Richard Ford: Der Sportreporter

Des Lebens Fluss

Mein Leben ist in diesen zwölf Jahren keineswegs übel gewesen, und das ist es auch heute noch nicht. Es ist in fast jeder Beziehung phantastisch gewesen. Und obwohl mir mit zunehmendem Alter immer mehr Dinge Angst machen, und obwohl mir immer klarer wird, dass einem üble Dinge passieren können und auch tatsächlich passieren, gibt es sehr wenig, was mich wirklich beunruhigt oder nachts nicht schlafen lässt. Ich glaube immer noch an die Liebe und Leidenschaft. Und ich würde nicht viel oder gar nichts ändern. Vielleicht würde ich mich nicht mehr scheiden lassen. Und mein Sohn, Ralph Bascombe, würde nicht sterben.

Frank Bascombe lebt im New Jersey der 80er Jahre, ist Mitte 30, geschieden, Sportreporter. Er lebt ein eigentlich einfaches Leben, reist durchs Land, um Interviews mit Sportlern zu machen. Ab und an trifft er sich mit seiner Exfrau, die er X nennt – vermutlich weil ihm der richtige Name zu nahe ginge und er nichts wirklich an sich heran lässt.

Während Frank sein beschauliches Leben lebt, verliert er sich immer wieder in Gedanken und Erinnerungen. Er denkt über seine Kindheit nach, über seine Beziehungen, einzelne Erlebnisse, die ihn in der Vergangenheit prägten, über die Brüche in seinem Leben. Diese Brüche  scheinen die Konstante in Franks Leben zu sein: der Verlust des Sohnes, der Ehefrau, der literarischen Ambitionen. Frank ist Mitglied im Club der geschiedenen Männer, obwohl er von sich behauptet, über seine Scheidung hinweg zu sein. Dieser eher oberflächliche Club besticht durch zwei Dinge: Seine Mitglieder haben alle Brüche im Leben erlebt, wie Frank selber und es sind die einzigen Menschen, zu denen er eine irgendwie geartete Beziehung hat, so oberflächlich sie auch sein mag.

Frank möchte ein neues Leben aufbauen, allerdings vermeidet er alles, was ihn wirklich aus der Vergangenheit lösen und in die Gegenwart eintauchen liesse. Und so zerbrechen auch seine Neuanfänge und er sucht weiter. Und glaubt weiter, dass er finden wird, was er sucht.

Möglichkeiten brauchen wir alle. Und wenn ich in die gemauerte Welt dieser amerikanischen Städte hinausgehe, empfinde ich genau das. Jede Menge Möglichkeiten. Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, die mir aber möglicherweise gefallen, sind hier und warten vielleicht auf mich. Selbst wenn sie’s nicht tun. Die Heiterkeit eines Neuankömmlings.

Der Sportreporter ist der erste Teil einer Trilogie (Teil zwei und drei sind Unabhängigkeitstag und Die Lage des Landes) um Frank Bascombe, einen durchschnittlichen Menschen, der sich selber zu erfinden versucht, sich dabei immer wieder auf starke Frauen stützt, die nie bleiben, der sein eigenes und das Scheitern Amerikas über Seiten hinweg reflektiert und den Leser auf diese Weise eintauchen lässt in seine Gedanken, seine Irrläufe, sein Leben.

 

Fazit:
Ein ruhiges Buch, ein Buch voller Erzählungen und mit wenig Erlebtem. Das Buch lässt einem Frank Bascombe ans Herz wachsen, indem es einen mit in die Tiefen seiner Gedanken mitnimmt. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Richard Ford
Richard Fordwurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. Er studierte zunächst Hotelmanagement, dann Englische Literatur und schließlich creative writing bei E.L Doctorow. Er hat sechs Romane sowie Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. 1996 erhielt er für Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den Pen/Faulkner Award. Er zählt mit Raymond Carver und Tobias Wolf zu den Begründern des dirty realism. Von ihm erschienen sind unter anderem Unabhängigkeitstag, Die Lage des Landes, Kanada, Der Sportreporter.

