«In dem Moment klingelte ihr Telefon. Und Mickey Gibsons ganzes Leben als alleinerziehende Vorstadtmutter ging den Bach runter.»
Ich weiss, wieso ich nicht gerne telefoniere: Ein einziger Anruf kann das ganze Leben auf den Kopf stellen. Das passierte Mickey Gibson, einer ehemaligen Polizistin, die aufgrund ihrer Mutterschaft den aktiven Polizeidienst an den Nagel gehängt und eine investigative Computerarbeit angefangen hat. Eigentlich wollte sie mit diesem Wechsel ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder schützen, beides ist nun in Gefahr. Aber worum geht es:
Mickey Gibson kündigt wegen ihrer Mutterschaft den Polizeidienst und arbeitet von zu Hause bei einer Firma, die Vermögen aufspürt. Als sie von einer ihr unbekannten Mitarbeiterin in dieser Funktion zu einem Haus geschickt wird, um ein Inventar zu erstellen, denkt sie sich nichts dabei und läuft damit in die Falle einer Betrügerin. Nicht nur stösst sie im Haus auf eine Leiche, deren Mord ihr angelastet wird, sie muss auch um das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes bangen, wenn sie der Betrügerin nicht hilft, etwas zu finden, das diese haben will. Bald ist nicht mehr klar, wem sie überhaupt noch trauen kann und ob sie aus dieser Sache heil rauskommt.
Baldacci macht vieles richtig: Die Geschichte dreht und wendet sich, es ist nicht wirklich ersichtlich, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Wem soll man in dem ganzen Kuddelmuddel trauen?
Die Protagonistin ist menschlich schwer fassbar, ich komme nicht an sie ran. Die ominöse Anruferin führt Böses im Schild, die Motive dahinter liegen im Dunkeln. Sie nervt mich mit der Zeit ziemlich, sie stellt sich zu sehr in den Mittelpunkt, drängt sich mir auf mit ihren abstrusen Gedanken und Verhaltensweisen. Zudem wirkt vieles sehr konstruiert, so dass dann und wann das Gefühl aufkommt: Ach ne, nicht auch das noch.
„Der Raum war dunkel, genau wie sie es mochte. Licht enthüllte Dinge und zeigte viel zu viel, was wahr sein könnte.“
Und dann, in all der Distanz und den Gefühlen des Abgestossenseins, überrascht mich Baldacci mit sprachlich schönen Wendungen, mit Bildern, die Gefühle plastisch werden lassen, die fühlbar machen, was in den Figuren vorgeht. Die zum Nachdenken anregen.
„Das Leben war ein Hütchenspiel. Die Gewinner konnten die Wahrheit nur besser verbergen als die Verlierer.“
So kann ich mich nur wiederholen: Baldacci macht vieles richtig, denn er hält die Spannung, weckt immer wieder neu meine Neugier, führt mir die noch offenen Fragen vor Augen, zu denen ich eine Antwort haben möchte. Also halte ich durch und lese das Buch bis zum Ende. Und da schau her: Der Meister schafft es, alle Fäden zu vereinen, alles zu einem Ende zu führen, so dass ich am Schluss fast mit einem dem Kitsch geweihten Happy-End-Tränchen dasitze und denke: Hach ja, nun ist die Welt wieder in Ordnung. So soll es bleiben. (Bis zum nächsten Buch.)
Heute stöberte ich in meinem Krimi- und Thrillerregal und suchte nach Psychothrillern. Dabei fragte ich mich plötzlich, ob das nicht eigentlich ein Pleonasmus ist. Ich meine: Welcher normale Mensch käme auf die Idee, auf grausame und meist blutige Weise Menschen zu töten, oft in Serie? Und nicht selten wird dem Ganzen ein Psychospiel vom Feinsten zur Seite gestellt, das den Leser gleich mit verwirrt.
Vermutlich liegt aber gerade da ein Teil des Reizes dieses Genres: Zu erleben, wie vordergründig normale Menschen plötzlich als Bestie enttarnt werden. Der nette Schwiegersohn von nebenan, der freundliche Postbote, der nach aussen hin charmante Ehemann – und plötzlich ist alles anders. Kann jeder zu einer Bestie werden? Tragen wir dieses Böse wirklich in uns, wie Hobbes antönte, als er den Menschen als von Grund auf Böse hinstellte und daraus die Berechtigung eines (Rechts-)Staates ableitete?
Was mir wieder einmal auffällt, ist: In keinem anderen Genre stecken so viele philosophische und psychologische Fragen wie bei den Krimis und Thrillern. Die menschliche Natur auf dem Seziertisch. Und das alles auf eine so wunderbar packende Weise übermittelt – hätten Kant und Konsorten mal so geschrieben, das hätte den Zugang zu ihren wunderbaren Gedanken für viele erleichtert.
Ich glaube, ich bin abgeschweift. Nun denn – im Bild drei Psychothriller mit Prädikat «Absolute Leseempfehlung»:
Wenn ich ein Glas Wein trinke, esse ich gerne Salzbrezeln dazu. Andere bevorzugen Chips oder Nüsse, bei mir sind es die Salzbrezen. Nicht alle, nur die, welche knacken und wirklich salzig sind. Wenn ich sie esse, denke ich oft an früher. Damals gab es in Restaurants diese Körbe mit Chips, Nüssen, Salzstangen und abgepacktem Süssgebäck. Ich durfte mir was aussuchen und wählte sie Salzstangen.
Am liebsten ass ich sie wie ein Kaninchen, mümmelte mich von einem Ende zum anderen. Das gefiel dir gar nicht. „Iss anständig!“, sagtest du. „Kannst du nicht einmal etwas normal machen?“, sagtest du – es war keine Frage, eher ein entnervtes Aufstöhnen mit einem Fragezeichen zur Tarnung. Natürlich konnte ich und tat es sogleich. Die Salzstangen schmeckten dann nur noch halb so gut. Das sagte ich natürlich nicht, denn du hättest es nicht verstanden. Du hättest es für eine weitere meiner Absonderlichkeiten gehalten.
Der positive Nebeneffekt dieser Salzstangen war, dass ich dadurch ruhig war. Oft waren wir nicht allein, sondern es sassen noch andere Leute am Tisch. Ihr habt euch mit ihnen unterhalten. Über Erwachsenenthemen, Dinge, von denen ich nichts verstand, die mich nicht betrafen. Kein Problem, ich war ja beschäftigt. Mit Salzstangen, die ich nun normal ass.
Ich war ein braves Kind. Manchmal frage ich mich, wieso ich nicht aufbegehrte. Aber es war nicht möglich. Wenn ich das schreibe, klingt es merkwürdig. Wenn ich es nochmals lese, klingt es immer noch so. Ich möchte mir zurufen: „Wehr dich, es ist möglich!“ Aber nein. Das war keine Option. Merkwürdig.
Wenn wir unter Leuten waren, bist du immer aufgeblüht. Du warst witzig, redetest mit allen und über alles, amüsiertest dich und die anderen. Du hattest ein gewinnendes Wesen und hast auch mich immer wieder gewonnen damit. Mama sass eher schweigsam daneben. Ich blickte zu dir auf für deine Art, schätzte Mama wohl geringer wegen ihrer. Nahm ich sie überhaupt wahr? Wenn ich heute zurückdenke, kommt es mir manchmal so vor, als wären wir nur dein Publikum gewesen. Wir waren die Zuhörer, die du auf sicher hattest, die anderen gewannst du hinzu.
Ich erinnere mich, wie du gelacht hast in solchen Runden. Manchmal lachtest du so sehr, dass dein Mund weitaufging und du den Kopf in den Nacken warfst. Heraus kam ein gepresstes und doch laut schallendes Lachen. War das echt, frage ich mich heute. Damals stellte ich mir diese Frage nicht. Ich hinterfragte generell wenig, da ich sowieso keine Antworten fand. Ich kannte sie nicht, du gabst sie mir nicht. Zudem wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass man ein Lachen erzwingen kann. Wozu auch? Gut, manchmal dachte ich, es wäre schön, auch so zu lachen wie du. Aber ich war nicht wie du. Manchmal hast du mir gesagt, ich solle mehr lachen. Man möge nur fröhliche Menschen und ich sei zu ernst. Ich konnte nicht ohne Grund lachen.
Ich mag heute lieber Salzbrezeln als Salzstangen. Am liebsten nage ich sie Rundung für Rundung ab. So schmecken sie am besten. Manchmal denke ich, dass es ein Glück sei, dass du das nicht siehst. Was du sagen würdest, habe ich tief in mir und höre es immer, wenn ich meine Brezeln so esse.
«Wichtig ist, was man während des Lesens erlebt, die Gefühlszustände, die eine Geschichte hervorruft, die Fragen, die einem dazu einfallen, und nicht die fiktionalen Ereignisse, die geschildert werden.» Sigrid Nunez
Draussen regnet es, obwohl die Woche eigentlich als sonnige angekündigt war. Gestern drehten die Prognosen, zeigten Regen auf den heutigen Abend. Er hat es vorgezogen, schon früher vom Himmel zu strömen. Ich sitze hier, höre das Prasseln, lese mich durch die verschiedenen Bücher, die meine aktuellen Lektüren sind. Eines habe ich gerade beendet, dafür ein neues begonnen, drei weitere lese ich nebenher, dazu liegt irgendwo noch ein Magazin über Freundschaft, durch das ich mich dann und wann blättere, es in Häppchen aufnehme.
Während ich in einem meiner Bücher lese, kommt mir der Gedanke, dass immer mehr Romanen die Geschichten abhanden zu kommen scheinen. Sie hangeln sich erzählten Ereignissen, Beobachtungen, Gedanken entlang und scheinen kein Ziel zu haben. Irgendwann sind sie fertig. Manchmal war ich schon viel früher an ein Ende gelangt und fand den Rest nur noch überflüssig, es kommt aber auch vor, das mir am Ende das Ende fehlt. Nabokov schrieb einmal, dass nicht der Autor, sondern der Leser bestimme, wann ein Buch zu Ende sei. Da könne er es dann zuschlagen und sich neuer Lektüre widmen. Da steht mir manchmal die Neugier im Weg: Es könnte noch was kommen. Tut es meist nicht.
Ich sitze im Licht der Lampe, weil von draussen kaum welches hereindringt, hänge meinen Gedanken nach und bin gespannt, wohin mein Tag noch führt.
Immer wieder höre ich Menschen von ihren Erinnerungen sprechen. Sie erzählen Episoden aus der Kindheit, können in epischer Länge und Breite ihr vergangenes Leben Revue passieren lassen, bis weit zurück zum Kindergarten und davor. In der Vergangenheit dachte ich oft, das sei Schnee von gestern. Das interessiere nicht. Wieso soll man zurückblicken, wenn die Gegenwart so viel Neues bietet. Hast du das nicht auch gesagt?
Irgendwann merkte ich, dass mir etwas fehlte. Dass ich mich, selbst wenn ich wollte, nicht erinnern konnte. Wieso war das so? Wo steckten all die Erfahrungen, Erlebnisse meiner frühen Jahre? Irgendwie war da nur eine grosse, stille, schweigende Leere. Wenn ich dann Fotos anschaute, in der Hoffnung, dass sich doch eine Erinnerung regt, blieb alles still. Zwar sah ich mit Bildbeweis, dass etwas da gewesen sein muss, doch das schien nun verloren.
Wenn ich dich manchmal nach früher gefragt habe, half mir das meist wenig. Du schienst die Fragen nicht hören zu wollen, vor allem dann nicht, wenn sie kritisch waren. Du tatest die Fragen ab, erachtetest sie als unnötig, abwegig, unsinnig. «Wieso willst du das wissen? Was willst du damit bezwecken? Willst du etwas kaputt machen, das gut war?», hörte ich dann höchstens. Und die Frage klang nicht nach einer wirklichen Frage, mehr nach einem Vorwurf. Für dich schien festzustehen, dass die Fragen dazu dienten, etwas zu zerstören. Wie kamst du darauf? Ich traute mich nicht, nachzufragen. Du hattest schon alles mit einer Handbewegung weggewischt. In der Handbewegung lag etwas Drohendes. Dein Blick sprach Bände, sie versprachen nichts Gutes. Unfrieden lag in der Luft, ich wollte ihn nicht realisieren. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich selbst wieder auf die Suche zu machen. Leichter gesagt als getan.
Erinnern ist nichts, was mir in die Wiege gelegt wurde. Bei uns erinnerte man sich kaum. Wir waren eine Familie, die quasi aus dem Nichts entstanden schien, denn da gab es kaum Vorgeschichten, die zirkulierten. Kein „weisst du noch“, keine Erzählungen von Onkeln, Tanten, Grosseltern, Urgrosseltern. Keine Ahnenkette und keine Erinnerungsgegenstände. Es gab nichts Ererbtes und es wurde nichts vererbt. Vermutlich war auch nichts wert genug, es weiterzugeben. Nicht mal die Erinnerungen.
Manchmal wirkte das auf mich, als seien Erinnerungen verpönt als etwas, das man nicht hat. „Wir leben im Jetzt. Was war, ist vorbei“, sagtest du manchmal. Das klang anders als die spirituellen Lehren heutiger Gurus vom Leben im Hier und Jetzt. Es klang weniger nach einem Leben in der Fülle der Präsenz, sondern mehr nach düsteren Abgründen, die man für immer zuschütten wollte, nach abgeschnittenen Bändern, die keiner mehr zusammenfügen sollte.
Manchmal denke ich, dass all diese verdrängten Erlebnisse und verschwiegenen Ereignissen nicht nur das Band zur Vergangenheit kappten. Sie bewirkten auch eine fehlende Bindung zwischen uns. Wo keine Geschichten erzählt werden, wo es nichts gibt, das auf eine gemeinsame Herkunft deutet, spinnen sich keine Fäden, weben sich keine Netze. Hannah Arendt brauchte dieses Bild einmal, als sie sagte, dass jedes Kind, das auf die Welt kommt, ein Faden im Gewebe der Welt sei. Jeder Mensch hilft, das Weltengewebe zu weben. Ich liebe dieses Bild. Nur: Wenn man das Gewebe entfernt, bleibt ein loser Fade, der haltlos im Wind flattert. Er hat keinen Platz, keine Funktion. Das Leben bleibt auf diese Weise zusammenhanglos und schlecht fassbar. Ich konnte es nicht fassen. Und ich konnte mich in ihm nicht fassen.
Natürlich kannte ich meine Grosseltern, wobei: „kennen“ ist eigentlich das falsche Wort. Ich besuchte sie zusammen mit meinen Eltern, wusste ihre Namen, ein paar Eckdaten aus der Vergangenheit (eine Hand reichte, sie aufzuzählen). Bei den Besuchen redeten immer ihr Erwachsenen. Ich verstand wenig. Mich platziertet ihr auf einem Sofa, gabt mir Farbstifte und Papier. Dadurch hattet ihr für eine Weile Ruhe, denn ich war beschäftigt. Danach gingen wir wieder.
Ich war immer das einzige Kind bei Familienbesuchen. Manchmal kam es mir so vor, als wärt auch ihr nie Kinder gewesen, zumindest habt ihr nie von einer Kindheit erzählt. Von mir habt ihr erwartet, dass ich mich benehme. Das hiess immer, so wie es ein Erwachsener tun würde. Ich fühlte mich nicht wahrgenommen, durfte auf eine Weise auch nicht als ich da sein. Ich war vor Ort, aber auf eine merkwürdige Weise nicht dabei. Vielleicht sollte ich da schon die Erwachsene sein, als die du mich in der Zukunft sehen wolltest? Vielleicht kanntest du es selbst nicht anders? Krieg und Armut waren präsent, auch wenn die Schweiz nicht direkt betroffen war, so hatte all das doch Auswirkungen. Ich weiss es nicht genau. Einzelne Erinnerungsfetzen von wenigen Augenblicken, in denen du davon erzähltest, sind da. Ansonsten war all das kein Thema.
Ich frage ich gerade, wie man in einem Umfeld, in dem es keine Kinder gibt, lernt, was Kindheit ist. Wie lernt man es in einer Welt, die darauf ausgerichtet ist, Kinder möglichst schnell den Vorstellungen der Erwachsenen anzugleichen? Wie ist man Kind, wenn man nur als kleiner Erwachsener in Ordnung ist, wenn das eigene Kindsein die Erwachsenen stört? Immer, wenn ich auf eine Weise Kind war, fandst du, ich falle auf. Das war das Schlimmste: Auffallen. Das galt es, um jeden Preis zu vermeiden.
Und wieder ist ein Monat vorbei, ich blicke gerne auf ihn zurück. Begonnen habe ich ihn in der Sonne Spaniens, die ich mit allem, was dieses Land mir gibt, genossen habe. Trotzdem komme ich immer gerne wieder heim, was wohl mehrheitlich auch daran liegt, dass hier all meine mir wichtigen Sachen sind, allen voran meine Bücher. Es kommt doch oft vor in Spanien, dass mir etwas in den Sinn kommt, ich ein bestimmtes Buch lesen möchte, von dem ich genau weiss, wo es zu Hause steht. Dann beginnen das Warten und die Ungeduld – ich möchte es aus dem Regal nehmen.
Lesend habe ich mich in die Tiefen der Spannung begeben und wurde selten enttäuscht. Zwei Abbrüche hatte ich, doch ich habe vergessen, was es war, da ich es nicht aufgeschrieben habe. Eigentlich auch nicht wichtig. Ansonsten wurde ich gut unterhalten von Nele Neuhaus, Sebastian Fitzek, Raymond Chandler, Vincent Kliesch und einigen mehr. Neben all der Literatur las ich bei Stephen King und James N. Frey, wie man diese schreibt und tauchte in die Welt der Forensik ein. Fürs Gemüt las ich, Goethe mahnte dazu, jeden Tag Gedichte und folgte zudem Uwe Wittstock nach Marseille, wo ich mehr über das Schicksal der Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg erfuhr.
Hier ist meine Leseliste:
David Baldacci: Gefährliches Komplott
Mickey Gibson kündigt wegen ihrer Mutterschaft den Polizeidienst und arbeitet von zu Hause bei einer Firma, die Vermögen aufspürt. Als sie von einer ihr unbekannten Mitarbeiterin in dieser Funktion zu einem Haus geschickt wird, um ein Inventar zu erstellen, denkt sie sich nichts dabei und läuft damit in die Falle einer Betrügerin. Nicht nur stösst sie im Haus auf eine Leiche, deren Mord ihr angelastet wird, sie muss auch um das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes bangen, wenn sie der Betrügerin nicht hilft, etwas zu finden, das diese haben will. Bald ist nicht mehr klar, wem sie überhaupt noch trauen kann und ob sie aus dieser Sache heil rauskommt.
4
Raymond Chandler: Das hohe Fenster
Eine reiche Wittwe beauftragt Marlowe, eine verschwundene Goldmünze zu finden, im Verdacht steht die Schwiegertochter, ehemalige Nachtclubsängerin und damit von Anfang an nicht genehm. Die Spur führt Marlow in ein dichtes Netz von Schurken und Verbrechen, ein schneller Wechsel zwischen Personen und Schauplätzen, alles getragen von einer lakonischen Sprache und grossartigen Bildern.
4
Linus Geschke: Wenn sie lügt
Eine Clique geht durch dick und dünn miteinander, dann verliebt sich ein Mädchen, Norah, in den Falschen, einen Bad Boy. Alles bröckelt, keiner mag ihn und er will sie für sich. Ein Mord passiert, es war der Bad Boy, der kurz darauf stirbt. Die Leiche wird allerdings nie gefunden. Die Clique bricht auseinander, Goran, Norahs bester Freund, zieht nach Berlin. Als 20 Jahre später anonyme Briefe bei Norah auftauchen, kann eigentlich nur der vermeintlich Tote der Absender sein. Kann das sein? Wer hätte noch einen Grund für Rache? Goran kehrt in das Dorf zurück und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Doch da liegen Geheimnisse in der Luft, ohne deren Aufklärung die Wahrheit nicht zu finden ist. Werden sie früh genug gelüftet, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt?
5
Stephen King: Das Leben und das Schreiben
Stephen King gibt Einblicke in sein Leben und seinen Schreibprozess: Wie geht er vor, wenn er einen Roman schreibt, welches Gewicht haben welche Teile, was soll man dringend vermeiden, worauf achten? Ein persönliches, ein informatives und unterhaltsames Buch, das immer wieder schmunzeln lässt.
5
Nele Neuhaus: Muttertag
Der ehemalige Betreiber einer stillgelegten Fabrik wird in seinem Haus tot aufgefunden. Bei den Ermittlungsarbeiten machen Pia Sander und Oliver von Bodenstein einen grausigen Fund: Drei Leichen, allesamt Frauen, alle an einem Sonntag im Mai verschwunden – nicht an irgendeinem Sonntag, sondern am Muttertag. Was verbindet die Opfer? Die Suche nach dem Täter ist ein Wettlauf mit der Zeit, da der nächste Muttertag vor der Tür steht.
5
Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben
Als in einem Dorf zwei Mädchen ermordet werden, ist der Täter schnell gefunden und verurteilt: Tobias Sartoriius, der mit beiden befreundet gewesen war. Nach 10 Jahren Haft, in denen er immer seine Unschuld beteuerte, kehrt er in sein Heimatdorf zurück, wo ihn keiner haben will, ausser der jungen Amelie, die in einer Dorfbeiz jobbt und Zeugin eines Gesprächs wird. Sie freundet sich mit Tobias an und beginnt, auf eigene Faust die Wahrheit zu suchen. Als sie plötzlich verschwunden ist, geht es um alles: Werden Pia und Oliver die verschwundene Amelie lebendig finden? Dazu müssen sie den Fall vor 10 Jahren lösen.
5
Nele Neuhaus: Eine unbeliebte Frau
Ein Oberstaatsanwalt bringt sich mit einer Ladung Schrott um, eine junge Frau stürzt sich von einem Turm. Schnell stellt sich heraus, dass sie keinen Selbstmord begangen hat, sondern umgebracht wurde. Die Suche nach dem möglichen Täter bringt eine Menge Feinde ans Licht, niemand scheint die Frau wirklich gemocht zu haben. Bodenstein und Kirchhoff müssen ihren ersten gemeinsamen Fall lösen und verlaufen sich dabei mehrfach, während sie Einsicht in immer tiefere Verstrickungen und Verbrechen gewinnen. Grossartiger Plot, stimmige Figuren, gut umgesetzt.
5
Sebastian Fitzek: Der Seelenbrecher
Caspar liegt mit einer Amnesie in einem Luxussanatorium, es ist kurz vor Weihnachten, aber alles andere als besinnlich: Ein gesuchter Verbrecher, der Seelenbrecher ist mit den andern Insassen in dem Sanatorium eingeschlossen, es gibt kein Entkommen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Wer ist der Seelenbrecher, wer sein nächstes Opfer und wer ist Caspar selbst? Wie hängt er in all dem drin? Ein grosses Hin und Her, ich fand irgendwie nicht richtig in die Geschichte rein, die vom Inhalt her so spannend geklungen hätte.
3
Uwe Wittstock: Marseille 1940
Menschen auf der Flucht. Schriftsteller, Denker und intellektuelle Grössen fliehen vor einem Regime, das ihren Tod will. Wo sie auch hinkommen, sich kurz in Sicherheit wissen, merken sie bald, dass sie auch da nicht bleiben können. Als Vertriebene an allen Orten kommen sie nach Marseille, in der Hoffnung, von da den Weg weg vom Kontinent zu schaffen. Doch auch hier waltet der Amtsschimmel, die Bürokratie hat unüberwindbar scheinende Hürden aufgebaut. Ein intensives Buch, ein bewegendes Buch, ein Buch, das zeigt, wie Menschen plötzlich durch alle Maschen einer sicher scheinenden Gesellschaft fallen können, weil ein Unrechtsregime alle Fäden in der Hand hat.
5
Niamh Nic Daéid, Sue Black: Forensik in 30 Sekunden
Teilaspekte der Forensik in gut lesbaren, informativen und einen ersten Einblick gewährenden Weise präsentiert. Eine kompetente und kurzweilige Einführung.
4
Vincent Kliesch (nach einer Idee von Sebastian FItzek: Auris. Tödlicher Schall.
Hegels früherer Freund Veith Vries, der langsam vom Genie in den Wahnsinn abgleitete, hegt einen jahrzehntelangen Hass gegen Hegel. Als der Krebs ihn in Kürze aus dem Leben nehmen wird, hat er nichts mehr zu verlieren und ersinnt ein perfides Spiel, um an Hegel Rache zu üben. Der Weg zum Finale ist mit Leichen gepflastert, es gibt nur einen, der Vries gewachsen ist. Wird Hegel früh genug herausfinden, was geplant ist? Es steht viel auf dem Spiel, denn Vries’ Ziel ist einerseits eine grausame Rache an Hegel und andererseits ein monströses Verbrechen, das ihn über den Tod hinaus berühmt machen soll.
5
Patrick Rottler, Leo Martin: Die geheimen Muster der Sprache
Anhand von konkreten Beispielen aus seinem Arbeitsalltag sowie theoretischen Informationen zur Bearbeitung und Analyse von Textbeispielen zur Eruierung der Autorschaft beschreibt der Sprachprofiler Patrick Rottler sein Handwerk. Abgerundet wird das Buch durch Hinweise, wie Kommunikation besser gelingen, wie Lügen enttarnt und wie Menschen und Situationen besser verstanden werden können.
4
Freida McFadden: Sie kann dich hören
Millie ist froh, eine neue Putzstelle gefunden zu haben, weil sie das Geld dringend braucht. Als sie bemerkt, dass ihr neuer Arbeitgeber nicht der nette reiche Mann ist, für den sie ihn hielt, sondern ein gewalttätiger Ehemann, kann sie nicht anders: Sie muss der armen Frau helfen, selbst wenn sie das wieder selbst in Probleme stürzt, wie damals, als sie wegen einer solchen Hilfsaktion gar im Gefängnis landete – etwas, von dem ihr aktueller und so perfekter Freund noch nichts weiss, weil Millie fürchtet, er könnte sie verlassen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die Geschichte geizt nicht mit Twists und nimmt immer mehr Fahrt auf.
4
James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt
Ein Schreibratgeber nach bewährtem Muster. In Anlehnung an sein – man möchte schon fast sagen – Standardwerk «Wie man einen verdammt guten Roman schreibt» blickt James N. Frey hier auf Thriller und zeigt auf, was es braucht, einen nicht nur guten, sondern verdammt guten zu schreiben. Das «verdammt gut» geht mit der Zeit auf die Nerven, doch die Tipps und Übungen sind durchaus hilf- und aufschlussreich. Das Buch eignet sich nicht nur für Menschen, die wirklich einen Thriller schreiben wollen, sondern es gibt auch Einblicke in das Handwerk der Autoren, die dem Leser einen neuen Blick auf seine Lektüre ermöglichen.
5
James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt
Das gleiche wie beim Thriller, einfach auf den Kriminalroman angewendet. Für einen an Schreibprozessen interessierten Menschen ein wirklich unterhaltsames Buch.
5
Marc-Uwe Kling: Views
Eigentlich sitzt die BKA-Kommissarin Yasira Saad bei einem Tinderdate, als ihr Gegenüber ihr ein verstörendes Video zeigt: Die vor drei Tagen verschwundene, 16-jährige Lena Palmer wird von drei Ausländern missbraucht, ein vierter filmt. Nicht nur fürchtet Yasira neues Öl ins Feuer der rechtsgesinnten Bevölkerung, sie weiss auch, dass die Zeit knapp wird. Können sie und ihr Team das vermisste Mädchen lebend finden und ist es möglich, die drohende Lynchjustiz zu verhindern? Und plötzlich scheint nichts mehr klar zu sein: Was ist wirklich passiert? Was spannend klingt, war leider ein Kampf zum Lesen und es endete mehr als unbefriedigend.
Kürzlich habe ich mir Fotos von früher angeschaut. Ich habe nicht viele Bilder von mir als Kind, die sind mehrheitlich in den Alben bei Mama. Was ich merkte: Ich lache kaum auf Fotos. Nur auf einem lache ich aus vollem Herzen. Das war immer mein Lieblingsfoto von mir. Mein Mund steht weit offen, die alle Zähnchen sind zu sehen. Du hast mir oft erzählt, wie es dazu gekommen ist. Du wolltest ein Foto von mir bei einem Fotografen machen lassen. Es sollte eine Erinnerung sein. Dieses Bild hing immer in unserem Wohnzimmer, neben dem Fernseher.
Wir seien zu diesem Fotografen gegangen, erzähltest du. Ich hätte schon da ein mürrisches Gesicht gemacht. Der Fotograf sei nett gewesen, hätte mir eine Kiste mit Plüschtieren gebracht, doch ich wollte nichts davon wissen. Dann musste ich mich auf einen Stuhl setzen, der Fotograf verschwand mir gegenüber hinter der Kamera. Ich schaute ihn an. Mit grossen Augen. Ernst. Sehr ernst.
„Lach mal!“, sagte der Fotograf.
Ich lachte nicht. Im Gegenteil. Ich schaute noch grimmiger. Ich weiss nicht, was der Fotograf sonst noch gesagt hat, ich erinnere mich nicht, ich kenne die Geschichte nur aus deinen Erzählungen. Der Fotograf hätte sich noch lange bemüht, hätte alle Tricks versucht. Keine Chance. Irgendwann hätte er so langsam die Geduld verloren. Du wolltest ihm helfen, hast hinter seinem Rücken Grimassen gemacht und seist wild rumgetanzt. Ich schaute ernst. Immer wilder seien deine Grimmassen geworden, immer ungelenker deine Tanzeinlagen. Ich hätte ernst geschaut. Und irgendwann hätte ich plötzlich laut gelacht. Wie eine Explosion sei dieses Lachen aus mir gekommen und ich hätte mich kaum mehr beruhigen können vor Lachen. Das Foto war im Kasten. Ich mag es. Auch wegen der Geschichte. Immer, wenn ich daran denke, merke ich, dass ein Lächeln auf meinem Gesicht liegt. Auch jetzt bei Aufschreiben.
Erinnerst du dich? Ich kam zu spät. Der Geburtstermin war auf den Silvester 1972 berechnet worden, ich liess mir bis zum 7. Januar Zeit. Niemand wusste, was ich werden sollte, also hattet ihr zwei mögliche Namen, Daniel oder Sandra. Wenn wir auf dieses Thema kamen, erzähltest du oft, wie es zu diesen Namen kam. Man sollte den Namen nicht verniedlichen können durch ein -li. Dies hatte Gründe: Du hattest eine Tante, die dich bis ins erwachsene Alter hinein immer Maxli nannte. Egal, wo ihr euch getroffen habt, sie rief schon von weitem in schrillem Ton «Maxli», über ganze Strassen hinweg, gut hörbar für alle Anwesenden. Ich kann mir vorstellen, wie peinlich dir das gewesen sein muss. Da entstand dein Entschluss: Deinem Kind soll das nie passieren. Die Rechnung ist aufgegangen, dafür kamen andere kreative Variationen zustande: Sandwich und Sandhaufen sind nur zwei davon.
Tief drin warst du überzeugt, dass ich ein Mädchen werde. So hast du es erzählt. Deswegen hast du meine Geburtskarten schon im Voraus gesetzt, damit sie druckbereit sind bei meiner Geburt. Du solltest recht behalten.
Wie alles vonstatten ging, weiss ich nur aus deiner Erzählung. Ich habe sie oft gehört, weil du sie so lustig fandst und die Lacher auf deiner Seite wusstest:
Mama hatte Wehen, also seid ihr ins Spital gerast. Dort wurdet ihr in ein Zimmer verfrachtet. «Ist das ihr erstes Kind?», habe man euch gefragt. Ihr sagtet «ja». Danach habe euch keiner mehr ernst genommen. «Das geht noch lange», sagten sie. Mama protestierte, da die Wehen sehr kurz hintereinander und sehr stark waren. «Das sagen alle Erstgebärenden, das ist normal», lautete die Antwort. Sie brachten Mama Frühstück aufs Zimmer, doch sie mochte wegen der starken Wehen nichts essen. Also hast du es gegessen. Aufregung macht hungrig. Sie haben das leere Tablett gesehen und noch bevor ihr etwas sagen konntet, waren sie damit draussen, liessen nur den Kommentar zurück: «Wer einen solchen Appetit hat, bei dem dauert es noch lang.» Sie täuschte sich, denn nun ging es plötzlich schnell. Ich wurde in die Welt gepresst. Sartre sagte, wir werden in die Welt geworfen, eine Welt, die wir uns nicht ausgesucht haben. So sehe ich das heute auch. Damals hatte ich noch keine solchen Gedanken. Der Segen der frühen Jahre.
Auf alle Fälle hast du sofort mit dem Kennerblick geprüft, ob alles ist, wie es soll und es war klar: Du hattest recht gehabt mit deiner Prophezeiung. «Schatz, du bist eine Bombe, es ist ein Mädchen», riefst du Mama zu und stürmtest aus Zimmer. Winterthur musste davon erfahren. So kenne ich die Geschichte aus deinem Mund. Mit allen, die du kanntest, hast du dein Vatersein gefeiert. Zwischendrin bist du immer wieder ins Krankenhaus gerast, hast geschaut, ob alles gut ist, es allen gut geht, um dann wieder um die Häuser zu ziehen. Alle waren eingeladen, es war ein Fest. Dein Fest. Für mich. Wenn du das erzählt hast, schwankte ich immer ein wenig zwischen Peinlichkeit und Romantik. Da schien diese unbändige Freude über meine Ankunft zu sein. Du hast aber auch immer betont, dass du allen alles bezahlt hast. Das habe ich nicht ganz verstanden. Heute bin ich mir nicht sicher, ob die Geschichte wirklich ganz so war oder ob du da einiges an Seemannsgarn eingewoben hast. Vielleicht ist das Fest auch in deiner Erinnerung immer rauschender geworden. So oder so scheint es das zu sein, wie du dir die Vergangenheit bewahrtest und was dir in den Sinn kommt, wenn du an mich und Geburt denkst.
Manchmal frage ich mich heute, wie das für Mama gewesen sein muss. Da liegt man als neugeborene Mutter im Spital und der Mann geht feiern. Sicher feiert er das, was man selbst vollbracht hat, und doch geht es nicht um die Mutter, sondern nur um das Kind, das sie auf die Welt brachte. Vielleicht war das ein Grundstein für vieles, was noch kommen sollte? War ich von ihr auch gewünscht? Oder wünschte sie mich zwar, merkte dann aber, was sie sich eingebrockt hat? Ich habe mich nie getraut, diese Frage zu stellen, vielleicht auch, weil ich die Antwort fürchtete. Und selbst wenn ich es getan hätte: Was würde es ändern? Es war, wie es war und ich fühlte, was ich fühlte. Das würde keine Antwort je verändern können. Vielleicht hole ich das doch irgendwann nach.
Offensichtlich war ich für dich ein gewünschtes Kind. Dass ich dazu noch ein Mädchen war, machte es perfekt. Für diesen Moment.
Es blieb nicht lange so. Ich war nämlich nicht gerne ein Mädchen. Ich wäre lieber ein Junge gewesen. Die waren cooler. Alles, was sie machten und machen durften, reizte mich mehr als der Mädchenkram. Das gefiel dir gar nicht. Davon wolltest du nichts wissen. Das machte dich wütend. Das hast du nicht mehr gefeiert. Manchmal kommt es mir so vor, als ob alles gut war, als ich noch hilflos und abhängig war, doch sobald ich die Dinge mehr und mehr selbst in die Hand nehmen konnte und auch wollte, driftete unsere Geschichte ab. Ich fiel aus dem Rahmen, den du mir gesteckt hattest. Von all dem merkte ich damals nichts, das ist, was ich heute hineininterpretiere. Und ich bin nicht sicher, ob ich damit richtig liege.
«Ich bin starr vor Angst. Mein Urteilsvermögen hat mich schrecklich getäuscht. Ich habe eine extrem gefährliche Person unterschätzt. Und jetzt werde ich den höchsten Preis dafür bezahlen.»
Gar unbedarft ging ich ans Lesen dieses Buchs. Zwar schwirrte irgendwo im Hinterkopf, dass es ein ähnlich aussehendes Buch gibt, doch dass dies die Vorgeschichte zu diesem hier darstellte, war mir nicht klar.
«Und für jemanden wie mich ist es nicht leicht, eine andere Arbeit zu finden. Nicht mit meiner Vorgeschichte.»
So stolperte ich immer wieder über diese geheimnisvollen Andeutungen der Protagonistin Millie zu ihrer Vergangenheit, dachte anfangs, das sei geschickt gemacht, um die Spannung zu erhöhen, nervte mich bald, da es ein wenig zu oft vorkam. Hätte ich gewusst, was früher passiert ist, wären diese Andeutungen in einem ganz anderen Licht erschienen. Worum geht es?
«Ich weiss nicht, woran es liegt, aber irgendetwas in der Wohnung ist mir nicht ganz geheuer.»
Millie ist froh, eine neue Putzstelle gefunden zu haben, weil sie das Geld dringend braucht. Als sie bemerkt, dass ihr neuer Arbeitgeber nicht der nette reiche Mann ist, für den sie ihn hielt, sondern ein gewalttätiger Ehemann, kann sie nicht anders: Sie muss der armen Frau helfen, selbst wenn sie das wieder selbst in Probleme stürzt, wie damals, als sie wegen einer solchen Hilfsaktion gar im Gefängnis landete – etwas, von dem ihr aktueller und so perfekter Freund noch nichts weiss, weil Millie fürchtet, er könnte sie verlassen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die Geschichte geizt nicht mit Twists und nimmt immer mehr Fahrt auf.
Anfangs haderte ich mit der Sprache, die mir nicht entsprach. Die Geschichte hatte aber doch etwas, das mich nicht losliess, so dass ich immer weiterlas und mit der Zeit auch die Sprache insofern ausblenden konnte, als sie mich nicht mehr störte – vielleicht hatte ich mich auch daran gewöhnt.
«Brock ist perfekt, und seine Familie ist perfekt, und ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein, es ist überhaupt nicht komisch.»
Das Buch hätte gut ein genaueres Lektorat vertragen, es kamen doch viele Wiederholungen vor, der gute Brock war zu perfekt, die ständigen Wiederholungen, dass er endlich erfahren müsste, was Millie vor seiner Zeit getrieben hat, etwas gar überbordend.
Die Geschichte geht sehr gemächlich los, scheint mehr eine Beziehungsgeschichte zwischen Millie und Brock zu sein als ein Krimi, kommt dann langsam in die Gänge, um schliesslich im wilden Galopp vorwärts zu preschen, einen Twist nach dem anderen einzuführen, bis hin zum Finale, das nochmals eine Überraschung birgt.
Meine Geschichte will ans Licht. Sie sitzt in mir und tobt. Ich will sie zähmen, will sie in philosophische Gedanken packen, in sachliche Formen. Aber was ich erzählen will, ist nicht sachlich. Es ist nicht formal. Es ist eine Geschichte. Meine Geschichte.
Ich will sie analysieren, will passende Gefässe finden, sie einordnen, sie absichern. Ich will mich an Gewissheiten festhalten, suche nach Fakten, aber finde keine. Und dann gebe ich auf. Suche nicht mehr weiter. Es passt alles nicht. Es ist meine Geschichte. Ich muss sie erzählen, und zwar auf meine Weise. Ob das reichen wird? Ich lese andere Geschichten. Suche Beispiele. Will mir eins nehmen. Es gibt keins. Ich will mich anpassen, will es so machen, wie man es richtig macht. Nur: Wie soll das sein?
Ich will aus meiner Geschichte heraustreten. Will sie jemand anders in die Schuhe schieben. Möchte in Distanz gehen, aus sicherer Warte schreiben, dass all das ein anderer erlebt hat. Oder gar man. So allgemein. So nicht persönlich. Es geht nicht. Ich merke, dass ich Ich sagen muss. Und ich merke, dass ich das erst lernen muss: Ich zu sagen. Es fällt mir schwer. Man hat es mir nicht beigebracht. Oder hat man es gar ausgetrieben? Man. Schon wieder ist es da. Da war kein „man“. Geschichten bestehen aus Menschen, die etwas tun. Ich werde es also lernen. Ich.
Vielleicht möchte ich die Geschichte auch von mir weisen, damit keiner kommen und mich angreifen kann dafür. Damit keiner mich verletzten kann. Weil das alles dann nichts mit mir zu tun hat. Aber es hat mit mir zu tun. Und ich merke, dass ich Angst habe. Dass meine Geschichte für nichtig erklärt wird. Dass sie nicht der Rede wert sei. Dass ich mich nicht so wichtig machen soll. Wer ich denn denke, wer ich sei, dass ich meine Geschichte für erzählenswert halte. Ich habe Angst, dass jemand kommt und findet, das sei keine Geschichte. Keine, die man hören wolle. Keine, die man erzählen solle. Eine, die man verschweigen sollte, wäre es denn eine. Aber es sei keine. Dabei ist es meine. Ich habe nur die eine. Und ich bin nicht mal sicher, ob ich die wirklich habe. Oder ob meine richtige doch eine ganz andere wäre. Das muss ich erst herausfinden. Und das geht nur, indem ich sie erzähle.
Meine Geschichte muss ans Licht. Ich muss sie erzählen. Für mich. Egal, was andere denken. Egal, was andere finden. Egal, was andere sagen. Sollen sie mich angreifen. Sollen sie mich verletzen. Wenn ich sie nicht erzähle, verletze ich mich selber. Ich bin mein grösster Feind, wenn ich nicht zu mir stehe und nicht mutig bin, zu tun, was ich tun muss. Und wer weiss. Vielleicht trifft meine Geschichte auf ein Du. Nicht auf ein man. Sicher nicht auf alle. Aber auf ein Du, einen Menschen, der sie als Mensch mit seiner Geschichte im Hintergrund liest. Auf dieses Du kann sie nur treffen, wenn ich sie als Ich erzähle, wenn ich mich als Ich zeige. Und wenn ich auf ein Du treffen würde, wüsste ich, dass es gut ist. Dass ich Ich sagen darf. Dass ich meine Geschichte erzählen darf. Dass ich als Ich gesehen werde. Und angenommen. Und vielleicht erzählt mir dieses Du auch seine Geschichte. Und vielleicht werden wir viele, die unsere Geschichten erzählen und die der anderen hören. Und wir werden mutig. Und stehen hin. Das wäre das Ende des Man, hinter dem sich so mancher versteckt. Und unsichtbar wird. Im Guten und im Schlechten.
«Wenn dein Leben eine einzige Show ist, dann lassen wir die Show doch einfach in die nächste Runde gehen. Nur dass du dieses Mal nicht der Regisseur bist, sondern das Versuchskaninchen.»
Man stelle sich vor, man ist vom Leben verwöhnt. In ein reiches Elternhaus hineingeboren, die nötige Intelligenz zur erfolgreichen Schulkarriere hat man dabei mitbekommen und zusätzlich noch eine herausragende Fähigkeit, die einen von den anderen abhebt. Im Falle von Matthias Hegel ist das sein absolutes Gehör. Der Phonetiker ist durch diverse Fälle der Vergangenheit zu einem kleinen Star geworden, was natürlich Neider auf den Plan ruft – allen voran Veith Vries, ehemaliger Freund und nun erbitterter Feind Hegels, der langsam vom Genie in den Wahnsinn abgleitete. Jahrelang hegte er einen Hass gegen Hegel, doch als bei ihm Krebs diagnostiziert und sein Leben nur noch kurz dauern wird, hat er nichts mehr zu verlieren und ersinnt ein perfides Spiel, um an Hegel Rache zu üben. Der Weg zum Finale ist mit Leichen gepflastert, es gibt nur einen, der Vries gewachsen ist: Hegel.
Es steht viel auf dem Spiel, denn Vries’ Ziel ist einerseits eine grausame Rache an Hegel und andererseits ein monströses Verbrechen, das ihn über den Tod hinaus berühmt machen soll.
„Es wird dich zeichnen! Ganz egal wie lange du nach meinem grossen Finale noch zum Leben verflucht bist, du wirst nie wieder in den Spiegel sehen können, ohne an mich zu denken.“
Es soll nicht einfach der Tod sein, den er über Hegel bringen wird, denn der Tod ist für den Betreffenden keine Strafe, er kriegt ihn nicht mit. Leiden würden nur die anderen. Doch Hegel soll leiden.
«Ein Spiel macht nur dann Spass, wenn dein Gegner eine faire Chance hat, dich zu besiegen.»
Hat Hegel eine Chance? Wird er sie erkennen und nutzen können? Das ist die grosse Frage und sie lässt den Leser die Seiten atemlos umblättern, bis er es weiss.
Dieses ist der fünfte Fall für den Phonetiker Matthias Hegel. Das Buch lässt sich gut lesen und verstehen, wenn man die ersten Bände nicht gelesen hat, allerdings wird man sie nachher nicht mehr lesen – und verpasst dabei wohl gute Lektüre. Dieser Band enthält so viele Verweise auf die früheren Geschehnisse, dass wohl die Spannung des Lesens wegfiele. Also: Wer sich für die Reihe an sich interessiert und sie gerne als Ganzes lesen möchte, der sollte unbedingt bei Band eins anfangen.
Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse! Friedrich Nietzsche
Einleitung
Hertha Müller schrieb mal, Schreiben sei ein innerer Halt. Ich gebe ihr recht und weiss nicht genau, wieso. Woran halte ich mich, während ich all das hier schreibe? Wo finde ich etwas, woran ich mich halten kann? Würde ich sonst fallen. Wohin? Ist es so schlimm, zu fallen? Was macht mir Angst? Oder bin ich schon unten und will hoch? Suche ich einen Halt, an dem ich mich hochziehen kann? Vielleicht ist der Halt auch von einer anderen Art: Durch das Schreiben werden Dinge fassbarer, die vorher lose und vage umherschwirrten. Vorher verwirrten sie mein Hirn, weil sie nicht zu greifen, nicht zu begreifen waren.
Hannah Arendt schrieb, sie denke ohne Geländer. Sie verzichtet also auf den Halt. Sie meinte damit, dass sie ihre eigenen Gedanken dachte, ohne sich auf andere zu stützen oder an sich an diese zu halten. Kant beschwor den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Greife nicht auf schon Gedachtes zurück, sondern schau frei und frisch nach vorne. Es scheint, die eigenen Pfade sind nicht die einfachen. Sie sind nicht vorgespurt. Sie bergen Risiken.
Schreiben heisst für mich, verstehen. Durch das Aufschreiben stehen die Dinge vor Augen, ich kann sie betrachten und sie sagen mir etwas. Schreiben in dem Sinne soll mir etwas sagen. Und es ist ein Ausdruck dessen, was in mir ist. Bei dem hier Geschriebenen geht es nicht um Schuld, Klage oder Anklage, auch wenn das ab und zu so klingen mag. Es geht darum, zu verstehen, was gewesen sein könnte. Und vielleicht lässt sich daraus ableiten, was ist.
Schreiben muss wahrhaftig sein. Dem verpflichte ich mich. Das hier ist keine Autobiografie. Es ist nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Es ist ein Versuch, eine Geschichte zu erzählen. Stück für Stück, wie sie sich zeigen will.
Amelie Fried wurde 1958 in Ulm geboren. Nach Schule und Studium fing sie beim Fernsehen an, wo sie in verschiedenen Gefässen und unterschiedlichen Rollen über 35 Jahre blieb. Erinnerungskultur ist ihr ebenso ein Anliegen wie ihr Engagement für ein Kinderhospiz. Neben ihrem eigenen Schreiben leitet sie mit ihrem Mann, dem Drehbuchautor und Schriftsteller Peter Probst Schreib-Workshops.
Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?
Geboren in ein bildungsbürgerliches Elternhaus in Ulm, aufgewachsen mit Kunst, Theater und vielen Büchern. Abitur mit 16, lange nicht gewusst, was tun, alles Mögliche ausprobiert, beim Fernsehen gelandet, Moderatorin der ersten bundesweiten Talkshow „Live aus der alten Oper“ geworden, danach weitere 35 Jahre moderiert. Mann gefunden, zwei Kinder bekommen, Mann behalten. Mitte der 90er Jahre das erste Buch veröffentlicht, über Nacht zur Bestsellerautorin geworden, seither fast 30 Bücher geschrieben oder herausgegeben. Glückskind, dankbar.
Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?
Als ich elf war, las ich das Kinderbuch „Harriet, Spionage aller Art“ von Louise Fitzhugh. Es erzählt von der elfjährigen Harriet in New York, die – da sie plant, Schriftstellerin zu werden – ein Tagebuch führt und sich regelmäßig im Geschirraufzug der elterlichen Wohnung versteckt, um Gespräche der Erwachsenen zu belauschen. Das scharfsinnige Mädchen schreibt über deren seltsames und widersprüchliches Verhalten und notiert auch wenig Schmeichelhaftes über ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Als denen das Tagebuch in die Hände fällt, wird Harriet gemobbt und ausgegrenzt. Ich begriff: Schriftstellerin zu sein bedeutet, eine machtvolle Waffe zu besitzen. Worte können viel. Sie können trösten und erfreuen, aber auch zerstören und verletzen. Sie können den Leser in eine fremde Welt entführen, ihm die Augen öffnen oder ihn zum Weinen bringen. Worte können – gesprochen, geschrieben oder gelesen – etwas bewirken.
Als ich das Buch zuklappte, wusste ich, dass ich Schriftstellerin werden wollte.
Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?
Zu Beginn habe ich eher intuitiv drauflos geschrieben, was viele Jahre gut funktioniert hat. Dann begann ich, gemeinsam mit meinem Mann Peter Probst (ebenfalls Autor und Drehbuchautor) Workshops in Kreativem Schreiben zu geben. Dafür musste ich mich mit der Theorie des Schreibens auseinandersetzen und erstmals reflektieren, was ich da eigentlich mache. Prompt erlebte ich eine Schreibblockade, die ich zum Glück inzwischen überwunden habe. Seither plane und strukturiere ich meine Arbeit besser und merke, dass es nicht schaden kann, sich an die Tipps zu halten, die wir unseren Workshop-Teilnehmerinnen geben!
Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?
Ich mache Notizen auf Papier, egal welchem, aber der eigentliche Schreibprozess findet vom ersten Wort an auf dem Laptop statt.
Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?
Ich brauche, vor allem zu Beginn eines Buches, absolute Ruhe und Einsamkeit. Manchmal ziehe ich mich sogar für einige Wochen an einen abgeschiedenen Ort zurück, wo ich manchmal tagelang mit keinem Menschen spreche. Sobald die Geschichte Form annimmt und ich das Gefühl habe, sie in den Griff zu bekommen, kann ich auch wieder zuhause in meinem Arbeitszimmer schreiben und zwischendurch andere Termine wahrnehmen oder Menschen treffen.
Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?
Ich bin der Thomas Mann-Typ, also feste Zeiten, gleicher Ort, bloß kein Chaos. Manchmal muss ich die Wohnung aufräumen, bevor ich anfangen kann, zu schreiben.
Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?
Das Plotten und Strukturieren von Handlung bereiten mir Mühe. Ich werde beim Schreiben gern von mir selbst überrascht, deshalb ist bei mir – trotz besserer Planung als früher – immer noch Raum für Unerwartetes.
Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?
Eine Schriftstellerin ist eigentlich immer im Dienst, ihr ganzes Leben ist Recherche. Selbst unangenehme Situationen haben den Vorteil, dass ich sie irgendwann verwenden und dadurch positiv nutzbar machen kann. Bei mir gibt es die Unterteilung in Arbeit und Freizeit nicht. Ich habe auch keine Hobbies – meine liebste Tätigkeit ist das Schreiben.
In deinem neuesten Roman „Der längste Sommer ihres Lebens“ schreibst du von einer Frau, die ihre Träume verwirklichen will und dabei von allen Seiten Gegenwind bekommt. Was hat dich daran gereizt?
Eigentlich schreibe ich über eine Familie, also drei Frauen aus drei Generationen, die alle ihre sehr eigenen Vorstellungen vom Leben haben. Die Tochter radikalisiert sich als Klimaaktivistin ausgerechnet in dem Moment, als ihre Mutter sich um das Amt der Bürgermeisterin bewirbt. Die Großmutter, Matriarchin des familieneigenen Autohauses, findet die Ambitionen beider Frauen absurd, sie will, dass die beiden das Unternehmen weiterführen. Auch Vater und Bruder haben natürlich eine Haltung zum Aktivismus der Tochter, die immer riskantere Dinge tut und sich schließlich sogar in Lebensgefahr bringt. In diesem familiären Spannungsfeld entladen sich Konflikte, die stellvertretend für die Konflikte unserer Gesellschaft stehen und gleichzeitig spannend und unterhaltsam zu lesen sind.
Claudia will ihren Traum verwirklichen, als sie sich zur Wahl stellt. Schon Cora in „Traumfrau mit Ersatzteilen“ hatte Träume, die sie in Angriff nehmen wollte. Was sind deine Träume?
Ich habe meine Träume eigentlich alle verwirklicht, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich würde gerne noch eine Weile weiterschreiben, mit meinem Mann ein paar schöne Reisen machen und mich vielleicht irgendwann auf Enkelkinder freuen. Und ich hoffe, dass die sich zuspitzende Weltlage all das überhaupt noch zulassen wird…
Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?
Meine Romane spiegeln immer etwas von der Lebensphase wider, in der ich mich gerade befinde, aber sie erzählen nicht mein Leben. Auch in vielen Figuren steckt etwas von mir oder den Menschen in meiner Umgebung, aber ich entwickle das immer literarisch weiter. Goethe hat schon recht: Jeder Autor blickt durch seine eigene Brille auf die Welt, und sein Schreiben durchläuft den Filter der Persönlichkeit und individuellen Lebenserfahrung.
Zusammen mit deinem Mann machst du Workshops zum kreativen Schreiben. In Deutschland ist die Meinung, Schreiben müsse man nicht lernen, sondern man hätte dafür Talent oder nicht, immer noch verbreitet. Woher kommt das deiner Meinung nach? Oder anders: Kann man literarisches Schreiben wirklich lernen?
Eine gewisse Grundbegabung fürs Erzählen und den Umgang mit Sprache ist schon Voraussetzung, aber darüber hinaus kann man vieles lernen. Es gibt dramaturgische Modelle und Tools, die einem helfen, eine Geschichte zu strukturieren, spannend zu erzählen und glaubhafte Figuren zu erschaffen. Aber wir bilden in unseren Workshops keine Nobelpreisträger aus, sondern Menschen, die Spaß am Schreiben haben und sich weiter entwickeln wollen. Manche wollen gern publizieren, andere eine Geschichte nur für sich oder ihre Familie erzählen. Wir holen alle da ab, wo sie stehen, und unterstützen sie in ihrer Entwicklung.
Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?
Ein Buch muss mich reinziehen und durch originelle Einfälle fesseln, die Charaktere müssen mich interessieren, die Handlung soll mich überraschen. In welchem Genre das stattfindet, ist eigentlich egal, ich lese alles vom Krimi bis zur Hochliteratur. Nur langweilen darf es mich nicht.
Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?
Zu uns in den Schreibkurs zu kommen. Danach weiß er oder sie auf jeden Fall, ob und wie es weitergehen könnte.
Dein Kind ist weg. Dein schlimmster Alptraum beginnt.
«..ich erkenne diesen wütenden, verängstigten Jungen, der mir gegenübersitzt, nicht wieder. Was hast du getan, Connor? Was hast du getan?“
Stell dir vor: Das Kind deines Bruders ist weg. Dann merkst, das ist da, aber deins ist weg. Irgendwann taucht dieses auf, aber ein drittes ist verschwunden – und bleibt es. Plötzlich ist dein Kind in Verdacht, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben. Alle wenden sich ab. Die Stricke ziehen sich zu. Du denkst, das kann nicht sein. Nicht dein Kind. Du kennst es. Stimmt das bei Teenagern? Dir wird bewusst, wie wenig du noch weisst von deinem Kind. Und da ist die offene Frage: Wo ist das verschwundene Kind? Was ist passiert und was hat dein Kind damit zu tun?
«Man schliesst uns aus, und ich habe das Gefühl, als wüssten die anderen etwas über meinen Sohn, von dem ich keine Ahnung habe.“
Eine grossartige Idee, die mich gleich gepackt hat. Sie hält mich auch beim Lesen, als es etwas zäh wird. Plötzlich wird nur noch geredet, gesucht, geredet, nachgedacht, wieder geredet. Viele Namen, viele Hintergründe, Zusammenhänge. Die Figuren bleiben dabei merkwürdig unscharf. Die Handlung nimmt lange keine Fahrt auf. Schade!!! Das geht besser. Zumal mit einer solchen Idee!
Ich bin ein Schnellabbrecher. Das klappte hier nicht. Logan hat was richtig gemacht. Die Idee zieht. Es wäre mehr gegangen, doch es hat gereicht. ich lese fertig. Und zurück bleibt doch das Gefühl: Das ist ein gutes Buch. Es ist lesenswert, weil es zwar ab und zu an Spannung mangelt, aber doch viel drin steckt, das wir im Alltag vergessen: Wie gehen wir mit unseren Teenagern um? Wie stellt sich die Welt für sie dar? Wie wirken sich soziale Medien und ein Hype auf Einzelne und auf deren Nächste aus?
Lest es. Spannung ist nicht alles, auch wenn sie hier durchaus vorhanden ist, einfach nicht durchgängig. Bücher sollen eine Botschaft haben. Dieses hat eine.
„Löcher müssen gestopft werden… Du musst leben. Du musst atmen. Du musst den Spuren der Worte folgen. Du musst da hingehen, wo die Geschichten sind. Sonst kehren sie eines Tages wirklich nicht mehr zu dir zurück.“
Dieses Buch ist ein Buch voller poetischer Sätze und tiefer Gedanken. Es ermöglicht ein Eintauchen in die Geschichte von Menschen, die Geschichten lieben, die dafür und davon leben. Es ist eine Hommage an die Welt der Bücher und die des Erzählens. Worum geht es?
Ida ist Schriftstellerin, doch die Worte sind ihr abhandengekommen. Als das Geld knapp wird, nimmt sie eine Stelle als Haushaltshelferin an bei Ottilie, einer alten einsamen Frau, die alle vergrault, die sich ihr nähern – so scheint es. Ida ahnt noch nicht, dass dies für sie all das werden soll, was sie dringend braucht – und sie für Ottilie dasselbe ist. Ein Buch über das Schreiben, die Sprache, über Freundschaft und darüber, dass man Träume leben soll.
Als ich dieses Buch begonnen habe, war ich von der ersten Seite an verzaubert von der Schönheit der Sprache, von den bunten Bildern, die die Autorin damit malt.
„In ihrem Kopf herrschte eine seltsame Leere, ihr Ausdrucksvermögen verflüchtigte sich, und ihr Herz bröckelte mit jedem leeren Blatt und jedem verschwundenen Wort ein wenig mehr vor sich hin.“
Wer mit Herz und Seele schreibt, weiss, was es bedeutet, wenn einem die Wörter ausgehen. Dies passiert Ida am 1. Januar eines neuen Jahres und wirf damit ihr Leben durcheinander.
„Überhaupt war in den letzten Jahren vor der schicksalshaften Silvesternacht alles erträglich gewesen, solange sie nur in ihre Fantasie und das, was sie niederschrieb, eingehüllt war.
Was vorher für sie Lebensinhalt und auch Flucht aus der Welt war, ist nun verschwunden und hinterlässt eine klaffende Lücke. Nicht nur in ihrem Leben, auch in ihrem Portemonnaie. Nur aus diesem Grund nimmt sie die Stelle als Haushaltshilfe auf dem Land an. Bei ihrer Einführung in ihre Tätigkeit kann man schon auf die Idee kommen, dass sie an diesem neuen Ort nicht am falschen Platz, sondern genau an der richtigen Stelle ist:
„Nun, das Gute ist, dass sich in diesem Haus vermutlich mehr Worte verbergen, als sie nur erahnen können. Irgendwo zwischen Putzmittel, Handfeger und Staubfängern, versteht sich.“
Ottilie, die Hausherrin und Idas neue Chefin, soll recht behalten. Die Worte finden sich aber nicht nur im Putzschrank, sondern in tausenden von Büchern, die überall im Haus zu finden sind. Ida trifft aber nicht nur auf Bücher und eine schwer durchschaubare ältere Dame, sondern auch auf ein Geheimnis, das irgendwo in der Geschichte von Ottilie versteckt ist. Dieses will sie ergründen, auch, um Ottilie besser zu verstehen.
„Wenn es einen nach Wundern verlangt, sollte man nicht zu gierig werden.“
Leider passieren die erwünschten Dinge nie von heute auf morgen. Und meist auch nicht alle. Wunder brauchen ihren Raum und ihre Zeit. Eine wichtige Lehre, die Ottilie Ida mit auf den Weg gibt, als diese wieder verzweifelt ist wegen des Verlusts ihrer Worte.
„Was war sie denn schon ohne ihre Fähigkeit, Geschichten zu erzählen? Was war noch von ihr selbst übrig?
Verzweifelt ist sie oft, auch, weil sie sich über ihre Worte definiert. Von Grund auf mit einem geringen Selbstbewusstsein ausgestattet, das von ihrem Vater und dessen Geringschätzung für ihr Tun noch befördert wird, hält sie sich an dem, woran sie wirklich glaubt: Ihre Literatur, ihr Schreiben. Und genau das hat sie nun im Stich gelassen. Woran nun noch glauben?
„Wir sind niemals allein. Wir sind umgeben von Hunderten, ach was, Tausenden Buchcharakteren, was bedeutet, dass man gar nicht einsam sein kann.“
Bücher als Gesellschaft, Figuren aus Erzählungen als Freunde, lesen als Eintauchen in andere Welten, solche, in denen man aufgeht, in denen man sich wohl fühlt. Was für ein schönes Bild.
Dass das Buch am Schluss etwas lang wird, tut dem Lesegenuss keinen Abbruch. Die liebenswerten, authentischen Figuren, die wundervolle Sprache, die herzerwärmende Geschichte bewirken, dass dieses Buch zu Herzen geht und da bleibt.