Inspirationen für die Woche – KW 22

Während meine Tagesstrukturen immer gleich sind (was von anderen oft belächelt oder gar verspottet wird, aber dem Umstand geschuldet ist, dass das selbständige Tun eines Menschen, der im Kopf immer von diversen Reizen in verschiedene Richtungen getrieben ist und herumschwirrt zwischen Themen und Orten und Projekten und Gedanken und Ideen, einer äusseren Struktur bedarf, da er sonst a) den Halt verliert und b) die Disziplin nicht aufbringt, Dinge täglich ohne äusseren Zwang und zielgesteuert auf ein Ende zuzuführen), ändern sich die Inhalte doch immer wieder und das teilweise enorm. Ich mag das. Ich mag das freie Fliegen zwischen den Themen, zwischen Zeiten und Denk (!!)-Räumen. Ich mag meinen strukturierten Alltag, denn nur so ist das freie und kreative Fliegen möglich.

Ich weiss gar nicht, wieso ich nun darauf komme. Vielleicht, weil die Ferien vor der Tür stehen und damit gewisse – bei mir zum Glück geringfügige – Änderungen auf mich zukommen. Zu meiner Woche:

Worauf stiess ich? Was kam mir in den Sinn und was möchte ich mit euch teilen? Hier die Inspirationen für die Woche 22: Zuerst wir versprochen, mein

Krimi-Special

Es ist nicht das, woran man als erstes denkt, wenn man ihre Namen: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre lasen gerne Krimis. Sie verschlangen sie teilweise regelrecht, diskutierten drüber, schätzten die abgrundtiefen Welten, die sich in Krimis auftaten. Nun stehen die Sommerferien vor der Tür, für viele Gelegenheit, sich einfach mal in Bücher fallenzulassen. Was wäre da schöner als ein spannender Krimi oder Thriller? Darum hier ein paar, die ich gerne empfehlen möchte:

Claire Douglas: Girls Night – Nur eine kennt die ganze Wahrheit

«Von Furcht und Schmerz gepackt, begann Olivia unkontrolliert zu zittern; alles in ihr erstarrte u Eis, als ihr wieder einfiel, wie es zu dem Unfall gekommen war… Die Gestalt auf der Strasse, die jetzt menschenleer dalag und sich in eine endlose dunkle Leere zu erstrecken schien. Wer war das gewesen? Und wohin waren ihre Freundinnen entschwunden?»

Vor zwanzig Jahren war Olivia mit ihren drei Freundinnen im Auto unterwegs und geriet in einen Unfall. Sie überlebt schwer verletzt, von den anderen fehlte jegliche Spur. Der Fall wurde nie geklärt, die Vermissten tauchten nie mehr auf, was blieb, war das Misstrauen, dem Olivia fortan in ihrer Kleinstadt ausgesetzt war.

Die Journalistin Jenna plant einen Podcast zum Jahrestag, befragt dabei Bekannte und Verwandte der Beteiligten, um sich ein genaues Bild des Unglückstags zu verschaffen. Damit tritt sie offensichtlich jemandem auf die Füsse, denn plötzlich sieht sie sich mit Drohungen konfrontiert. Was ist damals wirklich passiert? Wer befürchtet, dass man ihm auf die Schliche kommt? Klar ist: Das Ganze scheint gefährlich zu werden.

Christine Brand: Vermisst. Der Fall Anna

«Es ist kurz nach sieben. In einer halben Stunde muss er los; es bleibt gerade noch genug Zeit, den ersten Schritt ztu tun, um seinen Entschluss von heute Abend umzusetzen… Dario öffnet das Dokument, an dem er sei einer gef¨ühlten Ewigkeit arbeitet… Er löscht den ersten Satz, und schreibt ihn noch einmal neu.

Mein Name ist Dario Forster. Ich brauche Eure Hilfe.»

Oft schreibt Christine Brand über wahre Kriminalfälle, nun hat sie eine Ermittlerin erfunden, die sich ungeklärten Verbrechen annimmt, weil sie Gerechtigkeit sucht. In ihrem ersten, mittlerweile dreissigjährigen ungelösten Fall sieht sich Malou Löwenberg, keine konventionelle Polizistin, sondern eine eigenwillige junge Frau mit einem mit Namen versehenen Roller, Tattoos und einem sonderbaren Hobby, mit einer Mutter konfrontiert, die just als ihr Sohn Dario fünf Jahre alt wird, verschwindet. Bei ihren Nachforschungen stösst Malou auf ähnliche, ebenfalls ungeklärte Fälle: Frauen, die am fünften Geburtstag ihrer Kinder verschwinden. Sind die jährlichen Geburtstagskarten, welche alle Kinder erhalten, ein Zeichen, dass die Mütter noch leben, oder aber ein makabres Spiel mit den Hoffnungen der Zurückgebliebenen?

Jens Henrik Jensen: Oxen. Pilgrim

«Er sah das Schwert vor seinem geistigen Auge aufblitzen und spürte die Anstrengung wie einen Phantomschmerz in seinem rechten Arm. Den Hieb schräg nach unten. Die klaffende Wunde, die er hinterliess… Er meinte, noch immer den Schaft des Schwertes zu umklammern. Doch seine rechte Hand war fest geballt um… nichts…»

Der sechste Band der Reihe, aber auch für sich allein gut lesbar: Wochenlang war Niels Oxen in den Katakomben gefangen gewesen, grausame Kämpfe galt es zu überstehen, doch er hat überlebt. Und braucht nun vor allem eines: Abstand von dem, was war. Er geht wandern. Margarethe Franck, vom dänischen Geheimdienst suspendiert wegen eines Zerwürfnisses, sucht eine neue Herausforderung, die sich bald einstellt – nichts Grosses, nur ein kleiner Finanzbetrug. Heisst es. Schon bald hat Franck die leise Ahnung, dass es sich doch um mehr handeln könnte, und Oxen sieht sich mit dem nächsten Albtraum konfrontiert.

