Joachim Ringelnatz 1883-1934:
Wer hat zum Steuerbogenformular
den Text erfunden?
Ob der in jenen Stunden,
da er dies Wunderwirr gebar,
wohl ganz — oder total — war?
Du liest den Text. Du sinnst. Du spinnst.
Du grinst – „Welch Rinds“ – Und du beginnst
wieder und wieder. Eisigkalt
kommt die Vision dir „Heilanstalt“.Für ihn? Für dich? – Dein Witz erblaßt.
Der Mann, der jenen Text verfaßt,
was mag er dünkeln oder wähnen?
Ahnt er denn nichts von Zeitverlust und Tränen?Wir kommen nicht auf seine Spur.
Und er muß wohl so sein und bleiben.
Auf seinen Grabstein sollte man nur
den Text vom Steuerbogen schreiben.
Jeder kennt sie, jeder hasst sie: Die Steuererklärung. Die alljährliche Plage, die so sicher kommt wie kaum was anderes. Schon Benjamin Franklin (amerikanischer Politiker und Wissenschaftler, 1706 – 1790) sagte treffend:
Nur zwei Dinge auf dieser Welt sind uns sicher: Der Tod und die Steuer.
Beim Lesen der oft wirren und verschlungenen Bestimmungen voller Wenns und Abers kann man nicht umhin, zu denken, dass der, welcher diesen Text erfand, selber nicht ganz grad und eher wirr sein musste. Der eigene Frust steigt, mit ihm die Flüche gegen die Steuern und deren Urheber, vor allem den Urheber dieser unseligen Erklärung, die vor einem liegt und endlich ausgefüllt werden sollte. Daran drückt nicht nur die Form derselben selber, sondern auch die Folgen, die sich im Portemonnaie spürbar machen. Und wer mag das schon. Insofern könnte wohl die Steuererklärung in poetischer Schrift oder klar wie Klossbrühe daher kommen – Spass macht die nie.
Drum wohlan, auf ans Werk: Wenn man beim Erledigen dieser unseligen Aufgabe ab und an an Ringelnatz und seine Zeilen denkt, geht die ganze Arbeit vielleicht sogar mit einem Lächeln auf den Lippen vonstatten. Man denkt sich dann ein „Rinds“ oder „Heilanstalt“ und kämpft weiter mit Zahlen, Belegen, Formulierungen.