 

FordSportreporterAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 528 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Dezember 2013)
Übersetzung: Hans Hermann
ISBN-Nr.: 978-3423142717
Preis: EUR  12.90 / CHF 21.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter andrem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

Scheidungskinder

Scheidungskinder – das Thema einer TV-Sendung heute. Experten und Betroffene sprechen über das Thema, was mit Kindern passiert, wenn die Eltern sich nicht mehr verstehen und beschliessen, getrennte Wege zu gehen. Wie sieht der richtige Weg aus, was muss sein, was vermieden werden?

Eine Scheidung ist eine Vertragsaufhebung. Es folgt eine neue vertragliche Regelung, wenn Kinder im Spiel sind. Wer sorgt für das Kind, wer zahlt? Wer sieht das Kind wann und wie oft und wer bestimmt über die relevanten Dinge? Was einst natürlich wuchs, soll nun rechtlich geregelt werden (wobei natürlich auch die innerfamiliäre Lage teilweise geregelt ist). Schwarz auf weiss. Problematisch ist nur, dass egal, was steht, das tägliche Umsetzen etwas anderes ist. Die Menschen, die ihre Ehe auflösen, weil sie nicht mehr gemeinsam können, sollen nun gemeinsam weiter gehen – in Bezug auf das Kind. Das ist eine nette Idee, die durchaus ihre Grundlagen hat, da beide Elternteile weiter Elternteile bleiben. Nur  löst man eine Ehe nicht einfach so auf in den meisten Fällen. Meist sind Zerrüttung oder sonstige schwerwiegenden Probleme der ausschlaggebende Punkt. Wo also steht da das Gemeinsame? 

Eltern sollen – so die Befürworter des gemeinsamen Sorgerechtes – die Betreuungszeit besten Falls halbe-halbe ausfüllen. Wieso soll das klappen nach einer Scheidung, wenn es vorher meist nicht ging? Karriere, Hobbies, vieles stand im Weg. Die heutige gesellschaftliche Situation sieht noch immer oft so aus, dass die Hauptbetreuungslast bei den Frauen liegt und nicht bei den Männern. Und selbst engagierte Väter sind oft 100% arbeitstätig, während die Frauen prozentual oder gar nicht (für eine gewisse Zeit) ausser Haus arbeiten. Das lässt sich auch mit netten Worten wie „Qualitätszeit“ nicht negieren. 

Schlussendlich bleibt die traurige Erkenntnis: Getrennte Eltern sind für Kinder nie gut. Und für die Eltern bedeutet es ein Umdenken. Kinder brauchen Stabilität, ein Zuhause und einen Bezugspunkt. Das ständige Hin und Her wäre für sie mehr Zerreissprobe denn Segen. Zerstrittenen Eltern eine gemeinsame Entscheidung gesetzlich aufzuzwingen würde für die Kinder kaum Positives bringen. Die Streitereien, die meist schon vor der Scheidung das Familienleben prägten, wären noch immer präsent, zusätzlich zur Verarbeitung der neuen Umstände. 

Trennungen bedeuten Verlust. Verlust von Rollen, von Mustern, von Menschen und von Nähe. Von den einen will man diese, von den anderen nicht. Wenn man sich für eine Trennung entscheidet, muss man sich bewusst sein, dass man nur das ganze Paket kriegen kann. Das im Kopf könnte man dahin gehen, bewusster mit Beziehungen (gerade, wenn man Eltern eines Kindes ist) umzugehen und sie eben nicht aufs Spiel zu setzen. Das Leben wird nach einer Trennung nicht leichter. Es eröffnen sich neue Probleme. Das Leben wird nicht besser, es wird nur anders. Und für Kinder wird es nie mehr so, wie sie es verdient hätten.