Halt in einer kalten Welt

Jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.

Ein Kunstantiquar reist zu Kriegszeiten aus Berlin in ein kleines Dorf, wo er einen Sammler alter Zeichnungen besucht, um ihm eventuell die eine oder andere abkaufen zu können. Er trifft einen alten Mann, der mittlerweile erblindet ist, dessen grösste Freude im Leben aber immer noch seine Kunstsammlung ist. Wer denkt, dass er diese wegen seiner Blindheit nicht mehr geniessen kann, der irrt, denn: Er kann sie gerade deswegen noch geniessen.

Jakob Mendel ist Buchtrödler mit Leib und Seele. Er kennt alle Bücher mit Namen, Seitenzahlen, Erscheinungsdatum- und Ort und mehr. Er wird mitunter auch „Magier und Makler der Bücher genannt“ und wer ihn sieht, der sieht einen alten Mann, der ganz im Lesen aufgeht – so wie andere Menschen im Beten.

Er las mit einer so rührenden Versunkenheit, dass alles Lesen von anderen Menschen mir seither immer profan erschien.

Von morgens bis abends sitzt Jakob Mendel im Hinterzimmer des Café Gluck in Wien und liest und empfängt die verschiedensten Menschen, die auf ihn hoffen in ihrer Büchersuche – bis er eines Tages von der Polizei abgeholt wird.

Stefan Zweig ist ein Meister der Personenbeschreibungen sowie der Beschreibung von Stimmungen. Dabei nennt er die Dinge nicht einfach profan beim Namen und stösst den Leser drauf, nein, er lässt den Leser die Geschichte erleben, indem er sie ihm plastisch macht in seiner wunderbar blumigen, von Metaphern durchsetzten Sprache. Man taucht ein in neue Welten, sitzt dabei, wenn was geschieht. Die Menschen der Geschichten werden einem vertrauter und man glaubt, sie zu kennen, sie zu erleben.

In diesen beiden Novellen zeichnet Stefan Zweig das Bild von zwei Liebhabern: einer liebt die Kunst, einer die Bücher – und beide tun sie das mit einer Hingabe, die ihresgleichen sucht. Sie finden ihr Glück, sie versinken in ihrem Tun und tauchen so selber in eine Welt ein, die ihnen Zuhause ist, Geborgenheit – selbst (oder gerade) wenn das Leben äusserlich wenig davon spüren lässt.

In einem Nachwort erfährt der Leser mehr über Stefan Zweigs Leben im Exil und seinen selbstgewählten Abschied von dieser Welt.

Begleitet werden die Geschichten durch Illustrationen von Joachim Brandenburg und Florian Arnold. Es ist ihnen auf ihre je eigene Weise gelungen, die Stimmung der Erzählung einzufangen und sie durch eine weitere, bildhafte Ebene zu erweitern. Dass das Buch selber sehr kunst- und liebevoll gestaltet ist, macht dieses Buch zu einer wahren Freude.

Fazit
Feinfühlige Personenbeschreibungen, philosophische Betrachtungen und Sprachschönheit verbunden mit wunderbaren Illustrationen, kunstvollem Layout und hochwertigen Materialien. Ein Fest für alle Sinne. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor und den Illustratoren:
Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien als Sohn des Textilindustriellen Moritz Zweig geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Wien 1891-1899 studierte er Germanistik und Romanistik und wurde mit einer Arbeit über Die Ursprünge des zeitgenössischen Frankreich 1904 in Wien zum Dr. phil. promoviert. Unter dem Einfluß Hofmannsthals schrieb er früh Gedichte (Silberne Saiten, 1901). Seine ersten Novellen (D) erschienen 1904. Weitere Novellenbände (Brennendes Geheimnis, 1911, Amok, 1922, Sternstunden der Menschheit, 1927) folgten und machten ihn weltberühmt wie auch seine großen Biographien (Romain Rolland, 1921, Joseph Fouché, 1929, Maria Stuart, 1935,Magellan, 1938, Balzac, postum 1946). Viele Studien- und Vortragsreisen führten ihn nicht nur in die westeuropäischen Länder, sondern auch nach Indien 1910, Nord- und Mittelamerika 1912, die Sowjetunion 1928 und ab 1935 mehrfach nach Südamerika. 1938 war seine erste Ehe geschieden worden, 1939 heiratete er Lotte Altmann. Er lebte kurze Zeit in New York und siedelte 1941 nach Petropolis (Brasilien) über, wo er am 22. Februar 1942 zusammen mit seiner zweiten Frau den Freitod suchte.

