Vor einiger Zeit beschloss ich, umzuziehen. Die Entscheidung hatte Gründe, viele, gute, üerzeugende. Ich suchte also eine Wohnung da, wo ich hinwollte, fand sie auch, obwohl der Wohnungsmarkt nicht einfach ist. War glücklich. Hier könnte man den Vorhang senken, Happy End schreiben.
Irgendwie fängt die Geschichte erst hier an. Ich stellte mir nämlich nun vor, was für Bemerkungen ich für meinen erneuten Umzug ernten würde. Das verursachte mir Magenschmerzen. Dass ich im Leben oft umgezogen bin, steht ausser Frage. Trotzdem mochte ich die ewigen Witzchen und Bemerkungen nicht mehr ertragen. Klar könnte man sie einfach wegstecken. Doch so bin ich nicht. Ich hinterfrage immer – am meisten mich. Und hintersinne mich. Ich beschloss, den Umzug für mich zu behalten. Da und dort sickerte er durch. Am Schluss hielten sich die Bemerkungen im Rahmen, meine ganzen Gedanken waren umsonst. Hätte ich sie mir erspart, wäre es beim oben genannten Happy End geblieben.
Nur: Ich hörte eine abschätzige Bemerkung über meinen neuen Wohnort. Da würde man nie wohnen wollen. Es sei ganz schlimm und hässlich da. „Little Istanbul“ wurde es genannt. Als Betonwüste verschrien. Und ich sass da und fragte mich: Haben sie alle recht? Ziehe ich ins Unglück? Ist die Freude, die ich spüre, eine Illusion, die platzen wird, sobald ich dort bin? Ganz leise drang auch durch, dass es eigentlich frech ist, etwas abschätzig als Little Istanbul zu bezeichnen. Dass es abgesehen von mangelndem Taktgefühl hauptsächlich eine eher abschätzige Haltung gegen ausländische Mitbürger offenlegt. Die man trotz gross posaunter Toleranz doch lieber weit weg hat. Natürlich kam bei mir kurz der Gedanke von wegen Schule für das Kind und anderer Probleme auf. Und irgendwie war die Umzugsfreude weggeblasen. Ich hinterfragte. Mich, meine Entscheidung, alles.
Was, wenn sie alle recht haben? Wenn ich nicht umziehen sollte? Wenn der neue Ort schlimm wäre? Ich mich nicht wohl fühlte? Sohnemann sich nicht wohl fühlte. Keinen Anschluss fände, schlechte Schulen hätte? Und dann kam noch dazu: Bin ich weniger wert, wenn ich nach Little Istanbul ziehe als wenn ich im Schickimickiviertel wohne? Sind die Bewohner von Little Istanbul wenig wert? Woran gemessen? Wer setzt den Massstab? Langsam sah ich die Realität wieder klarer und die Freude kam wieder auf.
Dann zog ich um. Chaos pur. Umzugsmänner überfordert, alles dauerte länger, Wohnung schien klein, alles Chaos. Nerven blank. Aber: Der Spaziergang mit dem Hund war toll. Ich lief durch das ganze Quartier und ein wenig weiter. Und ich war begeistert. Es war schön. Es war grün. Es war städtisch. Es war – endlich wieder Zuhause. An diesem Ort wohnte ich, bevor die Schweizer Reise losging… und hierher war ich zurückgekehrt.
Die Kisten schwinden, die Spaziergänge werden mehr. An Bächen entlang, über Wiesen, Felder. Beim Einkaufen plaudere ich mit den Verkäuferinnen, Nachbarn schon kennengelernt. Es ist schön. Es ist, wie ich es kannte. Es ist toll. Wie ich es wünschte. Nur eines nervt: Dass ich mir von anderen die Freude vermiesen liess. Dass ich fremde Stimmen höher wertete als meine eigene. Wieso? Selbst wenn ihre Einschätzung für sie selber stimmte, wieso ging ich davon aus, sie könne auch für mich stimmen? Kennen sie mich wirklich? Stecken sie in meinen Schuhen? Taten sie es je? Klar nein. Und einmal mehr die Lehre:
Es gibt nur einen, der dein Leben leben kann: Du selber. Bau auf dich, vertrau auf dich, gehe deinen Weg.
Klar ist es immer sinnvoll, Argumente von anderen zu berücksichtigen, zu prüfen. Aber nur, wenn es wirklich Argumente sind. Fundierte. Für mich kann ich sagen: Ich bin Zuhause. Endlich wieder. Und es fühlt sich gut an. Für uns alle.
Hier noch ein paar Bilder von der ach so schrecklichen neuen (alten) Heimat:







