Neues ausprobieren


Sabine und Klaus sassen am Frühstückstisch und tranken ihren gewohnten Morgenkaffee. Bald war ihre Ferienwoche vorbei, bald hatte sie der Alltag wieder. Noch genossen sie aber den Blick über die geliebten Berge wie jedes Jahr im August. Schon seit Jahren kamen sie hier her in die Ferien. Sie schätzten das, denn diese Ferienroutine bedeutete, alles schon zu kennen, sich gleich vom ersten Tag an entspannen zu können, ohne zuerst noch die Gegend erkundigen zu müssen.

Es war eine schöne Ferienwoche gewesen. Sie hatten alte Bekannte getroffen, die auch schon seit Jahren zur selben Zeit hier in den Ferien waren, und konnten am Sonntag am Dorffest teilnehmen. Am Montag waren sie – wie jedes Jahr – aufs Stockhorn gewandert, danach kamen das Brienzer Rothorn und der Niesen an die Reihe und heute stand ein Ausflug nach Thun auf dem Programm. Plötzlich sagte Sabine zu Klaus:

„Meinst du nicht, wir sollten mal etwas verändern in unserem Leben? Ich habe gerade in einem Artikel gelesen, man solle aus Gewohnheiten ausbrechen, das brächte neuen Wind ins Leben, man sei dann kreativer.“

Klaus schaute sie an: „Ich will nicht malen oder töpfern.“

„Wie kommst du denn nun auf malen und töpfern?“

„Du sagtest doch, man sei dann kreativer.“

Sabine verdrehte die Augen: „Das ist doch nicht so gemeint. Auf alle Fälle finde ich, uns täte etwas frischer Wind gut. Wir könnten nächstes Jahr mal an einem anderen Ort Ferien machen. Lass uns ans Meer fahren.“

Klaus sagte nichts mehr. Er kannte Sabine lange genug und wusste, wann es besser war, zu schweigen.

Nach dem Kaffee brachen Sabine und Klaus auf, um nach Thun zu fahren. Da wollten sie auch gleich in einem Reisebüro Prospekte mit möglichen Feriendestinationen besorgen und diese dann in ihrem Stammcafé auf dem Mühleplatz studieren.

Thun begrüsste sie mit prächtigem Wetter und dem gewohnten Charme. Mit einer riesigen Beige an Prospekten machten sie es sich an der Sonne bequem. Sie blätterten sich durch spanische Inseln und toskanische Felder, streiften durch die Provence und machten einen Abstecher nach Griechenland. Balearen oder Kanaren? Italien oder Frankreich?

Bald schon rauchte den beiden der Kopf, zumal alles irgendwie ähnlich aussah. Grosse weisse Betonbauten oder aber kleine Bungalo-Siedlungen mit Pools, Strand, Palmen, Badetuch an Badetuch. Die anpreisenden Texte klangen auch alle etwa gleich. Worauf sollte man da achten? Nach welchen Kriterien entscheiden? Blätterten beide anfangs noch eifrig, wurde das Umschlagen der Seiten stiller und stiller – und die Stimmung bedrückter.

„Was machen wir denn da den ganzen Tag?“, fragte Sabine.

„Ich weiss auch nicht. Ausruhen? Uns erholen? Baden?“

„Du weißt doch, dass ich nicht gerne bade?“

„Aber du wolltest doch ans Meer? Kreativ werden und so…“

Sabine packte schnaubend ihre Prospekte zusammen, stand auf, schmetterte das Papier in den nächsten Eimer und stapfte davon. Klaus hatte Mühe, sie noch einzuholen, er wusste nur eines: Besser war es, nun nichts zu sagen. So fuhren sie schweigend wieder zurück in die Berge, zurück in „ihr“ Hotel. Als sie oben ankamen, stiegen sie aus dem Auto und Sabine fragte Klaus:

„Sag mal, könnten wir nicht schon fürs nächste Jahr buchen? Nicht dass unser Zimmer schon belegt ist und wir in ein anderes ausweichen müssen.

Innerer Monolog einer Schriftstellerin

Da sitze ich nun also und habe mir was eingebrockt. 100 Wörter sollen es sein, Drabble. Nie vorher gehört. Aber ich sollte anfangen, denn 100 Wörter sind wenig. Ist eine Zahl eigentlich auch ein Wort? Muss ich also die 100 zählen? Oder nur, wenn ich hundert schreibe?

Ich mach erst mal Kaffee. Dabei überlegt es sich besser. Ich könnte einen Schokokeks dazu essen, dann wäre auch gleich ein Wort verbraucht. Oder reicht nur essen nicht, müsste ich dazu noch schreiben, dass ich den Keks esse? Aber das interessiert doch keinen? Zudem mag ich eigentlich gar keine Kekse. Schon gar keine mit Schokolade. Wobei: Auf Facebook könnte ich für Likes ein Bild mit einer Tasse Kaffee und dem säuberlich drapierten Keks posten. Zu spät, der Keks ist gegessen. Gibt es halt keine Likes.

Das mit den 100 Worten wird eng. Ich muss mal zählen, wie viele es schon sind – am Computer wäre das einfacher gewesen als hier auf dem Papier. Technik hat schon was für sich, nur: Es sollte ja eine Flaschenpost werden – wie wäre der Computer in die Flasche gekommen? Flaschenpost – Ideen haben die Leute… Wo soll ich die Flasche eigentlich hinwerfen? Zwar ist die Schweiz eine Insel, wie an sagt, aber weit und breit kein Meer. Wir haben nur Nachbars Bioteich. Frustrierend ist das, zum Trübsal blasen.

Aber nun losgeschrieben: Ich schreibe ein Märchen von einem Prinzen, der einer Prinzessin eine Sonnenblume schenkt, die sich dann an den Dornen sticht. Heldenhaft verbindet sie der Prinz mit einem Pflaster.

Wer sagt da, Sonnenblumen haben keine Stacheln? Ihr habt doch alle keine Ahnung von künstlerischer Freiheit.

Ich glaube, ich mache ein Tripple-Drabble. Sind verbundene Worte eigentlich ein Wort oder sind es zwei Wörter? Was man alles wissen muss!? So kann ich ja nie anfangen mit dem Schreiben. Das wird nix.

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Geschrieben für das Etüdensommerpausenintermezzo 2 (HIER )

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Aufgabe war es, ein Drabble, ein Double-Drabble oder ein Trippel-Drabble zu schreiben, wobei ein Drabble 100, ein Double-Drabble 200 und ein Trippel-Drabble 300 Wörter haben darf.

Beim Drabble wären drei Wörter gefragt gewesen: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume,
Beim Double-Drabble 4: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks
Beim Trippel-Drabble 5: Flaschenpost, Trübsal, Sonnenblume, Schokokeks, Pflaster

Roger Willemsen (*15. August 1955)

WillemsenEr reiste gerne. Am liebsten im Zug. Einen Führerschein besass er nie. Das Reisen war insofern nie eine Qual, als die Destinationen seinen Interessen geschuldet waren und Interessen hatte er viele. Wie gerne lasen wir von seinen Reisen, wie gerne gaben wir uns seinen Beschreibungen hin, die mit einer Leidenschaft daher kamen, die in uns das Interesse an Dingen weckte, das wir nie gehabt hätten sonst. Und hatten wir es gehabt, wussten wir nach der Lektüre, wieso.

Kürzlich sah ich im TV eine Wiederholung einer alten Sendung, ein Interview mit Roger Willemsen. Er hatte ein unglaublich gewinnendes Wesen. Nicht weil er es drauf anlegte, weil er bei allem, was er sagte, ganz er war und immer mit Begeisterung sprach von dem, was er tat, dachte, wollte. Er war ein interessierter Mensch, er wollte hinter die Dinge sehen, er wollte die Dinge erleben, über die er schrieb. Und er reiste hin. Im Zug. Er verstand es, dieses Interesse in seinen Texten lebendig werden zu lassen, er verstand es, seine Leser und Zuhörer mitzunehmen auf die Reisen.

Er war ein unglaublich belesener, unglaublich intelligenter Mensch. Er hat das nie zur eigenen Profilierung genutzt, aber er konnte beim Schreiben aus dem Vollen schöpfen. Und das spürte man beim Lesen. Und wenn man ihn erlebte, merkte man, dass es echt ist, dass er echt ist.

Geboren wurde er in eine gebildete und kunstinteressierte Familie, der Vater war Kunsthistoriker, Maler und Restaurator, die Mutter in ostasiatischer Kunst bewandert. Das mag seinen Weg vorgespurt haben. Dass die Familie keinen Fernsehen hatte, er täglich einige Hundert Seiten zum Zeitvertreib lesen „musste“, hat wohl nicht geschadet. Und er gab alles wieder:

„Ich vermittele sehr gerne, versuche Dinge aufzubereiten, reichere sie durch Enthusiasmus an, sonst bleiben sie meistens unbelebt.“

Heute würde er 62 Jahre alt. Zum Glück bleiben seine Bücher, die in seinem Sinne weiter wirken.

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung (Rezension)

Spätpubertäre Kinder und plakative Sprache

Mit folgendem Text wurde das Buch angekündigt:

„Vier Geschwister kehren in das elterliche Haus in der süddeutschen Provinz zurück. Joschi ist eigentlich nur ein Clochard, irgendwo zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Jakob ein Fernsehmann mit winziger Mansarde in Paris. Uli ein alternativer Aussteiger mit wechselnden Vorlieben. Nur Linda ist auch im Privatleben eine Macherin. Ihren Vater haben sie kaum gesehen, seit der sich von der »ungarischen Hure« pflegen lässt. Jetzt ist er tot. Morgen früh wird das Testament eröffnet, bis dahin muss das Erbe verteilt sein. Keiner verlässt das Haus – und nach einer langen Nacht kommt der Augenblick der Wahrheit.“

OttAuferstehungEigentlich hätte ich da schon wissen müssen, dass das nichts wird mit mir und dem Buch. Schon diese wenigen Zeilen haben so viel Plakatives in sich: Ein Clochard zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Wie soll man sich den bitte vorstellen? Wo haben die beiden Pole des gewählten Vergleichs eine Ebene, auf der man dann als Clochard in der Mitte sein könnte? Dann der alternative Aussteiger: Sind Aussteiger nicht per se alternativ, indem sie sich eben gegen ein Leben in einer Gesellschaft entscheiden, ein alternatives Leben dazu leben? Schlussendlich Linda, die im Privatleben eine Macherin ist. Was genau macht eine Macherin privat? Müsste sie nicht beruflich eine Macherin sein? Den Fernsehmann Jakob kann man stehen lassen, wenn auch nicht klar wird, wieso in einem so kurzen Text wichtig ist, dass er in einer winzigen Mansarde wohnt und die in Paris ist.

Leider hat schon der erste Satz bestätigt, was als leise Ahnung da war

Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob!

Ich mag grundsätzlich lange Sätze, auch Schachtelsätze, aber: Für diesen hier gibt es keinen Grund. Er wirkt nur gequält, in die Länge gezogen, krampfhaft um noch einen Einschub erweitert. Frühmorgens ist zudem immer dann, wenn es noch kaum Tag ist, und: Wieso hechelt sie? War sie vorher noch joggen? Und wenn sie ja froh ist über des Vaters Tod, was man aus dem „Gottlob“ entnehmen kann: Wieso stöhnt sie?