Arne Dahl: Stummer Schrei: Eva Nymans Erster Fall

«Er fängt Feuer, der Fahrer verliert die Kontrolle und schert in der Kurve in die falsche Richtung aus, rast von der Autobahn und pflügt wie ein Feuerball durch das goldgelbe Rapsfeld. Das Letzte, was von dem Fahrer zu sehen ist, ist sein ausgestreckter Mittelfinger, der wie eine Fackel brennt.
Das Fernglas senkt sich in der einen Hand, der Fernzünder in der anderen… Es hat begonnen.»

Wenn man gerne Krimireihen liest, ist es besonders schön, von Anfang an dabei zu sein. Diese Chance gibt uns Arne Dahl, indem er nach seiner sehr erfolgreichen Serie um Carl Mørck eine neue Ermittlerin an den Start schickt: Eva Nyman. Zwei selbstgebaute Bomben töten zwei Menschen: Einen Marketingmanager, der sich der Autolobby verschrieben hat, und einen Konzernboss aus der Stahlindustrie. Die Bekennerbriefe deuten auf einen Klimaaktivisten hin, der seine Anliegen mit fanatischen Parolen und sehr brutalen Mitteln zu verfolgen scheint. Oder steckt doch noch mehr dahinter? Das glaubt zumindest Eva Nyman und nimmt die Fährte auf.

Ich lese normalerweise eher selten Krimis, die Leidenschaft kommt immer in Phasen und dann packen sie mich dermassen, dass ich einen nach dem anderen verschlinge. Dann endet die Phase wieder und es folgt eine lange Pause. Was ich immer gerne mache, das gestehe ich nur hier und ganz unter uns: Ich liebe die ganz banalen, eher seichten Krimiserien wie SOKO Stuttgart, Die Chefin, etc. sehr. Ja, sie sind nicht so packend und schillernd wie Netflixserien. Sie hinken an Tempo und Brutalität massiv hinter amerikanischen Serien hinterher. Aber sie haben ihren eigenen Charme. Und so viel Menschliches neben den Fällen. Das mag ich. Ganz praktisch ist: Man kann sie in der ZDF-Mediathek nachschauen. Grossartig (und gefährlich für Prokrastinierer).

Ich stiess über sieben Ecken, wie das oft so geht bei mir, auf folgende Poetik-Dozentur aus Tübingen (grossartige Reihe, die ich nicht kannte, aber nun auf dem Radar behalten möchte) auf die Vorlesung von Eva Menasse aus dem Jahr 2021. Der schöne Titel des Ganzen: «Treppen, Rampen, Räume». Spannende Einblicke in die Entstehung eines Romans, die ich gerne teilen möchte: Poetikdozentur mit Eva Menasse

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

Anne Pauly: Bevor ich es vergesse

«Der Tod ist nichts: Ich bin nur ins Zimmer nebenan gegangen. Ich bin ich. Ihr seid ihr. Was ich für euch war, das bin ich nach wie vor.» Charles Péguy

Als Anne Paulys Vater stirbt, müssen sie und ihr Bruder die Formalitäten regeln und die Abdankung planen. Die Konfrontation mit dem toten Vater, mit den Erinnerungen an die vielfältigen Erfahrungen, Gefühle, Erlebnisse aus der gemeinsamen Vergangenheit sowie die Aufarbeitung der zurückbleibenden Gefühle an diesen Menschen, der so viele Seiten in sich trug, vom gewaltvollen Alkoholiker über den Liebhaber von Gedichten bis hin zum Interessierten für Spiritualität und östliche wie westliche Philosophien handelt dieses Buch.

«Während ich seine Hand hielt, die in meiner langsam kalt wurde, wünschte ich mir von ganzem Herzen, niemals seinen Duft zu vergessen und wie weich seine trockene Haut war.»

Was wird bleiben nach dem Tod, wenn der Mensch, der mal war, der zum eigenen Leben gehörte, durch den dieses wurde und war, wie es war, stirbt? Was wird man mitnehmen können ins neue Leben, in das ohne diesen Menschen? Die Angst, dass die Erinnerung an die Dinge verloren geht, die so wichtig schienen, die diesen Menschen ausmachten, ist oft gross. Man fürchtet, damit alles zu verlieren, vielleicht ein Stück von sich selbst.

«Im Gegensatz zu meiner Mutter habe ich immer verstanden, welchen Trost er daraus zog, Bücher zu besitzen, und welche Sehnsucht sich dahinter verbarg.»

Bücher sind Tore zur Welt. Sie können helfen, die Welt, in der man sitzt und sich vielleicht nicht wohlfühlt, für einen Moment zu verlassen. Nur schon sie zu besitzen heisst, die Möglichkeit zu haben, die in den Büchern steckt. Bücher sind auch ein kulturelles Symbol. Bücher im Regal zu haben, deutet darauf hin, einer bestimmten Schicht, einer bestimmten kulturellen Klasse zuzugehören. Sie vermitteln zumindest den Schein der Zugehörigkeit.

«Ja, sicher, er hatte es übertrieben, und doch war es diese Seele, die mir in all den Jahren nah gewesen war, und es war dieser Mann, der mich, zwischen zwei Besäufnissen, fest in seine langen Arme geschlossen hatte, wenn er fühlte, dass die Angst mit ihren schwarzen Händen nach mir griff.»

Kein Mensch hat nur eine Seite. Selbst der gewaltvollste Vater, ein Vater mit all seinen Schwächen und dunklen Seiten, hat auch die andere, die, auf die man bauen und vertrauen möchte. Die kleinen lieben Gesten zwischendurch, die, welche Halt geben, wenn man ihn braucht, mildern das Gesamtbild.

«Ich fand am Ende immer eine Entschuldigung für ihn: seine Schwermut, seine Einsamkeit und seine Langeweile, der nichts je hatte bekommen können, machten ihn verrückt.»

