Alles glänzt, die Welt scheint gross.
man schaut hin und fühlt sich klein.
Sieht, was andre lassen, tun,
gerade so, wie’s ihnen passt.
Man denkt sich klein und unscheinbar,
sieht gar alle Felle schwinden,
hadert, zürnt und weint zu oft,
weil das Leben unfair war.

Alle andern haben alles,
nur man selber sitzt und darbt.
Dabei fehlt der Blick auf das,
was hinter der Fassade war,
die man glänzend sah, bestaunt,
denn das Dunkel sitzt bedeckt,
wo es auch bei einem liegt,
wenn man denn nach aussen spricht.

Niemand prahlt mit seinen Schwächen,
alle zeigen nur das Licht.
Sieht man hin, dann sieht man nur,
was andre zeigen wollten.
Horcht man bei sich selber dann,
hört man bloss den ganzen Rest.
Dort das Gute, das, was zählt,
hier das Kleine, viel das fehlt.

Mein Vater war immer für mich da. Mein Held, mein Ein und Alles. Ich liebe ihn, liebte ihn, über alles. Er war schwierig, ist es noch. Rechthaberisch, stur, brummig, mittlerweile alt und damit verstärken sich all die Marotten noch mehr. Seine Witze hörte ich mittlerweile 100 Mal, die Anekdoten ebenso. Ab und an jammere ich, was ich gerne anders gehabt hätte. Anders hätte. Ab und an schimpfe ich, wieso er ist, wie er ist. Wieso er war, wie er war. Und doch. Ich liebe ihn, weil ich immer auf ihn zählen konnte. Er sich Zeit für mich nahm. Mit mir baute, bastelte, spielte. Mir die Welt erklärte, mit mir Berge bestieg. Vor mir stand, hinter mir, neben mir. Immer. Und doch. Ab und an ist er alles andere als toll und die Schwächen treten zu Tage. Und ich schimpfe wie ein Rohrspatz und ich kann das gut. Nur: wenn ein anderer kommt und über ihn schimpft. Dann stoppt mein Schimpfen und die Empörung tritt ein. Das innerliche „Das geht doch gar nicht. Das hat er nicht verdient.“ Zwar kenne ich seine Schwächen, aber auch seine Stärken. Ihm nur seine Schwächen vorzuhalten fände ich unfair.

Mein Sohn ist ein lieber Junge. Von Anfang an ruhig, verständig, konnte sich gut selber beschäftigen, hatte und hat ein grosses Herz, will es eigentlich allen recht machen. Und er ist sensibel, sehr sensibel. Dass die Welt oft hart ist, macht das nicht besser. Ich kenne das. Aber er hat auch seine schwierigen Seiten. Er kann unglaublich stur sein. Kann auf objektiv falschen Meinungen beharren und einen angreifen, wenn man nicht klein beigibt. In solchen Momenten könnte ich aus der Haut fahren. Wünschte mich weit weg. Muss bleiben. Möchte toben, muss mich beherrschen. Und dann kommt jemand. Beklagt sich. Erzählt, mein Sohn sei genau so, wie oben beschrieben. Und ich werde zur Löwin. Finde, das geht gar nicht. Mein herzensgutes Kind. Das so gut und humorvoll und anständig ist. Das Kind, das so ein so grosses Herz hat. Klar hat er seine Macken, aber ihn so zu kritisieren, ohne seine guten Seiten zu loben? Das geht ja gar nicht. Das ist unfair.

Grossvater und Enkel lieben sich innig. Doch der Grossvater ist, wie er ist. Der Enkel ebenso. Und es knallt. Der Enkel tobt, motzt, wird ausfällig, der Grossvater kritisiert. Und ich steh da. Finde, so kann man meinen Papa in der Tat nicht behandeln. Finde, so kann man meinen Sohn wirklich nicht verurteilen. Stehe in der Mitte und habe einerseits für beide Verständnis, andererseits fühle ich mit beiden mit und will jeden verteidigen.

Schlussendlich lieben wir uns alle drei weiter. Der Ärger verfliegt, der nächste kommt, die Geschichte geht weiter. Nur: wie oft verurteilen wir sonst im Leben? Aufgrund von kleinen Geschehnissen, kurzen Erlebnissen? Daran messen wir einen Menschen und bilden unsere Meinung. Bauen manchmal gar Feindbilder. Einseitig, geprägt von dieser einen Situation. Zu recht?