Nun kann man sagen, ich sei zu pingelig, aber solche Dinge sind schlicht und einfach Gründe für mich, ein Buch schnell zur Seite zu legen. Was so anfängt, wird sich kaum ändern. Ich wollte dem Buch aber doch eine Chance geben. Ich las also weiter. Der nächste Satz war leider nicht viel sinnvoller:

Was soll das heissen, dachte Jakob, obwohl doch klar war, was sie meinte.

Und danach ging es in einer Art innerem Monolog Jakobs weiter. Der Leser erfährt von einem Feind Lindas, der „das Schwein“ genannt wird, der hier Denkende sitzt zuerst mit den vier Geschwistern im Haus des Toten, dann denkt er an den Aufbruch zurück, dann an das, was er eigentlich hätte tun müssen. Er erzählt dem Leser von seinem Trotz gegen die Bitte seiner Schwester, sofort zu kommen, indem er extra langsam machte.

Wenn einer tot ist, kann er ruhig warten, es schmerzt ihn nicht, dachte Jakob und blieb noch ein paar Stunden, wie einer, der sich selbst zuschaut und denkst: Ich bin es, bin es nicht.

Ich weiss nun nicht genau, wie einer aussieht, der sich zuschaut und dabei denkt, er sei es oder aber auch nicht, da ich dies noch nie gemacht habe. Meistens bin ich mir eigentlich sicher, ich zu sein. Auf alle Fälle schaut sich Jakob noch ein wenig selber zu, sucht nach Trauer oder Selbstmitleid, denkt an die Eltern und die Kindheit zurück. Und so plätschert das Buch vor sich hin, strotzt nur so vor Absonderlichkeiten und plakativen Ausdrücken.

Nach knapp 50 Seiten habe ich aufgegeben. Aufgrund des Titels würde ich annehmen, dass der Vater gar nicht tot ist, sondern irgendwann wieder aufersteht. Daraus hätte man etwas Gutes machen können. Leider hat der Autor das nicht gemacht.

Fazit:
Spätpubertäre Kinder kommen zusammen, weil der Vater vermeintlich tot ist, und ziehen in plakativer Weise über alles und jeden her. Keine Leseempfehlung!

Zum Autor
Karl-Heinz Ott wurde 1957 in Ehingen bei Ulm geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein Debütroman ›Ins Offene‹, für den er den Förderpreis des Hölderlin-Preises und den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Auch die nachfolgenden Romane ›Endlich Stille‹ und ›Ob wir wollen oder nicht‹ wurden mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises (1999), dem Alemannischen Literaturpreis (2005), dem Preis der LiteraTour Nord (2006), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014). Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3423145510
Preis: EUR 11.90 / CHF 16.90
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Frauen, Männer, Quoten

In letzter Zeit spülen mir die sozialen Medien immer mehr Artikel in den Gesichtskreis, in denen es um Gleichberechtigung geht, um Zahlen davon, wie viele Frauen wo vorhanden sind. Da wird gezählt. Akribisch. Der Buchpreis: Ein paar Frauen, ganz viele Männer. Die Jury: Ganz viele Männer, kaum eine Frau. Schullektüre: Fast gar keine Frauen, denn mehrheitlich Männer. Bestsellerlisten: Man ahnt es.

Ich merke, das Ganze nervt mich. Meist wird nicht gefragt, wieso es so ist, man zählt nur, was ist. Was, wenn sich gar nicht genügend gemeldet haben? Was, wenn es schlicht einfach mehr Männer gibt? Selbst das kann man natürlich hinterfragen, aber man sollte es tun. Fragen, wieso dem so wäre – wenn dem denn so wäre.

Ich habe mir Gedanken gemacht. Was las ich in der Schule? Und ja, im Deutsch ausschliesslich (tote) Männer. In der Zeit gab es aber auch kaum Frauen. Zumindest wenig „grosse“. Droste-Hüllshoff wäre eine – kam nicht. Ansonsten? Wer wäre? Franziska von Reventlow wird vernachlässigt, Seghers und Aichinger lebten noch, ebenso die Jelinek. Anno dazumal schrieben die wohl in Deutschland einfach nicht?

Im Englisch lasen wir auch nur Männer. Da ist es fragwürdiger, denn da hätte es einige gegeben: Austen, die Brontes, Virginia – Lag es dran, dass der Lehrer männlich war? Das waren der Deutsch- und der Französisch-Lehrer übrigens auch und auch im Französisch lasen wir nur Männer. Ob es da Frauen bei den Klassikern (nur solche lasen wir) gäbe, entzieht sich meiner Kenntnis. Simone de Beauvoir? Aber die wäre vielleicht eher Philosophie und das war Freifach – und da lasen wir Kant… (was ich aber toll fand… müsste ich sie besser finden, weil sie eine Frau ist? So fühlt sich die Zählerei ab und zu an….)

Ich ging in Gedanken weiter zum Studium. Im Verhältnis wenig Frauen gelesen, zumindest in Germanistik, in Anglistik die eine oder andere mehr. Ich müsste aber zählen, wie viele es denn wären im Verhältnis. Muss ich? Ist es relevant? Noch gebe ich nicht auf. Ich gehe weiter und erinnere mich an meine Professoren. In Germanistik hauptsächlich Männer. In Philosophie ebenso, Geschichte auch, Anglistik war die Vorzeige-Professorin, die in aller Munde war, weil sie so jung Professorin geworden war. Ich habe aber quasi nur bei Männern studiert. Guten Männern.