Wenn wir jemanden lieben, möchten wir ihn im besten Licht sehen. Das ist nicht immer möglich, vor allem, wenn die Schattenseiten zu deutlich herausstechen. Wie oft suchen wir dann Gründe, diese zu entschuldigen, suchen nach Erklärungen, die mildernd wirken, die den Blick nachgiebiger machen sollen. Belügen wir uns damit selbst? Oder sind wir damit der Wahrheit auf der Spur, die immer keine einfache ist, sondern mehrere Seiten aufweist?

Mascha Kaléko schrieb in ihrem Gedicht «Memento»:

«Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?»

Wenn jemand stirbt, bleibt eine Lücke. Lücken haben etwas Bedrohliches: Wie sollen wir sie füllen? Lücken bedeuten Leere, bedeuten, dass da, wo etwas war, nun nichts mehr ist. Ein Nichts ist unbestimmt, wir sind daran gewohnt, dass immer etwas ist, etwas zu sein hat. Wir haben, in heutigen Zeiten noch viel mehr als früher, das Bedürfnis, alle Leerstellen zu füllen. Wir packen förmlich unser Leben voll, um nicht ins Nichts zu fallen. Die Lücke durch einen Tod lässt sich nicht einfach füllen. Sie ist endgültig. Vielleicht liegt auch darin ein grosser Teil der Angst vor dem Tod.

Anne Pauly setzt sich in ihrem Buch mit dieser Lücke auseinander. Sie beleuchtet ihre Beziehung zu ihrem Vater, schaut hin, welchen Stellenwert dieser in ihrem Leben hatte. Sie erinnert sich an ihr Aufwachsen, an die Reibungen, Auseinandersetzungen und das Verbindende zwischen sich und ihrem Vater. Sie denkt über ihre Gefühle nach, über ihre Sehnsüchte, Ängste, Enttäuschungen. Was hiess es, Tochter dieses Vaters zu sein? Und was bleibt davon nun noch übrig? Was kann sie mitnehmen? Was ist verloren? Was wird sie weiter erinnern, was fällt dem Vergessen anheim?

Von all dem handelt dieses Buch. Es ist ein Buch über Liebe, Gewalt, Trauer und Trost, es ist ein Buch über Abschied und ein Buch über eine Beziehung zwischen Vater und Tochter.

André Gorz: Brief an D: Geschichte einer Liebe

«Bald wirst du zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je.»

Wenn ein Buch so anfängt, dann weiss ich, dass hier etwas Wunderbares auf mich wartet, in das ich mich ganz reingeben möchte. Aufsaugen werde ich dieses Buch, da bin ich mir sicher.

Worum geht es?

«Du hast mir Dein ganzes Leben und alles, was du bist, geschenkt; ich möchte Dir in der Zeit, die uns noch bleibt, alles von mir schenken können.»

Nach achtundfünfzig gemeinsamen Jahren schreibt André Gorz seiner Frau Dorine mit diesem Buch eine wundervolle Liebeserklärung voller Tiefe, Wärme, Poesie. Die Liebe dieser beiden Menschen ist förmlich spürbar und sie rührt zeitweise zu Tränen. Neben dieser wunderbaren Liebeserklärung blickt André Gorz klar auf die Zeit, die war, beleuchtet die einzelnen Stationen des gemeinsamen Lebens und geht auch mitunter hart mit sich ins Gericht. Er schilt sich einiger Fehler, denen er diese Schrift gegenüberstellen möchte.

«Und so bin ich bald der Chefredakteur dieses Pressedienstes geworden. Du kamst oft in die Redaktion, um einen grossen Teil der englischen Publikationen durchzusehen… Deine Eleganz und Dein britischer Humor erhöhten mein Ansehen bei den Vorgesetzten.»

Zu sehen, wie Dorine André Gorz nur zudiente, sich in seinen Dienst stellte, obwohl sie ihm ebenbürtig wäre, von ihm in gewissen Bereichen sogar als Überlegene gesehen wird, verwundert mich. Ist es der Zeit geschuldet? Einerseits sicher, doch verkehrten die beiden eng mit Beauvoir und Sartre, so dass sie ein anderes Beispiel gehabt hätten (wobei Simone durchaus sich unterordnende Züge hatte trotz aller Unabhängigkeit). Wie sah Dorine ihre Rolle? Waren sie ein wirkliches Team, wie es durchaus oft klingt in diesem Buch, oder doch Macher und Helferin? Später ist Dorine auch eigene Wege gegangen, hat eine eigene Karriere angestrebt.

André Gorz beschreibt ihren Weg immer mit Ehrfurcht, Anerkennung und voller Zugewandtheit. Er betont dabei, dass ihr Weg immer auch ein gemeinsamer war, dass diese Gemeinsamkeit sie nährte und ihrem Leben Sinn verlieh.  

«Ich kann mir nicht vorstellen, weiter zu schreiben, wenn du nicht mehr bist. Du bist das Wesentliche, ohne das alles Übrige, so wichtig es mir erscheinen mag, solange Du da bist, seinen Sinn und seine Bedeutung verliert.»

Das Schreiben war für André Gorz das wichtigste, das zentrale Element in seinem Leben. Er bedankt sich bei Dorine immer wieder für ihr Verständnis diesem Schreiben gegenüber und für ihre Unterstützung dabei. Ohne sie hätte er es nicht geschafft, so zu schreiben, und ohne zu schreiben, hätte er nicht sein können.

Ich sitze mit diesem Buch in meinem Sessel und lese mich durch die Zeilen. Ich lese von der Liebe zwischen diesen beiden Menschen, die beim Lesen fast körperlich spürbar ist, sie geht sprichwörtlich zu Herzen. «Brief an D. Geschichte einer Liebe» ist ein persönliches und berührendes Buch. Es ist das Buch eines Menschen, der liebt und der es schafft, diese Liebe spürbar werden zu lassen. André Gorz ist es gelungen, ein authentisches Buch zu schreiben, das von grossen Gefühlen spricht und nie pathetisch wird. Er hat ein wahres Buch geschrieben, das auch die schwierigen Momente und Zeiten nicht ausblendet, und es doch immer wieder schafft, zur Liebe zurückzukehren, die die Basis von allem ist.

«Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten.»

In diesen letzten Zeilen klingt das Ende dieser Liebe an. Sie haben kurz darauf beschlossen, gemeinsam aus dem Leben zu gehen. Und ja, ich wünsche mir von Herzen, dass sie dieses gemeinsame zweite Leben haben (auch wenn ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube).

Was soll ich noch zu dem Buch sagen? Es ist schon viel zu viel und reicht doch nicht an das heran, was ich fühle nach dem Lesen. Vielleicht noch das: Ich kann es nur ans Herz legen. Von Herzen!

Inspirationen für die Woche – KW 21

Im Moment rast die Zeit an mir vorbei. Ich bin im Kopf so sehr in meinen Projekten, dass ich wohl ziemlich absorbiert bin. Zwar lese und höre ich immer noch viel, das mich inspiriert, aber ich lasse es vergehen, ohne etwas festgehalten zu haben. Ab und zu mache ich mir noch Notizen ins Notizbuch, aber dabei bleibt es dann. Trotzdem habe ich wieder ein paar Dinge, die mich besonders inspiriert oder angesprochen haben gesammelt.

Als ich letzte Woche auf den runden Geburtstag von Adolf Muschg aufmerksam machte, kommentierte Beat Werder, mit dem ich auf Linkedin verbunden bin mit einer Liste von Links, die er zu diesem Anlass gesammelt hat. Ich möchte die gerne teilen:

►FAZ. net: LINK
►Dokumentarfilm von Sept. 2021 / 86 min. von Erich Schmid
Titel: „ADOLF MUSCHG – DER ANDERE“ / Internet zum Film: LINK
►Literaturkritik. de / Würdigung: LINK

► Feier im ZH-Literaturhaus / So. 12.5.24: LINK

►Tagblatt. ch: LINK

Ich habe (viel zu spät) meine Begeisterung über Paul Auster und dessen Büchern entdeckt. Mein erstes Buch von ihm war sein letztes: Baumgartner. Ich kann es nur empfehlen. Ebenfalls empfehlen kann ich die Sendung mit Elke Heidenreich zu Paul Auster: WDR 4: Erinnerung an Paul Auster.

Und da ich, wenn mich etwas packt, gerne tiefer tauche, habe ich mir auch noch diese Dokumentation auf Arte angeschaut und er hat mich so für sich eingenommen, dass dies meinen Entschluss bestärkt hat, die Romane zu lesen. Alle. Sogar – und vor allem – dieses Monsterbuch, obwohl ich dicke Bücher eigentlich gerne meide.

Paul Auster – was wäre wenn.

Immer wieder überlege ich mir, in welchem Stil ich meine Bücher, die ich gerne ans Herz legen, von denen ich aber keine Rezensionen schreiben möchte (aus Gründen, die ich vielleicht mal in einem eigenen Artikel erläutere), vorstelle. Die Lösung ist gefunden: ich baue sie in meine Inspirationen ein. Heute möchte ich nicht nur einzelne Bücher ans Herz legen, sondern die Arbeit eines Verlags:

Wenn die Liebe zur Literatur auf Buchmacherkunst trifft, entsteht schönes. So beim Input-Verlag in Hamburg. Der Verleger Ralf Plenz hat es sich zur Aufgabe gemacht, grosse Literatur aus Europa neu aufzulegen und sie trotz der wunderbaren Buchgestaltung erschwinglich auf den Markt zu bringen. Titel der Reihe: Perlen der Literatur. Und ja, das sind sie: kleine Schmuckstücke mit viel Liebe zum Detail wie den kaligrafischen Zitaten im Text oder der Banderole mit Stichworten zum Inhalt, mit Aquarell in Buchstaben gemalt. Zudem ist es grosse Literatur, hier nur drei Beispiele:

Gottfried Keller: Die missbrauchten Liebesbriefe – Viggi Störteler, selbsternannter Stern am Literaturhimmel, will nach Vorbild der grossen Schriftsteller einen Briefwechsel mit seiner Frau beginnen. Diese sieht sich dazu ausserstande und holt sich mit einem Trick Hilfe beim Nachbarn, Schullehrer Wilhelm. Schon bald ist das Chaos perfekt.

Virginia Woolf: Orlando. Eine Biografie – ein Leben, das 350 Jahre umfasst und eine Verwandlung von einem Mann zur Frau, eine Reise durch Zeit und Raum. Ein wilder Ritt, ein Werk, das zur Zeit seiner Entstehung mit allen literarischen Konventionen brach, und auch eine Form von Autobiografie. «Orlando» hinterfragt die gängigen Geschlechterrollen, dient als Spiegel des damaligen Sittenkodex und ist zudem ein (teilweise autobiografischer) Künstlerroman.

Michael Krüger: Aus dem Leben eines Erfolgsschriftstellers – kleine Geschichten über die verschiedensten Menschen, die eines eint: Ihre Liebe zur Literatur. Es sind Geschichten, die die oft verworrenen Verbindungen in Familien in lakonischer Sprache offenlegen, zudem Geschichten, die immer auch von Büchern und vom Schreiben handeln.

Nächstes Mal kommt hier passend zu den kommenden Sommerferien ein Krimi-Special für ein paar unbeschwerte, spannende Lesestunden.

