Helga Schubert: Der heutige Tag

Ein Stundenbuch der Liebe

Inhalt

«Ich liebe ihn sehr.»

Das Kennenlernen dauerte lange, die Annäherung war nicht leicht, waren sie doch beide vergeben. Für ihn hätte es zweigleisig weitergehen können, doch sie wollte irgendwann klare Fronten – und kriegte sie. Er zog bei ihr ein. Seit damals sind über fünfzig Jahre vergangen. Als er krank wurde, entwickelte sich das mehr und mehr zu einer Vollzeitaufgabe, die sie mit Hingabe und Liebe übernahm.

Helga Schubert schreibt die Geschichte einer Frau, die ihren kranken Mann pflegt. Sie schreibt von den körperlichen und psychischen Herausforderungen, von den guten und schlechten Zeiten. Sie schreibt von viel Liebe und Zugewandtheit, aber auch von Verzweiflung. Sie schreibt eine Geschichte, die sie gut kennt, denn es ist ihre Geschichte.

Gedanken zum Buch

«Bald wird er sie nicht mehr erkennen.
Das ist das Schlimmste, dachte ich damals.
Dann werde ich nur eine austauschbare Hilfe für ihn sein.
Nicht mehr die Einzige, die unverwechselbare Geliebte.»

Die Betreuung von Angehörigen bringt je nach Krankheit verschiedene Anforderungen mit sich. Während es bei körperlichen Beschwerden vor allem physische Kraft braucht, damit umzugehen, nehmen bei den geistigen Beeinträchtigungen die psychischen Belastungsmomente zu. Helga Schuberts Mann ist zunehmend dement, was es mit sich bringt, dass er immer mehr vergisst – irgendwann wohl auch sie. Der Gedanke, dass ein Mensch, mit dem man so lange das Leben teilte, dem man so verbunden ist und für den man als der Mensch, der man ist, wichtig war, einen plötzlich nicht mehr erkennen könnte, ist nicht leicht zu bewältigen. Es ist quasi ein Weg in die Beliebigkeit, das Kappen eines Bandes, an dem man sich bislang halten konnte.

«Ich muss ein Mittel gegen die Verzweiflung finden, in die ich manchmal falle.»

Helga Schubert redet nichts schön in diesem Buch, sie verklärt nicht, sie klagt auch nicht, sie beschreibt das Leben, wie es ist, mit allem, was es an Schönem und Beschwerlichem mit sich bringt. Entstanden ist so ein sehr liebevolles, warmes, berührendes Buch.

«Eigentlich ist es egal, wo ich lebe, dachte ich, Hauptsache, er ist da, und wenn er nicht mehr in diesem Pflegebett liegen würde, zufrieden und gesättigt und ohne Schmerzen, sondern sein Körper tot wäre und ich in einer Einzimmerwohnung…wäre er ja auch immer da, denn er ist ja in mir.»

Wir lesen von einer Liebe, die tief geht, die dauert, andauern wird, egal, was passiert. Diese Liebe tropft aus den Worten, steht zwischen den Zeilen, fliesst aus dem Buch. Sie macht Hoffnung, hilft, dass aus Mitgefühl kein Mitleid wird, dass die Schwere des Themas nicht erdrückt.

«Auch jetzt als alte Frau, dachte ich plötzlich, habe ich ja noch richtige Lebensaufgaben zu lösen: Es geht nämlich um das Loslassen, um das Annehmen…»

«Der heutige Tag» ist ein Buch, das auch Mut macht. Es lässt an die Liebe glauben, es zeigt, wie viel man als Mensch schaffen kann. Es zeigt auch, dass es wichtig ist, für sich selbst immer wieder Nischen zu suchen, Dinge, die einen freuen. Bei Helga Schubert ist es ihr Schreiben, wenn alles getan ist. Es ist ein Buch, das zeigt, dass das Leben immer wieder neue Herausforderungen an uns heranträgt, und dass wir lernen können, damit umzugehen. Weil der Mensch nie aufhört zu lernen.

Fazit
Ein warmherziges, persönliches, offenes, unsentimentales, aber sehr berührendes Buch über eine grosse Liebe.

Zur Autorin
Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Nach zahlreichen Buchveröffentlichungen zog sie sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte ›Vom Aufstehen‹ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423283199

Habbo Knoch: Im Namen der Würde. Eine deutsche Geschichte

Inhalt

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dass sie schutzbedürftig ist, hat der Lauf der Geschichte immer wieder gezeigt, gerade in den grausamsten Kapiteln derselben. Aus denen speist sich auch der Wert der Würde und der Wunsch, sie zu sichern und zu schützen.

«Denn es lässt sich, und das soll dieses Buch zeigen, eigentlich nur sagen, was unter der Würde des Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und Bedingungen verstanden wurde, und damit auch, ob und wie dies mit Kontinuitäten und Diskontinuitäten in Politik, Recht und Gesellschaft einherging.»

Habbo Knoch erzählt die Geschichte der Würde, ihrer Einbettung in die historischen Gegebenheiten der einzelnen Jahrhunderte. Er beleuchtet die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Veränderungen, welche einen Wandel des Würde-Begriffs mit sich brachten. Was ist Würde, wem steht sie weswegen zu und wie können wir sie schützen?

Gedanken zum Buch

«Kontingent ist Würde dann, wenn sie als moralische oder soziale Auszeichnung und Bewertung zugeschrieben, erworben und verloren werden kann… Anders die inhärente Würde: Sie ist eine unsichtbare Idee, ein Konzept oder eine Eigenschaft.»

Bevor wir über Würde sprechen, müssen wir erst wissen, was Würde überhaupt bedeutet. Da fängt das Problem an, da man vergeblich nach einer eindeutigen, allgemeingültigen Definition sucht. Die verschiedenen Disziplinen des Rechts, der Politik, der Soziologie, Philosophie und mehr haben sich mit ihr befasst und sind zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen, je nachdem, woran sie den Begriff festmachten. Grundsätzlich lassen sich zwei Sichtweisen unterscheiden: Der kontingente und der inhärente Würdebegriff. Beim ersten ist die Würde eine konventionell vorgenommene, der Zeit und Kultur angepasste Grösse, beim zweiten ist sie dem Menschen qua seines Menschseins zugeschrieben. Beiden gemein ist, dass sie schutzbedürftig ist, da Machtansprüche sie in Gefahr bringen können.

«Um der Menschenwürde eine fundamentale politische und gesellschaftliche Bedeutung einzuräumen, musste sie sich die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft erst als etwas bewusst machen, das dem Menschen durch systematische Massenverbrechen an Körper und Geist genommen werden kann.»

Der Wert der Würde zeigt sich dann am besten, wenn sie in Gefahr ist oder schon mit Füssen getreten wurde. In Unrechtsregimen wurde oft mit Methoden gearbeitet, welche den Opfern ihre Menschenwürde durch entsprechende Behandlung nahmen, sie so als Personen noch vor dem wirklichen Tod sterben liessen.

«[Im Prinzip der wechselseitigen Anerkennung] spiegelt sich der wachsende Bedarf einer hochgradig diversen Gesellschaft wider, für deren konfliktintensive Verflechtungen gemeinschaftsorientierte Praktiken entworfen werden, um individuelle Spielräume im Zeichen von Respekt und Toleranz auszuhandeln. Die Menschenwürde dient hierbei als eine diskursive Schutznorm, um die Verletzlichkeit des anderen jederzeit bewusst zu machen und die Grenzen der eigenen Selbstentfaltung wie von anderen Machtinstanzen aufzuzeigen.»

Gesellschaften, die nach Gleichheit streben, die sich als gerechte Verbände von Menschen verstehen, die jedem Einzelnen seine Rechte zugesteht, basieren auf dem Konzept der gegenseitigen Anerkennung. Diese ist umso wichtiger, je grösser die Diversität in der entsprechenden Gesellschaft ist. Diese auszuhalten bedarf des gegenseitigen Einfühlungsvermögens, der Bereitschaft, den anderen so zu nehmen, wie er ist, im Wissen, dass sein Wert und seine Würde gleich der eigenen ist. Diese Bereitschaft ist ungleich grösser, wenn man erlebt hat, was es heisst, wenn diese fehlt und die menschliche Grausamkeit sich in ihrer ganzen Schwärze zeigt.

Habbo Knoch reist durch die Jahrhunderte, zeichnet die gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Veränderungen nach und zeigt, wie diese auf den Begriff der Würde wirkten aufgrund eines sich verändernden Menschen- und Gesellschaftsbilds. Er tut dies auf eine gut lesbare, kompetente, umfassende Weise, so dass man ihm gerne durch die Jahrhunderte folgt, um dem Konzept der Menschenwürde auf die Spur zu kommen. Ob sie allerdings nach der Lektüre wirklich fassbarer ist als vorher, ist fraglich, aber man hat doch so weit hinter die Kulissen gesehen, um sich ein Bild zu machen und selbst weiterzudenken.

Fazit
Ein fundiertes, kompetentes, umfassendes Buch zum Begriff der Würde, wie er in verschiedenen Zeiten entwickelt und verstanden wurde. Ein mehr zeithistorischer als ideengeschichtlicher Ansatz.