Der 1979 in Günzburg geborene Joachim Brandenberg legte mit seiner Comic-Bearbeitung einer Kurzgeschichte von O. Henry („Tobisch“) eine visuell unverkennbare Visitenkarte seines Könnens als Illustrator vor. Das Buch erschien 2015 im Jaja Verlag, Berlin. Auf dem Comicsalon 2016 wurde „Tobisch“ mit dem ICOM Independent Comic Preis als „Bester Independent Comic 2015“ ausgezeichnet und für den „Max und Moritz Preis“ nominiert.

Florian L. Arnold wird 1977 in Ulm/Do. geboren und hat Kunstwissenschaften studiert.
Der Nachtarbeiter mit österreichischen Wurzeln arbeitet als freier Zeichner, Schriftsteller und Sprecher. Nach den satirisch-sprachspielerischen Publikationen „A biß Z! Handwörterbuch zur Beseitigung der modernen Ratlosigkeit“ (2012) und „Würstelessen mit Aliens“ (2013) erschien im Frühjahr 2015 die Novelle „Ein ungeheuerlicher Satz“ im Mirabilis Verlag. Das Buch wurde 2015 vom Kuratorium der Hotlist unter die besten 30 Bücher aus unabhängigen Verlagen gewählt.
Seit 2016 ist Florian L. Arnold zudem Mitbegründer des Literaturverlags „Topalian & Milani“.Florian L. Arnold lebt in Ulm und Leipzig.

Angaben zum Buch:
zweigbuchmendelGebundene Ausgabe: 152 Seiten
Verlag: Topalian & Milani Verlag (20. September 2016)
ISBN: 978-3946423058
Preis: EUR: 23 ; CHF 31.90
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Das vorliegende Buch veröffentlicht erstmals die Briefe Stefan Zweigs an Lotte Altmann aus den Jahren 1934 – 1940. Die bislang schlecht dokumentierte Zeit in Stefan Zweigs Leben wird damit besser beleuchtet, stammen doch die bisherigen Kenntnisse fast ausschliesslich aus den Hinterlassenschaften und biographischen Schriften Friderike Zweigs, welche – es liegt in der Natur der Sache – nicht wirklich objektiv waren in Bezug auf die Person Stefan Zweigs.

Lotte Altmann kommt als Sekretärin zu Stefan Zweig, eingestellt wird sie von dessen Frau Friderike. Sie soll Stefan Zweigs Manuskripte abtippen, seinen Brieverkehr und sonstig schreibenden Tätigkeiten übernehmen. Schon bald scheint es zu einer Annäherung zwischen Stefan Zweig und Lotte zu kommen.

Ich bin vielleicht keine ganz leichte Natur, im allgemeinen werde ich Menschen rasch müde, es stört mich bald eine ihrer im Anfang verborgenen Eigenschaft, aber bei ihnen spürte ich von Anfang an eine solche Aufrichtigkeit, dass ich mich sicher fühlte.

Friderike ertappt die beiden in einer eindeutigen Situation, welche fortan zwischen den Eheleuten steht, aber nie beim Namen genannt, immer nur angetönt wird.

Trotz der offensichtlichen Verbundenheit bleibt die Sprache zwischen Lotte Altmann und Stefan Zweig immer sehr distanziert und sachlich. Zwar klingt eine Herzlichkeit durch die Zeilen, aber es kommt zu keinen wirklichen Bekenntnissen oder Andeutungen von Gefühlen, die über eine menschliche Anteilnahme am Wohlbefinden Lottes hinausgehen. Auch die Anrede bleibt über die ganze Dauer hinweg bis hin zur Hochzeit im Jahr 1939 förmlich, er schreibt sie als „Liebes Fräulein Altmann“ oder gar Liebes F. A. und mit Sie an.

Der einzige Brief, der diese Förmlichkeit durchbricht und Gefühle preisgibt, stammt von Lotte Altmanns – es ist der einzige von ihr erhaltene Brief, sonst finden sich nur Stefan Zweigs Briefe. Sie gesteht ihm darin, was er ihr bedeutet:

Mein Lieber, ich finde mich selber schrecklich feig, aber ich habe Angst, dass jemand dabei ist, wenn du den Brief bekommst […]
Ich möchte dir noch einmal sagen (oder habe ich es Dir noch nie gesagt, wie gerne ich Dich habe und wie glücklich Du mich durch Deine Freundschaft gemacht hast. […] Ich denke oft an Dich und unser Zusammensein.

Stefan Zweigs Antwort auf diesen Brief lässt einige Formalismen fallen, so ist es der einzige mit der Anrede „Liebes Fräulein Lotte“, er spricht von ihrem gemeinsamen Unternehmen (womit ihre Verbindung gemeint ist) und unterschreibt mit Stefan Z. (statt Stefan Zweig oder S.Z.). Bei den folgenden Briefen kehrt er wieder zur gewohnten Distanz zurück.