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

Paris ist eine Reise wert

«Paris ist ein veritabler Ozean… Man mag Paris durchlaufen und beschreiben: Welche Mühe man sich auch dabei gibt, so zahlreich und so sorgfältig auch die Erforscher dieses Meeres sein mögen, immer wird man auf eine unbekannte Stelle stossen, auf eine unentdeckte Höhle, auf Blumen, Perlen, Ungeheuer, auf irgendetwas Unerhörtes, das die literarischen Taucher vergessen haben.» Honoré de Balzac

«Wenn einer eine Reise tun, so kann er was erzählen.» So oder so ähnlich ging ein Spruch, den ich seit Jahren kenne. Ich war nie der begeisterte Reiser. Reisen war mir eher beschwerlich, zu Hause gefiel es mir am besten, denn da kannte ich mich aus, da hatte ich alles, und vor allem: Da war ich schon. Vielleicht bin ich so oft umgezogen in meinem Leben, um trotzdem nicht immer am gleichen Ort zu sein. So konnte ich jeweils alles mitnehmen und hatte dann wieder eine Weile Ruhe.

Auf alle Fälle las ich mich in der letzten Zeit durch das Werk von Simone de Beauvoir, war mehr und mehr begeistert von ihr und damit passierte es unweigerlich: Ich wollte dahin, wo sie gewesen war. Nach Paris. Ich war Feuer und Flamme, plante Projekte, die ich mit der Reise verbinden wollte, und besorgte mir – wie sollte es anders sein – die nötige Literatur zur Vorbereitung. Die Auswahl ist gross, es galt auszuwählen.

Auf der Hand lag folgendes Buch:

Inga Westerteicher: Das Paris der Simone de Beauvoir

«Er trug so leicht an der Last der Welt, dass sie auch mich nicht mehr niederzudrücken vermochte; im Luxemburggarten strahlten morgens der blaue Himmel, der gründe Rasen, die Sonne, wie an den schönsten Tagen.» Simone de Beauvoir, Memoiren

Eine Reise durch das Paris von Simone. Lange wohnte Simone de Beauvoirs nur in Hotels, die vor allem eines sein mussten: Preiswert. Nachdem sie durch einen Literaturpreis Geld gewonnen hatte, kaufte sie sich eine Wohnung. Nach und nach wurden die Finanzen besser, doch Simone blieb ihrem Lebensstil treu, in dem sie sich mit Sartre zusammen eingerichtet hatte – man kann die beiden kaum getrennt denken. Simone de Beauvoir verkehrte in Cafés, wo sie häufig auch schrieb, in Bars abends, wo sie Freunde trafen, schlenderte durch Strassen und Gärten. Auf all diesen Wegen können wir ihr nun dank dieses Büchleins folgen, das zudem immer auch Einblicke in ihr Leben und ihre Begegnungen bietet. Nicht nur für die, die Simone de Beauvoir lieben, aber für die ist es wunderbar.

(Inga Westerteicher: Das Paris von Simone de Beauvoir, mit einem Vorwort von Florence Hervé, edition ebersbach, Dortmund 1999.)

Antje Kahnt: Zu Fuss durch Paris

«…nirgends sei man wirklich gewesen, wo man nicht zu Fuss war, wusste schon der alte Goethe. Für keine Stadt gilt das so wie für Paris… Den Reiz der Stadt machen nicht nur die Wahrzeichen wie Eiffelturm, Notre-Dame und Sacré-Cœur aus, sondern ihre vielen Gesichter.»

Als ich mal in Venedig war, liebte ich es, die Stadt zu erlaufen. Ich ging über Brücken und durch Gässchen, kam an malerischen Kapellen vorbei, schaute in verwunschene Hinterhöfe. So stellte ich mir meine Erkundung von Paris auch vor, denn ich war mir sicher: Auf keine andere Weise geht einem ein Ort tiefer. Wie schön, dass ich gleich auch das passende Buch dazu fand. 12 Spaziergänge durch Paris, untermalt mit Bildern, Beschreibungen der sehenswerten Wegetappen und ein paar Hintergrundinformationen. Beim Anschauen des Buchs ist man praktisch schon auf dem Weg.

(Antje Kahnt: Zu Fuss durch Paris. 12 Spaziergänge, Droste Verlag, Düsseldorf 2024.)

Ulrich Wickert: Alles über Paris

«Keine Metropole erweckt am Morgen solche Gefühle des Glücks, wie dies Paris vermag, wenn der Duft der frischen Croissants aus den Bäckereien auf die Strasse weht, wenn die geflochtenen Stühle der Bistro-Terrassen auf dem frisch abgesprühten Trottoir einladen, einen Café crème zu bestellen.» Ulrich Wickert

Die Liebeserklärung an Paris («die Stadt aller Städte» des langjährigen ARD-Korrespondenten Ulrich Wickert. Er zeigt mir in kurzen Aufsätzen und Reportagen sein Paris, führt mich durch die Gassen hin zu den verschiedensten Orten, erzählt, wie es da klingt und riecht, lässt die Stadt lebendig werden. Bald fühle ich mich mittendrin im Treiben, lese von den Katzen, die über Mauern balancieren, von Voltaire, der einst in Paris lebte, von der Kunst der Bäcker, Kunst und Kulinarik.

(Ulrich Wickert: Alles über Paris, Heyne Verlag, München 2004.)

Und dann das Wunderbuch:

Siobhan Ferguson: Paris wie es keiner kennt

«Paris ist die Stadt der Lichter, gross und majestätisch… die Stadt der charmanten Dörfer… Die Stadt der Dichter und Denker…. Die Stadt des Flaneur… Paris ist die Stadt der Träume.»

Ein Fest für die Sinne, eine Augenweide. Mit unzähligen Fotos zeigt dieses Buch die einzelnen Quartiere, lässt die Eindrücke vor Ort lebendig werden beim Anschauen. Neben Tipps, wie und wo sich gut fotografieren lässt, lerne ich, wie die einzelnen Arrondissements angeordnet sind, was ich mir auf keinen Fall entgehen lassen darf, was in den einzelnen Jahreszeiten zu beachten ist – und vieles mehr. Vor allem aber, ich kann mich nur wiederholen: Wunderbare Bilder. Ein Buch, in das sich gut versinken lässt.

