesem Buch ganz hingeben kann. Wahr ist eine Geschichte, in die man eintauchen möchte, die man miterlebt, die einen packt und nicht mehr loslässt, indem sie einen tief berührt und vor die grundlegenden Fragen des eigenen Lebens stellt.

Fazit:
Eine berührende, philosophische, tiefe Geschichte. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin:
Riikka Pulkkinen
Riikka Pulkkinen, wurde 1980 geboren. Sie stammt aus der nordfinnischen Stadt Oulu und hat in Helsinki Literatur und Philosophie studiert. Sie ist eine der erfolgreichsten jungen Autorinnen Finnlands. Wahr wurde für den wichtigsten finnischen Literaturpreis, den Finlandia-Preis, nominiert. Riikka Pulkkinen lebt in Tampere in Südfinnland.

PulkkinenWahrAngaben zum Buch:
Hardcover: 368 Seiten
Verlag: List Hardcover Verlag (9. März 2012)
Übersetzung: Elina Kritzokat
ISBN: 978-3471350713
Preis: EUR 18; CHF 16.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH