Die Frage nach dem Reichtum wird gewöhnlich entlang von Zahlen verhandelt, es geht um Einkommen, Vermögen, Besitz, im Fokus stehen Schwellenwerte, Rankings, Vergleichsgrössen. Diese Perspektive verfehlt etwas Entscheidendes, denn sie setzt dort an, wo Reichtum bereits veräusserlicht ist, in Dingen, die man haben kann. Die eigentliche Frage müsste früher einsetzen: Wann beginnt Reichtum im Leben eines Menschen? Und noch konkreter: Kann man bereits als Kind reich sein? Und wenn ja: Worin besteht dieser Reichtum?
Der Begriff der „Rich Kids“ liefert eine erste, scheinbar naheliegende Antwort. Gemeint sind Kinder aus wohlhabenden Familien, umgeben von materiellen Möglichkeiten, oft sichtbar durch Konsum, Privilegien und symbolische Zugehörigkeit. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich die Frage: Sind es wirklich die Kinder, die hier reich sind? Klar profitieren sie materiell und auch von den gegebenen Möglichkeiten vom Reichtum, aber schlussendlich sind es die Besitztümer der Eltern, über die sie definiert werden. Was dieser im Einzelfall für die Kinder bedeutet, steht auf einem anderen Blatt. Nicht selten gehen diese Formen des materiellen Überflusses mit Einschränkungen der persönlichen Entfaltung einher: mit Erwartungsdruck, mit normativen Vorgaben, mit einem engen Rahmen dessen, was als „geboten“ oder angemessen gilt. So gesehen kann Reichtum im Sinne von Besitz in eine Form von Enge umschlagen.
Versteht man Reichtum nicht nur über den Begriff des Habens, sondern verschiebt ihn auf eine Art des in der Welt Seins versteht, verändert sich etwas grundlegend. Erich Fromm hat das in seinem Buch «Haben oder Sein» prägnant beschrieben: Während das Haben auf Besitz, Kontrolle und Sicherung zielt, beschreibt das Sein eine lebendige Beziehung zur Welt, geprägt durch Aktivität, Erfahrung und Entfaltung. Überträgt man diesen Gedanken auf die Kindheit, hiesse das: Ein reiches Kind ist nicht eines, das viel besitzt, sondern eines, das viel erleben, erproben und entfalten darf.
Reichtum in der Kindheit bedeutet zunächst Raum. Raum im wörtlichen wie im übertragenen Sinn: Orte, die nicht vollständig durchstrukturiert sind, Zeit, sich zu vertiefen, Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren, ohne dass ihr Wert sofort festgelegt wird. Hier darf Neugier sich entfalten, es drohen keine Bewertungen, die sie im Keime ersticken. Ein auf diese Weise reiches Kind darf fragen, ohne dass die Frage als dumm abgewendet wird. Und manchmal braucht es nicht mal Antworten, sondern die Fragen führen zu neuen unbekannten Geländen, die es zu ergründen gilt. Ein auf diese Weise reiches Kind, darf Fehler machen, ohne Abwertung fürchten zu müssen, es dürfen Dinge misslingen, ohne dass dies als Versagen gewertet wird. Es darf sich erfahren in seinem Sein, in seinem Körper, in seinen Beziehungen, in seinem Denken.
Damit verbunden ist ein zweiter Aspekt: Anerkennung. Nicht im Sinne von Lob für Leistung, sondern als grundlegendes Gesehenwerden. Ein reiches Kind ist eines, dessen Eigenart nicht nur toleriert, sondern ernst genommen wird. Es wird nicht primär an äussere Erwartungen angepasst, sondern in seiner eigenen Weise gestärkt. Diese Form der Anerkennung schafft Vertrauen in sich selbst und in die Welt. Und genau dieses Vertrauen ist eine der zentralen Voraussetzungen dafür, später als freier Mensch handeln zu können.
Reichtum zeigt sich hier als Möglichkeit zur Selbstverortung. Das Kind lernt, sich in der Welt zu orientieren, nicht indem es fertige Antworten übernimmt, sondern indem es eigene Erfahrungen macht. Es entwickelt Urteilskraft, nicht durch Belehrung allein, sondern durch Teilnahme. Es wird nicht nur auf ein Leben vorbereitet, es lebt bereits.