Wenn ich mir heute die Professoren-Listen in meinen Fächern anschaue, ist die Mehrheit noch immer männlich. In meinen Fächern waren Frauen in der Mehrzahl. Wo sind die alle hin? Waren sie wirklich so schlecht? Wollten sie nicht? Wurden sie nicht genommen? Da fängt es langsam an, unangenehm zu werden beim Denken. Ich habe selber Diskriminierung erlebt aufgrund meines Geschlechts. Eine Assistenzstelle kriegte ich nicht, weil ich (explizit so gesagt – übrigens von einer Frau) als Frau und alleinerziehende Mutter nicht in der Lage sei, die Anforderungen erfüllen zu können. Ein Stipendium kriegte ich erst, man wollte es mit der gleichen Begründung nachher absprechen… ich wäre fast vor Gericht gezogen.

Woran liegt es, dass Frauen in der Literaturwelt so untervertreten sind? Muss man das nun zählen und aktiv ändern? Wie sollte das gehen? Quoten? Dann wären Bücher von Frauen nur deshalb in Wettbewerben, weil sie von Frauen stammen. Frauen sässen nur in Jurys, weil sie Frauen sind. Frauen hätten Professuren inne, weil sie Frauen sind.

Man kann nun sagen: Das wäre, der Frau Unrecht getan. Das hiesse, Frauen (und Männer) nicht mehr nach Leistung, sondern nach Geschlecht zu bewerten. Das Argument greift zu kurz. Wer das Argument anführt, geht davon aus, dass es weniger fähige Frauen als Männer gibt. Denn nur dann wäre das Ungleichgewicht gerechtfertigt. Sobald man das negiert, müsste man zum Schluss kommen, dass beide gleich oft vertreten sein müssten. Wenn sie gleiche Chancen hätten.

Und ja, es ist nicht toll, zählen zu müssen. Es ist nicht toll, Quoten durchprügeln zu müssen. Es ist traurig, muss man Zahlen bemühen, um gelten zu lassen:

Alle sind gleich und sie sollen gleiche Chancen haben.

Davon scheinen wir noch weit entfernt zu sein.

Max Frisch: Fragebogen IV

Vor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER), der zweite folgte (Thema Ehe: HIER), dann der dritte (HIER) – wir kommen zur vierten Runde, das Thema ist dieses Mal die Hoffnung. Hier ist auch wieder nur eine Auswahl aus den Fragen des Fragebogens, den ganzen findet ihr im am Schluss genannten Buch.

Fragebogen IV

  1. Wissen Sie in der Regel, was sie hoffen?

Meistens schon. Ich bin aber nicht immer sicher, ob es auch gut ist, wenn es eintrifft.

  1. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?

Mit Fischen habe ich keine Erfahrung. Ich beneide ab und an meinen Hund um sein Leben, es muss sehr entspannt und schön sein – so wirkt er auf alle Fälle meistens. Hoffnungen hat er aber durchaus, wie mir scheint. Immer nach dem Abendessen hofft er ganz offensichtlich auf einen Knochen für sich. Und den kriegt er dann auch meistens, da er in seiner hoffnungsvollen Haltung (und vor allem seinem Blick aus Knopfaugen) unwiderstehlich aussieht.

  1. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Wirklich aufgegeben wohl keine – zumindest keine, die ich noch als wünschenswert erachte, wenn sie eintreffen würde. Ich male mir nur die Chancen auf Erfolg ab und an verschwindend klein aus, aber: Die Hoffnung stirbt trotz allem zuletzt.

  1. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?

Das wäre in meinen Augen keine Hoffnung, sondern ein Rachegedanke.

  1. Hoffen Sie angesichts der Weltlage: a) auf die Vernunft? b) auf ein Wunder c) dass es weitergeht wie bisher?

Weder noch. Am ehesten hoffe ich auf ein zunehmendes Bewusstsein, was wir tun, auf mehr Einsicht, dass keiner allein überleben kann, dies nur im Miteinander geht, und auf mehr Menschlichkeit.

  1. Können Sie ohne Hoffnung denken?

Hoffnungslosigkeit ist ein sehr lähmendes Gefühl. Da fällt mitunter alles schwer, auch das Denken. Hoffnungslosigkeit kann aber auch das Resultat von zu viel Denken sein. Wenn man in einer Abwärtsspirale denkt, mögliche negative Folgen ausmalt und alles in düstere Farben kleidet, führt genau dieses Denken zur Hoffnungslosigkeit. Vielleicht ist es dann und wann sogar sinnvoll, mit dem Denken aufzuhören und sich mal abzulenken. Das kann vieles sein: In die Natur gehen, zeichnen, lesen, tanzen, singen – alles, was hilft, den Kreislauf der Gedanken zu unterbrechen. Und dann, wenn wieder Hoffnung da ist, langsam und behutsam wieder zu denken beginnen.

  1. Was erhoffen Sie sich von Reisen?

Neue Eindrücke, Inspirationen, Anreize – aber auch: Eine Auszeit, Ruhe für mich, mal dem Alltag entkommen.

  1. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?

Nein, das fände ich nicht richtig. Grundsätzlich würde ich mit ihm über andere Themen sprechen als über seine Krankheit, da er diese ja selber kennt. Wenn er aber darüber sprechen will, dann würde ich ihm zuhören und versuchen, auf ihn einzugehen.

  1. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?

Dasselbe. Ich hasse Lügen, ich hasse Beschwichtigungen oder Schönfärberei.

