Honoré de Balzac (20. Mai 1799 – 18. August 1850)

Sein Leben
Honoré de Balzac wird am 20. Mai 1799 im Süden Frankreichs geboren, zieht in seiner Jugend nach Paris, wo er die Schule beendet und ein Jurastudium beginnt. Daneben besucht er Vorlesungen in Philosophie. Zwar legt er noch die Zulassungsprüfung zum Abschluss des Studiums ab, beschliesst aber sodann, Schriftsteller zu werden. Finanziert durch den Vater zieht er in eine Dachwohnung und beginnt zu schreiben.

«Sie sind elende Wanzen, diese Kritiker.»

Nach kleineren Texten entstehen zusammen mit Auguste Lepoitevin, einem schon erfahrenen Schriftsteller, mehrere Romane, aber auch an eigenen versucht sich der entschlossene Schriftsteller. Der Erfolg lässt auf sich warten, der nächste Versuch geht in die Welt der Dramatik, was auch von mässigem Erfolg gekrönt ist. Er pendelt von Genre zu Genre, verfolgt verschiedene literarische Projekte, die ihn zwar nicht reich machen, ihm aber immerhin das Überleben sichern. Der ausbleibende Durchbruch lässt ihn in eine Depression verfallen.

«Alle Macht des Menschen besteht aus einer Mischung von Zeit und Geduld.»

Die unglückliche Ehe seiner Schwester inspiriert ihn schliesslich zur Schrift eines Ehehandbuches für noch ledige Männer, danach wagt er sich unter die Verleger, kauft eine Druckerei, doch auch das führt ihn nicht in den Erfolg, sondern in den Konkurs. Er beginnt wieder zu schreiben und endlich wird seine Ausdauer belohnt, er landet mit «Le dernier Chouan» einen Erfolg.

«Eine gute Frau ist wie ein gutes Buch: unterhaltsam, anregend, belehrend. Ich wollte, cih könnte mir eine ganze Bibliothek leisten.»

Das Leben in der Folgezeit ist bewegt, Balzac ist politisch engagiert, aktiver Journalist, viel auf Reisen, in Liebeleien zu verheirateten Frauen verstrickt, was zur Vaterschaft führt. Daneben fliessen auch Erzählungen und Romane aus seiner Feder, langsam ist er anerkannt in der Literaturszene.

«Es ist leichter, ein Liebhaber zu sein als ein Ehemann und zwar deshalb, weil es einfacher ist, gelegentlich einen Geistesblitz zu haben, als den ganzen Tag geistreich zu sein.»

Wirklich reich wird er trotzdem nicht, was ihn aber nicht hindert, sein Leben mit Pauken und Trompeten zu führen, im Prunk zu suhlen und sich nur mit dem Besten an Kleidung und Wohnungen zufrieden zu geben. Finanziell unterstützt wird er dabei tatkräftig von liebestrunkenen Frauen aus gutem Hause.

Das Leben als Lebemann, der aber doch immer fleissig arbeitete, zeigt irgendwann seine Spuren, die Gesundheit bröckelt, was er zuerst mit noch mehr Arbeit zu überdecken versucht. Es gelingt nicht und Balzac stirbt am 18. August 1850 nach einer zu strapaziösen Reise.

Sein Werk
Balzacs Werk besteht mehrheitlich aus einzelnen Texten, die zu Zyklen verbunden sind, und in denen ein ganzes Arsenal an Figuren auftritt. Sein Stil ist realistisch, auch wenn er der Zeit nach noch in die Romantik gehörte, die ihn aber durchaus beeinflusst. Balzac besticht durch seinen klaren und scharfen Blick auf die Menschen und ihre Machenschaften, er zeichnet damit ein eindrückliches Bild der französischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, sowohl auf dem Land wie in der Stadt.

Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik

Ich hebe mein Glas auf Rahel Varnhagen, sie würde heute 252 Jahre alt.

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie eines kreativen Lebens

Inhalt

„Was mich interessierte, war lediglich, Rahels Lebensgeschichte so nachzuerzählen, wie sie selbst sie hätte erzählen können. Warm sie selbst sich, im Unterschied zu dem, was andere über sie sagten, für ausserordentlich hielt, hat sie in nahezu jeder Epoche ihres Lebens in sich gleichbleibenden Wendungen und Bildern, die alle das umschreiben sollten, was sie unter Schicksal verstand, zum Ausdruck gebracht.“

Hannah Arendt erzählt die Lebensgeschichte der Rahel Varnhagen und gibt dabei sehr viel von sich selbst preis. Die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt ist nicht nur Lebensthema bei Rahel Varnhagen, sie durchzieht auch Hannah Arendts (politisches) Denken. Hannah Arendt begann 1930 mit der Arbeit an diesem Buch, 1933 verliess sie Deutschland, das durch die politischen Umstände nicht mehr ihr Zuhause bleiben konnte. Zu dem Zeitpunkt hatte sie das Buch über Rahel Varnhagen bis auf die zwei letzten Kapitel geschrieben.

Arendt bettet Rahels Geschichte ein in die die…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.081 weitere Wörter

Gedankenströme: Zuhause

Ich bin heute dreimal umgezogen. Das war doch sehr anstrengend.

Zuerst las ich ein Buch über eine Frau, die ein kleines Haus im Grünen fand, eher heruntergekommen, aber doch mit Potential. Sie hat es instand gesetzt, nach ihren Bedürfnissen umgebaut und eingerichtet, um sich da mit ihrem Hund wohl zu fühlen. Das wäre perfekt. Dachte ich. Ein kleines Haus im Grünen, ein lauschiger Baum vor dem Fenster. Das Grün bitte pflegeleicht, ich habe keinen grünen Daumen und auch keine gärtnerischen Ambitionen, nur grosse Träumen von selbst angebautem Gemüse und Tee aus eigenen Kräutern, doch die Umsetzung war bislang immer eher kümmerlich. Aber sonst? Ein Traum.

