Elizabeth Strout: Am Meer

Inhalt

«»Ich war so traurig an diesem Abend; ich begriff mit einer Klarheit, wie nur zu wenigen anderen Zeiten meines Lebens, dass die Isolation meiner Kindheit, die Angst und die Einsamkeit, mich nie ganz loslassen würden. Meine Kindheit war ein einziger Lockdown gewesen.»

Als Covid ausbricht, bringt William, Lucy Bartons Exmann und noch immer bester Freund, diese aus der Stadt New York nach Maine, um sie vor dem Virus zu schützen. Was für ein paar Wochen geplant war, zieht sich hin. In einem Haus mit Meerblick verbringen sie den Lockdown, richten sich in einer Zweierbeziehung ein, die vor vielen Jahren wegen einer Affäre Williams zerbrochen ist.

Die Zurückgezogenheit von der Welt wird nur dann und wann durch Gespräche mit neugewonnenen Freunden oder Spaziergängen am Meer unterbrochen, dazwischen ist Lucy auf sich selbst zurückgeworden, es bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Über die Vergangenheit, die eigene Herkunft, das Leben und den Gang der Welt. Ein Buch, das durch die Tage plätschert, Gedanken zum Nachdenken in den Lesefluss trägt und in dem man Seite für Seite tiefer in die Figuren und ihr Leben hineingesogen wird.

Gedanken zum Buch

«Auch das war also eine Tatsache. Er war immer noch William. Und ich war immer noch ich.
Aber wir waren auch sehr glücklich dabei. Das muss ich sagen.»

Menschen sind, wie sie sind. Sie werden sich zwar in gewissen Dingen verändern, doch darauf zu hoffen oder es gar zu erwarten, wäre ein Unding. Schlussendlich ist kein Mensch auf der Welt, um so zu sein, wie der andere ihn gern hätte, es ist an uns, mit einem Menschen, den wir mögen, ein Zusammenleben zu finden, das für beide funktioniert und beide in ihrem Sein respektiert und leben lässt.

«Wenn wir Glück haben, stossen wir auf jemanden. Aber wir prallen auch immer wieder voneinander ab, ein Stückchen zumindest.»

An einem anderen Menschen ist nie alles perfekt, es gibt immer diese kleinen Dinge, an denen wir uns stossen, über die wir uns ärgern. Oft sind es Kleinigkeiten und doch bringen sie in uns viel in Wallung. Lucy erinnert sich an Dinge von früher, an die kleinen Ärgernisse mit William, die nun, in der heutigen Situation, plötzlich anders auf sie wirken. Es kann sogar vorkommen, dass sie sich heute über die Dinge freut, die sie früher geärgert haben. Der Umstand, dass dies so ist, zeigt deutlich, dass es nicht die Dinge selbst sind, die ärgerlich sind, sondern wir es sind, welche sie so sehen. Vielleicht sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn man sich wieder einmal über etwas ärgert.

«Die Frage, warum manche mehr Glück haben als andere – es gibt wohl keine Antwort darauf.

Sartre sagte, wir würden in die Welt geworfen und es sei an uns, diese dann für uns zu gestalten. Das mag einigen leichter fallen als anderen, nicht jeder ist mit den gleichen Talenten und Möglichkeiten ausgestattet. Fair ist das nicht, aber es ist alles, was wir haben. Es ist an uns, das Beste aus dem, was ist, zu machen.

«Woran liegt das, dass die Menschen so verschieden sind? Wir kommen mit einer bestimmten Veranlagung zur Welt, denke ich. Und dann treibt das Leben sein Spiel mit uns.»

Wie oft verurteilen wir Menschen, weil sie anders sind oder denken als wir, dabei ist es eine Tatsache, dass Menschen verschieden sind und dadurch auch die Welt um sich unterschiedlich wahrnehmen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, wird klar, dass sich ein Urteil über die Art eines anderen Menschen, nicht ziemt, vielmehr ist es für das gegenseitige Verständnis wichtig, zu versuchen, die Welt aus den Augen des anderen zu sehen.

«Merkwürdig, wie das Hirn sich weigert, gewisse Dinge aufzunehmen, bis es bereit dafür ist.»

Wie oft kommt es vor, dass man sich fragt, wieso man etwas nicht früher gemerkt, gesehen oder getan hat. Im Nachhinein scheint alles klar, nur damals war es dies nicht. Und vielleicht musste es so sein. Alles hat seine Zeit und für manche Dinge ist es zu früh oder zu spät. Wir können nie nachholen, was wir irgendwann verpasst haben, und vielleicht können wir auch nicht vorgreifen, wenn etwas schlicht noch nicht an der Reihe ist.

Fazit
Ein stilles Buch, ein Buch, das zum Mitfühlen und Mitdenken anregt. Ein Buch über Verluste, Wiederentdeckungen und die Liebe. Grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Sie zählt zu den großen amerikanischen Erzählstimmen der Gegenwart. Ihre Bücher sind internationale Bestseller. Für ihren Roman »Mit Blick aufs Meer« erhielt sie den Pulitzerpreis. »Oh, William!« und »Die Unvollkommenheit der Liebe« waren für den Man Booker Prize nominiert. »Alles ist möglich« wurde mit dem Story Prize ausgezeichnet. 2022 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Siegfried Lenz Preis ausgezeichnet. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Luchterhand Literaturverlag (14. Februar 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • Übersetzung :  Sabine Roth
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3630877488
  • Originaltitel ‏ : ‎ Lucy by the Sea

Bärbel Reetz: Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht

Inhalt
Will man Emmy Hennings beschreiben, weiss man kaum, wo anfangen, so vieles war sie: Tänzerin, Schauspielerin, Dichterin, Schriftstellerin, Künstlerin und vor allem auch Mensch. Sie wollte hoch hinaus, hatte Träume, und fiel immer wieder. Sie kämpfte um ihr Leben, ums Überleben gegen Mächte, Zwänge, Widrigkeiten und Sorgen. Sie hatte Talent und wurde einerseits hochgeschätzt und gelobt, andererseits doch verkannt. Sie fand kein Auskommen und kein Ankommen. Eigentlich eine tragische Geschichte.

Bärbel Reetz beschreibt in ihrer Biografie das Leben dieser aussergewöhnlichen Frau, sie zitiert aus Briefen und Tagebüchern von Weggefährten, sprach mit Leuten, die sie gekannt oder von ihr gehört haben, zeigt die Stationen ihres Lebens auf und zeichnet ihre Wege nach.

Gedanken zum Buch

„Es ist so seltsam, keine Legitimation zu haben. Es ist so traurig, vaterlandslos zu sein. Ich kann nichts dafür, dass ich es bin, aber meine Sprache ist doch deutsch und meine Sprache sollte verraten, wohin ich gehöre… du kannst es nicht so verstehen, wie das ist, Hugo, nirgends eine Aufenthaltsbewilligung zu haben.“

Sie war eine Reisende, mal aus eigener „Weltflucht“, mal, weil sie nicht bleiben durfte, wo sie war. Die Gründe für die Reisen waren vielfältig. Sie träumte von besseren Orten, die politischen Bestimmungen duldeten ihr Bleiben nicht mehr, das Geld war zu knapp. So zog sie von Ort zu Ort, immer eine Suchende, die aber nie fand und von ihrer Sehnsucht nach einem Ankommen innerlich zermürbt wurde.

„Aber wie immer, wenn sie ernstlich gefordert wird, zeigt die labile Emmy überraschende Stärke.“

Emmy Hennings war oft auf Hilfe angewiesen. Ihre vielen Freunde machten sich viele Sorgen um sie, ihre Gesundheit, ihre Zu- und Umstände. Doch sie war nicht nur die Schwache und Kränkelnde, sie war auch immer für ihre Freunde da, setzte sich ein, kämpfte. Wo sie hinkam, nahm sie die Herzen der Menschen durch ihre spielerische, leicht kindliche, frische Art ein. Sie zeigte Humor, Enthusiasmus, Esprit und vor allem immer viel Herz.

«Es kommt freilich nicht darauf an, wie das Leben wirklich ist, sondern wie es einem vorkommt. Ich hielt es für verfehlt.»

