Allem gerecht werden

Ich hatte zeitlebens einen Traum: ich wollte Hausfrau und Mutter werden. Kein wirklich zeitgemässer Traum in einer Zeit, in der Frau die neuen Rechte leben MUSS, in der es nicht statthaft ist, nicht zu arbeiten. Die erste Frage bei neuen Bekannten ist immer: „Was arbeitest du?“ Ein „ich bin zu Hause“ wird mit Augenbrauenheben quittiert. Was eine zeitgemässe Frau ist, die etwas auf sich hält, die arbeitet. Gefälligst. Wofür haben wir sonst gekämpft? Die, welche so denken, sind wohl die, welche nie gekämpft haben, aber die Identifikation ist natürlich etwas Schönes. (ich habe eine andere Definition von Emanzopation, doch die tut hier nichts zur Sache)

Nun gut, ich stürzte mich nicht gleich ins Abenteuer Familie, sondern studierte erstmal. Das war Ziel seit Schulbeginn. Das stand ausser Diskussion. Nie in Konflikt mit dem Hausfrauentraum. Das Hirn wollte beschäftigt sein, musste es sein, war es sowieso ständig. Das Studium war toll, wenn auch nicht ganz einfach, eher unruhig durch all die Arbeitsunterbrüche. Beziehungen kamen, gingen, das Studium blieb. Der Hausfrauentraum kam näher, ich heiratete, das Kind kam. Familie konnte starten. Leider nicht ganz so traumhaft wie gewünscht, die Familienidylle platzte ziemlich schnell, Opfer von verschiedenen Dingen, die heute nicht mehr zählen, es ist, wie es ist. Eine Welt brach zusammen. Der Traum war weg, da stand ich nun.

Die Zeiten waren schwer, das Studium nicht fertig, die Familie im Eimer, das Kind klein. Dazu noch eine Schlacht, die gekämpft werden wollte. Ich hätte den Kopf in den Sand stecken können und sagen: ich mag nicht mehr, alles zuviel. Ich gebe auf. Jeder hätte es verstanden. Aber ich hatte eine Verantwortung. Dem Kind gegenüber. Mir selber gegenüber. Dem Leben gegenüber. Zudem hatte ich das Pech, dass ich schlicht nicht einfach zusammenbreche, sondern weiterlaufe… egal, wie kraftlos ich bin.

Während andere Tag und Nacht Masterarbeit schrieben und über Monate nichts anderes taten, als sich auf die Prüfungen vorzubereiten, hatte ich Tag und Nacht einen Säugling um mich, später ein Kleinkind. Und war alleine damit. So beendete ich das Studium, nicht mal schlecht.Was nun? Die einzige Konstante in meinem Leben war weg. Das, was mir so viel Halt und Kraft gab. Und ein kleines Kind war da. Und niemand, der uns ernährte. Niemand, der uns unterstützte. Vor allem mental. Und mein Anspruch, mein Kind selber aufzuziehen noch da. Ich bewarb mich für ein Stipendium für eine Dissertation. Ich hatte Glück, die Noten halfen wohl mit. Ich bekam es. Ich fing zu schreiben an, bewarb mich für ein zweites Stipendium. Erhielt auch das und schrieb weiter. Das Leben wurde nicht einfacher. Als alleinerziehende Mutter wurde ich offensichtlich und explizit diskrimiert. Ich erhielt Stellen nicht mit der Begründung, dass ich sie als alleinerziehende Mutter nicht bewältigen könnte. Man wollte mir mein selber erarbeitetes Stipendiumsgeld wegnehmen mit der Begründung, ich würde eh nur mein Kind durchfüttern damit und keine Dissertation schreiben. Und am Schluss stand noch mein Titel auf der Kippe, weil mein Fazit, dass man Völkermordsleugner mit einem speziellen Strafrechtsparagraphen konfrontieren müsse, nicht genehm war – trotz sauberer (und vorherig angenommener) Argumentation.

All das habe ich überstanden. Oft am Limit. Oft kämpfend. Oft nicht mehr könnend. Mich immer wieder aufrappelnd. Ich musste ja. Ich hatte eine Verantwortung. Ein Kind. Das ich tagsüber betreute, nachts meine Dissertation schrieb. Schlafen? Überbewertet. Die Decke kam oft bedenklich nah. Von aussen hörte ich: wann arbeitest du endlich mal? Man kann doch nicht nur zu Hause sein, Hausfrau sein? Sagte ich, ich schreibe eine Dissertation… war ich zu klug. Und fiel so durch die Maschen. Vor allem Männer fanden das abschreckend. „Du bist klüger als ich“ war das häufigste Argument, gleich gefolgt von „was verdienst du damit und kannst du davon leben?“.