Zum Autor
Habbo Knoch, geboren 1969, studierte Geschichte, Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie in Göttingen, Bielefeld, Jerusalem und Oxford und war ab 2008 Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Seit 2014 lehrt er Neuere und Neueste Geschichte an der Universität zu Köln. Er interessiert sich besonders für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und für Fragen der kollektiven Erinnerung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446274167

Bruno Heidlberger: Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken

Inhalt

«Es geht mir um eine konstruktive Neubewertung einer der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts und um die Sichtbarmachung der ungebrochenen Aktualität ihrer Themen.»

Was hat uns Hannah Arendt heute noch zu sagen? Wie aktuell sind ihre politischen Theorien, gerade auch im Hinblick auf die Kriegssituation zwischen Russland und der Ukraine?

Bruno Heidlberger liefert eine fundierte Darlegung der Hintergründe der Kriegssituation sowie deren Entstehung, und beleuchtet anhand dieses Beispiels Hannah Arendts Theorien zum Totalitarismus sowie der Freiheit, welche Ziel des gemeinschaftlichen politischen Handelns in einer Demokratie sein soll.

Gedanken zum Buch

«Eine Welt, die Platz für Öffentlichkeit haben soll.»

Politik nach Arendt bedeutet die gemeinsame Gestaltung der Welt, welche nur möglich ist durch Beziehungen und Begegnungen. Damit sich Menschen in ihrer Vielfalt begegnen können, bedarf es öffentlicher Plätze, in denen das gemeinsame Handeln, das politsche Handeln seinen Anfang hat.

«Während für Kant der Wille und der Gebrauch der Vernunft vonnöten sind, um Böses zu verhindern, das Böse eine Option der menschlichen Freiheit ist, betont Arendt die Notwendigkeit des autonomen Denkens, des ‘Denkens ohne Geländert’.»

Sich auf die Vernunft zu berufen ist mitunter eine gute Ausrede, nicht selbst denken zu müssen, sondern sich der gängigen Meinung als aktuell verbindliche Vernunft anzuschliessen. Die Sicht, was vernünftig, gut und richtig ist, wandelt aber mit Zeit und Ort, je nach Kulturkreis und Epoche gelten andere moralische Massstäbe, denen es zu folgen gilt. Erst das eigene Denken, das Denken ohne vorgeschriebene Geländer, bringt den Einzelnen dazu, sich und sein Handeln zu hinterfragen und dafür auch Verantwortung zu übernehmen. Dies ist die wirkliche Freiheit, derer es bedarf, will man dem Guten Vorschub leisten und das Böse nicht selbst befeuern.

«Freiheit als Handeln bleibt für Arendt immer ein riskantes Ereignis, das allein auf der Anerkennung der Pluralität und dem Versprechen und Verzeihen beruht.»

Menschen sind unterschiedlich, aus dieser Pluralität setzt sich die Gesellschaft zusammen, die als Gemeinschaft aufgefasst werden sollte, will man zusammenleben. Dies gelingt nur, wenn diese Pluralität, jeder in seinem Sein, akzeptiert ist und das gegenseitige Versprechen im Raum steht, seinen Teil dazu beizutragen, diese Gemeinschaft zu schützen und zu stützen.

«Freiheit ist jedoch keine Willkür, sondern vielmehr eine kollektive Verantwortung, die wir alle für die Dinge tragen, die in unserem Namen geschehen.»

Dazu ist es wichtig, sich nicht nur als einzelnes Individuum zu sehen, sondern als Kollektiv, als Zusammenschluss verschiedener Einzelner, die gemeinsam entscheiden in demokratischer Absicht, um dann die Verantwortung dafür zu übernehmen, was durch dieses und in diesem Kollektiv geschieht.

«Die dunkelste Zeit ist für Hannah Arendt die des Totalitarismus. In ihm ist der Raum für politisches Handeln zerstört.»

Das ist in totalitären Systemen nicht mehr möglich, weil es da um die Gleichschaltung der Einzelnen geht, bei welcher eigenes Denken und Vielfalt nicht mehr gefragt, sondern im Gegenteil verurteilt, ausgegrenzt und oft mit harten Mitteln bestraft wird.

Fazit
Ein fundiertes und aufschlussreiches Buch über die aktuelle Situation zwischen Russland und der Ukraine (wie auch die Vorgeschichte des Krieges) sowie die Anwendbarkeit von Hannah Arendts Gedanken zu einer funktionierenden Politik verstanden als gemeinsames Handeln zwischen Verschiedenen und doch Gleichen als Kollektiv zur Schaffung einer gemeinsamen Welt.

Angaben zum Autor
Bruno Heidlberger (Dr. phil.), geb. 1951, ist Studienrat für Politik und Philosophie. Er ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Medizinischen Hochschule Brandenburg und an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Philosophie, Philosophie der Aufklärung, Kulturphilosophie, kritischer Rationalismus, Wissenschaftstheorie und kritische Theorie der Gesellschaft.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ transcript; 1. Edition (28. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 282 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3837666588

Stine Volkmann: Das Schweigen meiner Schwestern

Inhalt

„Es ist, als hätte es diesen Sommer nie gegeben, obwohl nach drei Wochen Inselurlaub ihr ganzer Familienalltag auf dem Festland ein anderer geworden war, und niemand bereute es laut.“

Vier Schwestern treffen sich für die Beisetzung der Urne ihrer Mutter auf Langeoog, der Insel, welche in der Kindheit die schönsten Erlebnisse beheimatete, bis zu einem Sommer, in dem ein Erlebnis alles mit einem Schlag verändert. Waren die vier vorher ein eingeschworenes Team, gingen sie danach innerlich und mehr und mehr auch äusserlich getrennte Wege.

„Sie hat es sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf Langeoog zu setzen. Nie wieder. Und jetzt, da sie so nah dran ist, beginnen wieder die Lügen.“

Bei diesem Zusammentreffen brechen alte Wunden auf, Vorwürfe, die im Raum stehen, werden ausgesprochen, die Erinnerung wird wieder lebendig. Doch: Hat sie sich in den einzelnen Köpfen wirklich richtig eingenistet?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte der vier Schwestern auf zwei Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven. Immer wieder pendeln wir beim Lesen so zwischen der Gegenwart der erneuten Zusammenkunft und der Vergangenheit der Kindheit hin und her, erfahren mehr über die einzelnen Charaktere, ihre Beziehung untereinander und den Sommer, welcher das Leben der ganzen Familie nachhaltig geprägt hat. Langsam fügt sich Stein für Stein das Mosaik zusammen, bis am Schluss die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt.

Gedanken zum Buch

„Wie immer, wenn es um ihre Familie geht, steigt die altbekannte Wut in ihr auf, sie spürt Machtlosigkeit, fühlt sich wie so oft ungehört und ungesehen“

Familien sind Systeme mit eigenen Dynamiken, in welchen jeder eine bestimmte Rolle innehat. Diese Rollen zu durchbrechen, fällt schwer, sie brennen sich über viele Jahre ein und werden auch sorgfältig aufrechterhalten, da sie das System von innenheraus stützen. Nicht immer ist jeder mit seiner Rolle zufrieden, oft kommt es zu Streit, zu Eifersucht, zu negativen Gefühlen, mit denen jeder einzelne anders umgeht.

„Vielleicht sollte sie davonlaufen. Niemals wieder Eltern oder Schwestern haben. Niemals wieder so zerbrechen.“

Die einen können sich anpassen und kommen so gut zurecht, andere rebellieren und gehen auf Konfrontation, die dritten fliehen.

«Wer nichts ersehnt, wird nicht enttäuscht.»

Und dann gibt es die, welche schweigen, die sich immer weiter in sich zurückziehen und resignieren, weil sie die Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Besserung aufgegeben haben. Auch das ist wohl eine Flucht, die Flucht in die Verweigerung, für die der betroffene aber einen hohen Preis zahlt.

«Ich falle aus der Welt.»

Das Resultat dieser Verweigerung ist die Entfremdung – die von der Welt um einen und auch die von sich selbst, kann man doch ohne die Welt nicht existieren, nicht auf eine zufriedenstellende und lebenswerte weil sinnvolle Weise.

„Wer ist sie in der ganzen Geschichte?“

Wir erzählen uns Geschichten, die wir für unser Leben halten, sagte einst Max Frisch. Wir konstruieren aus der Vergangenheit eine Geschichte, die wir als unsere Lebensgeschichte in uns und nach aussen tragen. Was wir oft nicht bedenken, ist, dass Erinnerungen einerseits selektiv sind, andererseits wandelbar durch die Zeit. Was wissen wir wirklich? Was haben wir nur gedacht und durch die Wiederholung des Erzählens plötzlich zu einer Tatsache erhoben? Wovon wissen wir nur aus dritter Hand, dies aber so tief, dass wir glauben, es erfahren zu haben? Und was, wenn die Geschichte sich ändert, weil wir auf einen Irrtum aufmerksam werden? Was bedeutet das für die eigene Identität? Was verändert das für das Sein und das Selbstbild? Für die Verortung in der Welt, im eigenen Leben?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte von vier Schwestern, doch stecken in dieser Geschichte ganz viele Fragen aus dem Leben: Was bedeutet Familie? Darf man lügen? Wie geht man mit einer Lüge um, und wie mit Schuld? Wer bin ich und wer bin ich in dieser Welt? Was, wenn die Welt sich ändert und ich keinen Platz mehr in ihr finde? Wie gehen wir mit Erinnerungen um?

Entstanden ist ein mitreissender Roman mit authentischen Charakteren, einem guten Spannungsbogen in einer flüssig lesbaren Sprache, der gegen Ende etwas an Tempo verliert. Das Ende selbst ist an Pathos und Kitsch leider kaum zu übertreffen, doch die Geschichte bis dahin mag das tragen, so dass es doch eine klare Leseempfehlung ist.

Fazit
Die grossen Fragen des Lebens in Romanform, die Geschichte von vier Schwestern, die in einem Sommer ihr Familiengefühl und irgendwie sich selbst verlieren, bis sie das Leben wieder zusammenbringt und sie einen Umgang mit der Vergangenheit finden müssen. Eine klare Leseempfehlung.

Zur Autorin
Stine Volkmann wurde 1991 in Detmold geboren – wie die vier Schwestern in ihrem Buch. Genau wie sie verbrachte Stine Volkmann die Sommer ihrer Kindheit auf Langeoog, wohin sie es auch heute als Wahlbremerin nicht weit hat. Stine Volkmann studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim, sie arbeitet als Journalistin und Drehbuchautorin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Krüger; 1. Edition (24. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 432 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3810503633

Claire Marin: An seinem Platz sein. Wie wir unser Leben und unseren Körper bewohnen

Inhalt

«Bei der Suche nach dem richtigen Platz geht es um die Frage nach unserer Einzigartigkeit, aber auch darum, wie wir uns in eine Gesellschaft, eine Familie oder Gruppe einfügen, der wir angehören oder gern angehören würden.»

Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Diese Frage stellt sich dem Individuum und sie lässt sich nicht so leicht beantworten. Es ist eine Frage nach dem Ort und der Zugehörigkeit im Leben und im Sein, es ist die Frage, welches der Platz ist, den man in diesem Leben, in dieser Gesellschaft innehat. Was prägt den Platz und wie prägt er den Einzelnen? Was passiert, wenn der Platz nicht mehr verfügbar ist und was, wenn er uns in eine Rolle zwängt, die uns nicht entspricht? Diesen und weiteren Fragen nach dem Platz des Einzelnen in der Welt, in der Gesellschaft, in der Familie und im eigenen Sein geht Claire Marin in diesem Buch nach.

Gedanken zum Buch

«Man stellt sich seinen Platz wie eine sichere Bank vor, und er entspricht ja zweifelsohne einem gewissen Bedürfnis nach Ordnung, nach genauer Bestimmung und Abgrenzung.»

Wir werden an einen Ort geboren, wachsen in einem Milieu auf und nehmen die da herrschenden Strukturen. Innerhalb dieser äusseren Welt leben wir in Familien mit eigenen Gepflogenheiten, die in Räumen stattfinden, die wir als Zuhause empfinden.

«Unsere Zugehörigkeit zu einem Ort, einem Milieu, prägt und schreibt sich bekanntlich körperlich wie emotional in uns ein. Sie strukturiert auch grundlegend unsere affektiven Schemata.»

All das prägt uns in unserem Sein und Werden. Wir haben es nicht ausgesucht, doch wir werden es kaum mehr los. Selbst wenn wir einen bewussten Bruch provozieren, wenn wir das Umfeld, gar die Klasse wechseln, hängen die Anteile der Herkunft in uns fest (Pierre Bourdieu stützte darauf seine Theorie des Habitus ab), sie wirken in uns weiter und suchen oft unbewusst ihren Weg durch die Oberfläche in neue Umgebungen hinein, wo sie nicht mehr passen. Misstöne kommen auf, das Gefühl, zwischen den Welten zu sitzen, nirgends dazuzugehören, macht sich breit.

«Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir in unserem Alltag wie in einer Falle festsitzen, aus der wir nicht mehr herauskommen, ohne einen Teil von uns zu opfern, ohne Schaden und Verlust in Kauf zu nehmen.»

Manchmal flüchten wir auch in neue Welten, die sich nach und nach als nicht passend erweisen. Und doch haben wir uns in ihnen eingerichtet, die darin uns entsprechenden Rollen übernommen, die fortan unser Leben ausmachen. Was, wenn das Leiden am Unpassenden überhandnimmt? Was, wenn die Sehnsucht nach der Herkunft grösser wird, bis sie kaum ertragbar scheint? Was ist der Preis dafür, erneut auszubrechen, zurückzugehen? Und gibt es ein Zurück überhaupt? Günther Anders schrieb in seinen Tagebüchern, es gäbe keine Rückkehr, denn dies sei nur eine erneute Erfahrung des Verlustes, weil das, was verlassen wurde, nicht mehr existiert – wie auch der Zurückkehrende nicht mehr der ist, der ging.

«Er [der Emigrant] ist jeglicher Orientierung und Verankerung beraubt. Er befindet sich ausserhalb von Boden, Sprache, Zeit.»

Nicht immer ist das Gehen freiwillig, manchmal werden Menschen aus dem, was sie Heimat nannten, vertrieben. Man nimmt ihnen damit nicht nur die vertraute Umgebung, man nimmt ihnen auch alles, was den Boden ihrer Identität ausmacht. Was erschwerend dazukommt, ist, dass mit der Vergangenheit und der Gegenwart auch die Zukunft gestohlen wird, die man sich in dieser Heimat erhofft hatte. Man steht vor der Leere des Seins ohne Grund und Boden, ohne Rückhalt und Zugehörigkeit.

Claire Marin schafft es, in immer wieder neuen Denkräumen den Platz des Menschen in der Welt zu umkreisen, zu entdecken, zu verorten und wieder zu öffnen, um neue denkbare Plätze zu entdecken. Sie beleuchtet dabei all die verschiedenen Facetten, die das Konstrukt «Platz» ausmachen, nimmt die soziale, lokale und zeitliche Dimension ins Visier und leuchtet sie aus.

Fazit
Ein grossartiges Buch, das dazu anregt, das eigene Sein in Raum und Zeit zu bedenken und weiterzudenken.

Zur Autorin
Claire Marin, geb. 1974, lehrt Philosophie in Frankreich und feiert seit einigen Jahren mit ihren philosophischen Essays große Erfolge. Ihre Bücher »Hors de moi« (2008) und »Rupture(s)« (2019) wurden mehrfach ausgezeichnet.

Übersetzung: Ute Kruse-Ebeling

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (19. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 197 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Ute Kruse-Ebeling
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3150114384

Eva von Redecker: Bleibefreiheit

Inhalt

«Unser gängiger Freiheitsbegriff ist untauglich für das Anthropozän.»

Was, wenn Freiheit nicht mehr als Bewegungsfreiheit räumlich, sondern als örtliches Bleiben zeitlich gedacht würde? Wie muss diese Zeit gefasst und gefüllt, wie erfüllt sein, damit sie die Freiheit erlebbar macht, sie überhaupt gewährt? Was, wenn wir das Leben nicht mehr vom Tod her denken, sondern von der Geburt? Wenn in jeder Geburt ein neuer Anfang und damit eine Freiheit des sich neu Erschaffens läge? Wenn wir immer wieder neu geboren und damit frei in der eigenen Gestaltung wären? Das sind die Fragen, denen Eva von Redecker in diesem Buch nachgeht.

Gedanken zum Buch

«So wie Bleibefreiheit das Abzugsrecht voraussetzt, ist Bewegungsfreiheit auch nur Freiheit, wo das Bleiben möglich wäre.»

In einer Zeit, in der die Menschen dazu aufgerufen sind, das von ihnen verursachte Übel auf der Welt wieder in den Griff zu kriegen, in einer Zeit, in welcher die Natur an ihre Grenzen stösst und der Mensch die massgebliche Ursache dafür ist, muss Freiheit umgedacht werden. Freiheit kann nicht mehr bedeuten, alles tun und wohin man will gehen zu können, sondern dafür zu sorgen, dass ein Bleiben möglich bleibt.

«Bleiben-Können ist weitaus voraussetzungsreicher. Es erfordert die Wahrung der bewohnbaren Welt.»

Was, wenn langsam die Arten sterben, das Klima sich in einer Weise entwickelt, die dem menschlichen Leben nicht mehr entspricht? Was passiert, wenn die Schwalben nicht mehr kommen und die Gezeiten sich langsam verabschieden, die doch das Leben ausmachen? Diese und andere Fragen nimmt Eva von Redecker zum Ausgangspunkt ihrers Essays über die Bleibefreiheit, die eine Freiheit ist, die sich in der Zeit zeigt, nicht im Ort. Sie beleuchtet, wieso wir nicht den Mars bewohnen wollen sondern die Erde bewahren sollen. Sie zeigt auf, was das ökologisch bedeutet, indem sie auf die Lebenskreisläufe des Ökosystems verweist.

«Wir können unsere Zeit mit anderem Lebendigem teilen, ohne sie zu verlieren… Bleibefreiheit wächst mit der Fülle der Gezeiten. In einer Zeit der Fülle haben wir grössere Freiheit.»

Aus der Fülle können wir schöpfen, quasi aus dem Vollen. Virginia Woolf sagte, sie wolle das Leben immer voller machen. Voll ist das Leben, wenn es erfüllt ist, voll mit dem, in was wir aufgehen, uns vergessen, uns leicht fühlen. Indem wir in diesem Erfüllt-Sein sind, haben wir nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, wir vermissen nichts und damit keine Freiheit, etwas anderes tun oder woanders sein zu wollen. In dem Moment an dem Ort sind wir frei. Doch können wir nur dableiben, wenn wir die Erde so behandeln, dass sie uns diese Bleibefreiheit gewährt. Das ist die Aufgabe des Menschen im Anthropozän, er ist der Schöpfer seiner Freiheit in der Zeit, seiner Bleibefreiheit.

Das Buch weist keine stringente Argumentationskette auf. Es ist mehr eine Aneinanderreihung von Gedanken, die sich oft aus persönlichen Begegnungen und Erfahrungen speisen. Es ist ein Sammelsurium an Gedankengängen und Ausflügen, denen keine klare Handlungsanleitung oder konkrete praktische Relevanz folgt, auch eine klare Antwort sucht man vergebens. Es ist mehr ein Mitnehmen auf eine Gedankenreise, ein Eintauchen in eine neue Form des Denkens von Freiheit, und damit ist es sehr inspirierend.

Fazit
Ein Buch, das dazu anregt, die ausgetretenen Pfade unseres Freiheitsdenkens zu verlassen und mit Blick auf die aktuelle Wirklichkeit unserer Zeit eine neue Art der Freiheit zu denken – eine in der Zeit.

Zur Autorin
Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin und freie Autorin. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität und als Gastwissenschaftlerin an der Cambridge University sowie der New School for Social Research in New York tätig. 2020/2021 hatte sie ein Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatium an der Universität von Verona inne, wo sie zur Geschichte des Eigentums forschte. Eva von Redecker beschäftigt sich mit Kritischer Theorie, Feminismus und Kapitalismuskritik, schreibt Beiträge für u.a. »Die ZEIT« und ist regelmäßig in Rundfunk- und TV-Interviews zu hören. Seit Herbst 2022 richtet sie am Schauspiel Köln die philosophische Gesprächsreihe »Eva and the Apple« aus. Bei S. FISCHER erschien zuletzt ihr Buch »Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen« (2020) sowie ein Vorwort zur Jubiläumsausgabe der »Dialektik der Aufklärung«. Aufgewachsen auf einem Biohof, lebt sie heute im ländlichen Brandenburg.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ S. FISCHER; 1. Edition (24. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3103974997

Sophie Schönberger: Zumutung Demokratie

Ein Essay

Inhalt

«Die ‘Herrschaft des Volkes’ setzt voraus, dass sich so etwas wie ein ‘Volk’ im Sinne einer demokratischen Gemeinschaft erst einmal konstituiert und als Kollektiv begreift.»

Eine Demokratie braucht, um wirklich gelebt zu sein, Gemeinschaft. Diese bedarf der Bereitschaft des Einzelnen, sich mit anderen zu verbinden und diese zu bilden. Es geht darum, den anderen als Verschiedenen und doch Gleichen zu akzeptieren und durch eine offene Kommunikation einen Gemeinsinn herauszubilden, der für alle verbindlich ist, auch wenn nicht alle derselben Meinung sind.

Diese Bereitschaft fehlt in der letzten Zeit, die Konfliktfähigkeit hat abgenommen und die Akzeptanz für andere Meinungen schwindet. Wie kam es dazu, dass das Vertrauen in den Staat mehr und mehr schwindet, und was können wir dagegen tun? Wie stark darf der Staat eingreifen in die Kommunikationsmöglichkeiten und -inhalte der Bürger, wo ist die Grenze der Freiheit des Einzelnen im Hinblick auf ein funktionierendes Miteinander?

Diesen und anderen Fragen geht der vorliegende Essay nach.  

Gedanken zum Buch

«Die Hölle sind die Anderen.»

Das wusste schon Sartre und es hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil. Die anderen, die man nicht versteht, führen dazu, dass es eine Zumutung darstellt, mit ihnen zusammen zu leben. Dieses Nicht-Verständnis führt zu Abgrenzungen, zu Ausgrenzungen, zu Blasenbildungen und Meinungspolaritäten. Dies wird umso mehr verstärkt durch die aktuelle Zeit, in welcher persönliche Begegnungen immer mehr den digitalen weichen.

„Demokratie braucht Gemeinschaft.“

Um da Abhilfe zu schaffen, bedarf es der persönlichen Begegnung. In sozialen (Kommunikations-)Räumen, die den Anderen erfahrbar und dadurch vertrauter machen, entsteht ein besseres Gefühl für die Pluralität und doch Gleichheit der verschiedenen Mitglieder der Demokratie. Aus diesem Verständnis heraus kann sich die Gemeinschaft bilden und entwickelt einen Sinn für gemeinsame Interessen und Ziele für das Zusammenleben.

„Denn die elementaren Mindeststandards des Miteinanderredens, die das Strafrecht vorgibt, müssen auch in Zeiten des Medienwandels effektiv durchgesetzt werden, damit die Kommunikation in der demokratischen Gemeinschaft funktionieren kann. Diese Aufgabe muss der Staat auch als Mittel der Demokratiesicherung selbst wahrnehmen.“

Der Staat hat sich zu lange zurückgehalten bei der Einmischung in die kommunikativen Möglichkeiten und Auswüchse der digitalen Medien. Dadurch ist eine Kommunikationskultur entstanden, in welcher Blasenbildung, Meinungsmanipulation und Aggression sich ausbreiten konnte. Die notwendige Verantwortung für Eingriffe in diese den demokratischen Prozess gefährdenden Auswüchse überliess der Staat bislang zu stark privaten Akteuren. Die Sicherung der Demokratie verlangt aber eine staatliche Regulierung durch klare und rechtlich verbindliche Vorschriften, denn sie sind auch das demokratische Mittel und damit die Sicherung der Demokratiesicherung.

Fazit
Ein wichtiges Buch darüber, was Demokratie bedeutet, woran es heute mangelt und was man dagegen unternehmen kann. Ein Aufruf für mehr Akzeptanz, demokratieförderliche Kommunikation und wirkliche Begegnung.

Angaben zur Autorin
Sophie Schönberger ist Professorin für Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ko-Direktorin des Instituts für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 189 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406800085

Birgit Birnbacher: Wovon wir leben

Inhalt

«Ich verließ die Gegend, deren Gewicht auf meiner Brust ich erst bemerkte, als ich woanders war.”

Eine junge Frau aus einem kleinen Dorf geht in die Stadt, um Krankenschwester zu werden. Sie geht in dem Beruf auf, bis ihr ein Fehler unterläuft und sie entlassen wird.

„Ich bin gekommen, damit die Eltern sich um mich kümmern. Stattdessen haut Mama ab, und Papa ist gelb.“

Ihr Weg führt sie zurück in ihr Elternhaus, sie hofft, von ihren Eltern aufgefangen zu werden, doch dort ist alles noch schlimmer als damals, als sie wegging: Die Fabrik im Dorf existiert nicht mehr, so dass Arbeitslosigkeit herrscht, der Vater ist in einem desolaten Zustand, und die Mutter nach Sizilien ausgewandert. Statt vom Vater aufgefangen zu werden, sieht sie sich in der Rolle der Sorgenden. Sie ringt körperlich und seelisch nach Luft, der Raum scheint enger zu werden. Als sie Oskar, den Städter, kennenlernt, der sich von einem Herzinfarkt erholt, erlebt sie, wie ein Leben voller Zuversicht aussehen könnte. Sich selbst sieht sie am anderen Ende des Welterlebens: Konfrontiert mit allem, was sie hinter sich gelassen zu haben glaubte, ist sie nun gefordert, ihren Platz im Leben zu finden.

Gedanken zum Buch

“Viele Jahre habe ich mir eingeredet, dass ich gern Krankenschwester bin”

Was wir für unser Leben halten, ist oft nur die Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Wir gehen einen Weg und wollen, dass es der richtige ist. Schlussendlich glauben wir es selbst, bis etwas geschieht, dass dieses Bild ins Wanken bringt. Dies ist der jungen Ich-Erzählerin passiert. Zwar merkte sie, wie überall gespart wurde, wie der Druck im Beruf grösser, die Zeit für die Patienten immer knapper wurden, doch sie fand für alles eine Lösung, um den Beruf doch noch den eigenen Ansprüchen entsprechend ausüben zu können. Dass ihr langsam sprichwörtlich die Luft ausging, merkte sie erst, als sie nach einem Berufsfehler einen Asthmaanfall hatte und wirklich um Luft rang.