Ein Mädchen, eine junge Frau mit Tatendrang, Visionen, Träumen und Zielen, die den Mut hat, all diese zu verfolgen, die in die Welt aufbricht, sich alles erkämpfen muss und dabei unten durch geht, die tanzt, dichtet, liebt, sich verkauft, abstürzt, im Gefängnis landet, sich immer wieder aufrappelt. Sie beweist immer wieder, dass sie etwas kann, viele verehren sie – und doch reicht es nie zum Leben, knapp nur zum Überleben. Wie oft stürzte sie das in Zweifel, in eine Erschöpfung, Krankheit gar. Wie oft haderte sie mit dem Leben, mit sich, mit der Welt. Und doch rappelte sie sich immer wieder auf, schritt mutig voran, um ihre Träume, ihre Leidenschaften, ihr Schreiben weiterzutreiben. Die grossen Namen (allen voran Hermann Hesse) hielten grosse Stücke auf sie, schätzten ihr Talent und ihre Literatur hoch ein, doch sie fand keine Verleger und wenig Publikum.

«Ein gefallenes Mädchen… von gefallen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.»

Für ihren Traum, auf der Bühne zu stehen, nimmt Emmy Hennings viel auf sich. In grosser Geldnot prostituiert sie sich, endlich beim Theater angekommen, merkt sie, dass es auch da mehr um Körper als um Kunst geht, dass der Einsatz nach dem Fall des Vorhangs noch nicht zu Ende ist. Sie fühlt sich dreckig, fragt sich sogar, ob sie nicht auf der Strasse reiner gewesen ist als nun auf der Bühne. Sie wird von Männern (teilweise vorgeblich liebevoll) Hure genannt, während die Männer selbst doch fantasieren, wann sie sie wieder sehen, was mehrheitlich auch nehmen bedeutet. In Erich Mühsams Tagebüchern (um nur einen zu nennen) finden sich viele explizite Passagen dazu. Emmy erlebt, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, am eigenen Leib, was für ein Nachteil es ist, als Frau in dieser Welt zu leben.

Bärbel Reetz zeichnet das Leben und Schaffen der Emmy Hemmings nach, wobei sie zu viel Gewicht auf all die Figuren um sie herum und zu wenig auf Emmy selbst schaut. Dadurch ist eine sehr langatmige, oft verwirrende, zeitlich hin und her springende Biografie entstanden, welche den Menschen Emmy Hemmings nicht wirklich fassbar macht.

Fazit
Bärbel Reetz beschreibt das Leben von Emmy Hennings informativ und mit Verweis auf viele Quellen und Zitate. Sie lässt dabei den roten Faden und die Chronologie etwas zu oft aus dem Blick, so dass das Ergebnis etwas unübersichtlich wird. Trotzdem sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Bärbel Reetz, geb. 1942, Studium der Germanistik und Anglistik lebt als Autorin und freie Journalistin in Berlin; ihre Arbeiten wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, u.a. 1994 Bettina-von-Arnim-Preis für die Erzählung Virginia oder die Gleichzeitigkeit.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Suhrkamp Verlag; Originalausgabe. Edition (21. Mai 2001)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 399 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3518397404

Suzie Miller: Prima Facie

Inhalt

«Ich kann nicht anders als mich zu fragen: Wie ist es möglich, dass ich hier bin? Niemand hatte je daran geglaubt, dass ich hier landen würde. Den ganzen Sommer über haben Erwachsene zu mir gesagt, wie viel ‘Glück’ ich hätte, ‘so eine Gelegenheit zu bekommen’, immer hoben sie mein Glück hervor, ohne anzuerkennen, wie hart ich dafür gearbeitet habe.»

Tess kämpft sich mit Ehrgeiz und viel Arbeit durch die sozialen Schichten, kann mit einem Stipendium in Cambridge studieren und später in eine angesehene Kanzlei in London eintreten. Sie merkt, dass sie aus einer anderen Klasse stammt, es wird ihr überall bewusst: «Weil man mir anmerkt, dass ich nicht hierher gehöre.»

Sie versucht, sich anzupassen, die Verhaltensweisen anzueignen, die es braucht, um dazuzugehören, und sie verschafft sich Respekt durch ihre Leistung und ihr Können. Alles läuft auf graden Schienen, bis ein einziger, verhängnisvoller Abend alles zunichtezumachen scheint und ihre ganze Welt aus den Fugen gerät. Was soll sie tun? Was steht auf dem Spiel? Ist sie bereit, den Preis für ihre Überzeugungen zu bezahlen?

Gedanken zum Buch

Es gibt Bücher, die gehen tief. Die bewegen, die erschüttern, die verstören. Sie dringen in dein Innerstes und wühlen es auf. Das ist mir mit diesem Buch so gegangen. Hatte ich am Anfang noch Mühe, reinzukommen, weil mir der Stil nicht entsprach – zu kalt, zu sachlich, zu erklärend, zu aufzeigend, zu wenig persönlich -, wurde ich nach und nach reingezogen, immer mehr, immer tiefer. Und ich merkte, dass genau dieser Stil am Anfang wichtig war. Er zeigte etwas, eine Haltung, eine Rolle, ein Konstrukt, das Risse bekam, das erschüttert wurde. Durch einen Abend. Durch ein Erlebnis. 

«Vielleicht sind Leute wie ich nur besonders empfänglich für diesen Ton, den Männer in Machtpositionen anschlagen, wenn sie an einem zweifeln. Es ist schwer zu erklären, wenn man die leichte Herabsetzung nicht selbst wahrnimmt.»

Suzie Miller hat einen Roman geschaffen, der die sozialen Unterschiede und die Klassenschranken in den Blick nimmt. Sie zeigt auf, wie verschieden die Lebenswirklichkeiten in unterschiedlichen Klassen aussehen, erzählt davon, welche Abgründe es zu überwinden gilt, will man sich in einer anderen Klasse als der der eigenen Herkunft bewegen. Es sind oft subtile Kleinigkeiten, und doch können sie ganze Lebenswege definieren.

«Prima facie- lat. Für dem Anschein nach, auf den ersten Blick.»

Das Buch gewährt Einblicke in das Rechtssystem und die diesem zugrunde liegenden Prinzipien und Strategien. Was für das Recht gilt, zieht sich aber oft auch durch das normale Leben. Recht und Leben wirken aufeinander, bedingen einander, beeinflussen sich gegenseitig. Wie oft urteilen wir danach, wie etwas auf den ersten Blick scheint? Wir gehen aus von den vorgefertigten Bildern in unserem Kopf, die meist ein Relikt einer jahrelangen Prägung durch ein System sind, in dem wir gross wurden und das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wir nehmen diese Vor-Verurteilung nicht mehr wahr, wir glauben, die Welt zu sehen, wie sie ist, und sehen doch immer nur die Welt, wie wir sie sehen, weil wir sind, wie wir sind, wie wir geworden sind.

Dieses Buch ist ein Augenöffner. Es zeigt, wie wir uns in Systeme hineinziehen lassen und sie oft fraglos übernehmen, weil uns die passenden Argumente, die sie stützen, gleich mitgeliefert werden und überzeugen. Es heisst nicht, dass diese Systeme grundsätzlich falsch sind, dass sie nicht eine Möglichkeit sind, wie die Welt gesehen werden kann, aber sie sind eben genau das: Eine Möglichkeit und nicht die absolute Wahrheit und einzige Sicht.

Am Schluss dieses Buches sassen die Tränen locker. Es ist ein Buch, das sich setzen muss, das nachhallt. Eine grosse Leseempfehlung.

Fazit
Ein wichtiges Buch, ein Buch, das aufzeigt, wie viel vom Patriarchat in unseren Systemen steckt und wie wir uns dem immer wieder unterwerfen. Sehenden Auges. Es zeigt, was es heisst, Mut zu haben, hinzustehen, aufzubegehren. Und wie wichtig es ist. 

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Suzie Miller, geboren in Melbourne, hat Jahre lang als Strafverteidigerin gearbeitet, mit besonderem Augenmerk auf sexuellen Missbrauch. Ihr Stück, auf dem ihr Roman basiert, gewann alle großen Preise Australiens sowie den Olivier Award, die wichtigste Auszeichnung im britischen Theater. »Prima facie« ist ihr erster Roman.

Katharina Martl, geboren 1987, übersetzt aus dem Englischen und den festlandskandinavischen Sprachen. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kjona Verlag; 1. Edition (29. Januar 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3910372214
  • Originaltitel ‏ : ‎ Prima facie



Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Inhalt

G.W.Pabst hat es geschafft. Er konnte Europa mit seiner Frau und seinem Sohn rechtzeitig verlassen und in den USA das tun, was er liebte: Filme machen. Der Erfolg hält nur kurz, zudem ist seine Mutter noch in Österreich und nicht bei bester Gesundheit. Mit seiner Familie reist er zurück, um die Mutter in ein Sanatorium zu bringen und dann – so gibt er vor – zurück in die USA zu gehen. Er bleibt, kommt in die Mühlen der Nazis, dreht fortan unter deren Augen. Der rote Pabst von einst plötzlich ein Nazizudiener?

Gedanken zum Buch
Daniel Kehlmann wollte keine Biografie schreiben, er schrieb einen Roman, den er um die Figur des Georg Wilhelm Pabst herum konstruierte. Interessiert hat ihn dabei, was möglich gewesen wäre, was vielleicht wirklich so stattgefunden hat, vielleicht auch nicht. Er erschafft also keine neue Welt, sondern durchforstet eine reale Welt nach ihren Möglichkeiten, die nicht immer verwirklicht worden sind. Es ist dabei nicht interessant, was wirklich passiert ist, zählen tut nur, ob die Welt, die Kehlmann konstruiert hat, in sich stimmig ist. Das ist ihm gelungen. In einer wortgewandten Sprache, in sprechenden Bildern, mit lebendigen Figuren zeichnet uns Daniel Kehlmann die Zeit von damals nach und lässt uns erfahren, was es heisst, sich in Fallstricken zu verfangen, aus denen man nicht mehr kommt.

«Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, was man will. Wichtig ist, Kunst zu machen unter den Umständen, die man vorfindet.»

Redet Pabst sich die Dinge schön? Sucht er eine Rechtfertigung für all die kleinen Entscheide, die ihn schlussendlich dahin brachten, wo er heute ist? Den Gegner des Naziregimes, den roten Pabst hatte man in eine Rolle gezwängt, die er nie hatte haben wollen, die er nun aber gezwungen war, auszufüllen. Zwar machte er keine Propagandafilme, aber er diente diesem System. Hatte er eine Wahl? Jetzt noch? Wo hätte er noch anders abbiegen können und war stattdessen den Weg hinein ins Verderben gefahren? Ist es an uns, zu urteilen, zu verurteilen? Vom sicheren Sofa aus, so viele Jahre später? Noch vor einigen Jahren wäre die Antwort wohl noch anders gewesen als heute. Wir stehen wieder vor Brüchen und Umbrüchen, vor Bewegungen, Spaltungen und latenten Gefahren, die an vielen Orten schon Realität geworden waren. Was tun wir heute? Wie viel unterscheidet uns von seiner Haltung damals?

Sicher ist: Seine Kunst stand für Pabst zuoberst. Ihr ordnete er alles unter, für sie fällte er Entscheidungen, die im Nachhinein ungünstig waren, bis er an einem Punkt angelangt war, von dem aus es kein Zurück mehr gab. Aus dem sicheren Exil kam er zurück nach Deutschland, setzte seine Frau und seinen Sohn dieser Atmosphäre aus und brachte alle in Gefahr – wenn er nicht spurte.

«Sie verkennen die Lage. Ich diskutiere nicht. Wenn Sie nur die geringste Idee hätten, was ihnen blühen kann, würden Sie es nicht mal versuchen.»

Der Regisseur Pabst, der keine Widerworte duldet, der bestimmt, wann ein Film gut ist und der Szenen immer wieder neu drehen lässt, ist selbst ind er Position, dass ein Nein nicht mehr gilt.

Fazit
Ein grossartiger Roman um den bekannten Regisseur Georg Willhelm Pabst, erzählt in einer wunderbaren Sprache und allen Zutaten, die Literatur gross machen. Für Puristen vielleicht ein paar Längen zu viel, für Epiker ein Hochgenuss.

Zum Autor
Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Sein Roman Die Vermessung der Welt war eines der erfolgreichsten deutschen Bücher der Nachkriegszeit, und auch sein Roman Tyll stand monatelang auf den Bestsellerlisten und gelangte auf die Shortlist des International Booker Prize. Daniel Kehlmann lebt in Berlin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Buchverlag; 3. Edition (10. Oktober 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3498003879
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3498003876

Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordens

Inhalt
In Briefen, Essays, Notizen und mehr äussert sich Raymond Chandler über sich und sein Schreiben, er behandelt Themen wie die Filmwelt und das Verlagswesen wie auch das Handwerk des Schreibens und den Kriminalroman. Er zeigt sich dabei authentisch, ehrlich direkt und teilweise bitterböse, analytisch und auch kritisch.

Ein wunderbar unterhaltsames Buch, welches nicht nur einen Blick auf diverse Themen rund um das Schreiben eines Kriminalromans und alles, was damit in irgendeiner Form zusammenhängt, wirft, sondern auch den Autoren Raymond Chandler erfahrbar macht in seinem Schreiben und Denken, mit all seinen Eigenarten.

Gedanken zum Buch

«Wenn man da sagt, was dieser Mann schreibt, sei keine Literatur, könnte man ebenso gut auch sagen, ein Buch, das Lust zum Lesen mache, könne nichts taugen.»

Was macht gute Literatur aus? Wie kommt es zur Unterscheidung zwischen hoher und niedriger Literatur? Raymond Chandler beklagt diese Einteilung, er findet sie überheblich und unzutreffend, da bei Büchern nicht das Genre, sondern die Art des Schreibens ausschlaggebend sein sollte, ob etwas gute Literatur sei oder aber nichts tauge. Dass gerade über Kriminalromane immer wieder geschnödet wird, verurteilt er aufs schärfste und mit teilweise klaren bis bitterbösen Aussagen.

«Alle Menschen flüchten vor irgend etwas, flüchten sich in das hinüber, was hinter der bedruckten Seite liegt; qualitativ mg das Träumen diskutabel sein, aber funktionell ist es ganz einfach eine Notwendigkeit geworden. Jeder Mensch muss von Zeit zu Zeit dem tödlichen Rhythmus seiner privaten Gedanken entfliehen. Das gehört unter denkenden Wesen zum Lebensprozess selber.»

Die Frage, die sich stellt, ist immer auch: Wieso lesen Menschen? Und: was muss Literatur. Bewirken, dass sie beim Leser ankommt? Die Tatsache, dass etwas gerne gelesen und oft verkauft werde, sei weder ein Qualitätskriterium noch dürfe es dazu herhalten, Literatur zu hierarchisieren. Literatur, so Chandler, ist ein Weg, vor der Alltagsrealität zu fliehen und für eine Weile Zuflucht in einer anderen Welt zu finden. Mit welchen Inhalten das gelingt, ist weniger wichtig für eine Einteilung in gute oder schlechte Literatur, als ob es literarisch und stilistisch gut umgesetzt ist.

«Ich will lediglich sagen, dass alles Lesen zum Vergnügen Flucht ist… Alle Literatur ist in diesem Sinne Unterhaltungsliteratur. Wollte man das bestreiten, so wäre man bloss ein intellektueller Snob und ein blutiger Anfänger in der Kunst des Lebens.»

Leider ist diese Hierarchie in hohe und niedrige (oder gar Schundliteratur) auch heute noch gang und gäbe. Dass Kriminalliteratur (oder auch Fantasy und andere Genres) sich gut verkaufen, wird nicht als Qualitätsmerkmal gesehen, sondern im Gegenteil als Argument gegen gute Qualität eingebracht. Was viele lesen, kann nicht gut sein. Diese Botschaft klingt durch und sie vermittelt genau, was Chandler weiter oben auch sagte: Den Snobismus des Aussprechenden. Indem er die breite Masse der Lesenden als eher seichte Gemüter einstuft, erhebt er sich darüber. Dies im Blick solle man vielleicht die eigenen Kriterien für gute oder schlechte Literatur nochmals überdenken.

Fazit

Ein unterhaltsames, informatives Buch über das Schreiben, Kriminalliteratur, Filmbranche und vieles mehr. Klare Worte mit tiefen Einblicken, einer messerscharfen Analyse sowie unbarmherziger Kritik, die bei all dem einen unverstellten Blick auf den Autor gewähren.

Zum Autor
Raymond Chandler, geboren 1888 in Chicago, wuchs in England auf. Er übte verschiedenste Berufe aus, bevor er ab 1932 ernsthaft zu schreiben begann. Chandler wurde nicht nur mit seinen Romanen um den Privatdetektiv Philip Marlowe zum Klassiker der Kriminalliteratur. Er verfasste auch berühmte Drehbücher für Billy Wilder und Alfred Hitchcock. Raymond Chandler starb 1959 in La Jolla, Kalifornien.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes Verlag; 14. Edition (24. Februar 2009)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Übersetzung : Hans Wollschläger
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257202090

Mit Freundlichkeit die Welt verbessern

Ein Blick in die Zeitungen reicht, um zu zeigen: Die Welt ist grausam. Krieg, Betrug, Mord und Todschlag, wohin das Auge reicht, das Klima geht vor die Hunde und wir, wenn wir nicht aufpassen, damit. Und das schlimmste: Schuld ist der Mensch. Der Mensch mit seiner Profitgier, seinem Machtstreben, seinem Verlangen nach mehr, ohne Rücksicht auf Verluste. Schnell ist das Gefühl da, dass es so nicht weitergehen kann und darf, dass man was tun sollte und wollte. Und dann steht die grosse Frage im Raum: Was? Und: Kann es gelingen?

Jedem Vorstoss zum Guten, jeder Idee für eine Veränderung und Verbesserung schallen tausend Stimmen entgegen, wieso es nicht möglich ist. Dem Visionär wird der Wind aus den Segeln genommen, bevor er das Schiff eingewässert hat. So mancher fühlt sich beschämt, sieht sich als naiven Idealisten, als weltfremden Dummen. Und dann gibt es noch die, welche einfach machen. Sie gehen hin und tun Gutes in Situationen, in denen es dringend nötig ist. Und es gelingt. Es wächst etwas Schönes daraus.

Es kann Mut machen, Beispiele von solchen Menschen zu lesen, um dem eigenen Wunsch, etwas Gutes zu tun, Kraft zu geben. Beispiele von Menschen, die den Weg gegangen sind, die sich den Nörglern, Kritikern, Zweiflern entgegengestellt haben und einfach taten, was sie richtig und nötig fanden. Alexandra Stewart hat solche Geschichten zusammengetragen. Sie stellt in ihrem Buch «So kommt das Gute in die Welt» Menschen vor, die in schwierigen Situationen Gutes taten. Sie zeigt, dass Freundlichkeit die Welt zu einem besseren Ort machen kann, auch wenn – oder gerade dann – alles düster erscheint.

«In diesem Buch erfährst du, warum der Mensch von Natur aus freundlich ist. Du lernst ganz normale Menschen kennen – Erwachsene und Kinder -, die dazu beigetragen haben, unsere Welt zum Besseren zu verändern. Sie werden dir zeigen, dass Freundlichkeit nicht immer sanft ist. Manchmal bedeutet sie Mut, oft Entschlossenheit, doch immer ist sie Stärke.»

Das Buch handelt nicht von Helden oder speziell ausgebildeten Menschen. Es sind Menschen wie du und ich, die mit Freundlichkeit auf die Welt blicken und in ihr handeln. Es zeigt, wie viel Freundlichkeit bewirken kann und dass sie sich vermehrt, wenn sie in die Welt kommt, weil sie andere ansteckt, ebenso zu fühlen und zu handeln.

Was für ein schönes Gegengewicht zu all den düsteren Nachrichten. Ein Buch, das Hoffnung und Mut macht, das Zuversicht gibt. Es geht auch anders und wir alle können dazu beitragen. Wie sagte schon Khalil Gibran:

«Freundlichkeit ist wie Schnee, sie verschönert alles, was sie bedeckt.»

Angaben zum Buch
Alexandra Stewart (Autorin), Jake Alexander (Illustrator): So kommt das Gute in die Welt. Wahre Geschichten, die Mut machen, Midas Verlag, Zürich 2023.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Midas Kinderbuch (15. August 2023)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 120 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038762584
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 10 Jahren

Autorin und Illustrator
Alexandra Stewart ist eine Sachbuchautorin für Kinder. Sie ist ausgebildete Journalistin und hat als Pressesprecherin für die Metropolitan Police und die britische Regierung gearbeitet. Sie ist die Autorin von Everest: The Remarkable Story of Edmund Hillary and Tenzing Norgay und Jumbo: The Most Famous Elephant Who Ever Lived (Der berühmteste Elefant, der je gelebt hat).

Jake Alexander ist ein preisgekrönter britischer Illustrator. Im Jahr 2019 gewann er sowohl den Macmillan Prize als auch die Creative Conscience Gold Medal. Er ist der Autor und Illustrator von We Want Our Books und illustrierte David Olusogas Black and British: An Illustrated History.

Nele Neuhaus: In ewiger Freundschaft

Inhalt

«Seit zehn Tagen, seit sie seine Karriere, ja, sein ganzes Leben zerstört hatte, antwortete sie nicht mehr auf seine Mails und ging auch nicht ans Telefon… Seine Angst und sein Selbstmitleid hatten sich allmählich in Verärgerung verwandelt, dann war der Zorn gekommen und schliesslich der Hass… Letzte Nacht hatte er beschlossen, sie zur Rede zu stellen.»

Die erfolgreiche Literaturkritikerin Heike Wersch ist tot. Nachdem sie die Literaturwelt zünftig durcheinander gewirbelt hat mit ihren destruktiven Aktivitäten, wird sie erschlagen und ihre Leiche im Wald entsorgt. Im Zentrum der Ermittlungen stehen bald sechs Menschen, die seit Kindertagen befreundet sind und um die sich ein düsteres Geheimnis rankt. Doch der Kreis der Verdächtigen weitet sich schnell aus, als sich zeigt, dass sich das Opfer mit seiner Art im Leben mehr Feinde als Freunde gemacht hat. Dann kommt es zu einem weiteren Mord im Kreis der Verdächtigen. Ist das erst der Anfang einer Reihe? Und: Was steckt dahinter?

Gedanken zum Buch
Es ist lange her, dass ich so gefesselt war von einem Buch wie hier. Wo ich ging und stand, hatte ich das Buch in der Hand, es kam sogar so weit, dass ich damit in der einen, mit der anderen im Kochtopf rührte.

«Mal ganz abgesehen vom Inhalt, ist dieser Text sprachlich absolut überzeugend. Der Spannungsbogen wird kontinuierlich aufgebaut, man ist beim Lesen sofort dich an den Figuren dran und kann sich mit ihnen identifizieren. Die Dialoge sind lebendig und authentisch, der Text entwickelt einen unglaublich starken Sorg, man will unbedingt wissen, wie es weitergeht… Sie ist eine Meisterin der Cliffhanger und bläht Handlungen nicht unnötig mit Nebensächlichkeiten auf.»

Was Nele Neuhaus hier einer ihrer Figuren in den Mund legt, hat sie selbst erfüllt. Man könnte anbringen, dass die Spannung darum so stark zunehmen konnte, weil sie anfangs etwas fehlte, doch dann nahm das Buch wirklich Fahrt auf und liess nicht mehr los. «In ewiger Freundschaft» ist der elfte Fall für das Ermittlerteam Pia Sander und Oliver von Bodenstein, es ist aber trotz diverser Anspielungen auf das Vorleben der Ermittlercrew als erstes lesbar, wenn ich auch am Anfang arg mit den vielen Namen (und es sind wirklich sehr viele) kämpfte. Das mag aber meinem in der Tat miserablen Namensgedächtnis geschuldet sein. Das Personenverzeichnis am Anfang des Buches hat mir da gute Dienste geleistet. So etwas möchte ich gerne bei jedem Buch haben.