Wieso ich den Weg wählte (abgesehen davon, dass bei der Immatrikulation klar war, ich will promovieren)? Ich konnte zu Hause bei meinem Kind sein, ihm den Halt geben, den es brauchte. Es hatte schon keine intakte Familie, ich wollte wenigstens da sein. Und das tat ich. Aus Liebe und aus Verantwortung. Das Kind wird grösser, die Dissertation ist durch. Wie weiter. Schreiben. Das muss es sein. Das ist so klar wie Klossbrühe. Doch das geht doch nicht. Das tut man nicht. Man muss arbeiten. Was Richtiges. Und ich bewerbe mich immer mal wieder. Will ja nicht immer ins Stocken kommen bei der ersten mir gestellten Frage: „Was arbeitest du?“ Will ja ein wertvolles Gesellschaftsmitglied sein. Leider stellt kaum einer ohne Doktortitel einen mit Titel ein. Doch die beste Absage kriegte ich heute: „Sie sind zu eigenständig. Wir denken, sie wollen sich einer Teamarbeit nicht aussetzen.“ Toll. Wäre ich doch nach der Trennung eingebrochen. Hätte ich doch bewiesen, dass ich nicht auf eigenen Füssen stehen kann. Muss. Dann wäre ich wohl angepasst genug.

War es ein Fehler, für mein Kind dasein zu wollen? War es ein Fehler, von zu Hause zu arbeiten bei der Dissertation, danach freischaffend, um das Kind nicht zum Schlüssel- und Hortkind zu machen? War es weltfremd, zu denken, man könne die Mutterzeit geniessen und leben, daneben durchaus arbeitend, wenn auch nicht gesehen von der sogenannten Gesellschaft?

Ich bin also zu eigenständig für eine Stelle. Das erinnert mich an eine Kritik an einer Studienarbeit: „Sie haben den Fehler gemacht, selber gedacht zu haben.“ Den Fehler werde ich wohl immer und immer wiederholen. Und damit anecken. Da ich sensibel bin, wird jede Ecke eine Narbe hinterlassen. Ich kenne mich aber mittlerweile gut genug, zu wissen, dass ich nicht aufhören will zu denken. Es auch nicht kann. Und so mache ich nun endgültig eigenständig weiter. Dankbar darum, dass es Menschen gibt, die wissen, dass ich sehr teamfähig bin, dankbar drum, dass es Menschen gibt, die hinter mir stehen, neben mir und vor mir. Dankbar drum, dass ich mein Denken habe, mein Schreiben. Und dankbar drum, dass es Menschen gibt, die an mich und daran glauben. Mehr ab und an, als ich selber. Aber ich arbeite daran.

Ich wollte nie persönlich werden in meinem Blog. Das hier war die Ausnahme der Regel. Mit grossem Dank an den einen immer an mich Glaubenden. Und mit Dankbarkeit an mein Denken, mein Sein. Denn das ist es, was mich ausmacht. Das mir auch das Leben schwerer macht. Aber ohne das – wär ich nicht ich. Und irgendwann lerne ich vielleicht, dass es nichts bringt, anderen und deren Erwartungen gerecht werden zu wollen. Man kann nur sich selber gerecht werden. Nicht egoistisch, nicht gegen die anderen, nicht sie ausnützend oder verletzend, aber für sich, das eigene Leben und die eigenen Wege.

5 Kommentare zu „Allem gerecht werden

  1. Leider ist es wohl nicht immer einfach SEINEN Weg zu gehen, vor allem wenn er nicht in die „normalen“ Rahmen der Gesellschaft, der Anderen passen. Du beschreibst sehr gut aus meiner Sicht wo du mit deinen Fähigkeiten und Bedürfnissen anneckst. Es ist sicher nicht einfach sich da bestätigt zu fühlen. Auch nicht wenn noch verstanden werden könnte – du seist jetzt Emanze oder eben gerade nicht. Werden deine Bedürfnisse anders angesehen da du Frau bist? Oder ist es nicht überhaupt müssig daran zu denken dass du Frau bist? Ich weiss es nicht – als Mann habe ich zum Glück diese Fragestellung nicht mal.
    Beim lesen deines Blogs kam mir aber vor allem eines in denn Sinn… I have a dream UND fight for your rights. Passender geht wohl nicht. Kämpf für DEINEN Weg – und lass ihn dir niemals wegnehmen, DEINEN Traum!

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