Miteinander durchs Leben gehen

Als Ferdinand eines Tages nach Hause fährt, läuft der Hund seiner Nachbarin Marceline vor seinem Auto auf die Strasse. Ferdinand bringt ihn heim, findet Marceline in einem besorgniserregenden Zustand. Marceline lebt in einem baufälligen kleinen Haus, der nächste Regen bringt das deutlich ans Tageslicht, denn das Dach ist undicht und setzt die Wohnstube unter Wasser. Kurzerhand nimmt Ferdinand Marceline mit ihren Tieren bei sich auf. Platz genug hat er ja.

„Ich kann keine Miete zahlen, das wissen Sie genau.“
„Ich habe nichts von Ihnen verlangt.“
„Warum tun Sie das?“
„Weil es normal ist.“
„Was ist normal?“
„Sich gegenseitig zu helfen.“

Die kleine Wohngemeinschaft funktioniert wunderbar, Hund, Katzen, Esel, Hühner und die beiden Menschen leben einträchtig beieinander. Ab und an kriegen sie Besuch von Ferdinands Enkeln, die frischen Wind ins Haus bringen. Und schon bald wächst die Wohngemeinschaft an, da noch mehr Menschen Hilfe brauchen können und es schliesslich normal ist, sich gegenseitig zu helfen. Die Bewohner des ehemals viel zu grossen Bauernhofs wachsen zusammen und bauen sich miteinander ein Leben auf, bei dem für alle gesorgt ist. Selbst vor neuen Herausforderungen schrecken sie nicht zurück, nehmen sie gelassen und mit Freude.

Hortense [sie ist 95, S.M.] ist ganz aufgeregt, sie will so gern im Web surfen! Einer Maus auf dem Rücken rumklicken! Ein Fässbuch-Profil anlegen! Sie liebt ihre zwei neuen Freunde, vor allem den jungen Mann findet sie witzig, interessant und gutaussehend…oh, là, là!

Barbara Constantine gelingt es, in einer einfachen Sprache eine warmherzige Geschichte von Menschen zu erzählen, die das Schicksal zusammen gewürfelt hat, die sich zusammentun und ihr Leben in die Hand nehmen. Es ist die Geschichte von älteren Menschen, von denen jeder eine traurige Geschichte hinter sich hat, die durch die Gemeinschaft wieder an eine Zukunft glauben und beherzt in diese schreiten. Es ist eine Geschichte voller Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Zuneigung.

Und dann kam Paulette lässt einen lächeln, mitfühlen, sich freuen, hoffen und enttäuscht einen in keiner Art und Weise. Es ist eine unglaublich berührende Geschichte, die durch die Leichtigkeit des Erzählens, die direkte Sprache, welche die jeweiligen Charaktere widerspiegelt und beschreibt sehr nahe geht. Lesegenuss pur. Der einzige Haken: Viel zu schnell ist das Buch gelesen und man wäre so gerne noch länger in der Welt von Ferdinand, Marceline und den anderen geblieben.

Fazit:
Ein berührender, herzlicher, menschlicher, liebenswürdiger Roman. Unbedingt lesen!

Zur Autorin
Barbara Constantine
Barbara Constantine ist 1955 in Nizza geboren. Heute pendelt sie zwischen Berry (weil sie das Landleben liebt), Biarritz (der Familie wegen) und Paris (weil auch das Stadtleben ganz nett sein kann – manchmal jedenfalls) hin und her. Sie ist Drehbuchautorin, Töpferin und Schriftstellerin. Daneben liebt sie es, Bäume zu pflanzen, Scheunen wiederherzurichten und Zeit mit ihren beiden Katzen Alcide Pétochard (ein freundlicher Chamallow) und Pétunia Trouduc (eine kleine Zicke) zu verbringen. Von Barbara Constantine erschienen sind unter anderem Drei Wünsche an den Sommer (2010), Kleiner Tom, was nun? (2012), Und dann kam Paulette (2013).

ConstantinePauletteAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kindler Verlag (8. März 2013)
Übersetzung von: Ina Kronenberger
ISBN-Nr.: 978-3463406411
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

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Bernies einziger Fehler ist es, als Kind einer unverheirateten Mutter geboren zu werden. Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf, eine Odyssee des Schreckens beginnt. Mit einem Jahr kommt er, einem Vormund unterstellt, in eine Pflegefamilie. Dass ihn der Pflegvater mag und für ihn einsteht, nützt ihm wenig, der Vormund hat ihn von vornherein als künftigen Zuchthäusler abgeschrieben und tut alles, diese Prophezeiung zu erfüllen. Mit 14 kommt Bernie zur Abklärung in ein Heim. Das Resultat zeigt einen intelligenten normalen Jungen, der wieder heim darf. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, beschliesst der Vormund trotzdem, ihn nicht bei den Pflegeltern zu lassen, stattdessen kommt Bernie in ein Heim für schwererziehbare Kinder.

Schien das Leben bislang schon schwer genug, so lernt Bernie, dass es noch schlimmer geht. Prügelstrafen, Drohungen, Unterdrückung, Willkür – ein Leben ohne Rechte, ständig den Launen der Heimleiter und Lehrer ausgeliefert

Wie ich das alles hasste, diese ganze Bande Verrückter, zu der ich gehörte. Wie ich diesen Fritschi hasste, die Gehilfinnen, die Stallmeister und die Lehrer. Ich weinte beinahe vor Hass und Zorn, und dass ich für immer bei solchen Menschen leben musste.

Bernie merkt bald, dass sein Schicksal wohl besiegelt ist, er keine Möglichkeit hat, Gerechtigkeit zu erreichen. Die einzige Chance ist, möglich angepasst und unauffällig die Anweisungen zu befolgen. Nicht mal dann hat man die Gewähr, dass alles gut geht.

„Du hast keine Chance, nicht wahr?“

„Ich verstehe dich nicht“, sagte ich.

„Du kommst nie mehr aus diesem Heim heraus?“

„Nein, ich muss dableiben, ich habe keine andere Wahl.“

Bernie hat keine Wahl, er bleibt aber trotzdem nicht in diesem Heim. Die nächste Station ist ein Bauernhof, wo er als Verdingbub unter grausamen Verhältnissen ein Jahr überstehen muss, danach geht die Reise weiter in eine Arbeitserziehungsanstalt – eine weitere Steigerung an Schrecken, der fast in den Tod führt.

Arthur Honeggers Roman trägt autobiographische Züge. Beim Lesen entsteht ein Kloss im Hals. Man fühlt sich hilflos solcher Ungerechtigkeit gegenüber, man schämt sich, dass solche Dinge möglich sind. Man ärgert sich, dass man nichts tun kann und niemand damals etwas tat. Das Buch wirft Fragen auf: Wie können Menschen so sein? Was bringt es Menschen, andere so zu behandeln, Kinder von vornherein abzuschreiben und ihnen Gewalt anzutun? Wie können alle andern wegschauen, nichts tun? Was ist ein Mensch? Wozu ist er fähig?

Der Roman Arthur Honeggers schildert mit einer klaren Sprache und sachlich die Geschichte eines Jungen, der durch seine Geburt stigmatisiert und der Willkür derer ausgeliefert war, welche die Macht hatten, über ihn zu entscheiden.

Es ist ein Roman über eine dunkle Zeit der Schweizer Geschichte. Das Thema der Verdingkinder ist noch lange nicht aufgearbeitet, die Kinder von damals haben kaum je irgendeine Form von Genugtuung erfahren. Geschichten wie die von Bernie gab es viele. Bücher wie das von Arthur Honegger helfen hoffentlich, diese in Erinnerung zu rufen und endlich hinzuschauen und die Vergangenheit anzunehmen – mit allen moralischen Pflichten, die daraus resultierten.

Fazit:

Ein aufwühlendes Buch, das trotz seiner Sachlichkeit Emotionen weckt. Ein Buch, das darauf verzichtet, zu moralisieren, aus welchem aber die fehlende Moral laut schreit. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil die Geschichte nicht vergessen werden darf. Ein Buch, das gelesen werden sollte, weil es an sich lesenswert ist.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 340 Seiten

Verlag: Verlag Huber

Preis: CHF 48.90

Arthur Honegger: Die Fertigmacher. Roman mit einer Dokumentation von Charles Linsmayer, Verlag Huber, Frauenfeld 2004.

 

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