Krimis sind landläufig eher der seichten Literatur zugeordnet, sie überhaupt Literatur zu nennen, wird in den gehobenen Literaturkreisen oft mit einem Nasenrümpfen begleitet. Das und einiges mehr aus der Literaturszene greift das Buch selbst auf, neben diversen anderen Eigenheiten und Machenschaften im literarischen Betrieb, insbesondere im Verlagswesen. In meinen Augen sind solche Zuordnungen fragwürdig und unsinnig. Nele Neuhaus ist es gelungen, einen spannenden Plot aus einem wirklich packenden Kriminalfall und verschiedenen Nebensträngen aus dem privaten Leben der Ermittler zu entwerfen. Das Buch verspricht Unterhaltung und Leservergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Was will man mehr?

Fazit
Ein fesselnder Krimi mit einem undurchschaubaren Fall und authentischen Figuren, ein Buch, das man am liebsten in einem Zug durchlesen möchte.

Zur Autorin
Nele Neuhaus, geboren in Münster / Westfalen, lebt seit ihrer Kindheit im Taunus und schreibt bereits ebenso lange. Ihr 2010 erschienener Kriminalroman Schneewittchen muss sterben brachte ihr den großen Durchbruch, heute ist sie die erfolgreichste Krimiautorin Deutschlands. Außerdem schreibt die passionierte Reiterin Pferde-Jugendbücher und Unterhaltungsliteratur. Ihre Bücher erscheinen in über 30 Ländern. Vom Polizeipräsidenten Westhessens wurde Nele Neuhaus zur Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber ernannt.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Taschenbuch; 10. Edition (23. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3548067100

Nora Roberts: Spur der Finsternis

Inhalt

«Ihre Träume und Ziele waren unkompliziert und überschaubar… Eines Tages würde sie nicht nur ein eigenes Haus, sondern auch eine eigene Bar besitzen.»

Morgan hat einen Plan, wie sie ihr Leben gestalten will, und sie ist auf gutem Weg. Nach zwei Studien sucht sie einen Ort, an dem sie sich niederlassen kann. Dort kauft sie ein kleines Haus, eine Mitbewohnerin ist schnell gefunden, die noch dazu zu ihrer besten Freundin wird. Zwei Jobs sollen dazu dienen, möglichst schnell genug zu sparen, um den Traum einer eigenen Bar zu verwirklichen. Als auch noch Luke in ihr Leben tritt, scheint ihr Leben perfekt, bis ihre Freundin in ihrem Haus ermordet wird. Als das FBI vor der Tür steht und ihr mitteilt, dass Luke ein Identitätsräuber ist, der ihr in der Zwischenzeit alles genommen hat, was sie sich aufgebaut hat, liegt ihr Leben in Trümmern. Noch schlimmer: Eigentlich wollte er sie umbringen, nicht ihre Freundin Nina. Und er hat noch nie eine Mission nicht zum Abschluss gebracht.

Morgan lässt alles hinter sich. Sie zieht nach Vermont zu ihrer Mutter und ihrer Grossmutter, und fängt erfolgreich ein neues Leben an. Alles scheint wieder auf gutem Weg, bis die Beamten des FBI vor ihrer Tür stehen: Es hat ein neues Opfer gegeben und am Tatort findet sich ein Zeichen dafür, dass Morgan noch nicht in Sicherheit ist. Der Mörder will sein Werk vollenden.

Gedanken zum Buch
Nora Roberts schafft es, den Leser mit den sehr authentischen, sympathischen Figuren in den Roman zu ziehen und festzuhalten. Morgan wirkt von Anfang an wie eine Vertraute, deren Weg man weiter begleiten will. Man nimmt als Leser Teil an ihrer Trauer, an ihrem Selbstmitleid, aber auch an ihrem Neuanfang. Ein Buch, das neben einer spannenden Geschichte auch zeigt, dass man es selbst in der Hand hat, ob man nach einem schweren Schicksalsschlag in der Opferrolle verbleibt oder aber wieder aufsteht und weitermacht.

Neben authentischen und lebendigen Figuren gelingt es Nora Roberts, die Schauplätze des Geschehens plastisch zu beschreiben und den Spannungsbogen immer gespannt zu halten. Die verschiedenen Charaktere, deren Beziehungen untereinander und eine Liebesgeschichte runden den Roman ab, welcher in einer flüssigen Sprache geschrieben ist. Für den ungeduldigen Leser sind die langen Passagen des normalen Lebens zwischen den Szenen, welche die Geschichte wirklich vorwärtsbringen, wohl etwas episch, für den Leser, der gerne in Geschichten mit lebt, zeichnen sie eine bunte und einladende Welt, in die man eintauchen kann.

Fazit
Eine spannende Geschichte mit authentischen Figuren und plastischen Schauplätzen in einer flüssig lesbaren Sprache. Die passende Lektüre für einen kalten Wintertag auf dem Sofa mit einer Tasse Tee und einer warmen Decke.

Autorin und Übersetzerin
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Mehr als 200 Titel waren New-York-Times-Bestseller, und ihre Bücher erobern auch in Deutschland immer wieder die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Christiane Burkhardt lebt und arbeitet in München. Sie übersetzt aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen und hat neben den Werken von Paolo Cognetti u. a. Romane von Fabio Geda, Domenico Starnone, Wytske Versteeg und Pieter Webeling ins Deutsche gebracht. Darüber hinaus unterrichtet sie literarisches Übersetzen.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag (15. November 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453274303
  • Originaltitel ‏ : ‎ Identity

Hilary Mantel: Sprechen lernen

Inhalt

«All diese Erzählungen sind aus Fragen über meine frühen Jahre entstanden, wobei ich nicht sagen kann, dass ich durch das Übertragen meines Lebens ins Fiktionale Rätsel gelöst hätte – aber zumindest habe ich einzelne Teile hin und her geschoben.»

In sieben Kurzgeschichten tauchen wir ein in das Leben der Arbeiterklasse im England in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Es ist die Welt, in der auch Hilary Mantel aufwuchs.

Es ist nicht immer leicht, über die eigene Kindheit zu schreiben, vor allem dann nicht, wenn diese kompliziert und voller Widersprüche ist. Hilary Mantel hat in sieben Kurzgeschichten versucht, die Welt ihrer Kindheit auferstehen zu lassen. In einer Mischung aus Erlebtem, Erinnertem, Gefühltem und Fiktionalem hat sie mit ihrer eindrücklichen Sprache und mit dem ihr eigenen Witz, der dazu dient, die Tragik noch klarer offenzulegen, die Stimmung ihres Aufwachsens einzufangen versucht. Es ist ihr auf eine eindrückliche Weise gelungen.

Gedanken zum Buch

«Ich möchte diese Geschichten nicht autobiografisch, sondern autoskopisch nennen. Aus einer entfernten, erhöhten Perspektive blickt mein schreibendes Ich auf einen auf seine bloße Hülle reduzierten Körper, der darauf wartet, mit Sätzen gefüllt zu werden. Seine Umrisse nähern sich meinen an, aber es gibt einen verhandelbaren Halbschatten.»

Hilary Mantel betont, dass es sich bei den vorliegenden Kurzgeschichten nicht um autobiografische Texte handelt. Die Frage stellt sich, wieso ihr diese Einordnung wichtig ist, scheinen die Texte doch an ihre Autobiografie «Von Geist und Geistern» anzuschliessen, diese zu ergänzen.

„Es war ein kaputter, steriler Ort ohne Bäume, wie ein Durchgangslager, mit der gleichen hoffnungslosen Dauerhaftigkeit, die solche Lager anzunehmen pflegen.“

Sie schildert das Geschehen aus der Perspektive von Kinderaugen auf die Erwachsenen, es ist zugleich der Blick zurück als Erwachsene auf das eigene Kindsein. Es gelingt Hilary Mantel, die Atmosphäre der Welt ihres Aufwachsens plastisch werden zu lassen, fast fühlt man sich beim Lesen mittendrin.

