Bilanz

Abschied ist oft traurig, da es heisst, etwas loszulassen, was bislang zum Leben gehörte, dies vielleicht massgeblich prägte, ausmachte. Abschied bringt dann Wehmut hoch. Ist der Abschied selbst gewählt, steckt klar eine positive Absicht dahinter, trotzdem bleibt das weinende Auge. Das, welches sieht, was vorbei ist, was nie mehr sein wird.

In jedem Abschied wohnt ein Anfang inne. 

Ich glaube, das hat niemand so geschrieben, mir kommt es aber immer in den Sinn und ich denke, es sei ein Zitat. Vermutlich ist es aber aus Hesses Stufen zusammengereimt – die Essenz des Gedichtes sagt genau das:


Stufen
Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

Ich liebe dieses Gedicht, weil es das Leben in seinem Wandel zeigt. Es zeigt, dass wenn etwas aufhört, auch etwas anfängt. Und doch, eine kleine Wehmut bleibt. Und eigentlich ist die auch positiv, da sie zeigt, dass das Leben, wie es bislang war, gut war, gute Seiten hatte. Ich fände es bedenklicher, wenn nur Freude, nur Aufbruch herrschte.

Ein Abschied ist immer auch Zeit, Bilanz zu ziehen. Was war? Was war gut? Was würde ich ändern? Solche Bilanzen haben oft zur Folge, dass man Entscheidungen der Vergangenheit hinterfragt, bedauert, denkt, man hätte falsch gehandelt. So ist es auch bei mir. Mit Wehmut denke ich an gewisse Punkte in meinem Leben, denke, sie waren unnötig, ich häte mein Leben anders gestalten können, hätte ich damals anders entschieden. Ich denke, ich hätte mir manches Leid, manchen Umbruch ersparen können. Mag wohl sein aus der Sicht von heute. Damals hatte ich Gründe. Und entschied aufgrunde derer. Kierkegard sagte treffend: Das Leben lebt sich nur vorwärts und erklärt sich nur rückwärts. Wir sind heute immer klüger als gestern. Aber auch nur, weil wir heute wissen, wie das Heute ist. Gestern wussten wir es nicht. Wir stellten Hochrechnungen an. Dachten an Folgen und Ursachen. Reagierten auf Spekulationen. Und stellten unsere Planung darauf ab. Nach bestem Wissen und Gewissen.

Aus genau diesem Grund ist es auch hinfällig, die Vergangenheit zu betrauern. Wir taten damals unser Bestes und landeten damit da, wo wir heute stehen. Wo wir gelandet wären, hätten wir anders entschieden, wissen wir nicht. Reine Spekulation. Heute das Gestern zu betrauern, hiesse, sich auf Spekulationen abzustützen und dadurch Leid zu spüren. Das wäre schlimmer als jede falsche Entscheidung der Vergangenheit – wobei die Wertung falsch oder richtig immer schwer zu fällen ist.

Und so ist es, wie es ist und ich bin dankbar. Ich bin zufrieden im Heute. Habe etwas Wehmut für das, was ich zurücklasse, einfach, weil es vertraut war. Freue mich aber sehr auf das Neue.

„Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

2 Kommentare zu „Bilanz

  1. Vertrau der eigenen Bilanz – und nicht der von Anderen. Dann bist du immer bereit zu neuen Aufbrüchen. Im Gepäck ist sicher die Vergangenheit – aber zu hoffen ist immer dass die Wehmut auf der Strecke bleibt. Dann ist es ein leichtes Gepäck – und damit lässt sich bekanntlich besser Reisen. Gute Reise wünsche ich!

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  2. Ich danke dir für deine Wünsche. Es ist eine gute Reise. Klar war vorher nicht alles nur schlecht. Und so finde ich auch ein wenig Wehmut positiv, denn ohne sie hiesse es, dass man vorher im Schrecken gelebt hätte. So ist es nicht. Aber was nun ist, ist gewünscht, ist gut. Und somit: es ist eine gute Reise. Und sie geht weiter – panta rei.

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