Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Inhalt

«Für den Menschen heisst Leben…’unter Menschen weilen’ (inter homines esse) und Sterben soviel wie ‘aufhören unter Menschen zu weilen’ (desinere inter homines esse).

In ihrem Werk «Vita activa oder Vom tätigen Leben befasst sich Hannah Arendt mit den menschlichen Grundtätigkeiten, damit, was Menschen tun, wenn sie leben. Sie unterteilt diese in drei Kategorien: Das Arbeiten (alles, was für den Lebenserhalt notwendig ist), das Herstellen (das Schaffen von überdauernden Gütern) und das Handeln (den Umgang von Menschen miteinander, das Tun und Sprechen zum Zwecke der Gestaltung der gemeinsamen Welt). Während Arbeiten und Herstellen notwendig sind für das Leben und Überleben in dieser Welt, ist Handeln das, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Es ist das tätige In-der-Welt-Sein als viele Menschen (Pluralität), durch welches sich das jeweilige Wer des einzelnen Menschen offenbart und sich gleichzeitig in das Wir einfügt.

Weitere Betrachtungen

«Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, dass er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht.»

Wir Menschen neigen dazu, das Leben als Kausalkette zu sehen. Dinge passieren, so denken wir, weil wir sie so geplant haben, weil aus dem vorher zwangsläufig dies oder jenes hervorgehen könnte. Kommt es anders, sind wir erstaunt, um dann eine neue Erklärung zu finden, wieso es so kam. Kierkegaard sagte dazu, dass sich das Leben immer nur rückwärts erklärt, aber vorwärts gelebt werden muss. 

Nun ist es nicht so, dass wir dem Leben willkürlich ausgeliefert sind, keine eigenen Entscheidungsmöglichkeiten haben, sondern uns in die Dinge fügen müssen, wie sie sich darbieten. Es hilft aber, ein kleines bisschen Demut zu bewahren, wenn Dinge gelingen, denn sie hätten durchaus auch misslingen können – das gilt für uns selbst wie auch für andere. Nicht jeder, der im Leben nicht auf der Sonnenseite steht, hat dies selbst verschuldet, es ist nicht nur Dummheit, Faulheit oder mangelnder Wille, wenn Menschen durch die gesellschaftlichen Maschen fallen, sondern oft das Leben, das Menschen mit Schicksalen bedenkt, welche diese weder erwarten noch bewältigen konnten.

Dies im Blick, ist es an uns, dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft so aufgebaut ist, dass sie für diese Menschen Halt bietet, dass sie schaut, dass keiner durch die Maschen fällt, dass das Grundanliegen ist, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Wir haben nur diese eine Welt und wir können sie gemeinsam gestalten – was würde unser Leben für einen Sinn ergeben ohne sie?

«Jede menschliche Tätigkeit spielt in einer Umgebung von Dingen und Menschen; in ihr ist sie lokalisiert und ohne sie verlöre sie jeden Sinn. Diese umgebende Welt wiederum, in die ein jeder hineingeboren ist, verdankt wesentlich dem Menschen ihre Existenz…»

Hannah Arendt kritisiert die Verherrlichung der Arbeit, während das politische Handeln, welches erst eigentlich den Menschen und sein Leben in der Welt ausmacht, vernachlässigt wird. Sie betont die Notwendigkeit des Miteinandersprechens, da nur durch dieses die Möglichkeit besteht, die Welt zu gestalten.

Sie weist auf die Gefahren der modernen Massengesellschaften hin, in welchen nicht mehr Menschen miteinander sprechen, sondern die statt eines Jemands von Niemanden beherrscht werden, welche sich hinter bürokratischen Abläufen verstecken und damit jeglicher Verantwortung entgehen.

«Wo immer es um die Relevanz der Sprache geht, kommt Politik notwendigerweise ins Spiel; denn Menschen sind nur darum zur Politik begabte Wesen, weil sie mit Sprache begabte Wesen sind.»

Indem Menschen einen öffentlichen Raum schaffen, in welchem sie gemeinsam über die geteilte Welt sprechen, betreiben sie Politik und nur insofern sind sie frei.

Fazit
Ein umfassendes, scharfsinniges und tiefgründiges Buch über das menschliche Tun und was es heisst, ein verantwortungsvoller und politisch aktiver Mensch zu sein.

Hannah Arendt (eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.