Die Tage vorbeiziehen sehen, Ruhe, ich, der Hund, schreiben, lesen, Weinchen schlürfen, Kaffee geniessen, durch die Zeit segeln. Gut, ein Laden müsste erreichbar sein. Vielleicht besser die nächste Stadt eher nah. So dass ich Menschen sehen könnte, wenn ich wollte. Und einkaufen. Sonst wird das nichts mit Kaffee und Wein und Käse und Brot und Genuss…. aber sonst? Perfekt. Nicht gross, nicht schick, viele Regale, gemütlich, kuschelig, klein. Ja…

Ich bin da quasi schon eingezogen, doch dann wohnte die Frau ja auch noch in der Stadt. Und hatte ein kleines Schreibatelier, eigentlich eine Werkstadt. Hinterhof. Da wollte sie nun hinziehen. Weil sie nicht alt genug sei für so ein Leben im Grünen. So ganz. Weg. Von allem. Ja. Ich bin eigentlich auch noch nicht sooo alt. Und so ein Hinterhofatelier, so künstlerisch kreativ, mit einem Baum vor dem Hinterhoffenster, Räder an den Wänden, vielleicht Backsteinbau… Leben rundrum. Das wäre was. Bücherregale rundrum, eine kleine Kochmische, ein Tischchen vor der Tür zum Hinterhof, wo ich Kaffee trinken, in einem Buch schmökern, Nachbarn begrüssen könnte. Und wenn ich aus dem Hinterhof träte, wäre das das Leben der Stadt. Menschen, Kultur, Getümmel, Gewimmel. Puls. Und dann könnte ich wieder in den Hof, am Baum vorbei, in mein Atelier. Ich würde mich auf mein Bett legen, natürlich ein sehr rudimentäres, das der Atmosphäre dieses Ateliers gerecht würde, und den Blick schweifen lassen. Den Wänden entlang, die voller Bücher stünden. Und ich würde dann und wann die Augen ruhen lassen und mich auf Inhalte besinnen. Und mich in meinem Leben neu einfinden, das ich hatte, als ich es mal gelesen habe. Und würde dann friedlich einschlafen in diesem kreativen Traum einer urbanen Bleibe (hach, was für eine Wendung, sie kam mir spontan in den Sinn und musste, auch wenn sie grad nicht rein passt, in den Text hinein).

Und während ich so träume und in meiner Vorstellung im imaginären Altstadtatelier einschlafe, erinnere ich mich an eine Altstadtwohnung mit Jubeltrubel bis morgens um eins und Marktgetümmel ab fünf Uhr morgens.

Und jetzt? Ich höre das Prasseln des Regens über meinem Bürodach, schaue aus dem Fenster auf den grossen, wunderbaren Baum, und finde: Es ist doch ganz schön hier. Ich glaube, hier bleibe ich.

Layla AlAmmar: Das Schweigen in mir

Inhalt

«Niemand ist wirklich sprachlos, flüsterte er, entweder wird man zum Schweigen gebracht, oder man bringt sich selbst zum Schweigen.»

Tag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen.

«Wenn man aufhört zu sprechen, wird man sehr gut im Zuhören.»

Dadurch, dass sie nicht mehr sprechen kann (will?) denken viele, sie höre auch nichts. Sie hört auf diese Weise all das, was eigentlich nicht für Ohren bestimmt war. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen? Und was, wenn sie plötzlich gefordert ist, aus ihrer gewählten Isolation raus und real in Beziehung zu treten?

Gedanken zum Buch

«Es ist gar nicht so schwer herauszufinden, was Menschen wollen. Im Prinzip wollen wir alle dasselbe: Freiheit, Glück, Sicherheit.»

Ein tiefes Buch, ein aufwühlendes Buch darüber, was es heisst, alles zu verlieren und nirgends mehr zu Hause zu sein, nirgends mehr sicher zu sein, nirgends dazuzugehören. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es mit sich bringt, in einer Gesellschaft zu leben: Wie sehr kann ich mich aus ihr herausnehmen? Wo ist es meine Pflicht, mich einzubringen? Wofür trägt der Einzelne Verantwortung, wo lädt er Schuld auf sich?

«Kann man sich denn überhaupt erholen? Wenn das Leben nichts anderes ist als sich anhäufendes, wiederholtes Trauma – durstig, hungrig, kalt, arm, schwach, heiß, krank, geschlagen, verletzt, gebrochene Knochen, Blut, Blut, Blut –, kann man sich davon jemals erholen?»

Layla AlAmmar beschreibt aus der Ich-Perspektive das Leben, Denken und Fühlen einer vom Krieg und der Flucht traumatisierten Frau, die keinen anderen Weg sieht, als sich ins Schweigen zurückzuziehen, in die Isolation zu gehen, weil sie das Vertrauen in das Leben und die Menschen verloren hat. Wo gibt es noch Sicherheit, wenn Menschen einander so grausame Dinge antun können, wie sie sie erleben musste? Was ist Heimat noch, wenn man aus der eigenen fliehen musste, weil es da kein mögliches Weiterleben mehr gab?

«Ich will von diesem Land keine Almosen. Geflüchtete kommen nicht, um sich zu nehmen, was euch gehört. Wir wollen arbeiten, wir wollen zur Schule gehen, wir wollen vollständige und aktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir sind keine Blutsauger oder Parasiten oder Ungeziefer. Wir brauchen nur ein wenig Hilfe. Das ist alles.»

«Das Schweigen in mir» ist ein Buch, das zeigt, was es heisst, Flüchtling zu sein, was es heisst, mit den Vorurteilen und Verurteilungen von den Menschen am Zufluchtsort umgehen zu müssen. Es ruft auf für mehr Verständnis, für mehr Mitgefühl, plädiert aber vor allem auch für eine andere Haltung von Menschen anderen Menschen gegenüber.

«Wichtig wäre, die Hintergründe kennen zu wollen, verstehen zu wollen, was im anderen vorgeht.»

Im Wissen, dass wir alle Menschen unter Menschen sind, in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit der wir aber umgehen müssen als gleichwertige Mitglieder derselben, hilft es, die eigene Perspektive auch mal zu verlassen und sich mit Interesse anderen Standpunkten und Lebenshintergründen zu öffnen. Nur so ist in ein friedliches Miteinander möglich, ist es möglich, die Welt zu einem Zuhause für alle zu machen.

Fazit
Ein tiefes, bewegendes und zum Nachdenken anregendes Buch über das Leben als Flüchtling, das zu mehr Verständnis füreinander und Miteinander aufruft. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Layla AlAmmar wuchs in Kuwait auf und studierte Kreatives Schreiben an der Universität Edinburgh. Sie hat in The Evening Standard, Quail Bell Magazine, The Red Letters St. Andrews Prose Journal und im Aesthetica Magazine veröffentlicht, wo sie Finalistin für den Creative Writing Award 2014 war. Im Jahr 2018 war sie als British Council International Writer in Residence beim Small Wonder Short Story Festival tätig. Derzeit lebt sie in Großbritannien, wo sie über arabische Frauenliteratur promoviert. Das Schweigen in mir ist ihr zweiter Roman.