«Siobhan Ferguson: Paris wie es keiner kennt, übersetzt von Martina Panzer, Midas Verlag, Zürich 2024.)

Ich glaube, diese Reise durch die Bücher wird mich noch eine Weile beschäftigen, die wirkliche Reise verschiebe ich auf später. Ein bisschen komme ich mir vor wie Peter Bichsel, der einst über Paris schrieb, ohne es je gesehen zu haben.

Ich hebe mein Glas auf Max Frisch

„Dass es ein unsagbares Glück ist, leben zu dürfen, und dass wohl nirgends die Leere sein kann, wo dies Gefühl auch nur einmal wirklich errungen worden ist, dies Gefühl der Gnade und des Dankes.»

Zu spät, aber von Herzen hebe ich mein Glas auf Max Frisch, der gestern 113 Jahre alt geworden wäre. Ich habe mich immer wieder mit ihm als Menschen, mit seiner Biografie und Interviews beschäftigt, habe seine Fragebögen beantwortet, bin in sein Werk eingetaucht. Ich mag ihn, er ist mir in seinem Denken, in seiner Art, die Dinge anzugehen, sie zu hinterfragen, nah. 

Er war kein Heiliger, was ihm oft zum Vorwurf gemacht wurde. Vor allem die Beziehung zu Ingeborg Bachmann wurde ihm zu Lasten gelegt, war sie durch ihr Leiden und ihren mysteriösen Tod später ein vermeintlich offensichtliches Opfer. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, wie so oft. Sein Satz, der auch zum Titel des Briefwechsels wurde, hat viel Wahres:«Wir haben es nicht gut gemacht.»
Was er gut gemacht hat, sind seine Werke, die ich immer wieder lesen kann und immer wieder Neues finde, das mich begeistert. Frei nach Gretchen: Wie haltet ihr’s mit Max Frisch?
Habt einen schönen Tag!

Mehr zu Max Frisch:

Sigrid Nunez: Der Freund

«Denn es geht nur um den Rhythmus, hast du gesagt. Gute Sätze beginnen mit einem Taktschlag.»

Zuerst brauchte ich etwas Zeit, in den Rhythmus des Buches hineinzufinden. Die Geschichte ist schnell erzählt: Der ehemalige Lehrer und bald engste Freund der Ich-Erzählerin stirbt, er hinterlässt drei Ehefrauen und einen Hund. Als die dritte und letzte der Angetrauten der Ich-Erzählerin sagt, dass der Verstorbene den nun depressiven Hund ihr zugedacht habe, erachtet sie das nicht als wirkliche Option. Aber: der Hund, eine Dogge namens Apollo, zieht ein – zuerst in die Wohnung und dann mehr und mehr ins Herz und ins Leben. Dass die Gefahr besteht, die Wohnung zu verlieren,weil diese keine Hundehaltung erlaubt? Egal, auch wenn das in New York keine banale Sache ist, wenn man eine neue zahlbare bräuchte. Das Argument, dass sie eigentlich Katzenmensch wäre, ist bald vergessen. Klar ist: Diesem Hund muss in seiner Trauer geholfen werden, er braucht einen Freund, der für ihn da ist – oder ist es nicht eigentlich umgekehrt? 

«Was sind wir, Apollo und ich, wenn nicht zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüssen? Es ist gut, dass die Dinge klar sind. Wunder oder kein Wunder, was immer geschieht, nichts wird uns trennen.“

So oder so: Sigrid Nunez schrieb einen wunderbaren Roman über das Zusammenwachsen zweier Wesen, über eine Liebe, die tief geht. Sie schreibt zudem immer wieder auch über das Schreiben:

«Statt über das zu schreiben, was ihr wisst, hast du zu uns gesagt, schreibt über das, was ihr seht. Geht davon aus, dass ihr sehr wenig wisst und nie viel wissen werdet, ausser ihr lernt, zu sehen. Führt ein Notizbuch, um aufzuschreiben, was ihr seht, zum Beispiel, wenn ihr draussen auf der Strasse seid.»

*Der Freund» ist eine Geschichte über Risken und Verluste im Leben, über den Tod, über Freundschaft, über Hunde und deren Welt, wie sie durch Apollo nach und nach erfahrbar wird:

«Sie begehen keinen Selbstmord. Sie weinen nicht. Aber sie können zerbrechen und sie tun es. Ihre Herzen können brechen, und sie tun es. Sie können den Verstand verlieren, und sie tun es.»

Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über das Loslassen. 

«Was wir vermissen – was wir verlieren und worum wir trauern -, ist es nicht das, was uns zuinnerst zu der Person macht, die wir wirklich sind.“

Am Schluss dieses Buches sass ich da und seufzte tief. Ums Herz war mir schwer und doch warm. Die Träne im Auge wäre zu kitschig, sie noch zu erwähnen, weswegen ich das lasse. 

Sigrid Nunez’ «Der Freund» ist ein Herzensbuch, eines, das man ungern aus der Hand legt, das man in einem Zug weglesen möchte und doch Angst hat, es könnte zu Ende gehen. Es ist ein Buch, das tief geht und da auch noch eine Weile bleibt. 

Eine neue Liebe: Paul Auster

„Ich glaube, der Ewigkeit kommt man am nächsten, wenn man in der Gegenwart lebt.“ Paul Auster

Wie viele Jahre dachte ich immer, etwas von Auster lesen zu wollen – und habe es nicht getan. Immer wieder war der Name präsent, aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich schaute Interviews, war begeistert von dem, was ich hörte und von der Art, wie er es formulierte. Wie schön müsste dann erst seine Literatur sein, dachte ich. Und las sie nicht. Bis «Baumgartner» erschien und ich es gelesen habe. Ich bedauerte mein Versäumnis und wollte alles nachholen – und tat es nicht. Nun ist er gestorben und ich habe zu lesen begonnen. 