„Ich habe es für selbstverständlich gehalten, dass eine Mutter nicht klatschend und tanzend durchs Leben hüpft“

Familien sind geprägt durch Rollenbilder, die sich in den Köpfen festsetzen. Ein Kind wächst in eine Familie hinein und erachtet das, was sich da abspielt, als Normalität, an die es sich zu halten gilt. Selten wird hinterfragt, wagt es dies doch, merkt es schnell, dass es eine Grenze überschritten hat, die sorgsam aufgebaut worden war. Erst nach und nach, je älter es wird, mit den eigenen Erfahrungen, wächst zuerst eine Ahnung, die dann zur Erkenntnis der Missstände wird, die geherrscht haben, die man fraglos akzeptiert hatte.

„Wir wissen das nicht, weil wir lieber zahlen, als uns zu involvieren. Etwas haben wir, die Familie, verwechselt: Von der Konfrontation mit dem Schmerz haben wir uns freigekauft, aber das heißt nicht, dass er nicht mehr existiert.“

«Wovon wir leben» ist ein Buch über das Leben einer Familie mit all ihren Strukturen. Es ist eine Geschichte davon, wie wir oft die Augen verschliessen vor dem, was ist, weil es bequemer ist, sich damit zu arrangieren als der Wahrheit, die oft unbequem ist, in die Augen zu blicken. Es ist aber auch eine Geschichte darüber, was es heisst, eigene Wege zu gehen, zu scheitern, neue Wege suchen zu müssen.

Birgit Birnbacher erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich dem stellen muss, wovor sie fliehen wollte, auf eine ruhige, fast sachliche und doch nicht kalte Weise, die frei ist von Pathos oder Kitsch. Vergeblich sucht man Wehleidigkeit oder Selbstmitleid, es wird nicht psychologisiert oder analysiert, nur erzählt. Dieses Erzählen geschieht auf eine authentische Weise aus der Ich-Perspektive der erzählenden Protagonistin, wodurch der Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt derselben involviert wird. Entstanden ist ein Buch, das zum Denken anregt, das einen mit auf eine Reise nach dem richtigen Weg nimmt, das einen eintauchen und mitleben lässt beim Lesen.

Fazit
Eine sehr gelungene, zum Nachdenken anregende Erzählung über das Leben einer Frau, die sich ihrer Vergangenheit, ihren verinnerlichten Rollenmustern und Fluchtpunkten stellen und einen neuen Weg für ihr Leben finden muss.

Zur Autorin
Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman Wir ohne Wal (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Förderpreise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Romane Ich an meiner Seite (2020) und Wovon wir leben (2023).

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Paul Zsolnay Verlag; 3. Edition (20. Februar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3552073357

Layla AlAmmar: Das Schweigen in mir

Inhalt

«Niemand ist wirklich sprachlos, flüsterte er, entweder wird man zum Schweigen gebracht, oder man bringt sich selbst zum Schweigen.»

Tag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen.

«Wenn man aufhört zu sprechen, wird man sehr gut im Zuhören.»

Dadurch, dass sie nicht mehr sprechen kann (will?) denken viele, sie höre auch nichts. Sie hört auf diese Weise all das, was eigentlich nicht für Ohren bestimmt war. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen? Und was, wenn sie plötzlich gefordert ist, aus ihrer gewählten Isolation raus und real in Beziehung zu treten?

Gedanken zum Buch

«Es ist gar nicht so schwer herauszufinden, was Menschen wollen. Im Prinzip wollen wir alle dasselbe: Freiheit, Glück, Sicherheit.»

Ein tiefes Buch, ein aufwühlendes Buch darüber, was es heisst, alles zu verlieren und nirgends mehr zu Hause zu sein, nirgends mehr sicher zu sein, nirgends dazuzugehören. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es mit sich bringt, in einer Gesellschaft zu leben: Wie sehr kann ich mich aus ihr herausnehmen? Wo ist es meine Pflicht, mich einzubringen? Wofür trägt der Einzelne Verantwortung, wo lädt er Schuld auf sich?

«Kann man sich denn überhaupt erholen? Wenn das Leben nichts anderes ist als sich anhäufendes, wiederholtes Trauma – durstig, hungrig, kalt, arm, schwach, heiß, krank, geschlagen, verletzt, gebrochene Knochen, Blut, Blut, Blut –, kann man sich davon jemals erholen?»

Layla AlAmmar beschreibt aus der Ich-Perspektive das Leben, Denken und Fühlen einer vom Krieg und der Flucht traumatisierten Frau, die keinen anderen Weg sieht, als sich ins Schweigen zurückzuziehen, in die Isolation zu gehen, weil sie das Vertrauen in das Leben und die Menschen verloren hat. Wo gibt es noch Sicherheit, wenn Menschen einander so grausame Dinge antun können, wie sie sie erleben musste? Was ist Heimat noch, wenn man aus der eigenen fliehen musste, weil es da kein mögliches Weiterleben mehr gab?

«Ich will von diesem Land keine Almosen. Geflüchtete kommen nicht, um sich zu nehmen, was euch gehört. Wir wollen arbeiten, wir wollen zur Schule gehen, wir wollen vollständige und aktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir sind keine Blutsauger oder Parasiten oder Ungeziefer. Wir brauchen nur ein wenig Hilfe. Das ist alles.»

«Das Schweigen in mir» ist ein Buch, das zeigt, was es heisst, Flüchtling zu sein, was es heisst, mit den Vorurteilen und Verurteilungen von den Menschen am Zufluchtsort umgehen zu müssen. Es ruft auf für mehr Verständnis, für mehr Mitgefühl, plädiert aber vor allem auch für eine andere Haltung von Menschen anderen Menschen gegenüber.

«Wichtig wäre, die Hintergründe kennen zu wollen, verstehen zu wollen, was im anderen vorgeht.»

Im Wissen, dass wir alle Menschen unter Menschen sind, in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit der wir aber umgehen müssen als gleichwertige Mitglieder derselben, hilft es, die eigene Perspektive auch mal zu verlassen und sich mit Interesse anderen Standpunkten und Lebenshintergründen zu öffnen. Nur so ist in ein friedliches Miteinander möglich, ist es möglich, die Welt zu einem Zuhause für alle zu machen.

Fazit
Ein tiefes, bewegendes und zum Nachdenken anregendes Buch über das Leben als Flüchtling, das zu mehr Verständnis füreinander und Miteinander aufruft. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Layla AlAmmar wuchs in Kuwait auf und studierte Kreatives Schreiben an der Universität Edinburgh. Sie hat in The Evening Standard, Quail Bell Magazine, The Red Letters St. Andrews Prose Journal und im Aesthetica Magazine veröffentlicht, wo sie Finalistin für den Creative Writing Award 2014 war. Im Jahr 2018 war sie als British Council International Writer in Residence beim Small Wonder Short Story Festival tätig. Derzeit lebt sie in Großbritannien, wo sie über arabische Frauenliteratur promoviert. Das Schweigen in mir ist ihr zweiter Roman.

Yasemin Dinçer studierte Literaturübersetzung in Düsseldorf. Sie hat unter anderem Werke von Oyinkan Braithwaite, Leila Mottley, Paula McLain und Shirley Hazzard aus dem Englischen übertragen und war mehrfach Stipendiatin des Deutschen Übersetzerfonds. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ GOYA (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Yasemin Dinçer
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3833744242

Anneleen Van Offel: Hier ist alles sicher

Inhalt

«Dieser Tote ist nicht mein Sohn, das ist ein Mann, den ich nicht kenne… Es gelingt mir nicht, meinen Sohn zu sehen, in dem Toten auf dem Krankenhausbett meinen Sohn zu sehen.»

Als Immanuel seine Mutter Lydia nach 10 Jahren Funkstille bittet, nach Israel zu kommen, zögert sie erst. Als sie dann da ist, ist er tot, er hat sich das Leben genommen. Lydia reist durch Israel und gleichzeitig auch durch ihre Vergangenheit, auf der Suche nach ihrem toten Sohn, nach sich, nach allem, was sie verloren hat.

Gedanken zum Buch

«Der Tod kommt von innen, er ist immer schon da, er wächst, bis er grösser ist als das, was der Körper ertragen kann.»

«Hier ist alles sicher» ist eine Geschichte über die verschiedenen Leben, die man leben kann, es ist eine Geschichte über die Liebe, über Verlust, Schuld, Reue und den Tod. Es geht darum, was Familie ist und was Heimat bedeutet. Es ist die Geschichte einer Suche nach der eigenen Geschichte, danach, wer man ist und was davon bleibt, wenn vieles nicht mehr ist.

«Mit jedem Mal, dass ich das ausspreche, wird es endgültiger.»

Es ist die Geschichte einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Zuerst durch Distanz, dann durch den Tod. Diesen endgültigen Abschied zu verstehen, zu realisieren, ist schwer. Ihn in Worte zu fassen, ist noch schwerer, da die Sprache den Dingen eine endgültige Realität zu verleihen scheint. Wenn es ausgesprochen ist, kann es nicht mehr ignoriert werden, dann ist es wirklich.

«Solange es Reue gibt, bin ich schuldig, und solange ich mich schuldig fühle, bin ich unschuldig, weil ich dann nicht zulasse, dass es in Vergessenheit gerät.»