Yasemin Dinçer studierte Literaturübersetzung in Düsseldorf. Sie hat unter anderem Werke von Oyinkan Braithwaite, Leila Mottley, Paula McLain und Shirley Hazzard aus dem Englischen übertragen und war mehrfach Stipendiatin des Deutschen Übersetzerfonds. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ GOYA (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Yasemin Dinçer
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3833744242

Lebenskunst: Mein Freund

Wenn ich an Freundschaft denken, denke ich zuerst an einen anderen Menschen. Doch was ist eigentlich mit mir selbst? Behandle ich mich selbst genauso gut, wie ich meinen Freund behandle? Wann habe ich das letzte Mal wirklich Zeit mit mir verbracht? Zeit, in der ich mich um mich kümmerte, mich hinterfragte? Behandle ich mich selbst immer mit Respekt oder sind da nicht doch viele abwertenden Sätze, mit denen ich mich martere? Sätze wie: „Das schaffe ich nicht.“, „Ich bin u blöd.“, Ich mache alles falsch.“ Vertraue ich in mich und meine Fähigkeiten oder bin ich von (Selbst-)Zweifeln zerfressen?

Diese Sätze haben  sich eingebrannt, sie sind Rückstände aus der Kindheit und werden zu Mustern, die meine Gegenwart massgeblich prägen. Durch sie wird mein Stellenwert bei mir so klein, dass ich es mir nicht wert bin, mein eigener Freund zu sein. Und ich lasse mich das immer hören – und auch spüren. Glaubenssätze wirken auf unsere Emotionen und die wirken auf den Körper. Oft verlieren wir den Zugang zu unseren Emotionen, wir fühlen nicht, was wir mit solchen Sätzen anrichten. Da kann der Gang über den Körper helfen. Einfach mal in diesen hineinspüren, fühlen, wie sich die Füsse, Beine, Hände, das Gesicht anfühlen. Wo sind Verspannungen, wie stehe ich am Boden? Etwas, das auf der Yogamatte passiert, das aber auch eine kleine Übung im Alltag sein kann, die den Zugang zu den eigenen Emotionen wieder herstellen kann. 

Und wenn ich dann sehe, was ich in mir anrichte, könnte ich mich fragen, was eine Freundin zu mir sagen würde – und es mir selbst sagen, als mein eigener bester Freund, der es gut mit mir meint. Diese Freundschaft möchte ich mir wert sein.

Schaffst du es, dein eigener Freund zu sein?

Arthur Schnitzler (*15. Mai 1862)

Ich hebe mein Glas auf Arthur Schnitzler, der heute 161 Jahre alt würde.

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie eines kreativen Lebens

Das Leben
Arhur Schnitzler kommt am 15. Mai 1862 als Kind von Johann Schnitzler, Arzt, und dessen Frau Louise in Wien zur Welt. Er besucht ebenda das Gymnasium, nach dessen Abschluss er an der Universität Wien Medizin studiert. Schon früh beginnt er, literarische Texte – Prosa und Lyrik – zu verfassen. Seine erste Veröffentlichung ist das Liebeslied der Ballerine, welches 1880 in der Zeitschrift Der freie Landbote erschienen ist. Auf dieses sollen weitere folgen. Im selben Jahr schreibt er in sein Tagebuch:

Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen, soweit ich mich erinnere.[1]

Schon ein Jahr vorher hatte er notiert:

Ich fühl’ es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.[2]

Arthur_Schnitzler_1912_(cropped)Trotzdem hält er am Studium fest und die Medizin bleibt lange seine Haupttätigkeit. Nach einer Assistenzstelle im Allgemeinen Krankhaus der Stadt…

Ursprünglichen Post anzeigen 741 weitere Wörter

Adolf Muschg (13. Mai 1934)

Adolf Muschg wird am 13. Mai 1934 in Zürich geboren. Seine Mutter ist Krankenschwester und die zweite Frau des Primarlehrers Friedrich Adolf Muschg. Es war ist einfache Kindheit: der Vater macht seinem Namen (Adolf) alle Ehre, indem er den Juden unterstellt, ihren Tod selbst gewollt zu haben. Zudem hat er ein eher rigides Verständnis von Sünde. Die Mutter ist psychisch instabil, weilt immer wieder in der Psychiatrie, und kümmert sich nur um ihren Sohn, wenn er krank ist. Muschg bezeichnet diese Tage als «Glückstage», weil er der Krankheit einen Gewinn abgeluchst habe. Dass er zum Hypochonder wird später (ein Thema, das er auch in seinen Romanen aufgreift), führt er darauf zurück.  

«Man muss sehr früh viel verbergen. Wenn es ein Privileg des Schreibens gibt, dann, dass man diesen Dingen nachforscht. Es sind Schätze nicht gelebten Lebens.»

Ausser einem kurzen Abstecher in ein Internat in Schiers verbringt er seine Schulzeit in Zürich, wo er auch studiert, nämlich Germanistik, Anglistik und Psychologie, auch das mit einem Abstecher, dieses Mal nach Cambridge. Er promoviert über die Dichtung Ernst Barlachs, arbeitet danach als Gymnasiallehrer in Zürich sowie an diversen Universitäten. 1970 wird er Professor für Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft an der ETH in Zürich.

Muschg hat dreimal geheiratet und ist Vater von drei Söhnen. Er ist zeitlebens vielseitig engagiert, auch politisch, was ihm sogar mal die Bezeichnung «Volksfeind» einbrachte, womit er sich in guter Gesellschaft mit Max Frisch befindet, welcher als «Staatsfeind Nr. 1» bezeichnet wurde. (Ein interessantes Bild, welches das von der Schweizer Politik und deren Sicht auf die eigenen Künstler wirft.)