  1. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Wenn eine Hoffnung nur auf Erfüllung eines Zieles ausgerichtet ist, das Handeln und Denken nur Mittel zum Zweck ist dahin, dann wohl kaum. Allerdings erachte ich solche Ziele und Hoffnungen als wenig sinnvoll. Wenn einer nur schreibt, weil er reich werden will, nur malt, weil er umjubelt werden will, selber aber nicht gerne schreibt oder malt, dann sollte er wohl besser damit aufhören, wenn er denkt, es eh nie dahin zu schaffen. Wieso sich vergebens quälen? Wenn man aber gerne malt und schreibt, dabei klar auch mal denkt, es wäre schön, das würde mal jemandem Freude bereiten, dann wird man auch weitermachen, wenn das nie eintritt. Gauguin hätte kein Bild gemalt sonst, Fontane hätte das Schreiben beendet, zu gross waren seine Zweifel oft, Kafka wollte sogar alles verbrennen… er hat es also geschrieben, obwohl er nicht an den Erfolg glaubte. Langer Rede kurzer Sinn: Ich würde keinen Weg gehen wollen, nur um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich aber einen Weg mag, gehe ich ihn auch, wenn das Ziel unerreichbar scheint.

  1. Hoffen Sie auf ein Jenseits?

Ich hoffe nicht, dass es das gibt! Irgendwann muss mal fertig sein.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
FrischFragebogenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

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Wochenthema: Gewohnheit

Der Mensch neigt oft dazu, Gewohnheiten auszubilden. So bildet er eine Tagesroutine aus, bei welcher jeder Tag in den grossen Zügen dem anderen gleicht. Man steht auf, bereitet sich nach dem täglich gleichen Muster auf den Tag vor, geht auf demselben Weg zur Arbeit, sitzt im Bus oft am selben Platz und sieht die anderen, die auch immer im gleichen Bus und auf dem gleichen Platz sitzen. Die Arbeit läuft nach gewohntem Muster ab, der Feierabend oft auch. Gewohnheiten bieten Sicherheit, Gewohnheiten geben auch eine Art von Ruhe in einer sonst eher hektischen Zeit. In der Gewohnheit fühlt man sich zu Hause. Und das ist gut.

Gewohnheiten können aber auch schädliche Züge annehmen, vor allem dann, wenn es sich um krankmachende Gewohnheiten handelt. Jeder kennt die wohl bei sich: Man tröstet sich mit einem Schokoriegel vom Frust des Tages, spült den Ärger mit einem Glas Wein weg oder trinkt ein Feierabendbier, um zu entspannen. Was am Anfang noch ein gewähltes Mittel war, geht langsam in Fleisch und Blut über, man greift zum probaten Mittel, ohne zu studieren, bald auch ohne Ärger oder Anspannung als Grund, sondern aus reiner Gewohnheit.

Wenn der Tag nur noch aus Gewohnheiten besteht, läuft man automatisch durchs Leben. Man weiss, was kommt, ohne daran denken zu müssen, man geht den Weg, ohne ihn überhaupt noch zu sehen. Man spult quasi blind sein Leben ab. Man muss ja nicht mehr hinsehen, alles funktioniert, weil es lange eingeübt wurde, weil es eben Gewohnheit ist. Schleichend greift dabei eine Abstumpfung um sich, das Bewusstsein und die Achtsamkeit auf das, was das Leben ist und was es umgibt, nehmen ab. Immer mehr sind wir in unseren Gewohnheiten auch gefangen, können gar nicht mehr ausbrechen.

Nun kann man sagen, dass das ja nicht so bedenklich ist, zumal dann nicht, wenn die Gewohnheit nicht schädlich, sondern ganz normale Alltagsroutine ist. Schliesslich muss man ja zur Arbeit und der Kaffee vorher muss genauso sein wie die Dusche am Morgen. Der Arbeitsweg ergibt sich aus der Lage von Wohnung und Büro – wie also was ändern? Das hat man immer so gemacht, das kennt man schon und es funktioniert. Man funktioniert. Und genau da fängt das Problem an.

Blindes Abstrampeln eines Lebens ist nicht nur eine oberflächliche Angelegenheit. Das greift tiefer. Sind es zuerst nur die Alltagsroutinen, die automatisch funktionieren, ist man es selber bald als Mensch, der nur noch funktioniert. Man hört nicht mehr hin, wie es einem dabei geht, man spürt nicht, wenn es nicht mehr passt. Man macht, weil man immer machte. Man funktioniert. Dass aber reines Funktionieren nicht wirklich Leben bedeutet, liegt wohl auf der Hand. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, merkt man spätestens dann, wenn der Körper und die Seele so laut um Hilfe schreien, dass man sie nicht mehr überhören kann. Und oft ist es dann schon sehr spät. Manchmal zu spät. Kein Wunder, nehmen Krankheiten wie Depressionen oder Süchte immer mehr zu. Kein Wunder, verzweifeln so viele Menschen am Leben, sind erschöpft, weil sie mit den ganzen täglichen Routinen und Anforderungen nicht mehr umgehen können. Das Leben wurde zuviel und man lief blind funktionierend in dieses Zuviel hinein.

Was helfen kann? Die Augen wieder aufzumachen. Man sollte lernen, wieder hinzusehen, was ist, hinzusehen, was man tut und wieso man es tut. Man muss lernen, die Gewohnheiten zu erkennen und zu sehen, welche gut tun, welche nicht. Hinsehen, welche man braucht, welche Halt geben, und welche mehr Last sind. Und dann kann man dahin gehen und etwas ändern. Nicht alles aufs Mal, Schritt für Schritt mal die eine oder andere Gewohnheit durchbrechen, kreativ werden. Vielleicht sitzt man einfach mal auf einen anderen Stuhl im Bus und sieht plötzlich andere Menschen. Die waren vorher auch alle da, allein, man sah sie nicht. Und so ist es wohl mit vielem im Leben: Es ist ganz viel da, was wir nicht sehen, weil wir nie hinsehen. Die Perspektive zu verändern kann da helfen, es in den Blick zu kriegen.