Diese Perspektive hat weitreichende Konsequenzen, denn sie legt nahe, dass Reichtum nicht erst im Erwachsenenalter entsteht, sondern seine Grundlegung in der frühen Beziehung zur Welt stattfindet. Ein Kind, das gelernt hat, sich als wirksam zu erleben, wird auch später eher in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen. Ein Kind, das erfahren hat, dass seine Stimme zählt, wird eher bereit sein, sich einzubringen. Reichtum in diesem Sinne zieht sich durch das Leben, nicht als Besitz, sondern als Fähigkeit.
Gleichzeitig wäre es naiv, die materiellen Bedingungen auszublenden. Raum, Zeit und Förderung fallen nicht vom Himmel. Sie sind gesellschaftlich verteilt und das viel zu oft ungleich. Bildungschancen, gesundheitliche Versorgung, kulturelle Teilhabe, all dies hängt in hohem Masse von ökonomischen Ressourcen ab. Insofern braucht auch der hier beschriebene Reichtum eine materielle Basis. Entscheidend dabei ist, wie diese Basis organisiert ist.
Ein Ansatz, der hier anschlussfähig ist, findet sich bei Stefan Gosepath, der für eine egalitäre Verteilung grundlegender Güter argumentiert. In einer demokratisch organisierten Gesellschaft müsste es darum gehen, Bedingungen zu schaffen, die allen Kindern ermöglichen, diesen Reichtum zu erfahren: Zugang zu Bildung, zu kulturellen Ressourcen, zu stabilen sozialen Strukturen. Nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung eines gelingenden Lebens.
Damit rückt die politische Dimension in den Vordergrund. Reichtum ist nicht nur eine individuelle Angelegenheit, sondern eine Frage der gemeinsamen Welt. Eine Gesellschaft, die es zulässt, dass Kinder systematisch unter Bedingungen aufwachsen, die ihre Entfaltung einschränken, verspielt ihren eigenen Reichtum, denn sie verzichtet auf die Fähigkeiten, die für ihr Fortbestehen notwendig sind: Urteilskraft, Verantwortungsbereitschaft, Teilhabe.
Hier kommt die Demokratie ins Spiel – nicht als abstrakte Staatsform, sondern als Lebensform. Nur in einer demokratischen Ordnung besteht prinzipiell die Möglichkeit, diese Bedingungen gemeinsam zu gestalten. Demokratie bedeutet, dass diejenigen, die betroffen sind, auch beteiligt sind. Bildung wird nicht nur vermittelt, sondern ermöglicht. Kinder werden nicht zu Objekten von Erziehung, sondern sie sind Subjekte eines gemeinsamen Lernprozesses.
Dafür könnte und sollte die Schule zu einem zentralen Ort werden, doch leider ist sie davon weit entfernt. Wenn sie primär auf Anpassung und Reproduktion ausgerichtet ist, dann unterläuft sie genau jene Fähigkeiten, die sie eigentlich fördern sollte. Ein Unterricht, der auf Gehorsam und richtige Antworten setzt, bildet keine reichen Kinder im hier verstandenen Sinn. Er produziert funktionale Subjekte, aber keine freien Menschen. Eine Schule hingegen, die Raum für eigene Fragen lässt, die Kooperation statt Konkurrenz fördert, die Fehler als Teil des Lernens versteht, legt den Grundstein für einen anderen Reichtum. Sie ermöglicht Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und gemeinsamer Gestaltung. Sie ist damit nicht nur Bildungsinstitution, sondern ein erster Ort demokratischer Praxis.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Ausgangsfrage neu beantworten: Reich ist man nicht ab einem bestimmten Einkommen – und auch nicht erst als Erwachsener. Reich ist, wer früh die Möglichkeit hatte, sich als Mensch in der Welt zu erfahren: neugierig, wirksam, in Beziehung zu anderen.
Reichtum beginnt in der Kindheit. Und er ist kein Zufall, sondern eine Aufgabe. Eine Aufgabe der Eltern, der Institutionen und vor allem der Gesellschaft als Ganzes. Wo Kinder reich werden im Sinne des Seins, wächst eine Form von Reichtum heran, die sich nicht anhäufen lässt, sondern nur teilen: die Fähigkeit, eine gemeinsame Welt zu gestalten.
«Die Alternative von Haben oder Sein ist keine abstrakte philosophische Frage, sondern betrifft die praktisch wichtigste Entscheidung unseres Lebens.»