Schonungslos, scharfsichtig und ohne Sentimentalität zeichnet Hilary Mantel das Bild einer Gesellschaft, sie zeigt, wie die Leben der Erwachsenen, die der Kinder prägen und formen. Sie tut das in einer unglaublichen Sprachgewalt, die messerscharf und in passgenauen Bildern arbeitet. Sie zeigt auf, wie ein aufwachsender Mensch sich verändert, um sich vor dem, was um ihn passiert, zu schützen. Sie zeigt auf, wie im Nachhinein Erinnerungen verblassen und erst wieder scharf werden, wenn man sie bewusst hinterfragt.

Leider blieben die einzelnen Protagonisten der Geschichten seltsam blass, quasi auf Distanz. Das könnte dem Umstand geschuldet sein, dass sie doch nur als Stellvertreter für die eigentlich Erlebende dienten und ihnen dadurch zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde beim Schreiben. Dies aber nur eine Spekulation und Anmerkung am Rande.

Fazit
Eine sprachgewaltige Autoskopie, die ein Porträt einer Zeit und einer sozialen Schicht aufzeigt.

Autorin und Übersetzer
HILARY MANTEL, geboren 1952 in Glossop, gestorben 2022 in Exeter, England, war nach dem Jurastudium in London als Sozialarbeiterin tätig. Für ihre Romane ›Wölfe‹ (2010) und ›Falken‹ (2013) wurde sie jeweils mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Bei DuMont erschien außerdem u. a. die Autobiografie ›Von Geist und Geistern‹ (2015) und zuletzt der dritte Band der Tudor-Trilogie ›Spiegel und Licht‹ (2020).

WERNER LÖCHER-LAWRENCE geboren 1956, ist als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Zu den von ihm übersetzten Autor*innen zählen u. a. John Boyne, Meg Wolitzer, Patricia Duncker, Hisham Matar, Nathan Englander, Nathan Hill und Hilary Mantel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. August 2023)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832168162

Jürgen Banscherus: Ein Fall für Kwiatkowski. Die Kaugummiverschwörung

Als Kind las ich gerne Krimis. Ich verschlang fast sämtliche Reihen, die es damals gab: TKKG, Die drei ???, Geheimnis um… und Fünf Freunde. Vor allem die letzten beiden hatten es mir angetan. Da ich Krimis immer noch sehr mag, suchte ich nach einem neuen Lesevergnügen aus diesem Bereich und stiess auf einen sympathischen jungen Detektiv: Kwiatkowski

«Ich bin Kwiatkowski, der Privatdetektiv. Gerade habe ich beschlossen, aufzustehen. Ich werde eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank holen und mir das erste Kaugummi des Tages genehmigen.»

Ohne Milch und seine Lieblingskaugummis (eine andere Marke kommt nicht in die Tüte) geht gar nichts bei Kwiatkowski. Als diese plötzlich regelmässig aus dem nahegelegenen Kiosk gestohlen werden, kann er das nicht auf sich beruhen lassen: Er hat einen neuen Fall.
Dass dabei auch ein nettes Mädchen eine Rolle spielt, erhöht Kwiatkowskis Aufregung noch, als dann auch noch ein alter Feind ins Spiel kommt, ist die Spannung am Höhepunkt. Wie sich das bloss alles auflösen lässt? Aber keine Bange: Ein erprobter Detektiv wie Kwiatkowski wird den Fall knacken!

So manches Kind wird sich wohl nach dieser Lektüre wünschen, es hätte auch eine so entspannte Beziehung zu seiner Mutter, seinen Eltern. Nur schon die Vorstellung, dass das Aufräumen des Zimmers eine Ermessenssache ist und keine ernstgemeinte Aufforderung, welche Befolgung verlangt, wirkt verlockend. 

Eine kurzweilige und unterhaltsame Detektivgeschichte mit einem liebenswerten Helden. Jürgen Banscherus entwirft mit wenigen Worten eine gewiefte Spürnase, mit der sich der Leser auf der Suche nach den Dieben verbündet. Die wunderbaren Illustrationen von Ralf Butschkow runden das Lesevergnügen ab.

Autor und Illustrator
Jürgen Banscherus lebt im Ruhrgebiet und ist seit 1989 freier Schriftsteller. Inzwischen ist er einer der renommiertesten Autoren für Kinder- und Jugendliteratur. Seine Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen und wurden bisher in 21 Sprachen übersetzt.www.juergen-banscherus.de

Ralf Butschkow studierte an der Hochschule der Künste in Berlin Visuelle Kommunikation. Dann arbeitete er ein paar Jahre in Werbeagenturen und ist heute als Kinderbuchillustrator für verschiedene Verlage tätig. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Arena (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 96 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3401607238
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 7 Jahren

Michael Wrede, Annabelle von Sperber: …und dann? Wie Kinderbücher Gestalt annehmen

Inhalt

«Kinderbücher sind oft grosse Sehnsuchtsobjekte. Sie leuchten positiv aus der Kindheit bis in die Gegenwart.»

Wer denkt nicht gern zurück an die ersten Bücher seines Lebens? Wie oft ist es doch eine Freude, diese wieder in den Händen zu haben, weil man sie dem eigenen Kind oder Enkel. Vorlesen kann? Eigentlich viel zu schade, so lange zu warten, sind diese Bücher doch kleine Lichtpunkte am Bücherhimmel, bestechend durch die kreativen Geschichten, die bunten Bilder, die Anregungen zum selbst Fantasieren.

«Was es bedeutet, ein Kinderbuch tatsächlich umzusetzen, wird aber oft unterschätzt. Was kinderleicht daherkommt, entspringt einem fundierten Wissen.»

Michael Wrede und Annabelle von Sperber geben in dem vorliegenden Buch Einblicke die Gestaltung von Kinderbüchern. Sie zeigen die verschiedenen Arten von Kinderbüchern und was diese ausmacht, gehen auf Zielgruppen und Vermarktung ein und widmen sich dem kreativen Prozess der Entstehung. Wie entsteht eine Idee und was macht sie zur Geschichte? Wie entwickle ich einen Charakter und wie seine Umwelt. Was brauche ich, um das Ganze umzusetzen und wie wird am Schluss ein Buch daraus. Von den ersten Kritzeleien im Notizbuch bis hin zum fertigen Buch, welches veröffentlicht werden kann, wird der Leser in die Entstehung von Kinderbüchern eingeführt. Im Vordergrund steht in diesem Buch die Illustration, der Text spielt nur am Rand eine Rolle.

Ein Buch nicht nur für Menschen, die selbst ein Kinderbuch realisieren wollen, sondern auch für all die, welche sich für die Prozesse hinter dem Buch interessieren. Zudem machen die aufwendige und liebevolle Gestaltung des Buchs sowie die wunderbaren Illustrationen dieses selbst zu einer Augenweide.

Autoren
Michael Wrede ist selbstständiger Illustrator für Kinder und Jugendbuch, meistens auch Autor seiner eigenen Werke, war nach vielen Jahren der Lehrtätigkeit, u.a. an der BKA-Hamburg, Design Akademie Berlin, 2011 Mitbegründer der Akademie für Illustration und Design in Berlin (AID-Berlin). Zusammen mit Annabelle von Sperber unterrichtet er Kinder- und Jugendbuch. Er ist Initiator des 2017 erstmalig ausgetragenen Kinderbuchwettbewerbs „Buntspecht“.

Annabelle von Sperber ist selbstständige Illustratorin. Ihre Bilder zeichnen sich durch warme Farben, einen feinen Humor und der Liebe zum Detail aus. Bekannt durch zahlreiche Spitzentitel und Serien im Kinder- und Jugendbuch, die in viele Länder verkauft wurden, machte sie sich mit ihren Kunst- und Architektur-Wimmelbüchern international einen Namen. Diese wurden im Prestel Verlag in München, London und New York publiziert. Sie lehrt Illustration zusammen mit Michael Wrede an der Akademie für Illustration und Design in Berlin (AID-Berlin) und ist für den Fachbereich Illustration an der Faber Castell Akademie zuständig.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Hermann Schmidt; 1. Edition (6. Mai 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3874399418

Marc Veerkamp & Jeska Verstegen: Bär ist nicht allein

Inhalt

Der Wald ist still, alle lauschen dem Klavierspiel des Bärs. Immer, wenn er aufhören will, rufen sie nach einer Zugabe, so schön ist sein Spiel. Der Bär ist müde. Er würde gerne irgendwo ausruhen, einfach still für sich sein. Doch wohin er auch geht, hört er hinter sich die lauten Forderungen: Mehr, mehr, Pianobär!» Irgendwann wird dem Bären alles zu viel. Er reisst sein Maul auf und brüllt, dass alle erschrecken. Dann sagt der Bär nichts mehr, er schliesst die Augen und wartet, bis er sich allein glaubt. Als er aufschaut, steht da ein Zebra. Ob man auch zu zweit allein sein kann?