Dabei kann man ruhig mal kreativ werden, Neues probieren, Gewohntes durchbrechen. Das kann helfen, wieder mehr Leben im Leben, sich selber lebendiger zu fühlen. Vielleicht findet sich auch Zeit, ein neues Hobby zu beginnen? Zeichnen, malen, ein Instrument spielen, schreiben – sich kreativ ausdrücken. Und wer weiss: Plötzlich braucht man die Schokolade oder das Bier nicht mehr, bildet neue Gewohnheiten aus, solche, die gut tun. Man will nichts mehr abreagieren, sondern etwas ausleben. Man tankt auf, weil die Dinge Freude machen, man Schönes sieht, das vorher untergegangen war. Alles unter dem Motto:

Mach mehr von dem, was dir gut tut und was dich glücklich macht.

Eine Zeichnung pro Tag – Woche 1

Diese Woche war irgendwie müde und es ging nicht viel. Ich habe aber immerhin jeden Tag mindestens etwas gezeichnet. Geholfen hat mir da auch ein Challenge bei Facebook, bei welchem man jeden Tag einen vorgegebenen Gegenstand zeichnen muss. Das hat den Vorteil, dass man sich selber keine Gedanken machen muss, was man nun zeichnen soll, man zudem auch immer sieht, wie andere die Aufgabe lösen, bringt aber mit sich, dass man zu vielem gar keinen Bezug hat. Trotzdem mag ich das ab und an. Für diese Aktion sind unter anderem diese Skizzen entstanden:

 

 

Was ich auch ab und an gerne mache, ist meinen Tag in Bild und Text zu illustrieren:

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Und dann wäre da noch mein Lieblingsmodell: Caruso. Auch er war diese Woche sehr faul, so dass man ihn eigentlich nur schlafend zeichnen konnte.

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Wenn ich mit dem Bus unterwegs bin, zeichne ich gerne beim Warten auf den Bus. Dazu habe ich immer ein kleines Skizzenbuch dabei.

 

Hat Spass gemacht, ich freue mich auf die nächste Woche, ich will auf alle Fälle weiter machen und jeden Tag mindestens eine kleine Skizze anfertigen.

Literatur im Netz – 12. August 2017

BuchIch werde neu jeden Samstag 10 Artikel hier vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

„Uncreative Writing“

Schreibt ab, denn es ist alles schon geschrieben. Dies verkürzt gesagt die These des US-Autors und Literaturdozenten Kenneth Godsmith. Hier ein Interview mit Swantje Lichtenstein, die sein Buch „Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter“ zusammen mit Hannes Bajohr übersetzt hat. Der Artikel: HIER

Was denkt ihr dazu? Ist diese Form von Literatur eine analoge Geschichte zu Collagen und damit eine moderne Form von Literatur?[1] Oder doch nur Plagiat?

150 Jahre gelbe Bändchen

Wer kennt sie nicht, die kleinen gelben Büchlein? Reclams Universal-Bibliothek hat es sich zum Programm gemacht, grosse Literatur in kleinen und erschwinglichen Büchern zu verlegen und damit die Leseerinnerungen von Schülern massgeblich mitgeprägt. Der Artikel: HIER

Buchhandlungen als Glücksorte

Der Autor Arnold Stadler ist überzeugt: Buchhandlungen braucht die Welt, denn da wohnt das Glück. Recht hat er! Der Artikel: HIER

Lesen ist gesund

Das war uns natürlich schon lange klar, aber hier kann man es nochmals detailliert nachlesen und hat sogar noch eine wirklich wunderbare Illustration dazu. Der Artikel: HIER

Lesesucht – es gibt schlimmeres

Sechs Süchtige erzählen davon, was sie lesen, wie sie lesen, wo sie lesen, wieso sie lesen – und überhaupt. Der Artikel: HIER

Jeder kann Autor sein

Wer schon immer mal ein Buch schreiben wollte, aber nicht weiss, wie das geht: 30 Schreibtipps von Autoren. Der Artikel: HIER

Auch Satzzeichen spielen eine Rolle

Wie gerne vergisst man mal ein Komma oder setzt Anführungszeichen falsch? Satzzeichen tragen aber durchaus zum besseren Lesen und vor allem zum richtigen Verstehen bei. Der Artikel: HIER

Wie überarbeite ich mein Manuskript?

Tipps und Tricks für die, welche eine Geschichte, einen Text geschrieben haben und diesen nun überarbeiten wollen. Der Artikel: HIER

Der Verleger Egon Ammann ist tot – ein Nachruf

Er war ein Liebhaber der Literatur, einer, der sich immer wieder mit Enthusiasmus für die Literatur einsetzte. Der Artikel: HIER

Tatort-Autoren plaudern aus dem Nähkästchen

Woher nehmen die Autoren des Tatort-Krimis ihr Wissen? Wen fragen sie, wenn sie mal anstehen? Worauf kommt es an beim Schreiben? Der Artikel: HIER

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[1] Wobei: Ganz neu ist es ja nicht, schon Thomas Mann wandte eine Technik an, die man Montage-Technik nannte, Nietzsche sogar noch mehr: Wenn man seine Bücher analysiert, kann man ganze Abschnitte finden, die er aus anderen Werken abgeschrieben hat.