Ich habe mir überlegt, wie oft das sonst vorkommt: Ich mir Dinge vornehme und sie dann doch liegen bleiben, weil ich immer mit anderem beschäftigt bin und aufschiebe. (So wie gestern mein Vorhaben, intensiv zu schreiben – ich musste lesen). Bei Paul Auster habe ich das Glück, dass er mir die Bücher zurückgelassen hat, doch das ist nicht immer so. Ich nehme mir vor, künftig bewusster hinzuschauen, ob das Aufschieben wirklich gut ist oder nicht. (…)

Was von Paul Auster habt ihr gelesen? Welches war euer Lieblings-Auster?

Gedankensplitter: Alles gut!

«Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.» Oscar Wilde

Manchmal treffe ich mich mit anderen Menschen, wir tauchen in den Abend hinein bei einem Essen und Gesprächen. Es kommt vor, dass ich ins Erzählen komme, dass ich ausbreite, was in mir vorgeht, meine Gefühle, Ängste, auch Unzulänglichkeiten ausbreite, weil es sich aus dem Gespräch heraus so ergibt. Es sind Abende, in denen ich eine Nähe und eine Verbundenheit spüre, weil eine grosse Offenheit im Raum ist und der Austausch ein wirklicher ist, ein sich Einlassen auf den anderen. Gegenseitig. Es sind Abende, die ein Gefühl des Getragenseins in einem Miteinander in sich tragen und die dieses über den Abend hinaustragen ins Leben hinein. Ich fühle mich genährt.

Und doch kann es vorkommen, dass ich mich am nächsten Morgen frage: Habe ich zu viel erzählt? Habe ich zu Tiefes preisgegeben? Mich zu sehr offenbart? Die Mauern zu sehr eingerissen. Mir kommt der Gedanke: Was könnte nun der andere über mich denken? Zu welchen Gedanken, Bewertungen wird ihn mein Erzähltes bringen? Muss ich mich in Zukunft bedeckter halten?

Ich merke, wie mich diese Gedanken im Gegensatz zu früher nur noch schnell streifen und ich zum Schluss komme: Nein, es ist gut, wie es ist. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Es war, wie es war, ist, wie es ist – und es darf so sein. Alles gehört zu mir. Und selbst wenn jemand meine Offenheit in einer Form gegen mich. Verwendet, so ist das seine Sache, nicht mein Problem. Und dann ist da nur noch dieses schöne Gefühl, einen wertvollen Abend erlebt zu haben.

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Mutter

Mutter:  ein Mysterium im Universum, eine Rolle mit vielen Zuschreibungen, ein Ideal, ein Wunsch, eine Sehnsucht, die Ursache allen Übels und der hochgelobte Quell von Honig und Milch. Und alles davon ist oft geglaubt und ebenso oft reine Fantasie.

Kaum etwas ist so behaftet und so beladen wie das Muttersein. Von der Natur so eingerichtet, dass gewisse körperliche Gegebenheiten dazu führen, dass etwas in einem Menschen wächst und später mal in die Welt entlassen wird, sieht man sich als austragendes Wesen vom Zeitpunkt der Empfängnis mit den diversesten Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert. Die bedingungslose Liebe wird schon gefordert, bevor man die paar formierten Zellklumpen von blossem Auge sehen kann, das nun adäquate Verhalten von allen Seiten an einen herangetragen. Ist der neue Erdenbürger erstmal auf der Welt, nimmt das alles noch zu. Ein eigenes Leben? Vergiss es. Du hast nun für ein anderes Wesen da zu sein und zu sorgen. Daneben musst du selbstverständlich auch noch alles andere, was gesellschaftlich, privat und politisch gefordert ist, erfüllen. Das widerspricht sich oft? Egal. Dazu kommt: Kinder werden immer Kinder bleiben, also hört auch die Sorge nie auf – und die Zuschreibung. Alles, was dieses Kind irgendwann mal falsch macht, kann man auf die Mutter zurückführen. Weil sie war und tat, wie sie war und tat, ist das nun alles so.

Und so sitzen wir hier alle als Kinder von Müttern. Und ja. Sagen danke. In allen erdenklichen Tonlagen und Bedeutungsnuancen.  

Hier ein paar Mutterbücher passend zum Tag:

  • Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter – wenn am Gewicht der Mutter das ganze Familienleben aufgehängt wird – vordergründig.
  • Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter – wie sich an eine Mutter erinnern, die schöner und toller war als alle, wenn auch kühl und distanziert? Wie mit ihrem Freitod umgehen? Eine Suche nach Antworten über das eigene Aufwachsen.
  • Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter – Eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die keine ist und doch präsent.
  • Edouard Louis: Die Freiheit einer Frau – ein schonungsloser und liebevoller Blick auf die eigene Mutter, die den Weg in die Freiheit sucht
  • Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod – ein persönlicher und tiefgründiger Blick auf das Sterben der Mutter und die Erinnerungen, die dadurch ausgelöst werden
  • Gisèle Halimi: Alles, was ich bin – vom Aufwachsen als ungeliebte Tochter
  • Albert Cohen: Das Buch meiner Mutter – wehmütige Erinnerungen an eine Mutter, im Bewusstsein, sie zu Lebzeiten zu wenig gesehen und geschätzt zu haben.

Damit wünsche ich euch einen schönen Tag.

Ich hebe mein Glas auf Rose Ausländer

Ich hebe mein Glas auf Rose Ausländer, sie würde heute 123 Jahre alt. 

Schon als Mädchen musste sie fliehen, als junge Frau pendelte sie zwischen den Kontinenten, die Nationalsozialisten verhafteten sie, liessen sie frei, überlebt hat sie im Versteck. Ein Glück. Und immer schrieb sie. Als ob das Schreiben ihr Lebenshalt sei. Und die Liebe:

«…
Nur die Liebe
erlaubt mir
ein Mensch zu sein»

Sie hatte den Tod wohl oft vor Augen in all den Jahren der Verfolgung, und doch glaubte sie ans Leben:

«Wirf deine Angst 
in die Luft»

Wieso Angst haben, wenn der Tod noch nicht da ist? Wieso die Zeit, die bleibt, verschwenden statt zu geniessen, was das Leben bietet? 

„Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast»

Und immer sein, wer man ist. Und tun, was man kann. Sie hat uns ihre Gedichte gegeben. Was für ein Geschenk.

Ich wünsche euch einen schönen Tag!

Abschied

Nun sind es sechs Jahre. Sechs Jahre, in denen die Welt weiterdrehte, das Leben weiterging. Trotzdem.

Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Masche Kaleko

Als mein Vater starb, war mir dieses Gedicht wie aus dem Herzen geschrieben. Ein Weiterleben erschien fast undenkbar, meine Welt war dunkel und voller Schmerz. Wer könnte meinen Schmerz verstehen? Wer könnte wissen, was ich bis hier hin durchgemacht habe, wer nachvollziehen, wo ich nun stand? Ich fühlte mich trotz vieler gut gemeinter Worte allein – im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Zum Glück bin ich es nicht. Und doch hat mich der Weg geprägt, hat mir diese Erfahrung einiges mit auf meinen weiteren Weg gegeben.

Der Tod entreisst. Er trennt, was mal zusammen war. Er nimmt den einen mit und lässt den anderen ohne diesen zurück. Nun wissen wir alle nicht, was der Tod wirklich ist, was danach kommt – wir haben unsere Vorstellungen, Ideen, schöpfen auch Halt daraus. Was wir aber wissen – heute erinnern wir uns daran – ist, wie es für uns (für jeden einzeln von uns) ist, zurück zu bleiben, wenn einer geht.

Wo mal etwas (oder gar ganz viel) war, ist nichts mehr. Und doch auf eine andere Weise auch ganz viel. Wo grad noch jemand stand, steht keiner mehr – und doch ist er noch da. Irgendwie. Und oft ganz heftig gefühlt, fast schon überwältigend. Dann wieder still und leise – und… auch ab und an freudvoll. Was wäre da, wäre all das, was mal war, nicht gewesen? Wie dankbar kann man sein für das, was war, wenn es noch nachhallt? Und doch ist da auch der Schmerz, weil es gut war, und man das Gute gerne bewahren würde. Genau so, wie es gut war.

Menschen treten in unser Leben. Manche gehen gleich wieder, andere bleiben eine Weile, gehen dann, weitere bleiben lange. Weil es passt. Umso schwerer fällt der Abschied. Und doch bleibt die Dankbarkeit, dass sie da waren.

„Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“

Die Frage ist anfangs drängend, oft wohl auch überwältigend. Sie weicht mit der Zeit zurück, steigt nur ab und an am eigenen Firmament wieder auf im Sinne eines „ich vermisse dich“. Was bleibt ist die Erinnerung. Und damit der, der nicht mehr ist. Schön, wenn man sie lebendig halten kann, schön, wenn sie weiter Teil des Lebens ist. Und wunderbar, wenn sie zu einer friedvollen und freudvollen wird im Sinne einer Dankbarkeit dafür, dass war, was war, und noch sein darf, was ist. So leben Menschen weiter. Vielleicht ein bisschen ewig.

Rilke dichtete einst – das Gedicht ist übrigens mein Lebensmotto:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Und wer weiss: Vielleicht ist der letzte Ring auch der Ring, den andere für uns weiter ziehen. Durch ihre Erinnerung. Und wir gestalten diese Erinnerung durch unsere Gegenwart.

Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, und doch schaue ich ab und zu zum Himmel hoch und denke an ihn. Vielleicht weil wir früher gemeinsam oft zum Himmel schauten und über die Sterne sinnierten.

Ich schreibe an einem Buch, in dem ich mein Aufwachsen erinnere. Mein Aufwachsen mit ihm. Der Arbeitstitel ist „Mein Papabuch“. Die Arbeit daran bringt mir so vieles wieder ins Heute, das ich vergessen hatte. Zumindest glaubte ich das. Und so lebt er doch irgendwie auch weiter. Mit mir.

Danke für dein Dasein – so lange.

Erinnern an die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933

«Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.» Heinrich Heine

Weil nicht sein durfte, was nicht genehm war. Weil nicht genehm war, was den vorgeschriebenen Dogmen entsprach. Weil es nur ein Mass aller Dinge gab und alles daneben weg musste. Aus diesem Geist heraus versank die Welt in Dunkelheit. Es wurde offensichtlich, wozu Menschen fähig sind. Hätte man mal früher hingeschaut. Wie lange waren sich viele (auch intelligente Leute) sicher, dass alles gut gehen würde. Dass alles nicht so schlimm würde. Dass es bald vorüber wäre. Dass keine Gefahr herrsche. Nicht wirklich. Welch ein Irrtum. Und als es vorüber war, hiess es: Nie mehr. Und man meinte es ernst. Die Zeit festigte den Glauben, dass es gelingen könnte. Ich bin mir nicht mehr sicher. 

91 Jahre ist es her, dass es in Deutschland zu einer öffentlichen Bücherverbrennung kam, organisiert von der nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaft unter dem schönen Titel «Wider den undeutschen Geist». Die Liste der Autoren liest sich fast wie der heutige literarische Kanon deutschsprachiger Literatur. 

Nach mittlerweile Jahrzehnten, die ich mich mit den Themen Shoah, Exilliteratur, Völkermord beschäftige, ist mir eines immer noch nicht gelungen: Die tiefe Trauer, die Wut, das Entsetzen abzulegen, wenn ich wieder neu damit konfrontiert bin. Wir müssen uns erinnern. Daran, was war. Vielleicht ist das «nie mehr» doch noch nicht ganz vorbei. 

Hier ein paar Buchtipps, um die Erinnerung hochzuhalten:

Und eine Erinnerung an Jean Améry – seine Bücher kann ich ans Herz legen. Ebenso die von George Tabori.

Habt einen schönen Tag!