Adolf Muschg hat 30 Romane, Essays, Drehbücher, Theaterstücke und Biografien verfasst und wurde dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

In seinem jüngsten Roman, «Aberleben», hat Adolf Muschg nochmals aus dem Vollen geschöpft – vielleicht fast gar viel. Fast möchte man meinen, er hätte alle Themen und literarischen Mittel eines ganzen Schriftstellerlebens zusammengenommen und in eine neue Form gegossen. Wir reisen mit einem alten Schriftsteller nach Berlin, raus aus der Schweiz und einer Ehe, hin zu neuen Ufern. In der Geschichte geht es um das Schreiben und das Leben, das Lieben und das Lügen, um Identität und Zugehörigkeit. Die Geschichte weist ein Sammelsurium von literarischen Bezügen auf, und fast möchte man sich ein wenig an Max Frisch erinnert sehen, finden sich doch offensichtliche Bezüge zu dessen drei Romanen «Mein Name sei Gantenbein», «Stiller» und «Homo Faber». Dass er Max Frisch sehr schätzte, sagte er in einer Sendung anlässlich von dessen Tod, so dass diese Hinweise wohl kaum Zufall waren.

Adolf Muschg lebt heute in der Nähe von Zürich.

Ausgewählte Werke:

  • 1965 Im Sommer des Hasen
  • 1967 Gegenzauber
  • 1974 Albissers Grund
  • 1986 Goethe als Emigrant
  • 1993 Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival
  • 2001 Sutters Glück
  • 2008 Kinderhochzeit
  • 2015 Die japanische Tasche
  • 2018 Heimkehr nach Fukushima
  • 2021 Aberleben

Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Ich hebe mein Glas auf Rose Ausländer, die heute 122 Jahre alt würde!

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie eines kreativen Lebens

Rose Ausländer wurde als Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn in einen liberal-jüdischen und kaisertreuen Haushalt geboren. Zwar hatte man sich vom streng orthodoxen Ostjudentum distanziert, trotzdem waren die wichtigen jüdischen Traditionen wichtig und wurden gelebt.

Czernowitz war eine Mischung aus verschiedenen Völkern und damit auch Sprachen, 60 Prozent der Bevölkerung waren Juden, die Umgangssprache war Deutsch. Deutsch wurde als Kultursprache und als Sprache des Aufstiegs angesehen. Paul Celan sprach von Czernowitz in einer Rede von einer «Gegend, in der Menschen und Bücher lebten». Literatur und Kultur genossen einen hohen Stellenwert in Czernowitz.

«Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

Wasserarmig
Waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Ausgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer»

1916 musste die Familie nach Budhapest fliehen, weil Czernowitz von den Russen besetzt wurde. Von da ging es 1919 weiter nach Wien und 1920 zurück nach Czernowitz. Rose Ausländer…

Ursprünglichen Post anzeigen 556 weitere Wörter

Ingeborg Gleichauf: Jetzt nicht die Wut verlieren.

Max Frisch – eine Biografie

Inhalt

«Es scheint eine Leidenschaft zu sein, die sich da entwickelt, unabhängig von äusserem Erfolg. Da will und muss sich einer Luft verschaffen, sich ausdrücken, sich aufteilen auf mehrere Stimmen, Rollen entwerfen, die man für das Leben halten könnte.»

Max Frisch war ein Zweifelnder. Ein Suchender. Er war ein Mensch voller Gegensätze und ein Mensch der Sprache, mit denen er all das zu erfassen suchte. Diesem Menschen hat sich Ingeborg Gleichauf in der vorliegenden Biografie auf eine persönliche, kenttnisreiche und poetische Weise angenommen. Sie beleuchtet das Leben und Schaffen eines Menschen, bei dem beides nicht zu trennen ist, weil ohne das Leben und seine Erfahrungen das Schreiben nicht möglich wäre, ohne das Schreiben ein Leben ebenso wenig. Zumindest könnte es ohne die Sprache und das Schreiben nicht verstanden werden.

In chronologischer Reihenfolge begleiten wir Max Frisch durch sein Leben, seine Reisen, seine Beziehungen und seine Werke, die jeweils kurz dargestellt werden. Entstanden ist ein romanhaft anmutendes Buch, welches für ein junges Publikum genauso zugänglich und aufschlussreich ist wie für ein erwachsenes.

Gedanken zum Buch

«Diese Frage nach sich selbst, nach dem, was man ist und sein könnte: Bereits der junge Frisch sieht hierin ein existenzielles Problem.»

Max Frisch wurde oft vorgeworfen, er drehe nur um sich, er sei quasi sein einziges Thema, um das er nachher alles geschrieben hat. Dass dies sicher zu kurz gegriffen ist, liegt auf der Hand, allerdings ist nicht zu bestreiten, dass das Thema der (eigenen) Identität eines seiner zentralen war. Was ist der Mensch und wer kann er sein? Wie steht er in der Gesellschaft und was bedarf es, darin und nicht am Rand zu stehen? Gerade die letzte Frage beschäftigte ihn stark, schwankte er doch in jungen Jahren zwischen seiner Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, nach Zugehörigkeit, und seinem Drang, Schriftsteller, und damit am Rande stehender Beobachter, zu sein.

«Wie man sich doch immer in die Quere kommt, wenn man eigentlich ‘sachlich’ sein soll. IN allem, was man schreibt, ist man selbst enthalten. Und so ist das Schreiben, auch das journalistische Schreiben, immer eine Möglichkeit, mir und meinen Erfahrungen auf die Spur zu kommen.»

Schon Goethe sagte, dass alles Schreiben autobiographisch sei. Das bedeutet nicht, dass einer immer nur die eigene Lebensgeschichte schreibt, sondern es bleibt nicht aus, dass sich im Schreiben die eigenen Gedanken, Erfahrungen und Gefühle widerspiegeln. Frisch sah sich denn auch als Beobachter, als Augenmensch war ihm das klare (Hin-) Sehen wichtig. Wirklich gesehen und erfahren, vor allem aber verstanden, hat er die Dinge aber nur, wenn er für sie eine Sprache gefunden hat.

«Mit dem Seltsamen des Lebens umgehen wird für ihn bedeuten, sich vor allem sprachlich damit auseinanderzusetzen.»

Das Schreiben war immer auch sein Weg zu sich selbst, sein Weg zum klareren Verständnis. Daneben war es aber auch die Möglichkeit des Ausdrucks. Ohne einen solchen, so Frischs Überzeugung, sei das Leben kaum ertragbar. Frisch selbst sagte einst, dass Schreiben sei wie Reisen, indem er durch die Sprache aus sich herausgehe, um schliesslich wieder bei sich zu landen.