Freitagsfüller – Klappe, die sechste

Eine wettertechnisch sehr graue Woche neigt sich dem Ende zu, ich freue mich aufs Wochenende, zuerst aber noch der Freitagsfüller:

  1. CoffeeHeute wird ein ruhiger Tag werden. Ich will noch einiges recherchieren für ein mögliches Projekt, ansonsten sind keine Pendenzen oder Termine da, ich kann friedlich vor mich hin arbeiten, abarbeiten, was grad noch so anliegt. Diese Tage mag ich am liebsten. Und: Es ist Freitag, sprich: Das Wochenende steht vor der Tür. Das mag ich sowieso.
  1.  Ich bin – man höre und staune – nicht gerne beim Zahnarzt. Ich hätte Anfangs August einen Termin gehabt, den hat der Zahnarzt abgesagt, nun hätte ich ihn nächste Woche – ich überlege, ob ich den absage… Es ist auch nur eine Kontrolle und ich bin so fürchterlich unlustig, hinzugehen, zumal ich eventuell – man höre und staune nochmals – nächste Woche ein paar Tage verreisen könnte (meine Reiseunfreudigkeit – was für ein Wort – ist ja mittlerweile wohl bekannt). Vermutlich haben mich Kästner und Franz Hohler animiert. Aktuell lese ich gerade Rilkes „Florenzer Tagebuch“ – da kann schon mal Fernweh aufkommen. Da ist so ein Zahnarzttermin schlicht im Weg. Und: Die Zähne sind ja im September auch noch da, die kann man auch dann noch anschauen lassen.
  1. Vor meinem Fenster herrscht, die ganze Woche schon, so auch heute, Grau in Grau. Ich sehe durch die Vorhänge nur Silhouetten eines Hauses und von Bäumen, höre kaum Vögel, ab und an ein Flugzeug am Himmel brummen. Kühl ist es auch geworden – Vorboten des Herbstes? Oder ist der schon da?
  1. Abschied tut weh. Dabei kommt es nicht drauf an, ob man sich von Menschen, Träumen oder Situationen verabschiedet: Man möchte das, was schön ist, gerne behalten. Wenn es dann geht, geht etwas von einem mit. Die eigenen Gefühle, der Teil in einem, der daran hing, geht ein bisschen kaputt. Mascha Kaleko nannte in einem ihrer wunderbaren Gedichte jeden Abschied einen kleinen Tod. Das sehe ich genauso. Der einzige Trost ist: Meist kommt etwas Neues nach. Wir müssen dem die Chance geben, genauso schön zu werden, wie es das Alte war. Erich Kästner schrieb in einem seiner Gedichte:

Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Vermutlich ist das so.

  1. Es könnte sein, dass…“. oder „es wäre, wenn…“ sind Wendungen, die ich nicht mag. Ich mag keinen Konjunktiv. Ich mag auch nicht „mal versuchen“. Entweder man tut oder man lässt es. „Ich versuche es mal“ trägt schon die Hintertür zum Nichtgelingen mit sich. Klar können Dinge nicht klappen, aber das sieht man ja noch früh genug. Also macht man sie am besten mal und versucht sie nicht nur. Und: Was dann wäre, wenn etwas andere einträfe, das sieht man, wenn das andere eingetroffen ist. Alles andere ist Spekulation und blosse Plauderei.
  1. Ich mag eigentlich auch diese lautmalerischen Wendungen wie „hahaha!“, „hihihi“ und dergleichen nicht. Ab und an verwende ich sie auch, aber möglichst selten. Ich habe es mir in der Zeit angewöhnt, als ich dachte, das gehöre dazu im Internet, man „müsse“ so schreiben. Ein paar Reste sind noch davon übrig geblieben, ansonsten schreibe ich lieber wieder ganze Sätze. Was ich aber durchaus gerne mache – und darum ging es wohl hier: Lachen. Und oft auch über mich, da ich doch auch immer wieder Stoff dazu liefere. Ich kann im Einkaufszentrum stehen und vergessen haben, was ich eigentlich einkaufen wollte – dabei bin ich nur deswegen gekommen. Es gibt so Tage, an denen suche ich alles: Telefon, Schlüssel, meinen Kopf. Und dann gibt es Tage, an denen ich alles fallen lasse, das ich in die Hand nehme – zum Glück nie Dinge, die kaputt gehen, aber Kleingeld, Schlüssel – alles fällt. Und dann wären da noch Fettnäpfchen – die müssen eine magische Anziehungskraft haben. Fies eigentlich.
  1. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen ruhigen Abend mit einem Glas Wein, morgen habe ich geplant, neben allen Wochenenderledigungen wie putzen, einkaufen und dergleichen mit dem Hund spazieren zu gehen, zu zeichnen, zu lesen, Bücher für ein neues Thema zusammenzusuchen und dann den Tag ausklingen zu lassen. Am Sonntag möchte ich lesen, zeichnen und hoffentlich viel Ruhe haben.

Danke für die Inspiration an Barbara, die diese tolle Aktion gestartet hat. Ihr Ursprungspost: HIER

Erich Kästner: Zwischen hier und dort (Rezension)

Reisen mit Erich Kästner

Fahrt in die Welt
Seltsam ist’s mit einem Schiff zu fahren,
das sich abschiedsschwer vom Ufer trennt.
Jenes Land, in dem wir glücklich waren,
wird ein Strich am Firmament.

Lange stehen wir an Bord und winken,
bis die Heimat wie ein Traum vergeht.
Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Doch dann schauen wir nicht mehr zurück.
Unbekannte Ufer werden kommen
und vielleicht ein unbekanntes Glück.
Und das Herz ist fast beklommen.

Und wir freuen uns am Wunderbaren,
und wir reisen gern durch neue Meere.
Herrlich ist es, in die Welt zu fahren,
wenn nur nicht das Heimweh wäre!