Wer trägt die Verantwortung für das eigene Leben und wer die für das Leben anderer, allen voran das Leben von Kindern? Hat das eigene Tun dazu beigetragen, dass ein Unglück geschah? Hätte man es verhindern können? Wäre Lydia imstand gewesen, den Selbstmord von Immanuel aufzuhalten, wenn sie früher nach Israel gegangen wäre? Wo ist dessen Vater, der vor 10 Jahren das Kind mit sich nach Israel nahm, raus aus Belgien und dem damals gemeinsamen Zuhause? Wer hat Schuld an dem, was passiert ist?

All diese Fragen treiben Lydia um, als sie durch Israel fährt, auf den Spuren von Immanuels Leben ohne sie. Sie will ihm nah sein, will die Landkarte seines Lebensweges nachfahren, in der Hoffnung, mehr über ihn zu erfahren. Es wird ihr nicht wirklich gelingen, die Fragen bleiben präsent, sie nimmt sie mit auf ihrem Weg.

Anneleen van Offel beginnt ihre Erzählung damit, dass Lydia am Totenbett des Sohnes sitzt. Sie blickt auf ihr Kind und reist in Gedanken zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Erinnerungen vermischen sich mit aktuellen Gefühlen, ein Riss bricht auf, der durch die Welt geht und sich über das ganze Buch erstrecken wird als Leitmotiv. Es entsteht beim Lesen eine Atmosphäre, die fast körperlich wirkt, einen Kloss im Hals und eine Schwere auslöst. Das Buch betrübt, bewegt, bestürzt, es überfordert mit dieser Unmittelbarkeit des Schmerzes.

Im zweiten Kapitel kommt es zu mehr Distanz, die Suche nach dem verpassten Leben des Sohnes beginnt und das Buch nimmt Fahrt auf. Sprachlich poetisch und philosophisch tiefgründig zieht einen diese Geschichte in den Bann, kann diesen Sog aber leider nicht durchhalten. Das Geschehen, die inneren Monologe, die Erinnerungen – sie alle werden zeitweise träge und langwierig. Trotzdem kann man von einem sehr lesenswerten und gelungenen Debüt sprechen.

Fazit
Eine Geschichte über Liebe, Schuld, Familie, Verlust und Tod – emotional bewegend, philosophisch tiefgründig und sprachlich poetisch.

Autorin und Übersetzerin
Anneleen Van Offel, 1991 in Antwerpen geboren, studierte Wortkunst am dortigen Königlichen Konservatorium. Sie hat Kolumnen für die flämische Zeitung „De Standaard“ und Kurzgeschichten und Gedichte für verschiedene Literaturzeitschriften geschrieben. Sie arbeitet als Redakteurin für die Zeitschrift „Deus Ex Machina“. Außerdem ist Anneleen Van Offel Programmgestalterin verschiedener literarischer Veranstaltungen. Von 2019 bis 2021 war sie Stadtschreiberin von Kortrijk. Für ihr Debüt „Hier ist alles sicher“ reiste sie immer wieder nach Israel, sprach mit zahlreichen Israelis, israelischen (Ex-)Soldaten und deren Familien. Der Roman wurde in Belgien und den Niederlanden von der Presse gefeiert und für seinen einfühlsamen Stil gelobt. anneleenvanoffel.be | @anneleenvanoffel

Christiane Burkhardt studierte Italienische Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte und war anschließend zunächst im Lektorat tätig. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen in München und unterrichtet neben ihrer eigenen Tätigkeit literarisches Übersetzen

Angaben zum Buch

  • ·  Herausgeber ‏ : ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (15. März 2023)
  • ·  Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • ·  Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 266 Seiten
  • ·  ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3772530319
  • ·  Originaltitel ‏ : ‎ Hier is alles veilig
  • ·  Übersetzung‏ : ‎ Christiane Burkhardt

Martin Suter: Melody

Inhalt

«Das erste Geheimnis über mich, das ich ihnen verraten muss: Ich bin kein sehr ordentlicher Mensch… Das zweite Geheimnis über mich: Ich bin kein uneitler Mensch. Ich habe mein ganzes Leben versucht, der Welt ein bestimmtes Bild von mir zu vermitteln. Ihre Aufgabe besteht darin, dieses auch für die Nachwelt zu bewahren.»

Tom, ein junger Jurist, wird vom Altnationalrat Dr. Stotz, seine Lebenserwartung beträgt noch ein Jahr, beauftragt, seine noch vorhandenen Dokumente zu ordnen und durch gezielte Selektion nur das zu bewahren, das dem Bild entspricht, das Dr. Stotz hinterlassen möchte.

„Das dritte Geheimnis ist für sie bereits keines mehr: ich bin ein geschwätziger alter Mann.“

In der gemeinsamen Zeit erzählt Dr. Stotz Tom von seiner grossen Liebe Melody, die eines Tages, kurz vor der Hochzeit, einfach verschwunden ist, ihn aber ein Leben lang nicht mehr losgelassen hat. Nach Stotz’ Tod macht sich Tom mit Laura, der Grossnichte von Dr. Stotz auf der Suche nach der Wahrheit um die Geschichte mit Melody. Was ist wirklich passiert damals?

Gedanken zum Buch

„Sind Geschichten nicht immer erfunden? Spielt es eine Rolle, ob sie Wahrheit oder Fiktion sind?“

Ein sterbenskranker Mann schaut auf sein Leben zurück und auf das, was dieses Leben massgeblich geprägt hat neben seinem Erfolg: Seine Liebe zu Melody, der Frau, die er heiraten wollte und die eines Morgens einfach weg war. Er erzählt die Geschichte des Kennenlernens, die Schwierigkeiten, die sich durch ihren islamischen Hintergrund ergaben, und die seiner lebenslangen Suche nach Melody. Es ist eine traurige Geschichte, die dem alten Mann sichtlich nah geht. Ein gelebtes Leben. Ein erzähltes Leben. Was ist Wahrheit, was Fiktion? Wo hört das eine an und fängt das andere an?

„Wo die Unwahrheit es sich bequem gemacht hat, bringt Wahrheit nur Unruhe.“

Und auch eines, das die Frage hinterlässt, ob eine Unwahrheit nicht auch besser sein kann in gewissen Fällen, als die Wahrheit zu kennen.

Das Buch lebt von seinen authentischen Figuren, von der klaren, fliessenden Sprache, von der leichten Stimmung, die durch die Zeilen weht und beim Lesen ein gutes Gefühl hinterlässt. Und dies, obwohl Krankheit, Alter und Tod ein sehr zentrales Thema sind. Martin Suter gelingt es, trotz der Präsenz des angekündigten und eintretenden Todes, die Erzählung nie schwer oder bedrückend werden zu lassen.

Es gelingt Martin Suter ebenfalls, von Anfang an eine Spannung aufzubauen, die bis am Schluss nicht aufhört. Es stehen Fragen im Raum, deren Antworten man kennen will. Der Leser wird von seiner Neugier von Seite zu Seite geleitet und lässt das Buch nicht eher ruhen, bis er die Wahrheit kennt – wenn es sie denn gibt.

Fazit
Ein wunderbar leichtes, flüssig geschriebenes Buch mit stimmigen Charakteren und einem guten Mass an Spannung, die einen nicht loslässt bis zum Schluss.

Zum Autor
Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Seine Romane und ›Business-Class‹-Geschichten sind auch international große Erfolge. Seit 2011 löst außerdem der Gentleman-Gauner Allmen in einer eigenen Krimiserie seine Fälle, derzeit liegen sechs Bände vor. 2022 feierte der Kinofilm von André Schäfer ›Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit‹ am Locarno Film Festival Premiere. Seit einigen Jahren betreibt der Autor die Website martin-suter.com. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes; 2. Edition (22. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257072341

Joy Williams: Stories

Inhalt

«Das bringt uns zu der Frage: Was ist der Mensch?, mit ihren drei Untergliederungen: Was kann er wissen? Was soll er tun? Was darf er hoffen?»

Diese Worte Kants legt Joy Williams einem Automechaniker in den Mund, dessen Aufgabe es ist, einem Paar mitzuteilen, dass ihr ganzer Stolz so verrostet ist, dass eine Reparatur nicht mehr lohnt. Er ist eine Nebenfigur in den insgesamt 13 Kurzgeschichten, die alle mitten aus dem Leben gegriffen sind. Sie handeln unter anderem von einem Priester, dessen Frau im Krankenhaus liegt, von einer sterbenskranken Frau, die eine Freundin besucht, Frauen, die nur ein Umstand verbindet: Ihre Kinder haben Menschen umgebracht. Wir leben lesend ein Stück mit ihnen, tauchen in ihre Gedankenwelten ein, und gehen wieder weiter.

Obwohl die Geschichten in sich geschlossen und immer von anderen Menschen handeln, zeichnen sie in ihrer Gesamtheit ein Bild, das Bild der (amerikanischen) Gesellschaft der mehrheitlich kleinen Leute, die vom Leben herausgefordert ihren Platz suchen und sich darin einrichten.

Gedanken zum Buch

«Er hat stets richtig gehandelt, aber es hat nie zu etwas geführt.»