«Nichts ist dem Menschen so fern als das eigene Ich, er ist sich selbst das Fremde, daher kommt er sich gerade dann näher, wenn er in einen grossen Abstand zu sich tritt.»

Dass es notwendig ist, sich selbst auf die Spur zu kommen, führt Max Frisch auf den Umstand zurück, dass man sich eigentlich fremd ist. Wir leben in unserem Alltag und bewegen uns oft unbewusst in ihm. Viele unserer Reaktionen und Handlungen sind Automatismen, sind Gewohnheiten geschuldet. Max Frisch gibt sich damit nicht zufrieden, er will tiefer gehen, sich kennenlernen, herausfinden, wer er wirklich ist. Dazu dient ihm das Schreiben. Das ist auch eines der Hauptthemen seines Schreibens: Identität sowie die Verortung des Ichs in der Welt. Am besten gelingt das in Frischs Augen durch das Theater, weil dies immer eine Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft darstellt. Das Stückeschreiben ist eine Form von Zeitzeugenschaft, die sich aktuellen Themen wie sozialer Ungerechtigkeit, den Fesseln des bürgerlichen Lebens und der Freiheit zuwendet.

Max Frisch erfindet keine neuen Welten, er beobachtet die vorhandene genau. Er ist ein Augenmensch, der sich im Sehen schult und das so Erfahrene in Sprache, in Sprachbilder umformt. SO geht er als Sehender durch die Welt, beobachtet sie, die Menschen in ihr und das Zeitgeschehen. Doch erst, wenn er es schafft, das alles in Sprache zu fassen, kann er es verstehen, existiert es im tatsächlichen Sinn.

Fazit
Ingeborg Gleichauf ist eine leicht zu lesende, dadurch auch einem jungen Publikum zugängliche, fast schon romanhafte, und doch fundierte Biografie gelungen, die einen sehr persönlichen Blick auf Max Frisch offenbart.

Zur Autorin
Ingeborg Gleichauf wurde 1953 in Freiburg geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien, darunter Hannah Arendt (2000), Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir (2007) und Denken aus Leidenschaft (2008). Zuletzt erschien bei Nagel und Kimche Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie (2010).
Ingeborg Gleichauf wurde 1953 in Freiburg geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Ingeborg Bachmann. Sie veröffentlichte erfolgreiche Biographien, darunter Hannah Arendt (2000), Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir (2007) und Denken aus Leidenschaft (2008). Zuletzt erschien bei Nagel und Kimche Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch – eine Biografie (2010).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Nagel & Kimche AG; 2. Edition (16. August 2010)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3312009893

Gepsräche mit Max Frisch: Der unerkannte Geliebte

«Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält…» (Tagebuch 1, 27)

Jemanden zu sehr zu kennen, bedeutet danach, dass das Lebendige einer Art Starre weicht. Wenn ich denke, jemanden durch und durch zu kennen, dann weiss ich, wie er ist, was er tut, ich muss nicht mehr hinschauen, mich nicht mehr interessieren, es steht alles fest.

«Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden: weil wir sie lieben, solang wir sie lieben.» (Tagebuch 1, 27)

Die Liebe führt dazu, immer weiterzugehen, tiefer zu tauchen, den anderen in seinem Sein zu durchschauen. Nur wird das nie gelingen, weil alles, was die Natur hervorbringt, unerschöpflich ist, schrankenlos, wie es Max Frisch ausdrückt «alles Möglichen voll».

Vielleicht ist es aber auch so, dass wir den kennen, den wir nicht lieben, weil wir nur soviel erkennen wollen, wie sich uns darbietet. Wir haben gar nicht den Wunsch, tiefer zu tauchen, immer mehr zu kennen. Wir sind weniger forsch forschend, eher zurückhaltend erkennend und annehmend. Die kleinen Eigenheiten, die tiefen Geheimnisse, sie offenbaren sich erst in der Nähe, deren grösste die Liebe darstellt.

Anneleen Van Offel: Hier ist alles sicher

Inhalt

«Dieser Tote ist nicht mein Sohn, das ist ein Mann, den ich nicht kenne… Es gelingt mir nicht, meinen Sohn zu sehen, in dem Toten auf dem Krankenhausbett meinen Sohn zu sehen.»

Als Immanuel seine Mutter Lydia nach 10 Jahren Funkstille bittet, nach Israel zu kommen, zögert sie erst. Als sie dann da ist, ist er tot, er hat sich das Leben genommen. Lydia reist durch Israel und gleichzeitig auch durch ihre Vergangenheit, auf der Suche nach ihrem toten Sohn, nach sich, nach allem, was sie verloren hat.

Gedanken zum Buch

«Der Tod kommt von innen, er ist immer schon da, er wächst, bis er grösser ist als das, was der Körper ertragen kann.»

«Hier ist alles sicher» ist eine Geschichte über die verschiedenen Leben, die man leben kann, es ist eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, Schuld, Reue und den Tod. Es geht darum, was Familie ist und was Heimat bedeutet. Es ist die Geschichte einer Suche nach der eigenen Geschichte, danach, wer man ist und was davon bleibt, wenn vieles nicht mehr ist.

«Mit jedem Mal, dass ich das ausspreche, wird es endgültiger.»

Es ist die Geschichte einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Zuerst durch Distanz, dann durch den Tod. Diesen endgültigen Abschied zu verstehen, zu realisieren, ist schwer. Ihn in Worte zu fassen, ist noch schwerer, da die Sprache den Dingen eine endgültige Realität zu verleihen scheint. Wenn es ausgesprochen ist, kann es nicht mehr ignoriert werden, dann ist es wirklich.

«Solange es Reue gibt, bin ich schuldig, und solange ich mich schuldig fühle, bin ich unschuldig, weil ich dann nicht zulasse, dass es in Vergessenheit gerät.»

Wer trägt die Verantwortung für das eigene Leben und wer die für das Leben anderer, allen voran das Leben von Kindern? Hat das eigene Tun dazu beigetragen, dass ein Unglück geschah? Hätte man es verhindern können? Wäre Lydia imstand gewesen, den Selbstmord von Immanuel aufzuhalten, wenn sie früher nach Israel gegangen wäre? Wo ist dessen Vater, der vor 10 Jahren das Kind mit sich nach Israel nahm, raus aus Belgien und dem damals gemeinsamen Zuhause? Wer hat Schuld an dem, was passiert ist?