Erich Kästner reiste gerne und er reiste vor allem gerne mit dem Zug. In der Eisenbahn kam er schnell vorwärts und konnte dabei den Menschen um sich beim Reisen zuschauen, aber auch in sich selber gehen und das eigene Reisen hinterfragen. Er reiste selten alleine, oft waren Freundinnen dabei oder aber die Mutter. Immer plante er dabei die Reisen sorgfältig, Abenteuer überliess er lieber seinen Romanfiguren wie zum Beispiel dem Amfortas Kluge, welcher in den Kongo will und am Nordpol landet.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen
(vorausgesetzt, dass es ihn gibt),
den lässt er in ein Seebad reisen,
besonders wenn er die Berge liebt.

Im vorliegenden Buch hat die Herausgeberin Sylvia List Texte Kästners vereint, die alle eines gemeinsam haben: Das Thema Reisen. Es finden sich Gedichte sowie kurze Reiseanekdoten, welche vom Scharfblick und der spitzen Zunge ihres Autors zeugen.

Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. wie freiwillige Koteletts.

Neben diesen wunderbaren Metaphern finden sich Anleitungen zum Schreiben von Reiseberichten, Gedanken dazu, wie einer überhaupt zu reisen hätte, was er an Garderobe einpacken nicht versäumen dürfe, welches Verhalten auf Reisen angebracht ist sowie Gedanken darüber, was Reisen bedeutet.

Reisen fördert die Völkerversöhnung. […] Die Touristen sind Kriegsgegner; sie bilden einen unsichtbaren Völkerbund.

Entstanden ist ein wunderbares Lesebuch, das Einblicke in das Denken, Schreiben und Dichten des Autors Erich Kästner gewährt und Lust auf mehr macht, zumal neben den Gedichten und kurzen Texten auch Auszüge aus Kästners Roman Fabian in diesem Buch enthalten sind.

Fazit:
Ein wunderbares Buch zum Reisen, das Erich Kästner in all seinen Eigenheiten, seinem Sprachwitz, seinem Scharfblick sowie seiner Erzählgabe sichtbar macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Herausgeberin
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Sylvia List ist Slavistin, war lange Jahre Lektorin und arbeitet derzeit als freie Übersetzerin und Herausgeberin in München.

Angaben zum Buch:
KästnerReisenTaschenbuch:176 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-423-14313-4
Preis: EUR 8.90 / CHF 12.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Jeder hat seinen Platz

Klaus hob mit einem Greifarm leere Bierbüchsen vom Boden. Das machte er jeden Morgen, schliesslich sollte die Stadt wieder sauber aussehen. Er dachte nicht darüber nach, wer die Büchsen einfach auf den Boden geworfen hatte. Er hörte oft Menschen sich beklagen, dass die Menschheit heute rücksichtslos sei, einfach alles wegwerfe. Keinen Anstand gäbe es mehr, sagten die Leute dann. Es waren meist ältere Leute. Sie sagten es nie zu ihm. Mit ihm redeten sie nicht. Sie sagten es neben ihm zueinander, so dass er es hörte. Er reagierte nie. Das würden sie nicht wollen. Vermutlich ging es ihnen gar nicht um den Abfall. Auch nicht um ihn. Sie mussten ja was sagen. Klaus selber redete nicht viel.

Klaus hatte nicht immer Büchsen aufgehoben. Es gab eine Zeit, da lebte Klaus auf der Strasse. Die Wege, die dahin geführt hatten, ging er in einem anderen Leben, darüber sprach er nicht. Er dachte auch nicht drüber nach. Das war vorbei, das gehörte nicht mehr zu seinem Leben. An das Leben auf der Strasse konnte er sich aber noch gut erinnern. Hart war es. Und kalt. Und das einzige, was half, war Alkohol. Viel Alkohol. Er wärmte. Und er liess vergessen. Und beides war dringend nötig. Heute hatte Klaus wieder eine Wohnung.

Die Stadt hatte ihm die Aufgabe mit dem Müll übertragen und so konnte er übers Sozialamt eine Wohnung bekommen. Dafür war er sehr dankbar. Er war stolz, diese Aufgabe machen zu können. Er nahm sie ernst. Es gab nur zwei Tage seit dem Beginn, an denen er seinen Dienst nicht antreten konnte. Einer war nach seinem Geburtstag gewesen, ein anderer, als es ihm mal nicht gut ging. An beiden hatte er tags zuvor zuviel getrunken. Er konnte nicht aufstehen. Früher war das die Regel gewesen, heute war es die Ausnahme. Und er war stolz, waren es nur zwei Ausnahmen, denn er wollte nicht dahin zurück, wo er herkam.

Klaus wusste, dass er in den Augen all derer, die ihn Büchsen auflesen sahen, einer war, der es im Leben zu nichts gebracht hatte. Darum sprachen sie nicht mit ihm, sondern neben ihm. Er wusste auch, dass es die Welt halt so funktionierte. Die einen schafften es, die anderen nicht. Er hatte es nicht ganz geschafft. Aber er hatte es zumindest geschafft, es nicht gar nicht geschafft zu haben. Er trank noch immer. Die Büchse Bier zum Frühstück musste sein. Auch in den Pausen gönnte er sich eine. Abends das Feierabendbier – wer könnte es ihm verübeln, nachdem er den ganzen Tag den Dreck anderer Leute weggeputzt hatte. Ab und an auch Dreck, den ihm die Leute unachtsam quasi vor die Füsse kippten. Zigarettenstummel aus manikürten Händen – einfach weggeworfen. „Da ist ja einer, der kümmert sich“, dachten sie wohl.

Und Klaus kümmerte sich. Und er war stolz, denn: Von ihm lag nie eine Bierbüchse oder ein Zigarettenstummel rum. Er hinterliess alles immer sauber. Das war schliesslich seine Aufgabe und die nahm er ernst.