Eine herzerwärmende Geschichte, die wunderschön illustriert ist. Mit Schwarz und Weiss und wenigen roten Akzenten erschafft Jeska Verstegen, eine zauberhafte Waldwelt voller Tiere und mittendrin unseren armen Helden, den Bären.  

Gedanken zum Buch: Vom Alleinsein
Erich Kästner schrieb einst in seinem Gedicht «Kleines Solo»

«Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Viele Menschen scheuen sich davor, allein zu sein. Sie suchen die Gesellschaft, fast als wären sie auf der Flucht vor sich selbst. Wer allein ist, dem haftet etwas an: Die Frage «wieso». Landläufig geht man davon aus, dass es Gründe dafür geben muss, dass einer allein ist- Entweder will keiner mit ihm zusammen sein, oder aber er ist zu anspruchsvoll. Vielleicht auch beides. Das führt oft dazu, in unglücklichen Beziehungen zu verbleiben, da die Alternative als noch schlimmer angesehen wird. Und da sind sie dann: Zwei Menschen, die keine gemeinsame Ebene, keine gemeinsamen Träume und keine gemeinsame Sprache mehr haben. Sie fühlen sich unverstanden und einsam.

Das macht den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit deutlich: Während Alleinsein ein (von aussen) fassbarer Zustand ist, haben wir es bei der Einsamkeit mit einem Gefühl zu tun. Sie ist das, was tief drin aufkommt und sich über alles ausbreitet, wenn man sich in seinem Sein unverstanden und ungehört fühlt. Sie tritt auf, wenn man sich mit dem, was man ist und braucht, emotional allein fühlt.

In solchen Momenten zieht es einen förmlich weg von all denen, die einen miss- oder gering achten oder gar völlig übersehen. Die vielen Menschen, zu denen man nicht zu passen scheint, die einen mit den eigenen Bedürfnissen nicht wahrnehmen, helfen nicht gegen das Gefühl der Einsamkeit, im Gegenteil, sie verstärken es noch. Wie viel besser, so denkt man dann, wäre es, ganz allein zu sein. Zumindest wäre dann keiner da, welcher einen übersehen könnte. Aber: Wäre es nicht schöner, (einen) Menschen an seiner Seite zu haben, von dem man sich verstanden fühlt?

Text, Illustration und Übersetzung
Marc Veerkamp, 1971 in Alkmaar geboren, wusste schon als kleiner Junge, dass er Schriftsteller werden wollte. Er begann als Journalist und spezialisierte sich auf pädagogische Themen. Im Lauf seiner Karriere verlagerte er seinen Schwerpunkt auf die Belletristik. Heute arbeitet Marc Veerkamp hauptsächlich für Film, Fernsehen und Theater – und schreibt nebenher Bücher. Bär ist nicht allein ist das erste gemeinsame Bilderbuch mit der Illustratorin Jeska Verstegen. Während er die richtigen Worte fand, hat sie kongeniale Bilder dafür geschaffen.

Jeska Verstegen wurde 1972 in Delft geboren. Als sie klein war, liebte sie nichts mehr, als zu zeichnen, zu fantasieren und sich in ihrer eigenen Traumwelt zu verlieren. Verstegen machte eine Ausbildung zur Webzeichnerin und illustriert seit 1990 Kinderbücher. Neben ihrer zeichnerischen Arbeit schreibt sie auch.jeskaverstegen.nl | @jeska_verstegen

Rolf Erdorf, geboren 1956, studierte Romanistik, Germanistik und Niederländische Philologie und arbeitete im Anschluss einige Jahre als freier Journalist für den niederländischen Rundfunk. Seit 1989 ist er hauptberuflich niederländisch-deutscher Übersetzer mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur sowie Kunst- und Kulturgeschichte. Für seine Übersetzungen aus der niederländischen Kinder- und Jugendliteratur erhielt er mehrere Preise, darunter den renommierten niederländischen Martinus Nijhoff Prijs sowie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (23. August 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3772528019
  • Lesealter‏: ‎ Ab 5 Jahren

Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter

Inhalt
Ronja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegnerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach.

Gedanken zum Buch

„Ronja Räubertochter“ ist die wundervolle Geschichte über ein kleines Mädchen, das sich den Gefahren und dem Ernst des Lebens mit Mut und Zuversicht stellt. Es ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe:

«Und obwohl keiner von beiden auch nur ein Wort verstehen konnte, sprachen sie miteinander. Über Dinge, die gesagt werden mussten, ehe es zu spät war. Darüber, wie gut es war, jemanden so zu lieben, dass man selbst das Schwerste nicht zu fürchten brauchte.»

Wie oft lebt man mit seinen Liebsten und verpasst, ihnen zu sagen, dass sie genau das sind? Selbst wenn man es voneinander weiss, stossen die Worte immer auf ein offenes Ohr und ein offenes Herz. Ronja und Birk realisieren ihr Versäumnis, als sie um ihr Leben kämpfen. Im letzten Moment können sie sich noch mitteilen, was sie einander bedeuten. Und wer weiss: Vielleicht hat genau das nochmals mehr Kraft gegeben, die Gefahr zu meistern.

Es ist aber auch eine Geschichte über Grossmut und Verzeihen:

«Weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, wie leicht man alles ganz unnötig zerstören kann.»… «Und weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, dass du mehr wert bist als tausend Messer.»

Wie bei allen Menschen kommt es auch bei Ronja und Birk zu Streit. Als zwei wilde und stolze Räuberkinder lassen sie sich ungern die Butter vom Brot nehmen und bestehen trotzig auf ihrem je eigenen Standpunkt. Zum Glück sehen sie bald ein, dass das blöd ist und nichts mehr zählt als der Mensch, der einem eigentlich das Wichtigste ist.

Und nicht zuletzt ist es eine Geschichte, die zeigt, dass Leid nur halb so schwer wiegt, wenn man es mit einem lieben Menschen teilen:

«Lange sassen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.»

«Ronja Räubertochter» zeigt, was Familie, Zusammenhalt und Freundschaft bedeuten. Astrid Lindgren hat hier ein Buch geschrieben, das zu Herzen geht und einen mit einem warmen Gefühl zurücklässt. Ronja selbst lässt einen nicht so schnell los, der Gedanke an dieses wunderbare Mädchen zaubert immer wieder neu ein Lächeln aufs Gesicht.

Fazit
Ein wunderbares, warmherziges und zum Nachdenken und Mitfühlen anregendes Buch für kleine und grosse Leser.

Text, Illustration und Übersetzung
Astrid Lindgren (1907 – 2002) hat so unvergessliche Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga geschaffen. Sie wurde u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Anna-Liese Kornitzky (*1909; †2000) war eine deutsche Übersetzerin schwedisch- und englischsprachiger Literatur. Sie wurde vor allem durch ihre Übersetzungen von 20 Astrid-Lindgren-Büchern bekannt.

Peter Bergting, geboren 1970, ist Autor und Illustrator. Er ist Mitglied der Schwedischen Kinderbuchakademie und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nähe von Stockholm.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3751204460
  • Lesealter‏: ‎ 9–11 Jahre

Alex Schulman: Endstation Malma

Inhalt

«Diese legendäre Zugfahrt! Erzähl noch mal, wie das war! Sie haben die Geschichte so oft wiederholt, voreinander wie auch vor anderen. Einmal hat sie gesagt, sie wisse allmählich selbst nicht mehr, was daran stimme und was nicht, Oskar dagegen erinnert sich an alles.»

Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.