All diese Fragen treiben Lydia um, als sie durch Israel fährt, auf den Spuren von Immanuels Leben ohne sie. Sie will ihm nah sein, will die Landkarte seines Lebensweges nachfahren, in der Hoffnung, mehr über ihn zu erfahren. Es wird ihr nicht wirklich gelingen, die Fragen bleiben präsent, sie nimmt sie mit auf ihrem Weg.

Anneleen van Offel beginnt ihre Erzählung damit, dass Lydia am Totenbett des Sohnes sitzt. Sie blickt auf ihr Kind und reist in Gedanken zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Erinnerungen vermischen sich mit aktuellen Gefühlen, ein Riss bricht auf, der durch die Welt geht und sich über das ganze Buch erstrecken wird als Leitmotiv. Es entsteht beim Lesen eine Atmosphäre, die fast körperlich wirkt, einen Kloss im Hals und eine Schwere auslöst. Das Buch betrübt, bewegt, bestürzt, es überfordert mit dieser Unmittelbarkeit des Schmerzes.

Im zweiten Kapitel kommt es zu mehr Distanz, die Suche nach dem verpassten Leben des Sohnes beginnt und das Buch nimmt Fahrt auf. Sprachlich poetisch und philosophisch tiefgründig zieht einen diese Geschichte in den Bann, kann diesen Sog aber leider nicht durchhalten. Das Geschehen, die inneren Monologe, die Erinnerungen – sie alle werden zeitweise träge und langwierig. Trotzdem kann man von einem sehr lesenswerten und gelungenen Debüt sprechen.

Fazit
Eine Geschichte über Liebe, Schuld, Familie, Verlust und Tod – emotional bewegend, philosophisch tiefgründig und sprachlich poetisch.

Autorin und Übersetzerin
Anneleen Van Offel, 1991 in Antwerpen geboren, studierte Wortkunst am dortigen Königlichen Konservatorium. Sie hat Kolumnen für die flämische Zeitung „De Standaard“ und Kurzgeschichten und Gedichte für verschiedene Literaturzeitschriften geschrieben. Sie arbeitet als Redakteurin für die Zeitschrift „Deus Ex Machina“. Außerdem ist Anneleen Van Offel Programmgestalterin verschiedener literarischer Veranstaltungen. Von 2019 bis 2021 war sie Stadtschreiberin von Kortrijk. Für ihr Debüt „Hier ist alles sicher“ reiste sie immer wieder nach Israel, sprach mit zahlreichen Israelis, israelischen (Ex-)Soldaten und deren Familien. Der Roman wurde in Belgien und den Niederlanden von der Presse gefeiert und für seinen einfühlsamen Stil gelobt. anneleenvanoffel.be | @anneleenvanoffel

Christiane Burkhardt studierte Italienische Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte und war anschließend zunächst im Lektorat tätig. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen in München und unterrichtet neben ihrer eigenen Tätigkeit literarisches Übersetzen

Angaben zum Buch

  • ·  Herausgeber ‏ : ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (15. März 2023)
  • ·  Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • ·  Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 266 Seiten
  • ·  ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3772530319
  • ·  Originaltitel ‏ : ‎ Hier is alles veilig
  • ·  Übersetzung‏ : ‎ Christiane Burkhardt

Christian Morgenstern (6. Mai 1871)

Ich hebe mein Glas auf Christian Morgenstern, er würde heute 152 Jahre alt.

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie eines kreativen Lebens

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wird am 6. Mai 1871 in München in eine Malerfamilie geboren. Als Christian Morgensterns Mutter 1881 an Tuberkulose stirbt, wird Christian nach Hamburg zu seinem Paten geschickt, kehrt ein Jahr später zurück nach München und geht ab da ins Internat in Landshut, wo er züchtigenden Körperstrafen der Lehrer und Mobbing der Mitschüler ausgesetzt ist. Als sein Vater, mittlerweile neu verheiratet, nach Breslau an die Königliche Kunstschule berufen wird, zieht die ganze Familie um, Christian besucht da das Gymnasium. In diese Zeit fallen auch seine ersten Schreibversuche, das Trauerspiele Alexander von Bulgarien, die Mineralbeschreibung Mineralogia popularis (beide Texte sind nicht erhalten) und der Entwurf für eine Faustdichtung entstehen.

Ab dem Herbst 1889 besucht Christian Morgenstern die Militär-Vorbildungsschule, verlässt diese aber schon nach einem Jahr und kehrt aufs Gymnasium zurück. Es folgt das Studium der Nationalökonomie, währenddessen Morgenstern zusammen mit Freunden die Zeitschrift Deutscher Geist gründet…

Ursprünglichen Post anzeigen 814 weitere Wörter

Lebenskunst: Glauben

Mein Zugang zum Yoga kam über die Philosophie. Ich kannte zuerst die Hintergründe, stieg erst dann auf die Matte. Man könnte sagen, dass dies dem entspricht, was ich bin: Ich will zuerst wissen, was ich tue, bevor ich es tue. Diesen Zug habe ich nie ganz ablegen können, er ist aber auf der Matte anders geworden: Ich habe gelernt, etwas zu tun, um dann zu erfahren, was dahinter steckt, wie es wirkt. Dies nun von der Matte ins Leben zu holen, ist nicht immer einfach, aber immer befriedigend, wenn es gelingt, da es einen unmittelbareren Zugang zum Leben mit sich bringt, einen, der nicht von vorauseilenden Gedanken, Bewertungen, auch Ängsten beschwert ist. Es ist eine neue, mir vorher sehr fremde Art des Vertrauens in das Tun und dessen Wirkung, ein Vertrauen auf die Erfahrung dadurch und daraus.

Meine erste Begegnung mit Ganesha kam erst später. Und: Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte in verschiedenen Yogastudios verschiedene Statuen hinduistischer Gottheiten gesehen, sie haben ich alle nicht sonderlich angesprochen, hier war es anders. Dass Ganesha der Gott der Intelligenz und der Künste ist, dass er Glück bringt und Hindernisse aus dem Weg räumt, erfuhr ich dann bei der weiteren Auseinandersetzung und befand: Das passt, das kann ich brauchen.

