Sie sass am Tisch und las. Der Artikel war interessant, aber komplex. Ein Weinen durchbrach ihre Konzentration. Es musste ein Mädchen sein, das weinte. Das Weinen wurde immer lauter, immer schriller. Es klang verzweifelt. Es war fast ein Kreischen, kein Weinen mehr. Es wurde unterbrochen von Wortfetzen – geschrienen. Mit Verzweiflung geschrien. Papi, schrie es. Ich habe dich so lieb, schrie es. Weinte weiter, schrie wieder nach dem Vater. Es konnte sich nicht beruhigen, es schrie und weinte und schrie. Immer wieder nach dem Vater, den es liebte, verzweifelt liebte. Wohl verlor, denn es schrie nach ihm. Dann war es ruhig. Eine Autotür schlug zu.

Sie sass am Tisch. Sie las nicht mehr. Die Schreie hallten nach. Dann hörte sie einen männlichen Seufzer. Draussen regnete es. Sie stellte sich vor, wie alle vom Regen durchnässt auf der Strasse gestanden hatten, wie der Himmel das Drama beweint hatte. Sie stellte sich den Vater vor, wie er noch dastand, die Haare ins Gesicht geklebt, der Blick verzweifelt. Und sie stellte sich vor, wie das kleine Mädchen völlig durchnässt und schluchzend im Auto sass und weggefahren wurde.

Was war passiert? Eine Mutter, die sich trennte, das Kind mitnahm? Oder die Behörden, die das Kind abholten, weil es zu Hause gefährdet schien? Hatte der geliebte Vater getrunken und das Kind sich selber überlassen? War die Mutter krank und konnte sich nicht kümmern, der Vater war von der Situation überfordert du verkroch sich in sich selber? Wurde das Kind geschlagen und liebte trotz der Schläge seine Eltern so verzweifelt, dass es lieber noch tausend Schläge erlebt hätte, als von zu Hause wegzumüssen?

Draussen war es still. Fast unheimlich still. Nur der Regen prasselte gegen das Fenster. Sie sass am Tisch und hörte ihm zu. Sie hörte auf das Rauschen ab und an vorbeifahrender Autos, hörte ein Flugzeug, das wegflog. Sie hörte den Regen, der alles wieder reinwusch. Die Schreie hallten immer noch nach. Sie zogen ihre Gedanken mit und hinterliessen ein Gefühl der Trauer. Sie wusste nicht, was passiert war, aber die Verzweiflung hatte sie tief in sich selber gespürt und spürte sie noch. Sie nahm einen letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse, nahm die Zeitung und legte sie weg.

Einfach mal schwach sein. Aufgefangen werden. Nicht mehr selber müssen. Einfach mal wissen, dass jemand da ist und alles macht, man sich zurück lehnen kann, anlehnen. An starken schützenden Schultern. Sich geborgen fühlen in starken Armen. Die einen halten. Die einen stützen. Die da sind. Um einen, bei einem, mit einem. Wo und wie man sie braucht. So dringend.

Einfach mal wissen, man ist nicht allein. Man muss nicht alles selber schaffen. Man kann auch mal aufatmen. Man kann ausspannen. Man muss nicht immer selber. Und nicht immer allein. Vertrauen können, dass alles läuft. Auch ohne eigenes Tun. Darauf bauen können. Und Kraft schöpfen. 

Einfach mal aufatmen. Tief und nachhaltig. Sich geborgen fühlen. An nichts denken müssen. Sich einmal freuen. An der Leichtigkeit des Seins, das bloss Illusion nur scheint. Einmal keine Sorgen. Keine Nöte. Keine Ängste. Sich einfach zu Hause fühlen, angekommen. In Sicherheit.