Es sind die alltäglichen Fragen, welche in diesen Geschichten behandelt werden: Was ist richtig, was falsch? Wie verhalte ich mich in dieser Gesellschaft, damit ich dazugehöre, wie, wenn ich weiss, dass ich eigentlich nur geduldet, nicht erwünscht bin? Es werden Ausschnitte von Lebensentwürfen dargestellt, welche doch über sich hinausweisen, da sie Teil eines Ganzen sind. Was vorher war, klingt in ihnen an, doch wohin es führen wird, bleibt offen.

«Sie war gross und ungepflegt und sah aus wie der Inbegriff eines Menschen, der seit Kurzem nicht mehr geliebt wird.»

Joy Williams gelingt es, ihre Figuren mit wenigen Worten plastisch werden zu lassen. Durch ihre Gedanken, ihre Sprache, ihr Auftreten werden sie zu Menschen, die wir uns vorstellen können. Es entstehen Bilder im Kopf, die über die Menschen hinauswachsen, zu Typen werden, die Erfahrungen in sich tragen und lebendig werden lassen – auch eigene, die beim Lesen mitgedacht werden.

«Wenn man stirbt, kann man alles tun, was man will?…Das wusste ich nicht. Ist ja mal was Neues. Es hat also auch seine guten Seiten.»

Es sind selten erbauliche Themen, sie reichen von Krankheit über Tod gar hin zu Mord, es sind Themen von Menschen, die Leid erlebt haben, die vom Leben herausgefordert sind. Trotzdem fehlt jegliche Form von Befindlichkeit, von Melancholie, von psychologischer Beurteilung. Die Geschichten werden sachlich, bildhaft und sprachlich klar erzählt, aufgelockert durch einige Prisen Humor.

«Im Grossen und Ganzen glaubten sie, dass die Toten in der Nähe blieben und alle Erfordernisse des Daseins auf Erden erfüllten, nur befreit von der Banalität täglichen Leidens.»

Aus diesen Geschichten tropft das ganz normale Leben von normalen Menschen, die mit ihrem Alltag ein Auskommen suchen und ihn doch immer ein bisschen zu verpassen scheinen. Es sind Sozialstudien ohne wissenschaftlichen Anspruch, es sind kleine Spiegel der Gesellschaft ohne moralinsauren Zeigefinger, es sind Finger in Wunden und Blicke in Abgründe ohne belastende Schwere. Es sind kleine Auszeiten aus dem eigenen Alltag mit den eigenen Ansprüchen, die zeigen, was es noch gäbe an Lebensmodellen und wie man damit umgehen könnte – oder vielleicht auch besser nicht.

Fazit
Unterhaltsame, dennoch tiefgründige – manchmal auch abgrundtiefe – Einblicke in die Gesellschaft des amerikanischen Kleinbürgertums.

Zur Autorin und Übersetzerin
Joy Williams, geboren 1944, wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Sie hat zwölf Bücher geschrieben, darunter Romane, Kurzgeschichten, Essays, einen Reiseführer. Sie zählt seit langem zu den nachdrücklichen ökologischen Stimmen in den USA und lebt in Tucson, Arizona und Laramie, Wyoming.

Brigitte Jakobeit lebt in Hamburg. Sie übersetzt u. a. William Trevor und Patti Smith und wurde mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

Melanie Walz gilt als eine der herausragenden Literaturübersetzerinnen. Sie wurde mit dem Zuger Übersetzer-Stipendium und mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

(Joy Williams: Stories, dtv Verlagsgesellschaft, 2. Auflage, 2023)

Daniel Glattauer: Die spürst du nicht

Inhalt

„Das Unglück hat sich in die Hinterköpfe gegraben und dreht dort Endlosschleifen. Es löst die Strukturen zweier Familien auf, versetzt deren Alltag in chronische Ausnahmezustände, kontrolliert die Nächte, dirigiert die Träume, und jedes Erwachen führt zum Ausgangspunkt zurück…“

Zwei begüterte Ehepaare, die Binders und die Strobl-Marineks, machen mit ihren Kindern Urlaub in einem Haus in der Toskana. Mit dabei ist ein somalisches Flüchtlingsmädchen, die Freundin von Sophie-Luise, der älteren Tochter der Strobl-Marineks. Schon am ersten Tag kommt es zu einem Unfall: Das Flüchtlingsmädchen ertrinkt, polizeiliche Ermittlungen folgen. Wen trifft eine Schuld? Welche Folgen hat das für die Betroffenen?

Gedanken zum Buch

„Man kann ein Unglück totschweigen, wie es die Binders versuchen. Man kann es aber auch zu Tode diskutieren.“

Jeder Mensch hat eine andere Form, mit schwierigen Situationen umzugehen. Treffen verschiedene Arten aufeinander, kann das zu Missverständnissen führen, die umso schwerer wiegen, wenn jeder seine Art als die angemessene empfindet. Während Oskar Strobl-Marinek versucht, alles hinter sich zu lassen und Optimismus zu verbreiten, sieht seine Frau Elisa ihre Karriere als Politikerin in Gefahr. Die Binders sind schnell aus der Schusslinie, doch das Gewissen lässt sie nicht los.  

„Beim Wendepunkt kann es danach in alle Richtungen weitergehen. Beim Tiefpunkt nur nach oben. Es sei denn, der wahre Tiefpunkt ist noch gar nicht erreicht.»

Das Leben der Beteiligten hat sich nach dem Unglück verändert. Einerseits müssen alle psychisch damit fertig werden, sie sehen sich auch mit dem steigenden Druck von aussen konfrontiert, der sich einerseits darin zeigt, dass die Medien den Fall ausschlachten, andererseits in Form von Schulmobbing bei Sophie-Luise auftritt. Dabei ist jeder allein mit seiner Bewältigung, da keiner neben dem eigenen Unglück das der anderen im Blick hat.

Bei all der Präsenz der Personen vor Ort, bleibt eine Stimme still: Die der Eltern des verstorbenen Mädchens. Erst als ein eher unscheinbarer Anwalt auf den Platz tritt, ändert sich das. Doch: Worum geht es ihnen wirklich?

„Die Wahrheit ist ein Chamäleon, sie wechselt ihre Farbe mit dem Blickwinkel des Betrachters.“

Wer ist Täter, wer ist Opfer? Gibt es diese überhaupt in diesem Fall? Wo liegt die Wahrheit und wie soll damit umgegangen werden? Hannah Arendt sagte einst, Wahrheit gäbe es nur zu zweien. Das heisst, dass Wahrheit nicht eindeutig ist, dass es, um sie zu finden, verschiedene Betrachtungsweisen braucht, um eine Situation von allen Seiten zu sehen. Einer allein sieht immer nur einen Teilaspekt, das, was von seiner Warte aus sichtbar ist. Erst die verschiedenen Perspektiven zeigen das ganze Bild. Dazu müssen alle Stimmen gehört werden.

Daniel Glattauer hat eine Sozialstudie in Romanform geschrieben, in welcher sowohl die Macht der Medien, die Kommentare der Leser derselben sowie die psychologischen Folgen für die Betroffenen des Unfalls thematisiert werden. Er hat dabei auch oft in die Klischee-Kiste gegriffen, indem die einzelnen Charaktere sehr offensiv Stereotypen abdecken. Der Erzähler, der sich mitunter an den Leser wendet, wirkt stellenweise zu jovial, und die Auflistungen der einzelnen Kommentare aus den Medien sind so realistisch, dass man sich die Frage stellen könnte, welchen Mehrwert man durch den Roman hat, weil dieser unkommentiert wiedergibt, was in heutigen Zeitungen passiert. Dass verschiedene Vorkommnisse vorhersehbar sind, nimmt dem Buch trotzdem nicht die Spannung, die für das Weiterlesen nötig ist.

Fazit
Eine Zeitstudie, ein Abbild der heutigen Gesellschaft, ein sozialkritischer Roman, der teilweise zu sehr mit Klischees arbeitet, aber dabei spannend aufgebaut und unterhaltsam zu lesen ist.

Zum Autor
Daniel Glattauer wurde 1960 in Wien geboren und ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig. Bekannt wurde er zunächst durch seine Kolumnen, die im so genannten „Einserkastl“ auf dem Titelblatt des Standard erscheinen und in Auszügen in seinen Büchern „Die Ameisenzählung“, „Die Vögel brüllen“ und „Mama, jetzt nicht“ zusammengefasst sind. Seine beiden Romane „Der Weihnachtshund“ und „Darum“ wurden mit großem Erfolg verfilmt. Der Durchbruch zum Bestsellerautor gelang Glattauer mit dem Roman „Gut gegen Nordwind“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert, in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch als Hörspiel, Theaterstück und Hörbuch adaptiert wurde.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Paul Zsolnay Verlag; 1. Edition (20. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 304 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3552073333

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt

Inhalt

«…das ist, was ich schreibe: Ich schreibe über mich. Ich schreibe am eigenen Leben entlang, ein anderes Schreiben kenne ich nicht.»