„Om Gam Ganapataye Namaha“ (Ganesha-Mantra)

Nun bin ich kein gläubiger Mensch und in vielem doch eher westlich als östlich ausgerichtet, da so geprägt, und doch gefällt mir das hinduistische Konzept der Anbetung verschiedener Götter je nach Lebenssituation und Bedürfnissen. Für mich bedeutet das, die Energie auf das zu lenken, was im Leben aktuell ist. Ich stehe vor einer Aufgabe und sehe Hindernisse? Ganesha ist da. Für mich nicht als Gott, sondern eher als Symbol dafür, dass Hindernisse aus dem Weg geräumt werden können. Wenn ich daran glaube und das Meinige dazu tue. Diese Haltung kommt aus dem Glauben, dass das, worauf ich meine Energie lenke, stark wird, weil die gelenkte Energie ihm Kraft gibt. Und wer weiss: Vielleicht hilft Ganesha ja doch mit. Und sonst ist er einfach «mein Elefäntli», das mich begleitet in meinem Leben. (Dass ich Elefanten liebe und sammle, hat sicher auch ein wenig zu dieser Liebe beigetragen)

Keine Demokratie ohne Dialog

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das hört man in der heutigen Zeit häufig und meistens werden als Grund dafür Corona und die deswegen vom Staat verhängten Massnahmen ins Feld geführt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses die Gründe für die Spaltung sind oder aber sie dieselbe, schon dagewesene, deutlich machten. Neu, davon bin ich überzeugt, ist diese Spaltung nicht, denn Spaltungen gab es immer, sowohl strukturell (arm-reich, das Patriarchat mit der Unterdrückung der Frau, etc.) wie auch in den Gesinnungen der Mitglieder der Gesellschaft. Sie teilen diese immer in zwei Lager: Dafür und dagegen.

Ich bin schon lange der Meinung, dass unser Verhalten einer Demokratie nicht würdig ist, dass wir mit unserer Art des Zusammenlebens die Demokratie gefährden und ad absurdum führen. Wenn man sich anschaut, was Demokratie bedeutet, ergibt sich folgende kurze Definition:

„Als demokratisch im weitesten Sinne bezeichnet man daher heute Machtverhältnisse, in denen Staatstätigkeiten (…) vom Volk durch die Wahl von Vertretern (Repräsentanten) und Vertreterkörperschaften ausgeübt wird, die auf mannigfache Weise (…) zustande kommen und verschieden zusammengesetzt sind. […] Demokratisch nennt man ferner innere Meinungsbildungsprozesse und Beschlussverfahren in Organisationen und Verbänden, zu welchen (analog zur demokratischen Staats- und Gemeindeverfassung) alle Mitglieder chancengleich Zugang haben und in denen sie gleichberechtigt mitwirken können.“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe)

Nun gibt es verschiedene Formen der Demokratie, welche ich hier nicht weiter behandeln möchte. Relevant für mein Thema hier ist nur noch, dass in einer Demokratie freie Menschen frei wählen können und bei solchen Wahlen das sogenannte Mehrheitsprinzip zum Tragen kommt. Das heisst: Bei demokratischen Entscheidungen gilt, was von der Mehrheit der Wählenden (verfassungskonform) bestimmt wird. Dass dies nicht immer befriedigend ist für die Minderheit, die den Entscheid mittragen muss, liegt auf der Hand. Was aber wäre die Alternative? In meinen Augen keine, welche die Vorzüge einer Demokratie behält und etwaige Problematiken beseitigen könnte.

«Die Majorität hat viele Herzen, aber ein Herz hat sie nicht.» Otto von Bismarck

Zentral für eine funktionierende Demokratie ist in meinen Augen ein funktionierender Austausch zwischen denen, welche die Entscheidungsgewalt haben. Nur so kann es gelingen, eine Lösung für Probleme zu erhalten, welche für die grösstmögliche Mehrheit stimmt und für die kleinstmögliche Minderheit trotz allem tragbar ist.

«Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen.» Benjamin Franklin

Im Wissen darum, dass die überstimmte Minderheit die gefällten Entscheidungen mittragen muss, und in Anbetracht dessen, dass wir auch teilweise über Dinge entscheiden, die gerade die Minderheiten betreffen, ist es wichtig bei solchen Entscheidungen, dass die Minderheiten mit ihren Anliegen mitbedacht werden.

„Man ist gewöhnlich immer desto weniger republikanisch gesinnt, je höher der Rang ist, den man in der Welt bekleidet.» Georg Christoph Lichtenberg

Das Wissen um und das Ausnutzen der eigenen Übermacht ohne Rücksicht und Solidarität sind einer (als sozial verstandenen) Demokratie nicht angemessen. Da fangen die Probleme an, daran krankt in der heutigen Zeit die Demokratie:

Die Fronten sind verhärtet. Es scheint, als ob Menschen nicht mehr an einem Diskurs interessiert sind, als ob Dialektik ein vergessenes Gut und stures Beharren auf der je eigenen Sicht das einzige Anliegen ist. Andere Meinungen werden nicht mehr gehört, sie werden mit eigenen Argumenten in Grund und Boden gestampft. Nützt das nichts, wird der Anders-Denkende als Idiot bezeichnet und bevorzugt zum Schweigen gebracht – in den Sozialen Medien dadurch, dass man ihn ignoriert oder blockiert.

Ausgehend von meiner Hypothese, dass ohne Austausch keine (gelebte und gelingende) Demokratie möglich ist, bedeutet dies den Tod derselben. Wir müssen aber nicht mal in die Politik gehen, obwohl die Staatsform natürlich eine Sicherung der persönlichen Interessen einer Gesellschaft ausdrücken soll (im Idealfall) und damit natürlich relevant ist für den einzelnen Menschen. Schon die Gesellschaft ist eine grosse Gruppe, die oft zu abstrakt klingt. Wir leben darin, aber was ist sie konkret? Schauen wir uns also das Problem im kleineren Rahmen an: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders denken? Hören wir uns an, was sie zu sagen haben, wie sie zu ihrer Meinung kommen? Können wir ihre Meinung auch einmal stehen lassen und akzeptieren, dass wir in gewissen Punkten nicht einer Meinung sind? Oder stimmt für uns ein Miteinander nur, wenn einer den anderen überzeugt hat (bevorzugt wir den Anderen)? Die Vehemenz, mit welcher heute Diskussionen ausgefochten (die Kriegsmetaphorik ist bewusst gewählt) werden, besorgt mich.

