Eine Geschichte: Epilog (XXXXIX)

Lieber Papa

Kürzlich bin ich beim Aufräumen auf ein Foto von dir gestossen. Auf dem Bild lachst du. Richtig gelöst und fröhlich. Entspannt. Hatte ich dich oft so erlebt? Vor allem in den späteren Jahren wirktest du oft angespannt. Eine Falte auf der Stirn, die Augen leicht zusammengekniffen. Was hat dich so angestrengt? Das Leben, wie es war? Ich frage mich oft, ob du wirklich glücklich warst mit all dem. Glücklich sein konntest. Habe ich es mich schon früher gefragt? Oder einfach befürchtet, dass du es nicht bist?

Ich schaue dich an. Nein, ich bin nicht traurig, weil du nicht mehr bist. Ich bin traurig, dass so viele Fragen offenblieben. Dass ich die Antworten selbst suchen muss. Und nie mit Sicherheit finden kann.

Ich durchforstete meine Erinnerungen und fühlte mich immer wieder an Scheidewegen. Nichts schien eindeutig. Immer waren da zwei Seiten, zwei Sichtweisen. Und ich schwankte hin und her. Fragte mich, ob ich dir mit manchen meiner Antworten Unrecht tue. Was ich weiss: Ich habe dich geliebt. Sehr. Du warst für mich immer wieder der Halt und die Sicherheit, auf die ich bauen konnte. Was ich auch weiss: Du wolltest mir nie etwas Böses. Alles, was du machtest, war gut gemeint. Für mich. Es sollte mich schützen. Weil das Leben hart sein kann. Es sollte dafür sorgen, dass es mir gut geht. Und führte so oft zum Gegenteil.

Nur: Ist das nicht normal? Laufen wir nicht alle mit unseren vorgefertigten Bildern durch die Welt und wollen nur das Beste für die, die wir lieben? Wer ist schuld, wenn es nicht gelingt?

Um Schuld geht es nicht. Ging es nie.

Meine Finger rasen über die Buchstaben. Und während ich hier schreibe, regnet es draussen. Die Tropfen prasseln auf den Boden, meine Finger hämmern auf die Tasten. Ein Miteinander des Klopfens, Tropfens, von fliessender Energie. Mein Fluss bewegt sich auf das Ende hin. Die Geschichte ist erzählt. Schwarz auf weiss, und doch nicht in Stein gemeisselt. Denn: Sie könnte auch ganz anders gewesen sein.

Ich schaue nochmals auf das Bild. Und weiss: Ich liebe dich. Das geht nie vorbei. Ich liebe dich, weil du warst, wie du warst. Und manchmal auch trotzdem.

So ist das. Und nun ist es gut.

(„Alles aus Liebe“, XXXXIX)


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6 Kommentare zu „Eine Geschichte: Epilog (XXXXIX)

    1. Ganz lieben Dank, das bedeutet mir viel. Ja, drüber nachgedacht habe ich. Zuerst war es nur für mich gedacht. Viele handgeschriebene Seiten. Dann kam die Idee eines Buches. Dann die Angst. Dann wollte ich es in die Schublade legen. Schlussendlich entschied ich mich für diesen Weg. Dann und wann denke ich, ein Buch wäre schön. Aber ich schaffe nicht, es anzugehen. Vielleicht, weil gerade hier eine Absage schwer wäre. Und vielleicht ist es auch gut so. Ich weiss es nicht. Liebe Grüsse

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  1. auch ich möchte dir sagen, dass ich alle Episoden mit großer Anteilnahme und sogar Spannung gelesen habe. Ich selbst bin ohne Vater aufgewachsen (er fiel im Jahr meiner Geburt), aber er spielte dennoch eine entscheidende Rolle in meinem Leben. Ich liebte ihn, träumte von ihm, schrieb ihm Gedichte. Seine Persönlichkeit zu verstehen – und damit auch ein Stück von mir – war mir ein tiefes Bedürfnis.

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        1. Das war auch das, was mich umgetrieben hat. Das Wissen um diese Verbundenheit, die gegenseitige, und doch die vielen dunklen Felder, die untergründlich blieben irgendwie.

          Heute denke ich in solchen Situationen immer an Rilkes Spruch: „Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“

          Ich denke, die EInsicht, dass wir nicht alles verstehen können (und wohl auch müssen) hat etwas Befreiendes. Und doch zieht es mich immer wieder zum Verstehen-Wollen hin. Aber: Es wird besser. Und ja, damit auch leichter.

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