Ein ungeschriebener Brief

Mein lieber Sohn

Heute vor 14 Jahren wäre ich fast gestorben. Einfach so verblutet. Hätte es keine Hilfe gegeben.

Ich war schwanger. Schon eine Weile. Es war kompliziert. (Mein Leben wohl generell, scheint mir ab und an.) Wöchentlich ein Notfall, du schienst verloren. Ich lag still, damit du es nicht seist. Über Monate. Um ja nichts zu gefährden. Immer wieder gab es Alarm. Immer wieder rannten wir zum Notfall. Aber es half nichts, schon früh hörte ich: „Wir werden ihm nicht helfen.“

So rein theoretisch hätte ich mir nie ein behindertes Kind vorstellen können, ich gebe es zu. Nicht dass ich etwas gegen Menschen mit Behinderung gehabt hätte, im Gegenteil, ich ertrug nur nicht, wie sie in unserer Gesellschaft behandelt werden – und ab und an fühlte ich mich mit meiner Sensibilität selber behindert. Du dem ausgesetzt? Es hätte mir das Herz gebrochen.

So gingen wir von Notfall zu Notfall, gemeinsam. Nach acht statt zehn Monaten war es zu Ende. Der Notfall war endgültig und nicht mehr abzuwenden. Der ganze Saal blutrot, ich fast verblutet, du dem Tode nah. Ich hatte so lange gekämpft. Du mit mir mit. War es das gewesen? Das durfte nicht.

Es war es nicht. Zum Glück.

Brutkasten, Wärmebett, dann nach Hause – auf eigene Verantwortung. Auch danach war alles immer auf meine eigene Verantwortung. Es gab nur dich und mich. Es kam gut, du wuchst heran. Heute hast du Geburtstag. 14 Jahre sind vergangen, es kommt mir vor wie gestern. Alles, was ich im Leben wollte, war, da zu sein für dich.

Ich wollte so viel sagen, es war so präsent. Es ist nun weg, irgendwo zwischen den Zeilen versickert. Vielleicht haben es die Tränen weggewischt, ich weiss es nicht. Was bleibst ist: Ich liebe dich.

In Liebe,

Mama

Ein Brief, der nie geschrieben wurde. Was vielleicht besser ist…mehr dazu gäbe es sonst: hier

Ich bin stark

Ich bin sensibel. Sehr sensibel. Das hörte ich schon als Kind, fast wie ein Schimpfwort wurde es mir ins Gesicht gesagt. Hypersensibel wurde ich genannt und kriegte den gut gemeinten Rat, mir ein dickes Fell zuzulegen. Ich solle die Dinge nicht persönlich nehmen, nicht alles so nah an mich heranlassen. Ich ginge unter im Leben, hiess es, die Welt nehme keine Rücksicht auf mich. In der Welt gebe es nie Lob, nur Tadel. In der Welt nehme mich niemand in den Arm. Da müsse ich selber dastehen. Niemand helfe, alle seien neidisch. Und man war wie diese Welt, um mich auf eben diese vorzubereiten. Und vielleicht war man so, weil man es selber nicht anders kannte.

ich blieb sensibel. Dass es nicht immer einfach war, kommt hin. Ich hörte es auch später noch oft. Man sucht sich wohl unbewusst immer Menschen, die die alten Muster erfüllen. ich fand sie zielgerichtet. Suchte den Fehler  immer bei mir. Sie alle sind im Recht. Ich bin nur zu sensibel. Und vielleicht auch sonst schräg gewickelt. Irgendwann liess ich sie alle hinter mir. Ging meinen Weg alleine. Schlussendlich ist man eh immer alleine – vor allem, wenn man sensibel ist. Und ich wurde stark. Liess mir nichts mehr anmerken. Meisterte mein Leben. Meisterte es wohl sogar ganz gut. Hörte von allen Seiten, wie stark ich sei. Bewunderung schwang mit. Ich schwächte ab. Ich bin nicht stark, ich habe nur keine andere Wahl. Irgendwer muss dieses Leben ja leben und niemand nimmt es mir ab. Zudem habe ich Pflichten und Verantwortung. Aber sie blieben dabei: Ich sei stark.

Stark sein erntet also Bewunderung, Sensibilität wird vorgeworfen, verachtet, ausgenutzt.

Sensibel bin ich immer noch, ich zeige es wohl weniger. Zudem hat das Leben halt gezeigt, dass die Dinge funktionieren müssen, man selten eine Wahl hat. Das Kind will essen, die Arbeit will gemacht sein, die Rechnung bezahlt. Daneben noch Haushalt, Nebenjobs, alles alleine, im Kampf gegen Windmühlen verschiedener Art. Und ich habe es geschafft. Ich merkte, am Schluss schafft man alles, selbst wenn es nicht so aussieht. Selbst wenn man zweifelt, fast verzweifelt, jammert – es geht. Aber es kostet Kraft. Immer ein wenig mehr. Und sie geht aus. Und man denkt, ich kann nicht mehr. Man sagt, ich kann nicht mehr. Alle nicken. Verstehen. Man macht weiter. Was würde man sonst tun? Was könnte man tun?

Und dann kommt die nächste Hürde. Man wird sogar gefragt: Packst du das? Klar, kein Thema, ich pack das. Es ist ja gut und richtig, es wird schwer. Aber ich packe es. Zu sagen, es nicht zu packen, wäre sensibel. Wäre unvernünftig. Wäre falsch. Wäre schwach. Und vielleicht auch egoistisch. Andere müssten sich nach mir richten, würde ich es nicht schaffen. Das will ich nicht. Und es wird wahr. Und ich sitze hier. Und ich denke: Ich will das nicht schaffen. Ich will das alles nicht. Klar werde ich auch das wieder schaffen. Bleibt ja nichts. Aber ich will das so nicht. Und nein, ich bin nicht zufrieden damit. Und es geht mir nicht gut damit. Und ich will nicht stark sein. Ich bin nicht stark. Ich muss immer stark sein. Aber ganz tief drin bin ich immer noch sensibel. Und verletzlich. Und das schreit in mir. Und tobt. Und jammert. Bis es wieder schweigt. Und ich nicke. Und sage: „Ja, geht gut, ich pack das. Ich bin ja gross und stark.“