Judith Hermann schreibt in den vorliegenden Frankfurter Poetikvorlesungen über ihr Schreiben. Und sie schreibt vom Verschweigen im Schreiben. Sie schreibt davon, wie sie eine Geschichte beginnt und weiterspinnt. Sie schreibt von ihrem Leben und ihren Erinnerungen und wie diese mit dem Schreiben zusammenhängen. Sie schreibt sich in diesem Buch ihrem Leben entlang und nimmt den Leser mit in eine Geschichte des Lebens und Schreibens, die anmutet, als entdecke sie Judith Hermann beim Schreiben erst selbst.

Entstanden ist ein Buch, das Einblicke in Judith Hermanns Kindheit und Aufwachsen gibt, das Freundschaften und Familie thematisiert, und mehr noch als Geschichten Gefühle transportiert – und auslöst.

Gedanken zum Buch

«Jede Geschichte hat ihren ersten Satz. Nicht der Satz, mit dem die Erzählung im Buch beginnt, sondern der Satz, mit dem sie in meinem Kopf beginnt.»

Der Blick hinter die Kulissen von Schreibenden ist immer wieder spannend. Während die einen ihre Geschichten feinsäuberlich planen und sich dann an feste Tagesabläufe halten, lassen sich andere inspirieren und schreiben sich dann in die Geschichte hinein, wie sie sich ihnen zeigt.

«Jede Entscheidung für einen Satz ist eine Entscheidung gegen unzählige andere Sätze. Jede Entscheidung für eine Geschichte schlägt unzählige andere Geschichten aus. Ein Wort vernichtet ein anderes Wort. Schreiben heisst auslöschen.»

Dabei bleibt es nicht aus, dass vieles im Kopf auftaucht, wovon nur ein Bruchteil schliesslich Eingang in die Geschichte findet. Oft weiss der Schreibende mehr über seine Figuren, als er dem Leser explizit zeigt, er kennt Hintergründe und Eigenheiten, die für das Schreiben wichtig sind, die der Geschichte aber nicht dienen.

«Keine Geschichte ist die, die ich erzählen wollte oder müsste. Aber ich kann davon erzählen, dass ich das Eigentliche nicht erzählen kann, das Verschweigen des Eigentlichen zieht sich durch alle Texte…»

Melancholie tropft aus den Zeilen und sitzt in den Zwischenräumen des Geschriebenen. All das, was Verschwiegen wird, findet sich in Andeutungen des Schweigens, nicht aber in seiner wahren Präsenz. Es ist ein Schreiben über Erinnerungen, von denen nicht sicher ist, dass sie wirklich sind oder nur gedacht. Es ist ein Schreiben über das Schreiben, welches das Nicht-Geschriebene in und mit sich trägt. Es ist ein Schreiben dem Leben entlang, von dem nie ganz klar ist, ob es Traum oder Wirklichkeit ist. Entstanden ist ein Buch, das alles offenlässt und dessen Ende man als Leser selbst finden muss. Auch den Sinn von allem muss man selbst ergründen, er zeigt sich nicht offensichtlich.

Fazit
Ein poetisches, ein rätselhaftes, ein melancholisches Buch über das Schreiben und das Leben. Ein Buch, das einen nachdenklich zurücklässt und dessen Sinn sich vielleicht erst später auftut.

Zur Autorin
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) wurde eine außerordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien »Alice«, fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 veröffentlichte Judith Hermann ihren ersten Roman, »Aller Liebe Anfang«. 2016 folgten die Erzählungen »Lettipark«, die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Im Frühjahr 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. Literaturpreise: Preis der LiteraTour Nord 2022Bremer Literaturpreis 2022Rheingau Literatur Preis 2021Blixenprisen 2018 für »Lettipark«Erich-Fried-Preis 2014Friedrich-Hölderlin-Preis 2009Kleist-Preis 2001Hugo-Ball-Förderpreis 1999Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 1999

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ S. FISCHER; 3. Edition (15. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3103975109

Olga Tokarczuk: Übungen im Fremdsein

Inhalt

«Mir scheint, die Literatur als unaufhörlicher Prozess des Erzählens der Welt hat grössere Möglichkeiten als irgendetwas sonst, diese Welt in ihrer gesamten Perspektive gegenseitiger Einflüsse und Verbindungen zu zeigen.»

Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat in diesem Buch zwölf Essays und Reden zusammengestellt, die sich mit dem eigenen Schöpfungsprozess beschäftigen. Sie schreibt über die Motiviation zum Schreiben, zur Konstruktion von Figuren, zu den politischen, psychologischen, soziologischen und biographischen Quellen ihres Schreibens. Sie beleuchtet, wie wir durch Sprache neue Welten schaffen, beleuchtet den Lauf der Welt und die Art und Weise, wie Literatur damit umgeht.

«Existiert denn überhaupt die eine Welt…. Oder leben wir, die wir uns in der einen räumlichen Sphäre befinden, in Wahrheit in den jeweils eigenen Phantasmen?»

Entstanden ist ein Blick hinter die Kulissen ihres Schreibens und Denkens, ein kritischer Blick auf die Welt und unser Leben in ihr. Es ist zudem ein Aufruf, die Welt mit verschiedenen Augen aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.

Gedanken zum Buch

«Wunder des Lesens… die Bereitschaft, sich mittels einer bewussten Verwendung von Sprache, durch das Spiel mit den Zeichen, Kontexten und Verweisen geduldig in vielschichtige, komplizierte, bedeutungsvolle Struktur der Welt ringsumher zu vertiefen, stetig weiter hinabzusteigen oder auch, wie über die Wendeltreppen eines perspektivischen Verwirrbildes, immer höhere Höhen zu erklimmen.»

Olga Tokarczuk bezeichnet sich als buchabhängig. Sie liest, sie liest Bücher auch mehrfach, und sie schaut, was in diesen Büchern steckt, wie sich die Geschichten ihr gegenüber öffnen, wie sich verschiedene Schichten beim wiederholten Lesen entfalten. Literatur ist ein Blick auf die Welt, welche diese sichtbar werden lässt in ihren Zusammenhängen und Strukturen.

«Ich bin überzeugt, dass unser Leben nicht nur eine Summe von Ereignissen ist, sondern ein verschlungenes Sinngefüge – das wir selbst schaffen, indem wir den Ereignissen jeweils einen Sinn zuschreiben.»

Literatur ist ein Sinnstifter, da durch das Schreiben den Dingen zugeschrieben wird. Geschichten kreisen um einen Sinn, der nicht den Dingen innewohnt, sondern den die Dinge für uns haben, weil wir ihnen diesen zusprechen.

«Die Geschichte, das Erzählen ist somit das fünfte Element, das uns die Welt auf ebendiese und keine andere Weise sehen lässt, das uns ihre unendliche Vielfalt und Vielschichtigkeit verstehen, unsere Erfahrung einordnen und sie von Generation zu Generation, von einer Existenz zur anderen weitergeben lässt.»

Seit Menschengedenken erzählen wir uns Geschichten. Es sind diese Geschichten, welche die Welt erfahrbar machen, indem sie eine Einordnung der Phänomene in einen Zusammenhang vornehmen. Indem wir unterschiedliche Geschichten von verschiedenen Menschen hören, eröffnet sich ein weiterer Blick, der aufzeigt, dass es mehrere Sichtweisen auf die eine Welt gibt, dass quasi diese eine Welt aus ganz vielen Welten besteht, die wir erst durch die Geschichten anderer Menschen erfahren können. Damit das so ist, bedarf es auch einer Offenheit. Wir müssen uns von unserem Standpunkt lösen und uns neuen Standpunkten, neuen Perspektiven gegenüber neugierig zeigen.

«Im Grunde nimmt der Reisende des Westens die Welt als nicht wirklich wahr. Gleich einem ewig eilenden Schatten bewegt er sich durch die Länder und Kulturen, die er besucht. Nichts berührt er, in nichts ist er einbezogen, er bleibt verkapselt in seinem Überlegenheitsgefühl.»

Tokarczuk wirft einen kritischen Blick auf die Welt und die Menschen in ihr. Sie thematisiert die Vereinzelung, die oft mit Entfremdung einhergeht, ebenso wie die wohl aus dieser hervorgehende Haltung der eigenen Überlegenheit. Zu oft verharren wir in der Meinung der eigenen Deutungshoheit, wir sehen uns und unser Erleben als Massstab, den wir auf den Rest der Welt anwenden. Was aus einer gefühlten Überlegenheit heraus passiert, führt uns eigentlich bei Lichte betrachtet in eine Verarmung der Wahrnehmung, da wir diese selbst beschränken.

Fazit
Ein klarer, scharfer und durchdringender Blick auf die Welt, das Leben, Lesen und Schreiben. Eine Hommage an die Sprache und ihre Möglichkeit, mit ihr die Welt erst zu schaffen.

Zur Autorin
OLGA TOKARCZUK, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Sie zählt zu den bedeutendsten europäischen Autorinnen der Gegenwart. Ihr Werk wurde in 37 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, ausgezeichnet und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für Unrast, für den sie auch 2019 wieder nominiert war: Ihr Roman Der Gesang der Fledermäuse stand auf der Shortlist. 2019 wurde Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Zum Schreiben zieht sie sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (14. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • Übersetzung ‏ : ‎ Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein ,  
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3311100751