«Die Demokratie ist die edelste Form, in der eine Nation zugrundegehen kann.» Heimito von Doderer

Was mich ebenso besorgt, ist, dass in solchen Diskussionen nicht nur nicht genau hingehört wird, sondern die Gegenargumente oft auch aus dem Zusammenhang gerissen, falsch wiedergegeben werden und der sie Äussernde durch solche Fehlzuschreibungen verunglimpft wird. Es ist gut und wichtig, eine Meinung zu haben, und eine Meinung muss auch vertreten werden, schliesslich steckt eine Überzeugung dahinter. Was ich aber vermisse, ist die Einsicht, dass wohl keiner allein in jedem Fall immer die ganze Wahrheit sieht oder alles wissen kann. Wer glaubt, Wahrheit erkenne man nur von einem (dem eigenen) Standpunkt heraus, muss auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist – oder hat er die Krümmung gesehen von da, wo er steht? Hinzuhören, wie man etwas auch noch anders sehen kann, oder wie es von einer anderen Warte aus gesehen wird, kann helfen, den eigenen Blick zu weiten. Das kann dazu führen, dass man merkt, dass die eigene Sicht richtig war, weil man im Gedanken des Anderen einen Denkfehler findet, es kann dazu führen, die eigene Sicht zu revidieren oder anzupassen, weil man merkt, dass man etwas nicht bedacht hat, oder es kann zu einer gemeinsamen neuen Meinung führen, welche mehr ist als nur die Summe ihrer Teile, sondern ein ganzheitlicherer Blick auf eine Welt, die so komplex ist, dass einer allein sie kaum je wird erfassen können.

Wenn wir das nun auf die Demokratie anwenden und darauf, wie Menschen, die diese gestalten sollen, agieren müssten, komme ich zu dem Schluss: Es wird uns nur gemeinsam gelingen, die Welt so zu schaffen, dass sie für all die, welche sie bewohnen müssen, eine gute Welt ist, in welcher jeder sich nach seinen Fähigkeiten als Gleichberechtigter entwickeln kann und die Chance hat, zu partizipieren. Dazu bedarf es eines offenen Dialogs unter als gleichwertig Anerkannten, die man als mit sich verbunden sieht, weil sie wie man selber auch, in eine Welt geworfen wurden, die sie sich nicht ausgesucht haben, in welcher sie nun aber ein gelingendes Leben leben möchten.

Martin Suter: Melody

Inhalt

«Das erste Geheimnis über mich, das ich ihnen verraten muss: Ich bin kein sehr ordentlicher Mensch… Das zweite Geheimnis über mich: Ich bin kein uneitler Mensch. Ich habe mein ganzes Leben versucht, der Welt ein bestimmtes Bild von mir zu vermitteln. Ihre Aufgabe besteht darin, dieses auch für die Nachwelt zu bewahren.»

Tom, ein junger Jurist, wird vom Altnationalrat Dr. Stotz, seine Lebenserwartung beträgt noch ein Jahr, beauftragt, seine noch vorhandenen Dokumente zu ordnen und durch gezielte Selektion nur das zu bewahren, das dem Bild entspricht, das Dr. Stotz hinterlassen möchte.

„Das dritte Geheimnis ist für sie bereits keines mehr: ich bin ein geschwätziger alter Mann.“

In der gemeinsamen Zeit erzählt Dr. Stotz Tom von seiner grossen Liebe Melody, die eines Tages, kurz vor der Hochzeit, einfach verschwunden ist, ihn aber ein Leben lang nicht mehr losgelassen hat. Nach Stotz’ Tod macht sich Tom mit Laura, der Grossnichte von Dr. Stotz auf der Suche nach der Wahrheit um die Geschichte mit Melody. Was ist wirklich passiert damals?

Gedanken zum Buch

„Sind Geschichten nicht immer erfunden? Spielt es eine Rolle, ob sie Wahrheit oder Fiktion sind?“

Ein sterbenskranker Mann schaut auf sein Leben zurück und auf das, was dieses Leben massgeblich geprägt hat neben seinem Erfolg: Seine Liebe zu Melody, der Frau, die er heiraten wollte und die eines Morgens einfach weg war. Er erzählt die Geschichte des Kennenlernens, die Schwierigkeiten, die sich durch ihren islamischen Hintergrund ergaben, und die seiner lebenslangen Suche nach Melody. Es ist eine traurige Geschichte, die dem alten Mann sichtlich nah geht. Ein gelebtes Leben. Ein erzähltes Leben. Was ist Wahrheit, was Fiktion? Wo hört das eine an und fängt das andere an?

„Wo die Unwahrheit es sich bequem gemacht hat, bringt Wahrheit nur Unruhe.“

Und auch eines, das die Frage hinterlässt, ob eine Unwahrheit nicht auch besser sein kann in gewissen Fällen, als die Wahrheit zu kennen.

Das Buch lebt von seinen authentischen Figuren, von der klaren, fliessenden Sprache, von der leichten Stimmung, die durch die Zeilen weht und beim Lesen ein gutes Gefühl hinterlässt. Und dies, obwohl Krankheit, Alter und Tod ein sehr zentrales Thema sind. Martin Suter gelingt es, trotz der Präsenz des angekündigten und eintretenden Todes, die Erzählung nie schwer oder bedrückend werden zu lassen.

Es gelingt Martin Suter ebenfalls, von Anfang an eine Spannung aufzubauen, die bis am Schluss nicht aufhört. Es stehen Fragen im Raum, deren Antworten man kennen will. Der Leser wird von seiner Neugier von Seite zu Seite geleitet und lässt das Buch nicht eher ruhen, bis er die Wahrheit kennt – wenn es sie denn gibt.

Fazit
Ein wunderbar leichtes, flüssig geschriebenes Buch mit stimmigen Charakteren und einem guten Mass an Spannung, die einen nicht loslässt bis zum Schluss.

Zum Autor
Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Seine Romane und ›Business-Class‹-Geschichten sind auch international große Erfolge. Seit 2011 löst außerdem der Gentleman-Gauner Allmen in einer eigenen Krimiserie seine Fälle, derzeit liegen sechs Bände vor. 2022 feierte der Kinofilm von André Schäfer ›Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit‹ am Locarno Film Festival Premiere. Seit einigen Jahren betreibt der Autor die Website martin-suter.com. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 2. Edition (22. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257072341