Die Briefe Stefan Zweigs zeichnen das Bild eines Mannes, dem die Arbeit über alles geht. Menschliches, Zwischenmenschliches ist ihm oft ärgerlich, da es ihn vom Arbeiten abhält.

Ich halte meine Arbeit für wichtiger als gesellschaftliche Verabredungen […] Aber ich bin’s schon gewohnt, dass alles hinter meine Arbeit gesetzt wird.

Stefan Zweig braucht zum Arbeiten völlige Ruhe, Einsamkeit auch, kann es nicht haben, wenn Menschen in der Wohnung, gar im Raum sind. Darüber kam es zu diversen Zerwürfnissen mit seiner ersten Frau Frederike Zweig, die teilweise auch in Briefen beschrieben und in diesem Buch abgedruckt sind.

Ich brauche nun Ruhe zur Arbeit, möchte auch bitten, mir nachmittags oder abends drei Stunden (geschlossene) vorher mitzuteilen, an denen ich allein hier im Haus bin. Ich kann nicht bei dem Hin- und Hergehen […] das Wesentliche arbeiten, das ich zu tun habe.

Stefan Zweig erscheint in seinen Briefen als Mann, der sehr charmant, sehr mitfühlend, sehr aufmerksam ist, so lange er arbeiten kann, die Dinge in seinem Sinne und wenig störend laufen. Sobald dies nicht der Fall ist, ändert sich sein Betragen drastisch und er braucht sehr klare Worte, seinen Unmut kundzutun. Dies äussert sich vor allem gegenüber Frederike, der er vorwirft, ihn als Ernährer zu wenig zu achten, sich ihm zu wenig zu unterwerfen und sein Arbeiten mit ihrem Wunsch nach Selbständigkeit zu stören.

Da ist ein Familienleben nur möglich, wenn die Familie sich vertrauensvoll und respektvoll dem unterwirft
1) der sie erhält
2) dessen „Beruf“ der einzig wichtige und einträgliche ist gegenüber den dilletantischen Spielereien
3) der der erfahrenste ist und am meisten über die Dinge vorausdenkt.
[…] betrachtet nicht Ihr meine Arbeit als das Centrale und einzig Wichtige, so Ich. Und damit Adieu.

Da es lange Etappen ohne Briefe gab, in denen die Lotte Altmann und Stefan Zweig gemeinsam unterwegs waren, werden die Briefe im vorliegenden Buch in ihren biographischen Kontext eingebettet, welchen der Herausgeber, Oliver Matuschek, Verfasser der sehr akribisch recherchierten Biographie Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie, fundiert kennt. Zudem erklärt er nicht eindeutige Briefpassagen und hilft so zum besseren Verständnis.

Nach der Eheschliessung 1939 finden sich fast nur noch Briefe an Angehörige, die von Stefan Zweig und Lotte Altmann oft gemeinsam geschrieben werden. Das Buch wird beschlossen mit einem kurzen Anhang mit wenigen Hintergrundinformationen zu den Briefen und marginalen Interpretationen derselben. Da die Interpretationen eher knapp und teilweise spekulativ sind, hätte gut auf sie verzichtet werden können. Dies aber nur eine kleine Kritik am Rande eines sonst gelungenen und aufschlussreichen Buches.

 

Fazit:
Mit diesem Buch ist es gelungen, Stefan Zweigs Leben in der Zeit zwischen 1934 und 1940 vor dem Hintergrund der damaligen geschichtlichen Ereignisse und den Menschen Stefan Zweig durch seine eigenen Briefe darzustellen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Stefan Zweig
Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg und zog dann nach London, wo er nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die britische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 reiste er mit seiner Frau Lotte über New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien, wo er sich 1942 umbrachte. Seine Frau Lotte folgte ihm in den Tod. Von Stefan Zweig erschienen sind unter anderem Brennendes Geheimnis (1911), Angst (1925), Sternstunden der Menschheit (1927), Ungeduld des Herzens (1939), Schachnovelle (1942) sowie diverse literarische Porträts.

Zum Herausgeber
Oliver Matuschek
Oliver Matuschek wurde 1971 geboren, studierte Politologie und Neuere Geschichte. Er ist Mitautor mehrerer Dokumentarfilme, war von 2000 bis 2004 Mitarbeiter des Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig und 2008 Kurator der Ausstellung „Die drei Leben des Stefan Zweig“ im Deutschen Museum in Berlin. Von Oliver Matuschek erschienen sind unter anderem Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig (2005) und Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biopgraphie (2006).

ZweigBriefeAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 367 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (März 2013)
Herausgeber: Oliver Matuschek
ISBN: 978-3596950041
Preis: EUR 24.99 / CHF 39.90

 

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