Gedanken zum Buch

«Harriet sucht nach Anzeichen von Verärgerung in seinem Blick oder in seinen Bewegungen. Heute achtet sie besonders darauf, denn dass sie diese Reise unternehmen, liegt an ihr, sie fühlt sich deshalb in ihrer Schuld. Nur ihretwegen steht Papa jetzt dort, sie trägt die Verantwortung dafür…»

Nach der Trennung der Eltern bleibt Harriet bei ihrem Vater, ihre Schwester geht mit ihrer Mutter fort. Harriet weiss, dass ihr Vater auch lieber ihre Schwester bei sich gehabt hätte, sie hörte es bei einem Streit der Eltern. Harriet hat Mitleid mit ihrem Vater, weil er sich mit ihr abfinden musste, und sie versucht fortan, ihm alles recht zu machen. Sie fühlt sich verantwortlich für seinen Schmerz, seine Probleme, und auch dafür, wenn die Welt für ihn nicht rund läuft.

«Da haben wir sie, in all ihrer Pracht, die grossartige Geschichte, wie sie sich kennenlernten. Immer haben sie sie als etwas durch und durch Romantisches erzählt. Doch jetzt, angesichts der Ereignisse am Abend zuvor, fällt Oskar plötzlich auf, dass ihre Geschichte genauso begonnen, wie sie geendet hat: mit einer Lüge.»

Max Frisch sagte einst, wir erzählen uns Geschichten, die wir dann für unser Leben halten. So geht es auch unserem Paar in dieser Erzählung. Sie lebten ein (gemeinsames) Leben und haben verschiedene Versionen von Geschichten. In glücklichen Zeiten waren es romantische, jetzt, im Angesicht der Krise, sind es ernüchternde. Die Frage ist schlussendlich: Welches ist  die richtige Geschichte? Gibt es überhaupt diese eine richtige Geschichte oder erzählen wir Geschichten je nach Stimmungslage und Situation anders? Sind vielleicht alle Versionen richtig, weil sich ein Leben nur durch einen Kontext erfahren lässt, welcher der Geschichte und dem Leben eine Form und einen Sinn gibt? Was passiert, wenn wir uns unsere Geschichten bewusst anders erzählen, als sie sich aktuell richtig anfühlen?

«Sie dachte wieder an ihre Mutter. Seit Jahren hatte sie keinen Gedanken an sie verschwindet. An dem Tag, an dem sie vor zwanzig Jahren aus ihrem Leben getreten war, hatte sie beschlossen, sie auszuradieren… Doch jetzt erschien sie ihr plötzlich in neuen Erinnerungsbildern, die ihr keine Ruhe liessen.»

Wir neigen oft dazu, unliebsame Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu streichen. Wir verdrängen das Schmerzhafte, lassen nur dem Schönen Platz, um das Schwere aus der Vergangenheit nicht in die Gegenwart tragen zu müssen. Meist gelingt das nur vordergründig. Tief drin wirkt die Vergangenheit weiter, sie setzt sich fest, treibt ihr Unwesen im Unbewussten und bricht irgendwann wieder hervor. Nicht selten dann mit einer Gewalt, die vieles durcheinander wirbelt.

«Nur ein einziges Mal im Leben geschieht es, dass man einen Blick auf sich selbst erhascht. Und dies, und nur dies, wird entweder zum glücklichsten oder zum schrecklichsten Moment des eigenen Lebens.»

Drei Lebensgeschichten, eine Zugfahrt. Dass die drei Erzählstränge zusammenhängen, ist von Anfang an offensichtlich. Das tut der Spannung keinen Abbruch, da jede Geschichte viele offene Fragen mit sich bringt: Was haben die Protagonisten erlebt, wie wurden sie, wer sie sind, und wie hat die eine Geschichte die andere geprägt. Im Zentrum steht immer die Grundfrage, wie Verhaltensweisen, Muster und Eigenschaften in Familien weitervererbt werden. Für die Antworten dieser Fragen gilt: Einsteigen, Platz nehmen, lesen.

Das Buch scheint in seinem Erzählfluss das Thema aufzugreifen. Wie eine Dampflokomotive fährt die Geschichte schnaubend, etwas zäh an, nimmt dann mehr und mehr Fahrt auf, um schlussendlich mit Volldampf aufs Ende zuzusteuern.

Fazit

Ein tiefgründiger, vielschichtiger Roman darüber, wie Familien und Beziehungen prägen. Bewegend, warmherzig, zum Nachdenken anregend.

Paul Auster: Baumgartner

Inhalt

«Sie fehlt mir, das ist alles. Sie war die Einzige auf der Welt, die ich jemals geliebt habe, und jetzt muss ich herausfinden, wie ich ohne sie weiterleben kann.»

Fast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch nichts wie früher war. Baumgartner hält nur den Schein aufrecht, er stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Anna war Dichterin und Übersetzerin. Eines Tages geht er in ihr Arbeitszimmer, das bis heute aussieht, wie sie es verliess. Er findet ihre Manuskripte, liest sie. Er erinnert sich an Anna, an ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Das Leben gibt es nicht mehr, ein neues stellt sich nicht ein. Bis er eines Tages von Anna träumt. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wohin es ihn wohl führen wird?

Gedanken zum Buch

«…Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt. Nicht nur, wie viele Jahre, bis er ins Gras beisst, sondern wichtiger, wie viele Jahre tätigen, produktiven Lebens, bevor sein Geist oder sein Körper oder beide ihn im Stich lassen und er zu einem schmerzgepeinigten, verblödeten Trottel wird, der nicht mehr lesen und schreiben kann, der vergisst, was vor vier Sekunden jemand zu ihm gesagt hat, und schlicht keinen mehr hochkriegt, ein Horror, an den er gar nicht denken will.»

Professor Seymor T. Baumgartner, so heisst unser Held, ist Pragmatiker. Er geht durchs Leben und sucht nach Lösungen für alles, was ansteht. Wir begleiten den Phänomenologen durch seinen Alltag, folgen ihm bei seinen Erinnerungen durch seine Kindheit, sein Aufwachsen, seine Beziehung mit Anna, und sind schliesslich Zeugen seines Umgangs mit deren Tod. Er ist älter geworden. Er vergisst Dinge, Missgeschicke passieren. All dem begegnet er mit Selbstironie. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Damit kommt er mit allem gut zurande, nur mit einem nicht: Dem Verlust von Anna.

«Er denkt an Mütter und Väter, die um ihre toten Kinder trauern…, und wie sehr ihr Leid den Folgeerscheinungen einer Amputation gleicht, gehörte doch das fehlende Bein oder der fehlende Arm einmal zu einem lebenden Körper, wie der fehlende Mensch einmal zu einem anderen lebenden Menschen gehörte…»

Nachdem er schon viele philosophische Bücher geschrieben hat, befasst er sich aktuell mit Kierkegaard. Das ist wohl kein Zufall, handelt doch eines von dessen berühmtesten Werken von Krankheit und Tod. Baumgartner versucht, den Verlust seiner geliebten Frau wissenschaftlich zu erfassen, er zieht den Vergleich mit einer Amputation und dem Phantomschmerz, den der Betroffene sein Leben lang fühlt. Das Gefühl, dass ihm eine Hälfte (und wohl im wahrsten Sinne des Wortes die bessere) wegfiel und ihn unvollständig zurückliess, lässt nicht nach.

Knapp zehn Jahre nach Annas Tod träumt er einen Traum, in dem Anna lebt und zu ihm spricht. Obwohl er weiss, dass dies alles nicht Realität ist, hat es auf ihn eine Wirkung: Er ist frei für ein Weiterleben. Musste er sich zuerst all den Erinnerungen stellen, um an den Punkt zu kommen? Brauchen gewisse Dinge einfach ihre Zeit, die für jeden Menschen anders sind?

Fazit
Grossartige Literatur von einem wahren Meister seines Fachs. Das Buch ist still und leise, nie pathetisch, ohne Kitsch und Sentimentalität. Obwohl das Thema traurig ist, Baumgartner eigentlich ein Leidender, besticht das Buch durch eine Leichtigkeit, eine Hoffnung, die zwischen den Zeilen mitschwingt, dass das Leben doch gelebt werden will und soll und es auch wird. Wie nur soll so ein Buch enden? Auch das ist Paul Auster wunderbar gelungen. Ich ziehe meinen Hut!